Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 14 (7.4.1899)
- Date
- 1899-04-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 264 Vr. Bloch'« Wochenschrift Nr. 14 „Die Anwesenheit der Missionäre ist eine beständige Angst für die Legationen, welche in letzter Linie berufen sind, die Interessen der Missionäre zu vertheidigen. Die geheimen Sympathien des Volkes sind überall auf Seite Derjenigen, welche den Miffionären Schimpf oder Schaden zufügen. In einigen Districten wird die Unbeliebtheit der Missionäre noch durch jene ihrer Schützlinge verstärkt; geradeso wie in Südindien mancher Eingeborene ein Christ wird, um eine Dienerstelle zu bekommen, so ereignet es sich gar nicht selten in China, daß ein mit Schattenseiten gesegneter Charakter plötzlich von der Heilsbotschaft erleuchtet wird, um die materiellen Vortheile und die Protection zu erlangen, welche mit derselben verknüpft ist... „Noch phantastischer und noch unheilvoller als die Anklagen von Hexenmeisterkünsten, die gegen die Missionäre gang und gäbe sind, wirken die furchtbaren und widerlichen Anklagen, welche von gewissen chinesischen Literaten gegen die Missionäre in Umlauf gesetzt werden, Anklagen von persönlicher grober Unsittlichkeit, von Entführung und Verstümmelung von Kindern, Ungeheuerlichkeiten, welche von den unwissenden Massen, an welche sie gerichtet werden, fest geglaubt werden. Die Mysterien des heiligen Abendmahles und das Geheimniß des Beichtstuhles mögen den Christen erhabene Symbole sein; dem böswilligen chinesischen Publicisten erscheinen sie als heuchlerische Masken für Unanständigkeit und Unrecht. Von den unwissenden Massen in China wird fest daran geglaubt, daß Findlinge, kranke Frauen und Kinder in christliche Anstalten gelockt werden, um von den Missionären gemordet zu werden, damit ihr Blut, ihr Fleisch, chre Augen und ihr Hirn als Heil- oder Zaubermittel gebraucht werde." Curzon hebt selbst die Aehnlichkeit dieser Beschuldigungen mit den Lügen hervor, welche gegen die Juden ausgesprengt werden. „Intelligenten Personen mag Alles dies unsinnig und unvernünftig erscheinen; aber ich bin genöthigt, meine Leser daran zu erinnern, daß es bis zu diesem Tage viele Theile von Europa gibt, in welchen ähnliche abergläubische Vorurtheile unter der unwissenden Bauernschaft vorherrschen, namentlich gegen die Juden, und daß das letzte Jahrzent allein mitten im christlichen Europa eine längere Liste von Mord- und Schandtaten dieser Mt hervorgerufen hat, als in derselben Periode durch das ganze heidnische China beigesteuert worden sind." Was würde dieser hochbedeutende Staatsmann wohl dazu sagen, wenn er wüßte, daß es Theile von Europa gibt, in denen nicht etwa von einer unwissenden Bauernschaft, sondern von einem Abgeordneten unter dem Beifall der Mehrheit des betreffenden Landtages eine Schußprämie für Juden als Essenz christlicher Liebe gefordert wird! Varmnn Clara Hirsch. Baronin Clara Hirsch! Wohl kein Name der Jetztzeit hatte jenen populären Klang, der von tausenden Lippen gleich hoffnungsvoll gelispelt wurde. In allen Sprachen, bei allen Nationen und Confessionen war es dieser Name, der schon beim bloßen Klange erleichtert aufathmen ließ. Greise, Kinder, alle Kranken und Elenden, deren die Welt leider eine größere Anzahl als von glücklichen Menschenkindern aufweist, sie Alle klammerten sich in ihrem Elende an diese Lichtgestatt, sie Alle suchten Hilfe und Rettung von dieser internationalen, wahrhaften Charttas! Und wen hat sie in ihrer nimmermüden Güte nicht erhört! Nicht aufzuzählen sind die Acte der öffentlichen und 9 stillen Wohtthätigkeit, die sie geübt; ja, man könnte Nachweisen, daß fast kein Institut in der Welt existirt, das sich nicht hilfesuchend an sie gewandt hätte, und dem in mehr oder weniger großen Unterstützungen nicht Hilfe geleistet wurde. Welche Fülle interessanter statistischer Daten über das Elend und dessen Linderung, über Armuth und rasche Hilfe könnte aus den