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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-03-31 · 13 (31.3.1899) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
13 (31.3.1899)
Date
1899-03-31
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Rr. 13 Br. Bloch'» Mochrnschrisl Veite 251 1. in jeder Gemeinde des Verbandes die israelitischen Ortsarmen thunlichst so unterstützt werden, daß sie nicht zum Betteln in anderen Gemeinden gezwungen sind; 2. durchreisende israelitische Arme, wenn sie denBerbandsgemeinden angehören, nur zweimal, wenn sie den Gemeinden anderer Verbände oder dem Auslande angehören, nur einmal jährlich Unterstützung empfangen; Z. daß jeder Arme, der des Betruges oder der Fälschung überwiesen ist, keine Unterstützung erhalten und der Bestrafung zugeführt werden soll, daß Derjenige aber, der dieser Vergehungen schwer verdächtig ist, in ein besonderes Verzeichniß eingetragen und ein Auszug aus demselben allen Verbandsgemeinden alljährlich zugeschickt werde; 4. daß alle israelitischen Wohlthätigkeitsvereine eines Ortes in beständiger Verbindung mit einander bleiben; 5. daß jeder Wohlthätigkeitsverein jährlich einen Bericht nach einem bestimmten Formulare an die Berbandsleitung sende; 6. daß alle Berbandscassen aus Beiträgen der Vereine aller Gemeinden gebildet werden, welche bei außerordentlichen Fällen größere Unterstützungen gewähren; 7. daß eine centralisirte Organisation zum Arbeitsnachweis eingerichtet werde." Demgemäß wurde eine in ähnlicher Weise wie der erwähnte Verbandstag zusammengesetzte Commiffion mit den Vorarbeiten zur Abstellung der schweren Mißstände betraut. Sie führt den Titel: Commission zur Bekämpfung der Wanderbettelei, zur Organisation der Armenpflege, zur Begründung von Arbeitsnachweisen sowie von Arbeitsstätten. In ihrer ersten Sitzung am 2. Februar 1899 hat diese Commission als das beste Mittel erkannt, daß eine Organisation der Armenpflege zunächst bezirksweise angebahnt werde, daß die Unterstützung der Wanderbettler an den einzelnen Orten auf das geringste Maß zu reduciren sei und daß Arbeitsstätten eingerichtet werden. Alle diese, Vorschläge bestehen außerhalb der jüdischen Religionsgenossenschaft seit langen Jahren in Wirklichkeit und haben sich aufs Beste bewährt, namentlich gilt das von den interkonfessionellen Arbeitsstätten, wie deren große Anzahl — im Deutschen Reiche befinden sich deren nicht weniger als 28 — beweist. Die „Commission zur Bekämpfung der Wanderbettelei" steht nicht an, die Erfahrungen, die von gleichstrebenden Andersgläubigen erworben sind, unseren nothleidenden Glaubensgenossen zu Gute kommen zu lassen, und ist dankbar für die Rathschläge, die ihr von Sachverständigen und gerecht abwägenden Persönlichkeiten — wie dem auf dem Gebiete der Armenfürsorge wohlbewährten Pastor Märchen in Bethel bei Bielefeld — ertheilt werden. Wie aus den in verschiedenen jüdischen Zeitungen abgedruckten Schreiben des genannten Herrn hervorgeht, wird von sachverständiger christlicher Seite keineswegs verkannt, daß die besonderen socialen und religiösen Verhältnisse der Juden die Gründung besonderer Arbeitsstätten als nothwendig erscheinen lassen. Unsere Aufgabe wird es sein, Institutionen zu schaffen, die nach dem bewährten Muster ihrer aus einer glücklichen Vereinigung von Humanitären und volkswirthschaftlichen Ideen entstandenen Vorbilder gegründet, den besonderen, socialen und religiösen Bedingungen unserer armen Glaubensbrüder in eingehendster Weise Rechnung tragen. Ein glückversprechender Anfang ist bereits gemacht. Ein menschenfreundlicher Berliner Glaubensgenosse, Herr Ludwig I. Meyer, hat sich bereits dem Vorsitzenden der Commiffion gegenüber schriftlich verpflichtet, ein circa 5 Morgen großes, in Weißensee bei Berlin gelegenes Terrain für die Errichtung tintx jüdischen Arbeitsstätte, beziehungsweise eines Asyls zur Verfügung zu stellen, unter der Bedingung, daß das Capital zum Aufbau und zur Einrichtung eines zweckmäßigen Gebäudes herbeigeschafft wird. Wir gestatten uns, auf die besonderen Vortheile hinzuweisen, die aus der günstigen Lage der ersten zu begründenden -israelitischen Arbeitsstätte in der unmittelbaren Nachbarschaft der Reichshauptstadt hervorgehen. Die Inländer - Wanderbettler, wie auch entlassene Strafgefangene, können hier bis zu ihrer Unterbringung in geeigneter Weise ausgebildet, beschäftigt und moralisch gekräftigt