Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-04-07 · 14 (7.4.1899) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
14 (7.4.1899)
Date
1899-04-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021277-3021292--08731-3033125
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 14 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 265 Als ich das erste Mal dieser seltenen Frau begegnet war, waren es nebst ihrer imponirenden Erscheinung hauptsächlich die Augen, diese merkwürdig klaren Augen, die mich in momentanem Bann hielten. Das waren Sterne, wie ich sie nie gesehen habe, groß und dunkel und durchdringend, man hatte das Gefühl, als sähen sie dem Gegenüber direct ins Herz, der Ausdruck aber war so mild, daß man sofort Vertrauen faßte und fühlte, einer ungewöhnlichen Persönlichkeit begegnet zu sein. Diese Augen saßen in einem kameenartig scharf gezeichneten Profil, das keine Falte zeigte, die Stirne war glatt und von dunklem Gelock umrahmt — trotz der 66 Jahre war kein weißes Haar zu sehen —, welches, vorne gescheitelt, von der französischen kleidsamen Witwenhaube bedeckt wurde. Vornehm, wie ihr ganzes Sein, war ihre Erscheinung. Sie trug stets schwarze wallende Gewänder, welche die Erde streiften und welche ihre mittelgroße Figur viel größer erscheinen ließen. Diese Figur war von seltenem Ebenmaß, hochaufgerichtet, mit der schmiegsamen Büste und eleganten Taille machte sie den Eindruck einer vierzigjährigen Frau, wenn nicht der Ernst des Lebens, der in ihr Gesicht gegraben, sie älter erscheinen ließ. Sie sprach ein selten schönes Deutsch mit einem kleinen Anflug bayrischen Dialekts, ein herrliches, classisches Französisch und bediente sich sehr oft des Englischen, da ihre Diener meistens Söhne Albions waren. Am 29. August 1898 besuchte sie mit ihrer Schwägerin, der Schwester ihres seligeil Mannes, die auf ihrem Schlosse Rossitz untergebrachte Knabencolonie des „Ferienheim", wie sie es alljährlich zu thun pflegte. Nicht scheute sie die eine Stunde lange Wagenfahrt, um als wahre cliat^laine ihre kleinen Schutzbefohlenen zu begrüßen und mit ihnen die Jause einzunehmen. Sie wurde mit Ehrfurcht und Jubel von dem kleinen stehenden Heer von 75 Mann empfangen und freute sich über das Fortschreiteu ihrer Erholung, wie ihrer Kenntnisse und strammen Haltung. Mit Aufmerksamkeit und Interesse verfolgte sie alle Vorgänge in der Colonie, die Vorträge und Productionen der Kleinen, die sie scharf musterte. Ein Zug ihres edlen Herzens führte sie magnetisch dem Leide zu, wo sie es fand. Als sie dort einen kleinen Jungen sah, der einen Fuß in der Maschine trug und trotzdem seine Militärpflichten stramm erfüllte, trat sie auf ihn zu und erkundigte sich bei ihm, ob ihn sein Fuß dabei nicht hindere. Der Knabe verneinte diese Frage mit dem Bemerken, das Exereiren wäre seine einzige Freude, und da er befürchtete, diese würde ihm genommen werden, sagte sie: „Lassen Sie ihn mithumpeln, wenn er gar so gern ein Soldat ist", worauf ein leuchtendes Kinderautlitz sie dankbar belohnte. Sie interessirte sich für Alles und Jedes, besuchte einen Maroden in der Krankenstube und erkundigte sich um seine Arznei, frug um seine Lectüre und freute sich, in dem dargereichten Buche die Nibelungensage zu finden, die der kleine Gymnasiast in Händen hielt. Sie schrieb sich unaufgefordert ins Gästebuch und bestimmte ihre Begleitung, dasselbe zu thun. Befriedigt von dem Gesehenen, gehoben von dem Gefühl, einer glücklichen Kinderschaar ins Antlitz gesehen zu haben, die ihre Dankbarkeit gegen die Schloßherrin blos in strahlenden Augen umsetzen konnte, verließ sie nach mehr als zweistündigem Aufenthalte die Colonie. Tagsdarauf sandle sie uns ihr gelungenes Porträt, welches den Schlafraum der Kinder ziert, zu welchem sie Morgens und Abends dankbar ihren Blick erheben. Jedem Kinde, es waren im Ganzen 230 an der Zahl, ließ sie jedesmal kurz vor der Abreise einen Silbergulden reichen. Und nun ein kurzes halbes Jahr vorüber, liegt diese edle Frau, deren Handlungen nur eine Kette von Menschenliebe war, kalt und entseelt auf der Bahre. Kein Leid ist ihr erspart geblieben, eine heimtückische