Büchern und Spendenlisten jenes schier unversiegbaren Hauses geholt werden! Tagelang arbeitete sie an der Verminderung menschlichen Elends, immer nur Glück um sich verbreitend, sie, der das Wort „Glück" wie ein Schemen war! Ausgerüstet mit allen Gaben des Körpers und des Geistes, ausgestattet mit allen Glücksgütern, denen das Leben einen rosigen Schimmer zu gestalten vermag, zeigte ihr das Leben seine rauheste Seite. Ihr, die alle Eigenschaften einer zärtlichen Mutter besaß, raubte ein unerbittliches Schicksal den geliebten Sohn, wohl der herbste Schmerz für eine Mutter. Und sie war so kinderfreundlich! Stets umgab sie sich mit einer Kinderschaar, denen sie die zärtlichste Freundin war. Ich sah sie auf ihrem Schloß Eichhorn, umringt von fröhlichen Kleinen, Kindern von verwandten Familien, deren Spiel und muntere Laune ihr den Schmerz um den eigenen Sohn vergessen machen sollten. Dort führte sie einige Wochen im Sommer inmitten einer dem Higli life von Frankreich und England angehörigen Gesellschaft, welche seit dem Tode ihres Gatten traditionell zur Jagd geladen wurde, trotzdem ein recht einsames, der Arbeit und dem Wohlthun geweihtes Leben. Während die Gäste lachend gingen und kamen, saß sie mit ihren Beamten in ihrem Arbeitszimmer und verwaltete ihre Güter, deren reichen Ertrag sie mit vollen Händen in die Welt des Elends warf. Sie war aber keineswegs eine Spenderin, die gedankenlos gab, wenn man sie um etwas anging. Sie gab nicht allein, um großmüthig zu sein, um den Pflichten des Besitzes nachzukommen, sie dachte nach, prüfte, inwieweit Hilfe nothwendig war, sondirte mit scharfem, männlichem Geist, ohne jenen kleinlichen Zug, der oft den Frauen eigen ist, und sicherte mit fester Handschrift das Schicksal von Institutionen und Existenzen. Eine groß angelegte Natur, begriff sie nicht, wie die zahlreichen Bemittelten einer Stadt ihre Pflicht gegen die Armuth und das Elend nicht auf sich nehmen wollten, um nach ihren Verhältnissen zu helfen, wo das Gemeinwohl es erforderte. Wenn sie in der Conversation, die sie meisterhaft zu lenken wußte, auf dieses Capitel kam, da flog ein sarkastischer Zug über das ernste Gesicht und fast heiter lachte sie über die Kleinlichkeiten ihrer Mitbrüder. Viel hatte sie erlebt und mittheilsam war sie, wenn man sie interessirte, wenn sie die Pflichten der Hausfrau übernahm. Ihre Conversation war anregend, und wenn sie von den Streifzügen erzählte, die sie in aller Herren Länder auf dem Gebiete der Wohtthätigkeit machte, so staunte man über ihre Fachkenntniß und über die geistvolle Krittk, die sie über manchen Vereinsunfug übte. Von höchster Einfachheit in Wesen und Form haßte sie alles Uebertriebene, alles Ueberschwängliche uud perhorrescirte es, wenn man seine Dankbarkeit über eine große oder kleine Spende in Peluche oder Seide hüllte, oder in einer kostbaren Enveloppe zum Ausdruck brachte. „Wenn ich noch Kinder hätte", meinte sie, „denen ich das Zeug zum Spielen geben könnte! Auch habeich keinen Raum, die vielen Dinge aufzubewahren!" Dabei erzählte sie, daß Gras Beust aus einem Schlosse an der' Donau ein eigenes Gemach hatte, in welchem seine Adressen und Ehrendiplome wohlgeordnet registrirt waren; „Ich könnte eine schöne Bibliothek mit Diplomen füllen, doch dazu habe ich keine Lust, ich ärgere mich jedesmal, daß man das Geld hiefür den Armen entzieht," fuhr sie fort, „für welche allein die bescheidenen öder auch größeren Spenden gelten." Sie erwähnte Spitäler in England, welche mit seltenem Luxus eingerichtet werden, wo die Spiegel in Goldrahmen sofort dem Beschauer auffallen und zu Reflexionen über die Gebahrung herausfordern. „Sparen Sie, dann wird Ihr Verein weiter blühen", bemertte sie, „denn eine Hausfrau, die nicht spart — ist keine Hausfrau!" Später gab sie einige Anekdoten zum Besten, die sie von Seite armer Petenten erlebte, welche von Undankbarkeit zeugten, welche sie aber in ihrer nimmermüden Güte heiter aufzufassen wußte.