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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-03-24 · 12 (24.3.1899) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
12 (24.3.1899)
Date
1899-03-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 230 Vr. Vloch'» Wochenschrift Nr. 12 gewählte und vom Gesetze berufene Vertretung der Wiener Aerzte. Das convenirt aber den Antisemiten nicht, denn auf diesem Wege ist es nicht möglich, die jüdischen Aerzte zu boycottiren. Da hat unlängst das judenreine „freiwillige Rettnngscorps" auf eigene Faust Aerzte für den Nachtdienst bestellen wollen, und zwar mit Ausschluß aller jüdischen Aerzte. Die Vorspiegelung eines ausschließlich humanen Zweckes sollte den eigentlichen Beweggrund des Antisemitismus bemänteln, und es war selbstverständlich, daß die Majorität der Wiener Aerzte gegen diesen Versuch, auch die medicinische Wissenschaft und die ärztliche Thätigkeit iu den Koth des Antisemitismus herabzuzerren, entschiedenst Stellung nahm. Die anständigen Aerzte fordern, daß die Kammer diese unter absichtlicher Ausschließung aller Juden zu bewerkstelligende „Organisation" des Nachtdienstes als standeswidrig erkläre. Das neue antisemitische Parteiorgan, die „Deutsche Zeitung" hat anläßlich dieser vom ärztlichen Vereine im IX. Bezirke gegebenen Anregung einen Wuthanfall bekommen. Der Wiener Aerzteverein sei bisher blos judenrein gewesen; nunmehr müsse er antisemitisch werden und müsse „das jüdische Natterngezücht in den Staub treten." Die Frechheit jüdischer Aerzte in Wien übersteige schon alle Grenzen. In der Privatpraxis verdrängen sie die Christen durch die schmutzigste Concurrenz und Reclame, durch Bestechung der Hausbesorger und der Hebammen, durch planmäßige Ausnützung der menschlichen Schwächen, durch ihr keckes, den Eindruck der Sicherheit machendes Auftreten den Kranken gegenüber wie durch hündisches Wesen. Wie man Sicherheit des Auftretens mit hündischem Wesen vereinen kann, das mag Herrn Dr. W ä h n e r verständlich und geläufig sein; in der ärztlichen Praxis sind solche Schlangenmenschen und Akrobaten des Charakters wohl nur in seltenen Exemplaren anzutreffen. Am Sonntag wurde in der Universität das Denkmal eines jüdischen Arztes enthüllt, dessen Namen die europäische Gelehrtenwelt mit Verehrung nennt. Diese Anführung genügt, um die unfläthigen Angriffe antisemitischer Streber der öffentlichen Verachtung zu überliefern. * * * Die christlich - socialen Verleumder scheuen auch vor dem Andenken eines Verstorbenen nicht zurück, den das System brutaler Gewissenlosigkeit in den Tod getrieben hat. Der dicke Herr mit der goldenen Brille war es, der den dahingeschiedenen Lehrer P e y r l verdächtigte. Man solle nur in der Verwaltung der „Freien Lehrerstimme" fragen; dort fehlt etwas. Und Ernst Schneider, der Wassermesserlieferant, der Berleiter zu falschen Zeugenaussagen, stand sofort mit der Frage bereit: „Hat er was gestohlen?" Herr Gregorig und Herr Schneider haben da unter dem Schutze der Immunität eine Infamie begangen, deren wahrhaftig nur Antisemiten fähig sind. Was sind gegenüber dieser ruchlosen Ehrabschneiderei, an einem im Grabe ruhenden unbescholtenen Manne begangen, die Beschimpfungen, mit denen sie den Abgeordneten N o s k e überhäuften? Was bedeuten da die Rohheiten eines Strobach, das Benehmen der Schreiner und Consorten? Die Bevölkerung sieht gleichgiltig zu, wie diese Stadt durch den Antisemitismus immer mehr verpöbelt wird. Das waren Sitzungstage im Landtage und im Gemeinderathe, an welchen man dessen vergessen konnte, daß dort Europäer versammelt seien. Ein Impresario, der die Veranstalter dieser Scenen zu einer Truppe vereinigte und sie in Kamerun für Geld sehen ließe, würde ein ausgezeichnetes Geschäft machen. Nur müßte man den Negern ausdrücklich sagen, es seien das Menschen, die man in ihrer europäischen Heimat zu Häuptlingen macht, weil sonst die Zuschauer ärgerlich darüber wären, daß sie Entree bezahlt haben für die Besichtigung von Geschöpfen, die sie im Urwald täglich umsonst sehen können, mit dem einzigen Unterschiede, daß die Exemplare aus Wien nicht mehr Possirlich sind. * * * Der berühmte L u e g e r'sche Hinweis auf die zwölf Männer, welche zufällig Geschworene