Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 12 (24.3.1899)
- Date
- 1899-03-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 234 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 12 „Sehr geehrte Trauerversammlung! In würdigster und ergreifendster Weise ist Ihnen soeben das Bild des Verewigten vorgeführt worden. So hat er gelebt, so hat er gefühlt und gewirkt und so wird sein Andenken in unserem Herzen fortdauern für und für. Es kann nicht meine Sache sein, dieses Bild noch einmal zu entrollen, auch nicht zu Ihnen zu sprechen, von dem reinen, edlen, jedem Ideal zugewendeten Philosophen, der in seinem ganzen Leben das, was er lehrte, auch in fleckenloser, in reinster Weise bethätigte, nicht von dem verehrten Lehrer, zu dessen Füßen seit fast einem halben Jahrhundert so viele Schüler gesessen, von dem so Viele Belehrung und Weisheit empfangen haben, nicht von dem Manne der Wissenschaft, der er Zeit seines Daseins als treuer Forscher diente, der er in geistvoller Weise neue Pfade eröffnete, nur als College möchte ich ihm ein Wort des Scheidens nachsenden, als Mitglied des Ausschusses des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, jener Körperschaft, die berufen ist, alle ethischen und religiösen Interessen des deutschen Judenthums, der jüdischen Deutschen zu fördern und zu vertreten. Sobald der Sitz des Gemeindebundes von Leipzig nach Berlin verlegt wurde, vor nunmehr 16 Jahren, trat der Verewigte in denselben ein. Denn wie die Gründer des Bundes war auch er fest überzeugt, daß man ein treuer und begeisterter Sohn des Vaterlandes und zugleich ein treuer Anhänger des uralten israelitischen Glaubens sein könne. Mit Eifer, mit Hingebung bethätigte er sich an den Arbeiten dieser Gemeinschaft. Jenes edle Pflichtgefühl, das ihn in allen Dingen leitete, beseelte ihn auch hier, und sein Rath, ausgehend von den höchsten und reinsten Gesichtspunkten, beruhend auf wohldurchdachter Grundlage, immer auf das Gute und Zweckmäßige gerichtet, fand gern Gehör und Nachfolge. Er wirkte hier wie überall durch sein ganzes Wesen, durch seine ganze Persönlichkeit. Wie gern lauschte man der ruhigen und doch so festen und warmen Sprache, wie gern folgte man jenen Worten, die aus der Tiefe eines treuen, edlen Herzens, eines hohen und umfaffenden Geistes hervorgingen. Dieser Mann des Friedens, des Edelmuthes konnte auch in Zorn gerathen, wenn er seinen Angehörigen die heiligsten Güter versagt und verkümmert sah, das Recht des Bekenntnisses zu seinem Glauben, wenn Niederes und Gemeines ihm nahe trat, das seinem Wesen sonst so fern lag. Aber nicht nur in allgemeinen Arbeiten hat er sich bethätigt, sondern er wirkte besonders auf einem Gebiete, das seiner ganzen Denkweise am nächsten lag, auf dem der Erziehung und des Unterrichtes. Er leitete die Jnspection des Religionsunterrichtes in den Hunderten kleinen Gemeinden, die von dem Bunde unterstützt werden, und so hat er in indirecter Weise Tausende von Schülern zur Religion und Sittlichkeit erziehen helfen. Er entwarf Lehrpläne für den Unterricht, er wirkte für die Förderung und Ausdehnung des Religionsunterrichtes an den höheren Schulen in programmatischer Richtung. Luder ist in den letzten Jahren Schwäche und Krankheit die Veranlassung gewesen, daß wir uns seiner Dienste nicht mehr in dem Umfange erfreuen konnten, wie früher. Aber darum wird die Dankbarkeit und Verehrung nicht geringer, es ist uns ein schönes Bewußtsein, diesen Weisen zu den Unserigen gezählt zu haben, und die Spur dieses Mannes wird niemals untergehen. Have pia anima! Lebe wohl, du treue, du edle Seele. Dein Andenken, das Andenken des Gerechten und Nutz und Segen noch vielen kommenden Geschlechtern!" Namens der Hörer der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums sandte dann noch Herr Dr. Joseph dem entschlafenen Lehrer und Meister einen warm empfundenen Scheidegruß nach. Für das, was er den Hörern, denen sein heiligstes Schaffen gegolten, gegeben, sprach er den Dank aus mit dem Gelöbniß, daß das Andenken des Verewigten die Schüler leuchtend umschweben und sie geleiten werde durch ihr ganzes Leben. Nach dem Schlußgesange bewegte sich der Trauerconduct in langer Reihe zu der Gruft, die den elften Platz in der Reihe der Ehrengräber auf dem Friedhofe in Weißensee einnimmt. Es war ein erhebendes und zugleich liefergreifendes Gefühl, als in dem Moment, wo die irdische Hülle dem Schoße der Erde übergeben wurde, das dichte Gewölk ein Strahl der Lenzessonne zertheilte, der, wie ein Scheidegruß die Ruhestätte des verblichenen Philosophen und Meister der Wissenschaft mit goldenem Lichte überfluthete. In der Leichenhalle wurde alsdann das