Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 13 (31.3.1899)
- Date
- 1899-03-31
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 858 Nr. 13 Dr. Bloch'» Wochenschrift durch Putz und äußeren Glanz zu blenden, ein Leben über die Verhältnisse zu führen und ehrliche Arbeit als ein Zeichen der Armuth zu mißachten.' Nicht als ob derartige Zustände nicht auch anderswo zu fiiiden wären. Die Scheinexistenz in ökonomischer, ja in sittlicher und selbst geistiger Beziehung ist ein Krebsschaden unserer Zeit, und ihre Ursachen liegen viel zu tief, als daß man sie in einer flüchtigen Besprechung aufzeigen könnte; wenn wir trotzdem von ihr sprechen wollen, so weit besonders das Judenthum dabei in Betracht kommt, /so geschieht dies, weil Freund und Feind sich lange gewöhnt haben, den Fehler des einzelnen Juden der Gesammtheit aufzurechnen, die Untugenden des Einzelnen als Verderbtheit des Ganzen auszuposaunen/ In gewissem Sinne ist das ja gut. Mahnt es doch Jeden, auf den eigenen Fehler aufzumerken und im Interesse des Ganzen auch die Fehler der Anderen aufzudecken, wo immer er sie findet. Wer aber seinen Fehler erkennt, der hat schon den ersten Schritt gethan, ihn abzulegen. Und so trägt das Uebelwollen unserer Gegner, das uns zu so gesteigerter Achtsamkeit auf uns selbst zwingt, dazu bei, das Judenthum zu regeneriren, und so werden wir, gleich Antäus, uns dann am kräftigsten erheben, wenn man uns am tiefsten zu Boden gedrückt glaubt. In diesem Sinne sind die folgenden Betrachtungen angestellt, in diesem Sinne mögen sie ausgenommen werden. Wie gestattet sich in den mittleren Schichten des Judenthums^zu denen die Kaufmannschaft das größte Contingent stellt, Tüte junge Ehe? Wir sehen dabei von den Präliminarien der Eheschließung und dem gegenseitigen Verhältniß der Ehegatten einstweilen ab, und finden nun in der Mehrzahl der Fälle, daß -die junge Hauswirthschaft sich mit einem äußerst glänzenden Rahmen umgeben hat. Eine Reihe glänzend eingerichteter Zimmer, mindestens fünf, eine „stillvolle" Ausstattung, möglichst aus den Händen des bekanntesten Decorateurs, keine Spur eines persönlichen Geschmackes,^ gemüthvoller Eigenart. Und selbst, wo Geschmack und Eigenart vorhanden sind, wagen sie sich nur in den seltensten Fällen hervor; lieber uniform als unmodern. Den prunkenden Räumen entspricht die Lebensweise. ''Man macht, man empfängt Besuche, man hat einen großen Bekanntenkreis, geht in Gesellschaften, gibt selbst welche, die sich als öde Klatsch- und Abfütterungsveranstaltungen erweisen, findet sich heute in jenem Concert, morgen in diesem Waldkaffee, je nachdem auch manchmal in einem Vortrage ein, den die Mode für den betreffenden Tag vorschreibt. Stellen sich Kinder ein, so wird ein Kindermädchen oder, geht's vornehmer her, eine Kinderfrau oder „Fräulein" genommen, dem die Pflege der Kleinen zufällt. Ist die Mutter sehr gp wiffenhaft, so stolzirt sie vornehm auf der Promenade neben dem zierlich ausgestatteten Kinderwagen her. Kein Gedanke daran, daß sie ihn selbst schiebt, kein Gedanke, daß sie das trippelnde kleine Wesen selbst in die Hand nimmt, das Kindermädchen daheim läßt und unter dem herzigen Geplauder des Kindes unvermertt die Lehrmeisterin ihres köstlichsten und zukunftsreichsten Schatzes wird. Wem Manne fällt die Aufgabe zu, die Mittel für den thörichten Aufwand herbeizuschaffen, und diese Thatsache erklärt uns das sich besonders in den Großstädten ständig wiederholende Bild abgearbeiteter nervöser Männer neben wohlgenährten, durch das unthätige Wohlleben entnervten Frauen^ ^Tritt der Augenblick ein, in dem das Können des Mannes mit dem an chn gestellten Anforderungen nicht mehr Schritt halten kann, dann beginnt der Kampf um die Aufrechterhaltung des Scheines^ jener ttostlose Kampf, der die Menschen aushöhlt, physisch und Moralisch, und sie immer weniger befähigt, der wichtigsten Aufgabe einer jeden Generation gerecht zu werden, der Erziehung der Jugend, der zukünftigen Generation. Und traurig genug sind denn auch die Resultate solcher Jugenderziehung. Wer Knabe freilich wählt sich, wie das von jeher üblich, den einen oder anderen Beruf, und je länger, je mehr sängt man in töchterreichen Familien an, einzusehen, daß unsere Zeit gebieterisch auch die berufliche Bethätigung der Frau heischt. Aber nur ungern und nur widerstrebend bcquemt man sich zu dieser Einsicht^und nicht als eine Pflicht und eine Freude betrachtet man die-Arbeit, sondern als eine Last und eine Art Degradation dazu. ^Mir ist aus meiner Erfahrung ein besonders bezeichnender Fall bekannt, in dem man es als eine schlimme Beleidigung auffaßte, daß ich