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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-03-24 · 12 (24.3.1899) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
12 (24.3.1899)
Date
1899-03-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 12 Vr. Vloch'» VochrnschrM Sette SW eingeführt, hat er nicht nur die Liebe zu dem heiligen Gottesbuche sein Leben lang bewahrt, sondern auch den Gottesglauben seiner Kindheit erhalten. Sein Glaube war mit ihm hindurchgegangen durch alle die verschlungenen Wege der Forschung und des Zweifels, und er hatte dabei nur gewonnen an beseligender Lust und Innigkeit. Das war freilich kein Glaube an äußere Autorität, an Buchstabe und Satzung, sondern ein Glaube au den Gott in der Menschenbrust und in der Geschichte, an den Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, an den Gott, in beni wir leben und weben, an den Gott, der uns durchleuchtet, durch seinen Geist und uns läutert durch seine Liebe. „Bei solcher Geartung war es nur natürlich, daß er sich mit ganzem Herzen Deiner Glaubensgemeinschaft anschloß, daß er Jahrzehnte lang in dem Schul- und Talmud-Thora-Vorstand unserer Genieinde eine hervorragende Thätigkeit entfaltete, daß er in der Lehrerabtheilung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebuudes als Vorsitzender die Arbeiten überwachte und daß er in der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums, der er seit ihrer Begründung als Lehrer angehörte, bibelkritische und religionsphilosophische Vorlesungen hielt. Mancher freilich, der den großen Gelehrten, den Erforscher der ursprünglichsten Regungen des Menschengemüthes und der dunklen Gesetze des geschichtlichen Werdens an den hohen Festtagen in der Synagoge beobachtete, wie er in früheren Jahren, in den Gebetmantel gehüllt, nicht nur der Predigt, sondern auch dem Vortrage der Gebete bis zum Schlüsse des Gottesdienstes andächtig lauschte, mochte meinen, daß in ihm zwei Seelen wohnen, die ihn abwechselnd beherrschen. Allein, was anderen Menschen unvereinbar erschien, mußte es darum noch nicht für ihn sein, wie denn überhaupt die Geschichte vielfach bezeugt, daß die Eigenart der hervorragendsten Männer gerade in der. harmonischen Vereinigung scheinbarer Gegensätze besteht. Unsere heilige Schrift kennt und gebraucht oft ein Wort, das in dem gleichen Sinn meines Wissens sonst nirgends vorkommt, ich meine das Wort zb nösrt" „Herzensweisheit", ein Wort, das gerade die Bereinigung solcher Gegensätze in sich begreift. Diese „Herzensweisheit", die mit dem schärfsten Verstände gepaart sein kann und die wir an Männern, wie Maimouides, bewundern, begründete auch die Eigenart unseres Verklärten. Darum war sein ganzes Leben ein Zeugniß für die Wahrheit des Schristwortes: . „Siehe, die Furcht des Herrn ist Weisheit und das Böse meiden ist Vernunft". Darum blieb er mit seiner Glaubensgemeinschaft in Lehre und Leben innig verbunden und darum wandte er sich mitten in seinen vielseitigen Fachstudien immer wieder der Bibel zu, bis er sich zuletzt mit ihr fast ausschließlich beschäftigte. „Als er im Jahre 1885 die Reihe seiner größeren Werke mit der Veröffentlichung der Ethik abgeschlossen hatte, da gelobte er sich, den Rest seines Lebens der Erklärung der Bibel zu weihen und dadurch zur Würdigung des Judenthums, dessen Verkennung durch andere, auch gelehrte Männer, ihn so tief gekränkt hatte, zu seinem Theile beizutragen. Dieser seiner Thätigkeit verdanken wir die beiden Bände „Zur Bibel und Religionsphilosophie". Hier erhalten wir tiefgründige Aufschlüsse über den Geist des biblischen Alterthums, die klarsten Nachweise über den ethischen Gottesbegriff und unwiderlegliche Zeugnisse für die ideale Weltanschauung der Propheten. Seine Kritik war hier wie überall schöpferisch, d. h. die Entfaltung des innersten Wesens des zu Beurtheilenden. Was uns aber an diesem Werke am schätzbarsten erscheint, das ist die ästhetische Kritik der Bibel. Die Schönheit unserer heiligen Schrift hat in den letzten Jahren keiner so erfolgreich aufgezeigt, wie er; hat Herder vormals die Poesie der Bibel verherrlicht, so hat er unsere Aufmerksamkeit auf die Erzählkunst, auf die Prosa derselben hingelenkt und ihre hohe Vollendung durch Parallelstellen aus den besten Erzeugnissen der Weltliteratur unwiderleglich dargethän. „Aus solcher Thätigkeit schöpfte er Trost in den letzten Jahren, wo über unseren Erdtheil die schönsten Sterne der sittlichen Bildung zu verlöschen drohten. Für ihn war ja die Beschäftigung mit der Wissenschaft überhaupt Gottesdienst im wahrsten Sinne des Wortes. Er sagt einmal gegenüber Denjenigen, welche eine heilige Literatur von der profanen unterscheiden: „Profane Literatur gibt es gar nicht. ...... Was wirklich