Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 13 (31.3.1899)
- Date
- 1899-03-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 13 Vr. Bloch'» Wochenschrift Seite 243 Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Die Nemesis der Jesuiten. — Noch ein verführtes Dienstmädchen. — Aus der Nede eines Bischofs. — Nur ein Golem. — Vergani's Heimatslehre). Die „Los von Rom"-Bewegung nimmt Dimensionen an, welche den Clericalen unheimlich zu werden anfangnr, und der gesammte christlich-sociale Heerbann mit dem Pater A b e l an der Spitze wird mobilisirt, um der Bewegung Einhalt zu thun, die über den Kreis der Schönerianer längst hinausgewachsen ist. Der Austritt aus der katholischen Kirche ist eine populäre Sache geworden. Die officiellen Protestanten haben sich geraume Zeit hindurch der von den Radicalnationalen angezettelten Bewegung gegenüber reservirt verhalten, allein nunmehr treten sie offen für dieselbe ein. Eine große Versammlung des Vereines der evangelischen Glaubensgenossen in Wien hat in einer Resolution sich für die Parole „Los von Rom" ausgesprochen, und zwar mit allen gegen eine Stimme, und der Mann, der diese einzige Stimme abgab, motivirte sein Votum damit, daß er eine Drangsalirung der Protestanten in Oesterreich als Folge ihres Hervortretens befürchte. Auch die Altkatholiken haben beschlossen, die Bewegung zu unterstützen, und so hallt der Ruf durch ganz Oesterreich und durch alle deutschen Gaue der Ostmark: „Los von Rom", Austritt aus der katholischen Kirche. Die Wortführer dieser Abfallbewegung sind die durch den Antisemitismus emporgehobenen Größen der „Oeffentlichen Meinung", welche die superklugen Jesuiten einst so liebevoll gefördert haben. Als es sich vor Jahren darum handelte, die deutschnationale Bewegung zur Aufhetzung des Volkes gegen die Juden zu benützen, waren es die Affiliirten der Kalksburger Jesuiten, Prinz Alois Liechtenstein und Dr. P a t t a i, welche Herrn Sch ö n er e r öffentlich mit der größten Auszeichnung behandelten, wahrlich nicht Herrn Schönerer und nicht dem Deutschthum zuliebe, sondern weil diese das Deutschthum in den Dienst des Antisemitismus stellten. Die nationale Idee war für sie das Werkzeug zur Erregung des Judenhasses, und die nationalen Leidenschaften wurden aufgepeitscht, um sie auf die Juden loszulassen. Selbst katholische Geistliche, deren Mission dem Wesen und dem Grundgedanken der katholischen Kirche nach eine internationale ist, haben sich nicht gescheut, den nationalen Jargon anzunehmen, um die Leidenschaften der Massen gegen die „Fremdlinge" aufzustacheln. Und nunmehr, nachdem diese nationalen Leidenschaften auf die gewünschte Höhe gebracht worden sind, zeigt es sich, daß sie sich gegen Rom richten und gegen dieselben Jesuiten, die sich dieser Leidenschaften zu bedienen gelehrt hatten. Die Jesuiten ernten da die Früchte ihrer volkserziehlichen Thätigkeit in einer Richtung, die sie nicht erwartet hatten. Wenn man die Juden hassen soll, weil sie Fremdlinge sind, so gelangt man dazu, auch die Jesuiten zu Haffen, denn auch sie sind Fremdlinge. Die Einen sind orientalische, die Anderen römische Fremdlinge; vom Standpunkte des nationalen Chauvinismus ist das einerlei, und so hat denn die Nährväter des Antisemitismus in Oesterreich die Nemesis ereilt, daß ihre Lehre gegen sie selbst angewendet und da ö von ihnen gegebene Beispiel gegen sie selbst befolgt wird. D:s ist eine Folge der clericalen Politik, die ihre eigenen Früchte erntet, und wenn der Pater Abel, der Jahre hindurch in einem wahren Bänkelsängerton das Lied vom Judenhaß gesunken, nunmehr von der Kanzel herab gegen die Deutschnalionalen, die als Antisemiten seine lieben Bundesgenossen waren, wettert und witzelt, schimpft und höhnt, so ist es vielleicht zu spät, weil sich wachgerufene Leidenschaften nicht mehr nach Belieben eindämmen lassen, und wenn jetzt die Bischöfe zusammenkommen, um zu berathen, was gegen die „Los von Rom"-Bewegung zu machen sei, so ist das ein Zeichen für die Tragweite der Bewegung und für den Ernst der Besorgnisse, von welchen die katholische Clerisei erfüllt ist. Die „Los von Rom"-Bewegung ist eine Sühne für das tragische Verschulden, welches ein Theil des Clerus auf sich geladen, indem er die ethischen Grundlagen einer Religion der Menschenliebe verlassen hat. Der deutschnationale Antisemitismus wurde benützt zur Bekämpfung der Juden, und er hat sich gegen die Kirche gewendet, geradeso wie der wirthschaftliche Antisemitismus, der vermeintlich nur den Juden gilt, nicht bei diesen stehen bleibt, sondern die Rechtsgrundlagen des Verkehres, des Erwerbes und des Besitzes überhaupt erschüttert. Die „Los von Rom "-Bewegung hat