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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-03-24 · 12 (24.3.1899) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
12 (24.3.1899)
Date
1899-03-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 233 Vr. Vloch'r Freunde Ludwig Bamberger's vereinigt, um in würdiger Feier des am Vormittage in die Grnft gesenkten Tobten zu gedenken. Der Saal war mit schwarzem Tuch aus geschlagen und die florumhangenen Lampen warfen einen düsteren Schein auf die Lorbeerkränze, die als einziger Schmuck von den Wänden herabblickten. Eingeleitet wurde die weihevolle Feier durch den Gesang der Schubert'schen Litanei „Ruh'n in Frieden alle Seelen". Dann betrat der Abgeordnete Dr. Barth die schwarz behangene Rednertribüne und feierte in einstündiger Rede das Andenken Ludwig Bamberger's. Professor Haim Skeinthal. Mit Professor Chajim S t e i n t h a l, der in der Nacht vom 13. zum 14. d. M. im 76. Lebensjahre einer Lungenentzündung erlegen, ist ein Fürst im Reiche des Geistes dahingegangen, der zu den hervorragendsten Söhnen des Judenthums in dieser Generation gezählt werden muß. Er war ein Initiator, ein Bahnbrecher auf verschiedenen Gebieten menschlicher Erkenntniß, und sein Leben bildet ein ansehnliches Capitel vom Antheil der deutschen Juden am Ruhme deutscher Wissenschaft und Philosophie. Durch seine „Geschichte der Sprachwissenschaft bei Griechen und Römern" enthüllte er in der Sprache des Volkes seine Weltanschauung und Logik, und begründete die Wissenschaft der Völkerpsychologie. Seine „Charakteristik der hauptsächlichsten Typen des Sprachbaues" zählt zu dem Bedeutendsten, was die Deutschen auf dem Gebiete der Sprachwissenschaft geleistet haben. Es lehrt die Kunst der Sprachschilderung, wie meines Wissens kein zweites Werk unserer Literatur, sagt Georg von Gabetenz. Die „Einleitung in die Psychologie und Sprachwissenschaft" bezeichnet Profeffor E d m a n n in Halle als die gehaltvollste Leistung auf rein psychologischem Gebiete aus den letzten Jahrzehnten. „Eine Bestätigung dafür bietet die Thatsache, daß Steinthal allein unter Allen schulbildend gewirkt hat; daß seine Wirksamkeit sich auf weitaus die meisten jüngern Autoren erstreckt, die psychologische Fragen bei uns discutirt. Bon unendlichem Werthe für das Judenthum ist seine 1890 erschienene kleinere Sammlung von Borträgen und Abhandlungen unter dem Titel „Zur Bibel- und Religionsphilosophie", deren Lectüre Jedem eine wahrhafte Herzstärkung gewährt. Als Mensch war S t e i n t h a l bis auf jede Faser seines Innern das vollkommene Ebenbild dessen, was er in seiner „Ethik" als wissenschaftlich begründete moralische Forderung hinstellte. Darin liegt die eigentliche Bedeutung des Mannes, der in seiner wissenschaftlichen Forschung furchtlos von Folgerung zu Folgerung fortschritt. Ec war einer von jenen mildgesinnten wiffenschaftlichen Radicalen, die vor keiner Consequenz zurückschrecken, und die trotzdem die Gegner niemals verletzen, weil jedwede, auf das rein Persönliche gerichtete Malice fehlte. Die Auflösung eines psychologischen Vorganges in seine Grundbestandtheile, das war für den kritischen Denker Steinthal die einzige Aufgabe; stellte sich dabei gleichzeitig die Unhaltbarkeit gewisser durch die ältesten Ueberlieferungen geheiligten Vorstellungen als eine unabweisliche Nothwendigkeit heraus, — so niußte eben fallen, was vor der wissenschaftlichen Erkenntniß nicht Stand halten konnte. Allein, wie weit würde der irren, der den Verstorbenen für eine kühl abwägende Natur erklären wollte. Im Gegentheil. Eine für Wahrheit, Recht und echtes Menschenthum lodernde Seele flammte in seinem Inneren. So wenig wie Baruch Spinoza gehörte Chaijim S t e i n t h a l zu den leidenschaftslosen Menschen. Die Wahrheit, das Menschenthum, das waren die Elemente seines Daseins, die seine innerliche Leidenschaft bildeten. Ein wirklicher Weiser, suchte er die Fehler seiner Mitmenschen weder zu verspotten, noch zu beklagen, sondern sie zu begreifen. Wie jedem Weisen, so war auch S t e i n t h a l die Gabe jenes feinen, überlegenen Humors verliehen, der erfrischt und erquickt und in den Kern der Sache trifft, und der dennoch niemals kränkt oder beleidigt. So mild seine Gesinnung, so vornehm sein Fühlen und Empfinden, so unbefangen sein Urtheil auch immer war, zuweilen konnte er einen spitzen Pfeil losschnellen, gleichsam nur um zu beweise», daß er sich auch auf den Gebrauch dieser Waffe verstand. Es gibt Menschen, denen der Adel ihrer Gesinnung mit unverkennbaren Zügen auf der Stirn geschrieben steht. Denn Wochenschrift Nr. 13 nicht nur