mittellosen Mädchen den Rath gab, in ein Geschäft zu gehen. Sie haben es denn auch glücklich fertig gebracht, geheiratet zu werden, haben mir aber vielleicht heute noch nicht die Beleidigung vergebet 'Ja, beleidigt und zurückgesetzt fühlen sie sich, wenn man ihnen zumuthet, in ehrlicher Arbeit ihr Brot zu verdienen,) ihr Leben anders auszufüllen, als mit Tand und Flitterkram,^eine andere Bildung sich anzueignen, als die oberflächliche und hohle, die die Tagesmode verlangt. Wabej^ verstehen und wissen sie Alles, beherrschen die Conversation über das letzte Concert und das neueste Theaterstück mit dem Urtheil,^as der Kritiker der gelesensten Tageszeitung ausgemünzt hat/sitzen in den vordersten Reihen der Ranglogen, um zu sehen und gesehen zu werden, um sich möglichst vortherlhaft auf dem Heiratsmarkt zu präsentiren und die sehnsüchtig erhoffte „gute Partie" zu ergattern. Gelingt das, dann geht das schöne Spiel von Neuem an, gelingt es nicht, dann greift man vielleicht in elfter Stunde noch zum Berufs Aber ohne Freudigkeit, ohne Hingabe, als herbes Muß, mls Herabsetzung empfindend, was froher Selbstzweck sein sollte. Denn man täusche sich nicht darüber, wie die Dinge heute liegen, haben wir mit einer ständig sich verringernden Ehemöglichkeit zu rechnen, undswenn wir auch nicht einen Augenblick abstehen, die Ehe als den schönsten und höchsten Beruf des Weibes anzusehen, so sollte man es sich in einer Zeit, die die Erfüllung dieses Berufes für eine immer wachsende Zahl von Frauen erschwert und unmöglich macht, angelegen sein lassen, seine Kinder so zu erziehen, daß sie sich neben den Haushaltskenntnissen ein umfassendes Wissen aneignen und sich für irgend einen Beruf vorbereitend Dieses Ziel aber, seine Kinder zu harmonisch durchgebildeten und harmonisch empfindenden Menschen heranzuziehen, erreicht man nicht, wenn ntait ihnen irgend eine berufliche Ausbildung zu Theil werden läßt, sondern man erreicht es. völlig nur dann, wenn mit der vernunftgemäßen Erziehung auch eine Regeneration des Familienlebens Hand in Hand geht. Manschaffe sich ein behagliches, wenn auch bescheiden eingerichtetes Heim, man nehme die Pflege der Kinder, das Zusammensein mit ihnen den Miethlingen ab, man befruchte sie mit Geist von seinem Geist, Man pflanze ihnen sein Fühlen und Denken ein, ehe Fühlen und Denken den Kleinen zum Bewußtsein kommen. Vorbildlichkeit ist das ganze Geheimniß der Erziehung^ und man sei in Einfachheit und schlichter Wahrhaftigkeit seinen Kindern ein Vorbild. Manche Frau, die von einer guten und tüchtigen Mutter erzogen wurde, legt in aller Stille da und dort Hand an, auch bei den gröberen Haushaltsarbeiten, aber daß sie etwa Fenster putze, das Stiegenhaus kehre oder bei der Wäsche mithelfe, das wagt sie nicht aus Rücksicht auf das Urtheil der Bekannten, aus Furcht, man könne sie in ärmlichen Verhältnissen glauben. Möge sie es doch wagen, ihr eigenes Leben zu leben, ohne Furcht vor dem Urtheil Anderer, i,sich selbst genug thun und Mann und Kindern. Wann wird "es" vielleicht weniger nervenschwache Frauen geben) und weniger lästige Modereisen im Sommer, und Zeit wird sich finden in Fülle, auch den Mädchen eine gediegene Ausbildung, ein selbstständiges Urtheil und reine Freude am Wissen zu vermitteln.' Je gebildeter der Mensch ist, umso freier ist er auch \\ wer auf der Höhe steht, der richtet den Blick ins Weite uuo lernt das, was ihm vielleicht früher überwälttgend groß oder ungeheuer wichtig vorkam, auf seine richtigen Dimensionen zurückführen. ^Und wer fürs Leben taugt, der taugt auch für die Ehe. Ganz anders wird die selbstständig denkende und handelnde Frau ihre Pflicht aufzufassen und zu erfüllen wissen, als die an Geist und Körper verschnörkelte Modepuppe, wie sie heute nur allzu oft in die Ehe geht. Das ist die Aufgabe, die Euch ruft, Ihr jüdischen Frauen! Gerade die Innigkeit des jüdischen Familienlebens, wie auch die unbestrittene Thatsache, daß die Frau es ist, die der Familie das Gepräge ihrer Eigenart aufdrückt, bürgen dafür, daß vor Allem die Frauen berufen sind, entscheidend mitzuwirken an der Regeneration des Judenthums. Diese Aufgabe würde Euer Leben vereinfachen, um es zu bereichern, sie will Euch zu mitschaffenden, gleichwerthigen Gefährtinnen Eurer. Männer machen, zu guten Müttern im idealsten Sinne des Wortes, und außer der Ehe zu wahrhaft nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft überhaupt^ Und da Ehe und Familie die Grundvesten des Ganzen sind, so würde von ihnen eine Verjüngung ausgehen, die dem gesammten Judenthum zu Gute kommen und eine Waffe der Feinde in ein Werkzeug des Segens umschaffen würde.