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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-03-31 · 13 (31.3.1899) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
13 (31.3.1899)
Date
1899-03-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
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9M. 13 Vr. Stoch'» Wochenschrift Gerte 843 Lazare: Freispruch! Der Cassationshof muß in seinen Entscheidungsgründen feststeüeu, daß Dreyfus nur wegen des Bordereaus verurtheilt wurde, während das Bordereau den Esterhazy zum Verfasser hatte. Da die Untersuchung der Criminalkammer selbst zugibt, daß gegen Dreyfus nichts vorliegt, ist es unmöglich, ihn zu verurtheilen. I ch: Hat Esterhazy in seinen Enthüllungen die Wahrheit gesagt? Lazare: Ja. Er hat auch Documente veröffentlicht, die seine Aussagen begründen, und diese Documente sind echt. Er leugnet zwar die Autorschaft des Bordereaus, aber man kann doch nicht verlangen, daß er das zugibt. I ch: Wie geht es jetzt dem Dreyfus? Lazare: Gut. Ich habe in der jüngsten Zeit .einige Briefe von ihm an seine Frau gesehen. Er weiß nicht .Alles, aber aus dem Promemoria seines Advocaten hat er das Wesentlichste erfahren. Er schreibt, daß er das Ende feines Martyriums kommen sieht. In seiner Unschuld habe er die Kraft geschöpft. Alles zu überleben. Ich: Glauben Sie, daß mit der Freisprechung Dreyfus der Antisemitismus in Frankreich aufhöreu werde? Lazare: Nach Beendigung der „Affaire" wird der Antisemitismus bei uns erst recht erstarken. Die Antisemiten werden den Juden die Gemeinheit des Generalstabes nie verzeihen. Man würde dem Dreyfus eher einen Verrath als seine Unschuld verzeihen. Sie werden immer sagen, daß es das Geld der Juden war, durch das Dreyfus befreit wurde, daß die Juden schuld daran waren, wenn Generalstäbler zu Fälschern wurden, daß die Juden das Ansehen der französischen Republik im Auslande geschädigt haben. Die französischen Juden gehen in dieser schwachen Bourgeoisie-Republik, die sich selbst gegenüber ihren monarchistischen und clericalen Feinden nicht mehr vertheidigcn kann, bewegten Zeiten entgegen. Dann wird er aber auch unter den französischen Juden kämmen; das hat Lazare beizufügen unterlassen. Das Ende' der „Affaire", die ihn jetzt voll und ganz in Anspruch nimmt, wird es ihm möglich machen, nicht blos für das Recht eines Juden, sondern für das der Gesammtjudenheit mit den reichen Waffen seines Geistes einzutreten. Und es ist ein großer Erfolg der jüdisch-nationalen Bewegung unserer Zeit, daß sich dieser Mann, der in der französischen Cultur erzogen ist, so daß er nach echt französischer Art neben der französischen Sprache gar keine andere beherrscht, dieser Bewegung angeschloffen hat und sich eins fühlt mit den culturell noch so zurückgebliebenen Juden des weitesten Ostens. Einweihung einer neuen Synagoge in Köln. Köln, 22. März. Wer aus westlicher oder südlicher Richtung den mit Platanen bestandenen und mit frischen Gartenanlagen versehenen Königsplatz, dieses reizende Schmuckstück des neuen Theiles des alten heiligen Köln betritt, dem wird sofort ein Bauwerk auffallen, das vermöge seiner phantasievollen Eigenart unwiderstehlich den Blick fesselt und sich dadurch von seiner modernen Umgebung scharf abhebt. Gleichwohl kann man nickt sagen, daß es in diese Umgebung nicht Hineinpasse. Im Gegentheil, der schöne romantische Bau nimmt sich mit seiner hohen Kuppel, seiner monumental wirkenden Vorhalle, dem imposanten Frontgiebel mit dem reich ausgestatteten kreisrunden Maßwerkfenster, mit seiner malerisch behandelten Schauseite in farbigem Material und der Eindeckung des Daches in rothen und grünen Glanzziegeln, in der heitern Umrahmung des Königsplatzes sogar überaus harmonisch aus. Wer nicht genau in die örtlichen Verhältnisse eingeweiht ist, könnte vielleicht auf den Gedanken, kommen, der Platz sei mit besonderer Rücksicht auf das. Gebäude angelegt worden, so hübsch und malerisch fügt es sich in die Umgebung ein. Dennoch ist es so ganz anders geartet, als die modernen Miethänser, die. leider zu beiden Seiten ganz dicht an die neue Synagoge heranrückeu und sie an diesen beiden Punkten, wo fie förmlich angekkebt erscheinen, allerdings beeinträchtigen. Die freundlichen Anlagen des Königsplatzes und ein gewisser Geschmack, womit hier das Aeußere der meisten Wohnhäuser, entsprechend dem vornehmen Charakter