der Genius der Denkkraft und der Phantasie, auch der des Gemüthes leuchtet in und aus den Augen. Zu diesen Aus erwählten gehörte S t e i n t h a l, dessen Gedenken ein gesegnetes bleiben wird. Die Beerdigung fand unter großer Theilnahme aller Kreise der jüdischen Gemeinde statt. Besonders zahlreich war die Betheiligung aus der Gelehrtenwelt. Die Universität wurde durch den derzeitigen Rector Herrn Geheimen Medicinalrath W a ld ey er und den Decan der philosophischen Facultät Herrn Professor S ch w a r tz officiell vertreten; von der philosophischen Facultät waren außerdem erschienen die Herren Prof. Paulsen, Johannes Schmidt, Oppert, Tobler, Weber und der Privatdocent, der bekannte Goethebiograph Dr. Richard M. Meyer, von der technischen Hochschule Herr Prof. K a li sch er. Die Universität Basel hatte Herrn Professor Joel, die Universität Bern Herrn Prof. Stein entsandt, aus Marburg wohnte Herr Geheimer Regierungsrath Prof. Cohen, aus Bremen Herr Prof. A ch e l i s, zwei Schüler Steinthal's, der Feier bei. Den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund vertrat Herr Prof. P h i l i p p s o n, den von Steinthal milbegründeten wissenschaftlichen Centralverein und die Humboldtakademie Herr Landtagsabgeordneter Dr. Max Hirsch. Das Curatorium, Lehrercollegium und die Hörer der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums waren vollzählig erschienen, um ihrem Lehrer das letzte Geleite zu geben, auch die Lehrkräfte der hiesigen jüdischen Knaben- und Mädchenschulen hatten sich zahlreich eingefunden. Vom Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde waren die Herren Rechtsanwalt Dr. F u ch s, Julius Iacoby" und Martin Simon, von Repräsentantencollegium die Herren Dr. Minden, Albert Philipp Meyer, Leonhard Sachs, Willibald Löwenthal und Prof. B l a s ch k e zugegen. Von den Studentischen Corporationen hatte der Akademische Verein für jüdische Literatur und Wiffenschaft vier Chargirte, welche die Vereinsfahne mit sich führten, entsandt, ebenso war die Bereinigung jüdischer Studirender durch eine Abordnung vertreten. Wir bemerken ferner u. A. die Herren Geheimen Sanitätsräthe Dr. Marcuse und Neumann. Unter den Kränzen, welche zu Füßen des Sarges niedergelegt waren, fielen besonders auf die der Lehranstalt und des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes und das von Herrn Profeffor Paulsen mit der Inschrift „Seinem verehrten Freunde" gespendete letzte Liebeszeichen. Nach einleitendem Gesänge, der von dem Chore der alten Synagoge ausgeführt wurde, nahm Herr Rabbiner Dr. Maybaum das Wort zu folgender gedankenreicher und tiefergreifender Trauerrede: „Ach, wende Dein gnadenreiches Antlitz 'mir zu, da ich vereinsamt und verarmt bin"' So betet an diesem Sarge mit den bekümmerten Hinterbliebenen unsere trauernde Gemeinde zu Dir, Allvater,' dem Tröster in allem Leid. Sie wußte, was sie an ihm, dem Verklärten besaß, sie verehrte ihn als ihren großen Sohn. Darum trauert sie um ihn, wie um einen Einzigen, und wie der Hirsch nach Wasserbächen schreit, so schmachtet ihre Seele nach Deinem Trost, o Gott. O, sei uns hier nahe mit Deinen Friedensgedanken. Er war ja durch tausend Bande der Liebe und der Freundschaft mit uns verknüpft, wie sollte da die Trennung nicht schmerzen? Wie sollte der Blick ins Leere uns nicht ängstigen? Laß aus dieser Trauerfeier Segen sprüh"» für diese Trauergemeinde, auf daß sie erkenne, beherzige und bethätige, was dieser Verklärte durch sein ganzes Leben bezeugt hat, nämlich die Wahrheit des Sprichwortes: „Siehe die Furcht des Herrn ist Weisheit und das Böse meiden ist Vernunft". Amen! „Andächtige Trauerversammlung! Wie einst der Prophet Elias, als sein Lehrer und Meister von ihm genommen wurde, also brechen auch wir an dieser Bahre in die Klage aus: „Mein Vater, mein Vater! Wagen Israels und seine Reiter!" Denn auch uns ist der prophetische Meister entschwunden, nur der Mantel, seine entseelte Hülle ist uns zurückgeblieben. Von Jugend auf lebte er in unserer Mitte, hier stieg er von Stufe zu Stufe zu den Höhen der Wiffenschaft hinan, bis daß er als ein weithin leuchtender Stern am Himmel der deutschen Forschung erglänzte. Und ob er auch durch das Licht seines Geistes den weitesten Kreisen neue Bahnen der Erkenntniß aufgezeigt, so war er doch auch unser, nicht blos in dem Sinne, daß wir uns in ihm spiegeln durften, sondern unser mit seinem Geiste und seinem Herzen. Aus einem frommen, altjüdischen Hause hervorgegangen und von dem Landrabbiner seiner Heimat « das Berständniß der heiligen Schrift und [):*: Ti i t rr:

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