Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 14 (7.4.1899)
- Date
- 1899-04-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 266 Vr. Vloch'r Wochrnschrifl m. 14 möglich, überzeugende Verkünder des jüdischen Ritualmordes will die Brochüren über den protestantischen „Ritualselbstmord" in den Judenblättern inseriren. Wir sehen da einen V e r g a n i im Talar. Vergani, der Corruptionstödter, nimmt ja so gerne Judengeld, mag es sich nun um erpreßte Pauschalien oder um Inserate von jüdischen Banken handeln. Wenn der „Rebach" winkt, da zeigen diese antisemitischen Ehrenmänner, wie sie den Geist des jüdischen Jargons ersaßt haben. Der Profit ist der Schlagbaum des Antisemitismus; gegen Bezahlung gehen die Grundsätze in die Höhe und der Jude darf paffiren. Herr Deckert hat auch den Judenblättern gleich eine von ihm selbst verfaßte Receniion zugeschickt, damit sich die Redacteure nicht zu bemühen brauchen, und da polemisirt er gar neckisch mit sich selbst. Was er mit dem Strick im Sarge gesagt, das dürfe man sich denken, aber schreiben dürfe man so etwas nicht. Geschmacklosigkeiten werden sonst unabsichtlich begangen. Bei Herrn Deckert ist die Geschmacklosigkeit zielbewußt; er schreibt sie eigens nieder, um sie selbst zu tadeln, und er calculirte dabei offenbar folgendermaßen: Entweder werden Judenblätter das Inserat und die ihnen zur Verfügung gestellte Recension aufnehmen oder nicht. Im erfteren Falle werden die Leser meinen, daß die Recension von der Zeitung verfaßt wurde, und sie sind auf das Erscheinen der Brochüre hinreichend aufmerksam gemacht. In dem zweiten, viel wahrscheinlicherem Falle, liegt das Geschäft für Herrn Deckert noch viel günstiger. Die Judenblätter nehmen das Inserat nicht auf, und er erspart die Jnsertionsgebühr; dafür aber werden sie ihrer Entrüstung über das verächtliche Gebühren des Herrn Deckert Ausdruck geben, sie werden die von ihm in Berschle'ß gebrachte Brochüre als ein nichtswürdiges Machwerk kennzeichnen und die saftigsten Stellen, welche die Gesinnungslumperei und die jesuitische Verdrehungs- und Fälschungskunst des Herrn Deckert am drastischesten darthun, citiren. Das ist dann eine noch viel wirksamere Rcclame, denn ein so gemeines Pamphlet will Jedermann lesen. Bei der Vorstellung von einem Erhenkten und von einem Strick im Sarge gruselt's die Leute. Die Brochüre wird flotten Absatz finden, und damit hat Herr Deckert erreicht, was er gewollt. Die Deutschnationalen sind sehr entrüstet über die Auflösung einer Versammlung in Rixdorf, in welcher Herr Georg Schönerer die Parole „Los von Rom" besprechen wollte. Der Regierungscommissär erhob Einsprache dagegen, indem er erklärte, daß er eine Demonstration gegen eine gesetzlich anerkannte Religionsgenosieuschaft nicht dulden könne. Es gab einen großen Tumult, und Gendarmerie mußte aufgeboten werden, um den Saal zu räumen. Man glaubt, daß der Herr Regierungscommissär infolge stricter höherer Weisung so gehandelt habe. Aus den Berichten über die aufgelöste Versammlung kann man sich einen Begriff davon machen, welch' ungeheuere Erbitterung das Einschreiten des Regierungsvertreters hervorgerufen und wie sehr die Radicalen den Hinweis auf das Gesetz als ein schweres Unrecht empfinden. Man kann es den Leuten nicht einmal verargen, wenn sie in solchen Rechtsanschauungen besangen sind, denn die Hetze gegen das Judenthum, welches doch ebenfalls eine gesetzlich anerkannte Religionsgesellschaft ist, wurde unb wird allezeit geduldet. Kein Wunder, daß dieselben Leute, welche selbst unbehindert zu Feindseligkeiten gegen die Juden aufreizen durften, sich nunmehr ungerecht behandelt glauben, wenn ihnen bei dem Feldzuge gegen die katholische Kirche das Gesetz hindernd in den Weg tritt, und die Regierung selbst, welche jetzt sich plötzlich an ihre Pflicht und an die Gesetze erinnert, die dem Schlitze der anerkannten Confeffionen gelten, hat dadurch, daß sie die antisemitische Hetze duldete, diese Rechtsverwirrung herbeigeführt. * * * Theodor M o m m s e n hat in einem ehrenden Nachrufe von dem dahingeschiedenen Ludwig Bamberger gesagt, er sei der deutscheste Mann gewesen, derselbe Mommsen, den die Antisemiten einst für sich reclamirten, weil er von dem Judenthum als einem Element nationaler Decomposition gesprochen hat. Nach der Anschauung Mommsen's ist also Ludwig Bamberger den Besten des'deutschen Volkes beizuzählen, und er hat genau so deutsch gefühlt und gewirkt wie irgend Einer, der an der Einigung Deutschlands mitzuwirken