dieses Stadttheiles, behandelt worden ist. lassen jedoch das Ganze zu einem sehr anziehenden, freundlichen Gesammtbilde zusammenfließen, in das der neue Bau einen jener kräftigen, aber edlen Contraste hineinbringt, die sich nicht in schreiendem Gegensätze zu ihrer Umgebung befinden, sondern ihr gleichsam von ihrer charakteristischen Färbung mittheilen und daher mit ihr ästhetisch verschmelzen. So gereicht es dem Platze und der Stadt zu einer hervorragenden Zierde. Ueber drei Jahre ist an dem Bauwerke geschaffen worden, ehe es vollendet dastand, und die Kosten, die es ohne das Grundstück beanspruchte, belaufen sich auf annähernd eine halbe Million Mark. Auch abgesehen von den 40.000 Mark, die die Stadt alsBeitrag zu den Baukosten geleistet hat. sind diese hoch genug, um als eine redende Ziffer für die Blüte und Leistungsfähigkeit der hiesigen jüdischen Gemeinde gelten zu können. Mit berechtigtem Stolze darf die Gemeinde denn auch auf das glücklich beendigte Werk Hinblicken. Nicht immer waren es Gefühle der Befriedigung und des Behagens im Bewußtsein eines reichen, geordneten und unbedrohten Gemeindelebens, die die Judenschaft Kölns erfüllten. Schon in grauer Vorzeit, im 3. Jahrhundert, waren die Juden in Köln ansäßig, wie denn Köln urkundlich die überhaupt älteste Niederlasilmg der Juden in Deutschland ist. Schon damals pflegten sie denn auch hier ein reich ausgestattetes Gemeindeleben, und Jahrhunderte lang lebten sie im Vollgenusse aller bürgerlichen Rechte, ja gegen das Ende des 10. Jahrhunderts und im 11. Jahrhundert hatte Köln sogar eine in weiten Kreisen vielberühmte jüdische Hochschule. Dann aber kamen die schweren Zeiten der fanatischen Glaubensverfolgungen, unter denen die Kölner Juden tief gebeugt wurden; am Ende des 11. Jahrhunderts führten die Züge der Kreuzfahrer fast ihre gänzliche Vernichtung herbei. In späterer Zeit erlaubte der Rath der Stadt zwar noch einmal die Rückkehr der Juden, doch währte ihr Aufenthalt in Köln nur von 1372—1424. Dies war das Jahr ihrer Ausweisung, die der Rath von Köln zur Beendigung von Streitigkeiten zwischen der Stadt und dem Erzbischof wegen der Besteuerung der Juden verfügte. Erst im Jahre 1798 durften wieder Juden das Stadtgebiet zu ihrer Niederlassung betreten und schon wenige Jahre später waren wieder so viele Glaubensgenossen in Köln, daß sie an die Begründung einer eigenen Gemeinde denken konnten. Wer heute vor der neuen Synagoge, dem zweiten Gotteshause der jüdischen Gemeinde in Köln, steht und sich den historischen Lauf der Geschicke vergegenwärtigt, von denen die kölnischen Niederlassungen der Juden heimgesucht worden waren, der muß sich sagen, daß der Wechsel der Zeiten nicht zäher sein konnte, als ihn die Kölner Juden durchgemacht und — bestanden haben. Heute bilden hier die Juden eine blühende Gemeinde von fast 10.000 Seelen, und ihre weitere Entwicklung ist unter dem Schutze der Verfassung und unter dem Bande bürgerlichen Gemeinsinns, das sie als gleichberechtigten und geachteten Bestandtheil der Gesammtbürgerschast Kölns mit dieser eng umschließt, für die Folge gewährleistet. Die gleichen staatsbürgerlichen Rechte, die die Juden mit den Bürgern anderer Confessionen theilen, wären gewiß kein neidenswerthes Fundament, auf dem der Bau ihrer Gemeinde sich stolz und freudig erheben und weiter ausdehnen könnte, wenn nicht das zweite hinzukäme, was kein geschriebenes Recht verleihen kann: die gegenseitige Achtung und Werthschätzung. Ein wohlthätiger Sinn im Gemeiuinteresse, ein loyales Verhalten im Erwerbsleben, eine patriotische Gesinnung in allen vaterländischen und vaterstädtischen Fragen, gewinnende, offene Formen im geselligen Verkehre das find die Merkmale, die in der jüdischen Gemeinschaft Kölns stets hervorgetreten sind und jene Achtung und Werthschätzung der übrigen bürgerlichen Kreise herausgefordert und fest begründet haben. Aus diesem Grunde nimmt denn auch die nichtjüdische Bürgerschaft Kölns an dem heutigen Festtage wohlwollenden Antheil und gönnt der jüdischen Gemeinde gerne das schöne neue Gotteshaus und den fteudigen Stolz, mit dem sie es betrachten darf. Auch die Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden haben an der heutigen Weihe persönlichen Antheil genommen; so bemerkten wir unter den Ehrengästen, die sich gegen 10 Uhr Vormittags

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