die katholische Kirche den Jesuiten zu verdanken. * * Das Schicksal eines verführten Dienstmädchens hat den ehrenwerthen Abgeordneten Ernst Schneider zu dem Anträge veranlaßt, es möge den Christenmädchen das Dienen in jüdischen Häusern verboten werden, weil da ihre Tugend rettungslos verloren sei. Vielleicht interessirt aus diesem Anlasse ihn und die ebenso ehrenwerthe „christliche Presse" ein Schwurgerichtsfall, der sich vor einigen Tagen in Posen abspielte. Auch vor dem Schwurgerichte in Posen war ein Dienstmädchen wegen Ermordung ihres Kindes angeklagt. Katharina Gorbaki war von ihrem Dienstgeber verführt worden, und als sie eines Mädchens genesen war, welches zu Verwandten in Pflege gegeben wurde, bezahlte der Vater für die ersten zwei Monate je 7'/, Mark Kostgeld, während er weitere Zahlungen verweigerte. Die Mutter beschloß nun, das Kind zu beseitigen, und eines Tages erstickte sie es in einem Kissen. Die Geschwornen erklärten die Angeklagte der „vorsätzlichen Tödtung ohne Ueberlegung" schuldig und anerkannten das Vorhandensein mildernder Umstände. Der Gerichtshof erkannte wegen Todtschlag auf drei Jahre Gefängniß. Man sieht, der Fall ist eine fast in allen Details zutreffende Copie des Wiener Falles. Wäre Katharina Gorbaki in Wien angeklagt gewesen, so wäre sie ebenfalls zum Tode verurtheilt worden, weil nach unserem Gesetze die vorsätzliche Tödtung als Mord mit dem Tode bestraft wird, der einzigen von Milderungsumständen unabhängigen Strafe für den Mord. Dafür, daß das Mädchen in Posen milder und das Mädchen in Wien strenger bestraft wurde, können die respectiven Verführer nichts. Hinsichtlich ihrer haben wir in Wien und in Posen den gleichen Fall, nur hinsichtlich des Standes und der Confession besteht ein kleiner Unterschied, der aber groß genug ist, um zu zeigen, wie gefährlich es ist, aus dem Verschulden Einzelner allgemeine Folgerungen abzuleiten. Das Mädchen von Posen war nicht das Opfer „jüdischer Lüsternheit" und nicht das Opfer „jüdischer Gemeinheit". Der Vater des außerehelichen Kindes war nämlich ein katholischer Geistlicher, der Propst Merkel in Neustadt (Posen), und das Blatt, welchem wir diesen Bericht entnehmen, knüpft an denselben die sehr berechtigte Frage: „Ob der Herr Propst wohl ruhig schlafen kann?" Wenn aber jener Bericht des norddeutschen Blattes mit den Worten eingeleitet wird: „Für Vaterpflichten scheinen die katholischen Geistlichen des Verständnisses zu ermangeln", so ist das eine Tactlosigkeit des Berichterstatters, welche die Redaction nicht hätte paffiren lassen sollen. Zunächst ist überhaupt nicht von katholischen Geistlichen zu verlangen, daß sie für ihre eigenen Vaterpflichten Verständniß haben, weil ihnen das Gelübde der Keuschheit den Weg zur Erlangung dieses Verständnisses bekanntlich verbietet. Jnsoferne es sich aber ereignen sollte, daß ungeachtet dieses Gelübdes katholische Geistliche in die Lage kommen sollten, derartige Pflichten erfüllen zu müssen, so steht das Benehmen jenes Propstes in Posen der größten Wahrscheinlichkeit nach vereinzelt da und es ist eine durchaus unzulässige Beleidigung der katholischen Priester, sie für die Verirrung oder das uncorrecte Benehmen eines Einzelnen verantwortlich zu machen. Geradezu eine Niedertracht wäre es aber, die Kindesmörderin von Posen als „Opfer geistlicher Lüsternheit" oder als „Opfer geistlicher Gemeinheit" zu bezeichnen, und genau aus demselben Grunde war es echt antisemitische Niedertracht seitens des Ernst Schneider und der antisemitischen Presse, den Wiener Fall der Verführung eines christlichen Dienstmädchens zum Ausgangspunkte einer Judenhatz zu machen. Im preußischen Landtage wird Niemand so dumm und so boshaft sein, aus Anlaß des Kindesmordes von Neustadt ein Gesetz zu beantragen, durch welches evangelischen Dienstmädchen der Eintritt bei katholischen Geistlichen verboten wird. * * Der hochwürdigste Bischof Bauer sagte im mährischen Landtage von der katholischen Kirche: „Ich war der Meinung, daß sie mit ihrem Gebote einer bis zur Feindesliebe gesteigerten Nächstenliebe die Menschen einander näher bringt, sie gegenseitig läutert und veredelt, mit ihrem Autoritätsprincip die staatliche Ordnung festigt, vertheidigt und aufrecht hält, mit ihren Geboten, mit ihrem 5. des Menschen leibliche und geistige Integrität, mit dem 6. und 9. die Solidität des Familienlebens, mit dem 7. und 10. des Menschen Eigenthum und Rechtsgebiet, mit dem 8. den großen Schatz seines guten Namens und aller seiner Erdengüter unter ihren besonderen Schutz nimmt". Man vergleiche mit dieser Auffaffung, die ein hervorragender Kirchensürst von der katholischen Kirche und von den citirten Geboten hegt, die von