berufen war. Nun hat sich's Mommsen mit den Deutschvölkischen gründlich verdorben. Alle möglichen glänzenden Eigenschaften hätte er dem Dahingeschiedenen nachrühmen dürfen. Daß er ein hervorragender Politiker, ein glänzender Redner, ein ausgezeichneter Stilist gewesen, das Alles hätte Mommsen anerkennen dürfen; den Juden Bamberger aber als den „deutschesten" Mann zu bezeichnen, damit hat der große Geschichtsforscher den patentirten Alleindeutschen gar bitteres Leid zugefügt. Was wird Herr K. H. Wolf sagen, der sich selbst für den deutschesten Mann im Sinne eines nicht zu übertreffenden Superlativs hält, und der es nunmehr erleben muß, daß ein Jude von einem der ersten und angesehensten Gelehrten Deutschlands ihm, dem Völkischesten in allen Gauen und in allen Marken, als leibhaftiger Stammesgenosse, ja geradezu als Vorbild deutscher Tugend aufoctroyirt wird. Armer K. H. Wolf, was wird er nun beginnen? Wir wissen ihm wahrlich keinen anderen Rath, als jenen, der in einer Kasernhofblüthe der „Fliegenden" einem Recruten ertheilt wird, nämlich sofort seinen Austritt aus der kaukasischen Race anzumelden. Mit der ist wegen unheilbarer Verjudung für K. H. Wolf nichts mehr anzufangen. _ Robert Wolf. Ein Kran; aus das Grab der Baronin Hirsch. Die für alle Armen und Gedrückten zu früh dahingeschiedene Wohlthäterin der Menschheit hat sich in ihrer vornehmen Einfachheit alle Kranzspenden verbeten. Doch es gibt einen Kranz, der nicht abgcwiesen werden kann, den Ruhmeskranz der Geschichte. Unwillkürlich erwacht angesichts der geradezu schrankenlosen Wohlthätrgkeit der Verblichenen der Gedanke, ob es nicht auch ihr edler Sinn gewesen ist, welcher das Genie ihres verstorbenen Gemals auf das hohe Ziel einer Wohlthätigkeit im größten Stile gelenkt haben mag. So kommt denn auch jetzt gerade zur richtigen Zeit ein neues Buch über Argentinien*), dessen Darstellung der jüdischen Colonisationsthätigkeit in jenem fernen Lande geradezu als ein Ehrendenkmal für den Namen des dahingeschiedenen Philantropenpaares betrachtet werden kann. Der Verfasser, welcher jahrelang in Argentinien zwei Zeitungen redigirt hat und dem Judenthum völlig ferne zu stehen scheint, drückt fein Staunen darüber aus/ daß es der „Jewish Colonisation Association" gelungen ist, was bei ihrer Gründung Niemand für möglich hielt, nämlich aus Leuten, die ihrer Abstammung und früheren Lebensweise nach ausschließlich für den Handel und das Hausiren sich eignen unv nie für etwas Anderes Interesse hatten, seßhafte Ackerbauer zu machen. Im Anfang war nämlich auch Dr. Martens überzeugt, daß es niemals gelingen würde, dieses Problem zu lösen, denn trotzdem die Colonisten freie Fahrt von Europa aus hatten, für ihre Versorgung gesorgt wurde und sie bei ihrer Ankunft aus den Colonien ihr Wohnhaus fertig gebaut vorfanden, die ihnen zugewiesene Besitzung eingezäunt, der Brunnen gegraben, der landesübliche Korral zum Eintreiben des Viehes fertig war, Jedem die erforderliche Zahl von Ochsen und Milchkühen, die nöthigen Ackergeräthe, wie Pflüge, Binde- und Schneidemaschinen :c., ja sogar noch Unterstützungen in barem Gelde gegeben wurden, ließen die Colonisten in den ersten Jahren vielfach doch Haus und Hof im Stich, verkauften auch wohl gar die Ackergeräthfchaften und das Vieh, das sie noch nicht gezahlt hatten, und verdienten sich ihr Brot lieber als Hausirer, Viehhändler oder auf ähnliche Weise. Trotz dieser, für den Erfolg des Colonisations-Unternehmens gewiß sehr widrigen Umstände haben nach dem Berichte dieses unparteiischen Augenzeugen wenige Jahre genügt, um einen völligen Umschwung hervorzubringen. Die Colonisten haben eingesehen, daß ihnen eine glänzende Zukunft bevorsteht und daß sie auf ihrem Besitzthum in kurzer Zeit weiter vorwärts kommen, als sie es sich je haben träumen lassen. In der That brauchen die Colonisten heute keinen Zuschuß an barem Gelde mehr, sie haben aus dem Erlös der Ernten sich Geld sparen können, besitzen Vieh, Viele unter ihnen bis zu 100 Stück. Jeder Colonist ist Ackerbauer und Viehzüchter. Bis Ende vorigen Jahres hatten die auf den 23 Colonien der „Jewish Colonisation Association" ansäßigen 1364 Colonistenfamilien, die ans 1720 arbeitsfähigen Personen mit 4295 Kindern bestanden, 40.584 Hektar mit Weizen, Lein (Flachs), Gerste, Roggen, Mais und Luzernklee angebaut. Trotzdem 1897 ein schlechtes Erntejahr war, haben zahlreiche junge Colonisten, *) Martens: Südamerika unter besonderer Berücksichtigung Argentiniens, Berlin 1899.