Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 13 (31.3.1899)
- Date
- 1899-03-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 248 Vr. Vloch » Wochenschrifl Nr.. 13 EsUrhazy beargwöhnte. Esterhazy war ihnen damals gleichgiltig. Esterhazy kann also auch nicht zur Gegenspionage officiell gehört haben, sonst hätte man Picquart hierauf aufmerksam machen müssen. Augenscheinlich maßte sich Esterhazy das Amt eines Gegeuspions au, um für sein wahres Treiben als Spion bessere Deckung zu finden. In dem Augenblick jedoch, wo die Rückwirkung der Untersuchung gegen Esterhazy auf den Dreysus-Proceß klarer hervortritt, wird Picquart Halt geboten. Auch eine Erklärung hierfür läßt sich noch finden. Die Revision des Dreyfus- Prozesses mußte Mercier bloßstellen, und Mercier gemeinsam mit Boisdeffre galten als verantwortlich für den Madagaskaerfeldzug, von dessen Tiefen auch die Schleier niemals fortgezogen worden sind. In diesem sehr kostspieligen Feldzug starb zwar kein französischer Soldat von der Hand des Feindes, aber Tausende und Tausende starben an den Sünden der französischen Kriegsverwaltung; Grund genug, daß Boisdeffre in ritterlicher Solidarität für Mercier eintrat. Aber soll man annehmen, daß dieses Motiv schließlich ausreichte, um Boisdeffre, und nicht mir ihn, sondern ein weiteres Dutzend Generäle und hohe Officiere bis zu dem Grade, wie es schließlich geschehen ist, zu Helfershelfern und Beschützern von Henry und Esterhazy zu machen? Vielleicht doch. Wie schließt sich die Kette aneinander? Esterhazy und Henry mußten Dreyfus zu vernichten suchen, damit nicht die Spur aus ihre eigene Fährte führte. Mercier wurde durch ihre Machinationen in der Presse gezwungen, unbewußt ihr Helfershelfer zu werden, und er wurde ihr Comp lice durch dieGesetzesverletzung, niit der er die Verurtheilung von Dreyfus erzwang. Um Mercier zu decken, sprang Boisdeffre ein, und als sich dann die clericale Reaction und der Cäsarismus der Angelegenheit bemächtigt hatten, nnd als in den Kreisen des Generalstabes endlich Klarheit darüber erlangt war, wer' Henry und wer Esterhazy seien, da gab es nur noch zwei Möglichkeiten: auf das Tiefste compromittirt mit den Henry u n d E st e rhazy zu unterliegen — oder mit diesen Gaunern und Fälschern gemeinsam zu siegen. Möglicherweise freilich gab es noch engere Beziehungen zwischen Henry und Boisdeffre, und dies scheint Esterhazy a u z u d e n t e n . . , Beziehungen, die den einen an den anderen fesselten und die schließlich dazu führten, daß Henry aus der Welt geschafft wurde. Heute kann man bereits die Hoffnung hegen, daß das Licht weiter wachsen wird. Das Ende der „Nffsire". (Ein Interview mit Beruavd Lazare.) Von Dr. S. R. Landau. Paris, den 24. März. Wie ein schwerer Alp lastet die „Affaire" auf Paris. Mit bangen Ahnungen blicken die Franzosen der Entscheidung entgegen. Dmn diese kann nur in der Freisprechung Dreyfus' bestehen. Und die Freisprechung Dreyfus', die einen Sieg der Gerechtigkeit und eine Entlarvung des Generalstabs bedeutet, ist in den Augen der Franzosen eine Demüthigung ihres Vaterlandes und eine Niederlage der Armee. Wohl wird die öffentliche Meinung immer mehr Dreyfusfreundlich, aber die zahlreiche Legion der Generalstabs-Boulevards-Blätter setzt wieder ihrerseits alle Hebel in Bewegung, um die endgiltige Erledigung der „Affaire" wenigstens hinauszuschieben, da