werden. An Arbeit wird es, dank dem beabsichtigten Zusammenwirken mit dem über reiche Erfahrungen And zahlreicher geeigneter Angebote verfügenden „Verein für Arbeitsnachweis" und der „Fürsorgecommission" nicht fehlen. Da werden eine große Zahl Personen für die von hiesigen Geschäftshäusern auSgesandten Millionen von Offerten die Adressen zu schreiben bekommen; da werden sonstige Thättgkeiten ausgeübt werden, die leicht zu erlernen sind, und die Absatz in großen Quantitäten finden, z. B. die Anfertigung von Strohhülsen für Flaschen, Fabrikation von Cigarren und Cigaretten, von Bürsten — Holzhacken, (Leute die eine gewisse Fertigkeit erlangt haben, finden Beschäftigung auf Holzplätzen) Flechten von Körben, von Stroh- und Tnchdecken. Herstellung von Klempnerartikeln, wie Büchsen und Eimern; für das weibliche Geschlecht: Federuschleißen, Säckenähen, überhaupt grobe Näharbeit, Strümpfe stricken, Knöpfe machen und aufreihen u. s. w. Alles dies sind Arbeiten, die in Anstalten leicht erlernt werden und wegen ihres geringen Ertrages den deutschen Arbeitern keine Concurrenz bieten, wohl aber als Vorstufe dienen können, um die für spätere feste Beschäftigung erforderliche Arbeitstüchtigkeit zu erwerben. Erfreulicherweise ist das zur Verfügung gestellte Terrain groß genug, um auch einer Anzahl kräftigerer Leute Beschäftigung in Garten- und Landarbeit zu geben und diese zu befähigen, sich erforderlichenfalls z. B. in der Ernte für die Landwirthschast nützlich zu machen. Selbstverständlich ist bei allen Beschäst igungendiestrengsteRücksicht auf dieSabbathfeier zu nehmen, wie auch die Verpflegung den rituellen Vorschriften a n zupass e n i st. Soviel von den arbeitsfähigen Inländern, die in der Arbeitsstätte Obdach, Verpflegung und Gelegenheit zur Ausbildung und Anstellung in einem ihren Fähigkeiten angemessenen Berufe finden sollen. Denjenigen Ausländern, deren Aufenthalt im Deutschen Reiche gesetzlich ein Riegel vorgeschoben ist, soll das Asyl als Durchgangsstation dienen, von der aus sie auf kürzestem Wege dem Hafenplatze zugeführt werden. Hierdurch wird diesen Unglücklichen eine große Wohlthat erwiesen werden, denn bisher waren sie vielfach die Ausbeutungsobjecle gewissenloser Agenten, die ihre Opfer, nachdem sie dieselben ihrer Mittel beraubt hatten, ihrem Schicksal überließen. Plan- und zielloses Umherirren führten endlich zum ersehnten Hafen — oder auch nicht —, wie mancher Unglückliche bricht physisch und moralisch erschöpft zusammen. Dieser Nothstand schreit nach Abhilfe, und alle jüdischen Glaubensgenoffen, beziehungsweise deren Organisationen, auch die in Deutschland nicht domicilirten, werden in dieser Angelegenheit uns sicher ihre Unterstützung leihen! Wir hoffen, daß wenn unsere Bestrebungen die nöthige Unterstützung finden und Arbeitsstätten geschaffen und zweckmäßig geleitet werden, das Ziel erreicht sein wird, daß die private Unterstützung der Wanderbettler entweder beseitigt oder auf ein Minimum wird eingeschränkt werden können; damit wird nicht nur von den heimgesuchten jüdischen Gemeinden eine drückende Last genommen, es wird auch ein schreiender Mißstand in den jüdischen Gemeinden und ein Chillul-Haschem beseitigt werden. Allerdings, es gibt auch Fürsprecher des gegenwärttgen Systems, dessen Uebelstände anzudeuten wir soeben versucht haben. Diese Herren legen auf den Umstand Werth, daß durch die persönliche Unterstützung der Wanderbettler Gelegenheit zur Ausübung einer religiösen und ethischen Pflicht geboten werde. Wir wollen die gute Absicht, die dieser Auffassung zu Grunde liegt, nicht verkennen, aber wir erheben die Frage: Haben wir ein Recht dazu, unter grober Bernachläffigung aller wirthschastlichen, hygienischen und ethischen Fortschritte der Gegenwart zur Uebung unserer eigenen Religiosität unsere armen Brüder auf der Landstraße physisch und moralisch verkommen zu lassen? Wer sich weiterhin zu Gunsten unserer Armen persönlich bethätigen will — und das will ja jeder Jude —, dem wird es auch künftig an Gelegenheit hierzu gewiß nicht fehlen, er unterstütze unsere Institute mit Geld, mit Arbeitsgelegenheit, mit Religionsbüchern, mit seiner Aufsicht. Die jüdischen Arbeitsstätten sollen auf der Grundlage der wissenschaftlichen Fortschritte und der Humanität errichtet werden, wie alle anderen, und der jüdische Geist möge über ihnen und in ihnen walten!

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