Krankheit fesselte sie ans Schmerzenslager und sterbend noch setzte sie das Liebeswerk des Helsens fort, ohne das Schicksal durch so viel Güte eutwafftlet zu sehen. Sie, die Jedem half, die so viele Schmerzen linderte, mußte Schmerzen ertragen und alle Phasen des Leidens bis zur Auflösung erdulden. Die hervorragendsten Aerzre und die geschicktesten Maßnahmen, welche die Heilkunst aufweist, wurden gewiß zur Anwendung gebracht. Man hörte blos von Besserung, von Linderung, von heroischem Dulden, und von langwierigem Leiden und Schmerze, aber Hoffnung auf Heilung war ausgeschlossen. Mitleidslos hat der Tod ein Wesen unterjocht, das nur dem Mitleid sein warmpulsirendes Herz jederzeit öffnete. Eine Thräne schleicht mir aus dem Auge bei dem Gedanken, daß, während ich versuche, mir ihr verklärtes Bild näher zu bringen und diese Zeilen niederschreibe, die erste Scholle auf ihr Grab geworfen wird. Keine Blume soll es zieren, so war ihr Wunsch, aber die Segnungen, die sie ausstreute, reifen zu blüthenreichem Leben, welches der größten Philantropin dieses Jahrhunderts unsterbliche Immortellen flicht. Wien, 3. April 1899. Sofie Grünfeld. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Der Nitualselbstmord. — Vergant im Talar. — Der Schlagbaum des Antisemitismus. — Gesetzlich anerkannt. — Die Verjudung -er kaukasischen Race.) Wir haben unlängst gezeigt, wie die Religion von den Radicalnationalen und von den Agenten der Jesuiten, den Christlich-Socialen, zum politischen Geschäftsbetrieb herabgewürdigt wird. Auf dem Schauplatze des Religionskampfes, der in den letzten Wochen angezettelt worden, finden sich auch schon die Hyänen ein, die nach Beute suchen. Wir glauben, dem Herrn Pfarrer Deckert kein Unrecht zuzufügen, wenn wir der Meinung Ausdruck geben, daß er auch in der „Los von Rom"-Bewegung nur in der Absicht auf den Plan tritt, ein einträgliches buchhändlerisches Geschäft zu machen. Herr Pfarrer Deckert war der Schutzpatron und Compagnon des Schwindlers Paulus Meyer unv hat aus dem geschäftsmäßigen Vertrieb von Hetzschriften gegen die Juden einen durchaus nicht christlichen „Rebach" gezogen. Mit seiner perfiden Verwerthung des Blutmärchens zur buchhändlerischen Spekulation wendete er sich an das geistig beschränkteste Publicum, und dieser unwürdige Priester ist vor der verächtlichen Handlungsweise nicht zurückgeschreckt, die Kirche und die Kanzel zur Reclame für seine verlogenen Tractätchen zu mißbrauchen. In dem von den Radicalnationalen angezettelten Conflicte zwischen Protestanten und Katholiken erscheint nunmehr neben dem unwürdigen politischen Schacher auch die schmutzige Habgier, verkörpert durch den Pfarrer Deckert. Diesmal schreibt er zwar nicht gegen die Juden, sondern gegen die Protestanten und gibt eine in die Protestantenhetze übertragene Variante des Blutmärchens zum Besten. Mit dem jüdischen Ritualmord hat Pfarrer Deckert ein ganz gutes Geschäft gemacht. Nun versucht er's mit dem protestantischen R i t u a l s e l b st m o r d in einer Broschüre unter dem Titel „Luther's Selbstmord — eine historisch erwiesene Thatsache". Wer trotz dieser Thatsache vom Katholicismus zum Protestantismus übertrete, möge sich das Bild des erhenkten Luther in sein Gedächtniß einprägen und sich dieses Büchlein einst mit einem Stricke in seinen Sarg legen lassen. Welch' edle sittliche Anschauung, welche Gemüthstiefe, welche Vornehmheit des Denkens und Empfindens spricht aus diesen Worten eines „Priesters^, und wie veredelnd und erhebend muß eine solche Sprache auf die Herzen des gläubigen Lesers wirken! Herr Pfarrer Deckert ist sich übrigens der eigenen Gemeinheit gar wohl bewußt. Er wendete sich an die enragirtesten „Judenblätter" mit dem Ansinnen, über seine Brochüre ein Inserat zu bringen, welches er natürlich bezahlen will; er haßt und verachtet die Judenblätter, aber wenn er ein Geschäft durch ihre Mithilfe machen kann, ist er gerne bereit, mit den jüdischen Jnseratenagenten oder Zeitungsadministrationen in Verkehr zu treten. Der katholische Hetzpciester, der christlich-sociale Fanatiker, der überzeugte und, wenn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.