Kadischgebet für den Verstorbenen gesprochen, dessen Name für alle Zeiten einen Ehrenplatz in der Geschichte der Wissenschaften behaupten und mit dem Ruhme der Unvergänglichkeit umkränzt bleiben wird, dessen Andenken nicht verlöschen wird in der Geschichte der deutschen Judenheit. Zur Nabbinrrwahl in Berlin. Berlin, 21. März. Am 17. d. M. verkündete ein hiesiges jüdisches Blatt, daß der Vorstand der Gemeinde einstimmig Herrn Dr. Jacob aus Göttingen zum Rabbiner in Berlin gewählt habe und nur noch die Bestätigung des Repräsentantencollegiums ausstehe, die man umso mehr als eine bloße Formsache ansehen dürfe, als die aus Repräsentanten beider Richtungen zusammengesetzte Rabbinerwahlcommission Herrn Dr. Jacob zwei Mal vorgeschlagen habe. Eine Woche vorher hatte ein politisches Tagblatt, demselben reformgemeindlichen Besitzer gehörig wie die erwähnte jüdische Zeitung, die Berufung des Herrn Dr. Jacob aus Göttingen nach Berlin als eine Thatsache gemeldet. Die Nachricht ist in der ersten Auflage falsch gewesen, und in der zweiten Auflage ist sie nicht richtig geworden. Der Vorstand hat über die Wahl des Herrn Dr. Jacob noch gar nicht abgestimmt und wird es vorläufig auch nicht thun. Wer der voreilige Freund des Herrn Dr. Jacob ist, weiß man nicht; man weiß nicht einmal, ob er ein aufrichtiger Freund und nicht vielmehr ein doppelt versteckter Gegner ist, der die tatsächlich vorhandenen guten Aussichten des Genannten stören und durch die wiederholten falschen Meldungen ihn veranlassen will, aus Ungeduld oder aus Ueberdruß seine Bewerbung zurückzuziehen. Dergleichen ist schon dogewesen. Es wäre auch begreiflich, wenn ein Manu, „der es nicht nöthig hat", lieber auf die Berliner Rabbinerstelle verzichtete, als daß er sich gefallen ließe, seinen Namen fortgesetzt durch die Zeitungen gejagt zu sehen, bald mit der Angabe, er sei gewählt, bald mit der Angabe, er sei nicht oder noch nicht gewählt. Das naive Publicum, das von den Schwierigkeiten und Umwegen einer Berliner Wahl nichts weiß, liest aus der verzögerten Wahl leicht eine Ablehnung heraus und sucht für diese nach verborgenen Gründen. Denn wenn es auch dem Rufe eines Mannes nicht abträglich ist, von den Berliner- Behörden als für den Berliner Rabbinerposten nicht geeignet oder nicht allgemein wünschenswerth angesehen zu werden, so liegt doch die Sache anders bei einer sich Monate lang hinziehenden Candidatur. Herr Dr. Jacob hat in Berlin Probe-Predigten und Vorträge gehalten. Waren diese unterwerthig, so konnte man ihn längst fallen lassen. Da man das nicht that, so muß angenommen werden, daß man mit seiner rhetorischen und wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit zufrieden war. Die Ursache der Wahlverschleppung mußte also auf einem anderen Gebiete liegen. Und hier beginnt nun der uferlose Strom der unfreundlichen und jedenfalls unerfreulichen Vermuthungen. Nichts, absolut nichts davon braucht begründet zu sein. Es genügt möglicherweise, daß der eine oder andere Wahlberechtigte an irgend einer pädagogischen Auffassung des Bewerbers Anstoß nimmt und vielleicht noch einen weiteren Candidaten in petto hat. Dergleichen kommt vor. Es ist ferner möglich und beinahe wahrscheinlich, daß die ganze Verschleppung ihren Grund in der schicklichen Rücksicht auf die Conservativen hat, die jetzt schon vier Jahre aus einen orthodoxen Rabbiner warten, und die man nicht dadurch kränken mag, daß man einen liberalen Rabbiner, dessen Wahl erst drei Jahre später nöthig geworden, früher anstell!. Solche Rücksichtnahme wäre ganz anerkennenswerth. Allerdings darf man nicht unerwähnt lassen, daß die Conservativen sie erzwingen könnten. Zur Wahl eines Rabbiners gehört in der Repräsentantenversammlung Zweidrittelmehrheit, und solche Zweidrittelmehrheit haben zur Zeit weder die Conservativen noch die Liberalen. Hier ist also ein Compromiß unumgänglich: Die Liberalen lassen sich von den Conservativen einen orthodoxen Rabbiner präsentiren, und die Conservativen nehmen aus den Händen der Liberalen einen modernen Rabbiner an. Dann erfolgt die Wahl Beider einstimmig. Darauf legt man nämlich hier großen Werth, obwohl es doch offenbar ist, daß diese Einhelligkeit nur Schein sein kann. Doch auch den schönen Schein soll man nicht verachten. Freilich wäre es besser, die Rabbiner würden mit knapper Mehrheit gewählt und befriedigten dann die ganze. Gemeinde, als daß sie einstimmig gewählt werden, um dann bei einem großen Theile der Gemeinde keinen Anklang zu finden. Mit dem conservativen Rabbiner aber will es nichts werden. Am 8. April wird Herr Oberlandesrabbiner Dr. Mannheimer aus Oedenburg in der Alten Synagoge eine Gastpredigt halten.