Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 12 (24.3.1899)
- Date
- 1899-03-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 12 Vr. Vloch'» Wochrnschrifl Seite 235 Anfänglich war fein Befuch für die Passah-Schlußtage in Aussicht genommen. Davon aber nahm man aus schuldiger Rücksicht auf die hiesigen Rabbiner Abstand, die nicht aus ein Feiertagsthema verzichten wollten, wenigstens nicht gern. Von weiteren Gastpredigten ist nicht die Rede, wohl jedoch von weiteren Bewerbungen. Allerdings gehen diese Bewerbungen nicht von Rabbinern aus, sondern von den hiesigen Gemeindebehörden. Srderabend. Eine Erinnerung von Jda Oppenheim. Wer sein ein Hüttchen nennet Und ruhet darin aus Und wen die Fremde trennet, Den führt ein Traum nach Haus. In ferne Jugendtage führt die Erinnerung mich zurück. Mild weht der Abendwind über die friedlichen Gestade des Heimatsstromes, über die leicht gekräuselten Wellen ergießt sich mild das silberzarte Licht des ausgehenden Mondes. Stärker funkeln die Sterne am tiefblauen Firmament. Stille und Friede athmet die Natur. Die. knospenden Bäume trinken den erquickenden Abendthau, unter den Hellen saftiggrünen Gräsern senkt manch' duftige Frühlingsbotin ihr liebliches Blumengesicht. Dann und wann tönt ein langgezogener Ruf der Flösser vom Wasser her, die auf ihren Holztrasten ruhen; Lichter glühen auf in ihren kleinen Strohhiitten und beleuchten phantastisch die Ruine einer alten Ritterburg, deren Thürme und Zinnen grau und schweigend 'gen Himmel ragen. Wir sind vom Abeudgottesdienst heimgekehrt. Eine Lichtfülle strömt uns aus den festlich geschmückten Räumen unseres bescheidenen, freundlichen Heims entgegen. Auf dem weißgedeckten Tische steht von Kerzen umgeben, die Sederschüssel, auf der die verschiedenen Früchte und Kräuter liegen, die heute zum Ostermahl gebraucht werden. Die Sederschüssel ist künstlich hergestellt: die drei Mazzos liegen in ein weißes Tuch gehüllt auf derselben. Das alte Erbstück der Familie, die silbergetriebene Schüssel, mit den eingegrabenen Sprüchen und all' den Zeichen, ist längst in andere Hände übergegangen. Nur Mütterchen erzählt mit wehmüthigem Lächeln von der einst schönen Pracht ihres Elternhauses, die längst entschwunden. Doch die alten silbernen Becher sind vor jedem Platz neben der Hagada hingestellt, und nachdem noch schnell die sorgende Hausfrau den Tisch überflogen und das Mahl gerüstet, gehen wir vereint zu der Abendandacht, zum Seder. Lieb und traut vereint und innig zu einander gehörend, blicken'wir einander an und schauen auf die Eltern, die in Gesundheit und Kraft bei uns sind, und ein befreiender, dankbarer Seufzer entringt sich unserer Brust, daß nun wieder ein Jahr vergangen und wir einander haben, zusammengehören und vereint das schöne Fest feiern, das in seiner Eigenart und tiefen Poesie jedesmal neu erhebend und veredelnd wirkt. Selbst der Fremde am Tische, den ein trauriges Geschick fern der Heimat hält, verliert die anfängliche Scheu und setzt sich gemüthlich zu uns. Sind doch die ersten hebräischen Laute, der Segen, den der Vater spricht, ihm vertraut und wohlbekannt. Er fühlt sich nicht mehr fremd. Das Gotteswort, das wir nun Alle gemeinsam mit ihm lesen, macht ihn uns vertraut, bekannt. Und nun frägt der Jüngste am Tische die einfache Frage, die doch so bedeutungsvoll, warum diese Nacht von allen anderen Nächten ausgezeichnet, und die Antwort wird ihm zutheil von allen Uebrigen, die am Tische sitzen. Laut und freudig wird die Hagada gelesen, dann und wann unterbrochen von den üblichen Ceremonien, dem Essen der Ecstlingsfrüchte, der bitteren Kräuter und dem Einschänken des Weines. Die Vögel im Bauer sind erwacht durch das laute Reden, öffnen die kleinen verschlafenen Augen und beginnen zu singen. Sie schmettern ihr Loblied in eigener Sprache dem Schöpfer entgegen. Der erste Theil des Gebetes ist vorüber. Das Mahl ist eingenommen; das Tischgebet ist gesagt; der Kinder Augen werden Heller und leuchtender. Eine fröhliche Stimmung macht sich immer mehr und mehr geltend und nur ein mahnender Blick der Mutter hält die lustige Schaar im Zügel. Der Vater übersetzt einige Stellen. Es wird gefragt, geantwortet, erklärt und erläutert, und dann wieder hebt die Andacht ihre Schwingen und von ganzer Seele und aus tiefem Herzensgründe rufen Alle aus: „Allbarmherziger, zerbreche das harte Joch, das unseren Nacken beugt und führe uns aufrecht nach unserem Lande!" „Allbarmherziger, schicke die Segensfülle in dieses Haus, auf diesen Tisch, an welchem wir uns gesättigt!" „Allbarmherziger, schicke uns den Propheten Elia, daß er uns verkündet trostreiche Botschaft!" Plötzlich wird es still im kleinen Kreise. Die Schwester mit den dunklen Locken erhebt sich leise, füllt einen alten silbernen Becher mit Wein bis zum Rande, öffnet weit die Thür und flüstert leise: „Jetzt muß er kommen, heute kommt er gewiß, der Prophet Elia!" Und mit klopfendem Herzen uitb weit geöffneten Augen schauen wir nach der Thür und es ist uns, als theilen sich draußen Nebel und Wolken, und eine ferne, verhüllte Gestalt wird sichtbar. Der Seher naht. Wie viel heiße Wünsche, wie viel ungestilltes Hoffen und Sehnen schwellt Aller Herzen. Es ist, als ob wir seine Nähe ahnen, seine Stimme hören, die richtend, tröstend, ermahnend und ermuthigend zu uns spricht. Still ist's im kleinen Raum, und jeder Einzelne gibt sich für Momente einer geheimnisvoll heiligenden, ahnenden Stimmung hin. Die Thür wird wieder leise geschlossen und das Gebet nimmt seinen Fortgang. Diese wenigen Momente haben sich tief und unauslöschlich in meine Seele eingegraben und immer kehrt bei der Stelle des Gebetes jene wunderlich eigene Stimmung zurück, die mich vollkommen gefangen nimmt. Jahre sind über die friedlich schönen Sedernächte dahingegangen. Wir singen nicht mehr üdermüthig und lustig, zärtlich umschlungen von liebenden Eltern, die Schlußgesänge der Hagada. Fern ist Alles gerückt in die Nacht, das Dunkel der Vergangenheit. Aber die tiefe Weihe und die herzerhebende Andacht, die wir zusammen mit unseren Liebsten genossen, sie bleibt unvergessen und in jeder Sedernacht, die wir fern, getrennt und zerstreut von einander verbringen, führt uns doch dieses innige Gefühl immer wieder zusammen und unser Geist und unsere Seelen finden sich, unsere Herzen schlagen im gleichen, innigen Empfinden. Die Worte des Vaters, die aufmunternd und belehrend bei dieser und jener Stelle erklangen, die eifrigen Fragen der wißbegierigen Geschwister, die gemüthvollen und sinnigen Antworten der Mutter, sie fallen uns immer wieder beim Lesen ein, und Zeit und Raum verschwinden. Die Augen, die schon oft von Thränen seit der Zeit getrübt, glänzen bell auf in der Erinnerung, und die Lippen, die so oft in unsäglichem Leid und tiefstem Weh sich schmerzumzogen zusammengepreßt, sie lernen wieder lächeln, und über die düstere Stirne gleitet's wie Sonnenschein. Jung werden wir wieder iu der Sedernacht, unser Hoffen und Wünschen bricht hervor und schwellt und glüht, wie die Knospenfülle im Frühling am dürren Geäst. Wir gehen wohl noch immer die schmale Straße, umbraust von den brandenden, schäumenden Meereswogen. Mühsam ist der Pfad und unser flüchtig eilender Fuß gewöhnt sich schwer an den harten, vielfach gekrümmten Weg. Der Weltkampf umtost uns, hinter uns jagen die mächtigen Feinde, aber unsere Augen richten sich in die Ferne, das Ziel ersehend, die Heimat, das gelobte Land. Fern sind wohl die Tage, da sich des Höchsten Verheißung erfüllen wird, aber der Glaube an ihn und die Wunder, die er au uns gethan, sie verheißen doch endlich den Sieg des Ewigen und des Höchsten. Und wenn die Erinnerungen an die Sedernacht so mächtig bewegen können, so Jahrtausende hindurch immer neue Geschlechter ermuthigen, und zu neuem Wirken und Handeln anregen, zu neuem Kampf für das Edle und Große begeistern, daun ist das, was wir iu uns fühlen, ewig erhaben und groß, dann wird sich auch dieses Gefühl immer weiter vererben bis zu dem Tag, da die brausenden Wogen langsam weichen werden, da wir unseren Feinden den Weg zeigen werden in die Heimat, erfüllt voll Friede und Versöhnung. Dann wird das ganze Erdenrund unser Vaterland sein, soweit das Auge des Höchsten, ein Gottesauge, sieA. Correspondenzen. Wien. (Enthüllung des Mauthner-Denkmales.) Im rechtsseitigen Arcadengange der Wiener Universität fand Sonntag Mittags die feierliche Enthüllung des Denkmales für den Ophthalmologen Professor Dr. Ludwig Mauthner statt. Der Enthüllungsfeier ging eine Versammlung im kleinen Festsaale voraus, in welchem sich nebst der Witwe und der Familie des Verstorbenen fast sämmtliche Professoren der medi-