Literatur zu heißen verdient, kann nicht profanem Geiste entstammen". „Vollends sein Lehramt war ihm ein Heiligthum, dem er mit ganzer Seele oblag, solange die Kräfte nicht versagten. Aber er übte sein Lehramt nicht blos an der Universität, nicht nur an der Lehranstalt, sondern auch inmitten seiner Glaubensgemeinde. Als Bethätigungen dieses Lehramtes erachte ich nämlich seine jüngsten Aussätze in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums", worin er uns, wie einer der echten Propheten der Vorzeit, das Gewissen schärfte und uns zur Treue gegen das heilige Erbgut der Vorfahren aufrief, und seine Vorträge über Andacht, über Demuth, über Toleranz und über ähnliche Gegenstände, die er in früheren Jahren vor der treuen Gemeinde, unserer sogenannten Montagsvorlesungen, hielt. Wie keiner ohne tiefe Ergriffenheit jene lesen konnte, so ging sicher Niemand, der diese gehört, ohne innere Läuterung von dannen. „Aber so unübertrefflich die Gaben seines Geistes in Inhalt und Form waren, der Erfolg seiner Wirksamkeit lag doch vor Allem in seiner sittlichen Persönlichkeit. Wer i h n sah, wer i h n hörte, der fühlte sich fortgerissen zu dem Bekenntniß des biblischen Weisen: „Siehe, die Furcht des Herrn ist Weisheit und das Böse meiden ist Vernunft". Denn sein Leben war die Verwirklichung seiner Lehre, er selbst im Hause wie im Hörsäale, in der Familie wie im Freundeskreise das ideale Vorbild dessen, zu dem er seine Schüler erziehen wollte. Er war ein Weiser nicht blos an Erkenntniß, sondern auch und vor Allem in seiner Lebensführung. Er hat sich sein Herz bis ins Greifenalter kindlich erhalten, d. h. frei von aller Bitterkeit gegen die Menschen und das Schicksal, trotzdem sie ihm nur wenig gewährt und gar viel abgefordert hatten. Nichts als die Unwahrheit und die Bosheit der Menschen konnte ihn aufbringen, aber in dem Glauben an den Sieg des Wahren und Guten fand er alsbald seine Ruhe wieder. Sein von Silberhaar umrahmtes Haupt, sein vom Denken durchgeistigtes Antlitz war der Spiegel seiner reinen Seele, und seine zarte Stimme hatte jenen sympathischen Klang, der uns ins Herz dringt, weil er vom Herzen kommt. Die Unterhaltung mit ihm war für Jeden nicht blos belehrend, sondern geradezu erhebend; bescheiden und anspruchslos spendete er aus dem unerschöpflichen Born seines Wissens, aus dem reichen Schatze seiner Weisheit, und er ahnte es nicht, wie sehr er den Hörer erfreute und beglückte. Kein Wunder, daß er uns allen seit jeher ein Gegenstand der höchsten Liebe und Verehrung war, und ich will es an seiner Bahre gern bekennen, daß ich seit Jahren immer wieder an ihn dachte, so oft in der Synagoge jene Perikope verlesen wurde, in der berichtet wird: „Und Mose wußte nicht, wie sehr sein Antlitz erstrahlte." „So war der Mann geartet, den die Gnade Gottes bis ins hohe Greisenalter in unserer Mitte weilen ließ. Kein Titel, den er sich nicht selbst erworben, keine Auszeichnung schmückte ihn, aber von ihm gilt das Wort unserer Alten: Mehr als alle Titel und Würden bedeutet sein Name. Sein Leben war beglückt durch die opferwillige Hingebung seiner Lebensgefährtin, mit der ihn eine Gemeinschaft im Tiefsten und Innersten verknüpfte, durch die Liebe seiner einzigen Tochter, die wie Frühlingssonnenschein ihm das Herz erquickte, durch die Anhänglichkeit seiner Verwandten, die sich um ihn als um den Mittelpunkt der Familie dankbar schaarten, durch die treue Gesinnung seiner Freunde, die ihm ihre Freundschaft bis ans Ende bewahrten, durch die unwandelbare Verehrung der Curatoren und Docenten unserer Lehranstalt, die in ihm die Krone derselben erblickten. So lebte er in unserer Mitte, und da er nun von uns geschieden, rufen wir ihm abermals nach: Mein Vater, mein Vater! Wagen Israels und seine Reiter! „Möge der Geist des Dahingeschiedenen uns erwecken zur Nachfolge in seinem Wagen! Möge es in unserer Mitte an hervorragenden Männern nicht fehlen, die wie er erkennen und bethätigen das Wort, das er-einst an die Spitze eines Vortrages gestellt hat: „Lebendige Religion ist mehr als ein Lehrbegriff, als eine Gesammtheit von Lehrsätzen über Gott, Mensch und Natur, als eine Weltanschauung. Zur vollen Religion gehört auch ihre Wirksamkeit auf das Gemüth und die Gesinnung, auf Fühlen und Wollen, auf die ganze Lebensform." Das walte Du, in Deiner Huld und Gnade, Allvater, der Du uns einst durch Deinen Diener Mose zugerufen: „Ich verwunde und ich heile. Amen!" Nach abermaligem Chorgesang: „Das Menschenleben gleicht der Blume auf dem FeldeV widmete Herr Professor Philippson namens des Deutsch - Israelitischen Gemeinde« bundes dem Verewigten einen kurzen Nachruf, den wir ebenfalls im Wortlaut wiedergeben:

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