sie sie nicht verhindern kann. Nun ist die Sache doch so weit gediehen, daß am nächsten Montag die vereinigten Kammern das Studium des dossier secret beginnen werden. Was wird und was kann daraus werden? Gibt es noch welche Mittel, den Sieg der. Wahrheit zu hindern? Ich benützte meinen hiesigen Aufenthalt, um mich bei Bernard Lazare über das gegenwärtige Stadium des Revisionsverfahrens eingehend zu informiren. Dieser Mann, dessen Verdienst es ist, zuerst für die Unschuld Dreyfus' eingetreten zu sein und in einem Buche nachgewiesen zu haben, daß Dreyfus das Bordereau nicht geschrieben haben könne, hat auch während des Kampfes publicistisch eingegriffen und durch seinen Scharfsinn, seine Schlagsertigkeit und Ausdauer an der Seite Clemenceau 's und I a u r 6 s' der Wahrheit den Weg gebahnt. Er ist somit einer der berufensten Beurtheiler der jetzigen Situation. Daneben äußerte sich auch Lazare in höchst interessanter Weise über die Folgen, die die Freisprechung Dreyfus' für die französische Judenschast haben wird und über die Zukunft, der dieselbe entgegengeht. Ich begann meine Unterredung damit, daß ich Laz a r e an unsere Zusammenkunft im letzten Mai erinnerte. Damals sagte er mir, daß die Revision höchstens in sechs Monaten erledigt sein müsse. Lazare: Ja, ganz richtig. Ich erinnere mich auch daran, das gesagt zu haben. Äber inzwischen sind verschiedene Umstände, eingetreten, die ich nicht voraussehen konnte. Es waren dies zuerst der Sturz M 6 l i n e 's und die Bildung des MinisteriumsBris sonmit Cavaignac als Kriegsminister. Sie wissen, daß Cavaignac selbst die Offensive ergriff und zuerst die geheimen Documente vorlas, daun eine Campagne gegen Picquart und Leblois einleitete. Diese neuen Processe haben die Sache verzögert. Der Generalstab gewann Zeit, neue Mittel und Wege zur Verhinderung der Revision ausfindig zu machen. Dann kamen zwei neue Kriegsminister, Z u r l i n d e n und C h a n o i n e, die Alles daran setzten, um die Revision zu verschleppen. Schließlich folgte der Kampf gegen die Criminalkammer, der auch dem Zwecke diente, neuen Aufschub, zu erwirken. Sie begreifen also, daß ich diese Verschleppungsmittel nicht vorauszusehen vermochte. Jetzt ist die Sache in der Hand der vereinten drei Kammern (chambre civile, criminelle, de requetes), die die letzte Instanz bilden. Eine weitere Verzögerung ist nicht mehr möglich; es sei'denn, daß die Kammern noch eine neue Untersuchung beschließen würden. Das kann aber Niemand im Voraus bestimmen. Doch selbst, wenn sie dies thun, kann es sich nur um eine Verzögerung von 15 Tagen handeln. Aller Wahrscheinlichkeit nach dürfte Ende April, höchstens Anfangs Mai das Urtheil gefällt werden. Dieses Urtheil wird sein: A n n u l l i r u n g des Urtheils. I ch: Und Freisprechung? Lazare: Das läßt sich nicht mit Bestimmtheit Vorhersagen, wiewohl alle Chancen dafür sind. Doch glaube ich, daß eher eine neue Verhandlung vor dem Kriegsgericht stattfinden wird. Ich: Aus welchen Gründen dürfte die Annullirung des Urtheils erfolgen? Lazare: Wegen n euer Thatsachen, welche die Schuld Dreyfus' bezweifeln lassen. Ich: Wird Dreyfus vor dem Kriegsgericht persönlich erscheinen? L a z a r e: Ja! I ch: Und was wird der Generalstab dann unternehmen? Lazare: Er wird genug zu thun haben, um sich zu vertheidigen, statt anzuklagen. Ich: Wie sind die Chancen beim neuen Kriegsgericht?