geworden sind, soll von der christlich-socialen Gemeindeherrschast bei den Vorschlägen für die Zusammenstellung der Geschworncnlisten beherzigt worden sein. Die Delegirten der Gemeinde Wien bei der Commission, welche die für das Amt eines Geschwornen geeigneten Männer aussucht, sind antisemitische Parteigänger, und so weit ihr Votum reicht, waren sie darauf bedacht, die Zufälligkeiten im Vorhinein zu corrigiren und möglichst viele Christlich-Sociale in die Liste hineinzubringen. Das geht aus den von Dr. Ellbogen veröffentlichten Daten über die Geschwornenliste des Jahres 1899 klar hervor, und da die antisemitische Presse über diese Enthüllungen höchst entrüstet ist, gestatten wir uns die bescheidene Anfrage: Ist es wahr oder ist es unwahr, daß Herr Josef G r e g o r i g bei der Zusammenstellung der Liste für das Jahr 1899 als Delegirter der Gemeinde Wien fungirte? Wir betonen hiebei ausdrücklich, daß daraus nicht etwa ein Zusammenhang zwischen der Zusammensetzung der Jury und irgend einem Berdicte abgeleitet werden soll. Uns handelt es sich nur um die Feststellung, ob ein christlich-socialer Parteiführer bei der Zusammenstellung der Geschwornenliste für das Jahr 1899 intervenirt hat, obgleich er wußte, daß er vor dieser Jury in eigener Sache. als Kläger erscheinen wird. * * * Der christlich-sociale Antisemitismus und der Clericalismus sind identisch, und der Jesuitismus ist der Dritte im Bunde. In der Volkshalle hat ein Protestmeeting gegen die bekannte Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes in Sachen der Kirchenbausubvention stattgefunden, und Herr Dr. Pattai leitete seine Rede oamit ein, daß das Thema einen großen Theil juristischer Fragen umfasse. Man hätte nun glauben sollen, Herr Dr. Pattai als Jurist werde nachzuweisen versuchen, daß das Urtheil des Verwaltungsgerichtshofes mit dem Gesetze nicht im Einklang steht. In diesem Falle hätte der Protest eine Berechtigung gehabt. Diesen Nachweis hat aber Herr Dr. Pattai nicht einmal versucht, geschweige denn erbracht, sondern er hat den jesuitischen Kniff gebraucht, das Gesetz vom 25. Mai 1868, wonach Niemand zu Leistungen für eine Religionsgesellschaft verhalten werden kann, der er nicht selbst angehört, als ein nur für die Juden gemachtes hinzustellen, als ein Gesetz, welches „die verbissensten Anhänger des Liberalismus der Krone abgerungen haben" und das Gesetz vom Jahre 1874, betreffend die Bildung der katholischen Pfarrgemeinden als ein Gesetz, das wieder „Stremayer gemacht hat, um den Juden zu gefallen". Herr Dr. Pattai meint, wie wir dem Bericht des „Deutschen Volksblattes" entnehmen, das Staatsgrundgesetz müsse wenigstens einigermaßen „in Contact mit den bestehenden Verhältnissen gebracht werden". Man suche deshalb das Gesetz zu umgehen, und wenn das einige Zeit gelungen ist, dann fahre der Verwaltungsgerichtshof mit seiner C o n s equenzmacherei dazwischen. Wenn das juristisch gesprochen ist, dann ist Herr Bielohlawek ein Philosoph. Herr Dr. Pattai ärgert sich also darüber, daß die Umgehung des Gesetzes gestört wird; die theoretische Gleichberechtigung aller Confessionen", die er beklagt, darf seiner Ansicht nach nicht verwirklicht werden, weil man mit diesen Gesetzen an die „historische Macht" der katholischen Kirche vergessen hat. Dr. Pattai ist der lebendige Beweis dafür, daß der christlich-sociale Antisemitismus und der Clericalismus Identisch sind. Der dritte im Bunde ist der Jesuitismus. Es ist nämlich eine jesuitische Verdrehung, eine wissentlich unrichtige Folgerung, wenn Herr Dr. Pattai seinen Zuhörern einreden will, die Stadt Wien dürfe nach dem Ausspruche des Verwaltungsgerichtshofes nicht einmal einen Aufwand machen, um den Kaiser zu begrüßen. Das ist eine tendentiöse und unehrliche Speculation, um die loyalen Gefühle der Bevölkerung in eine falsche Richtung zu lenken und zu Gunsten des Clericalismus zu mobilisiren. Die Methode ist nicht neu, sie gehört zum Antisemitismus, welcher auch die Religion zum politischen Agitationsmittel herabgewürdigt hat. Die Religion ist für die Antisemiten beider Richtungen, der christlich - socialen und der deutschnationalen, ein politisches Geschäft. Robert Wolf. Eine antisemitische Niederlage. Man schreibt uns aus Teplitz unterm 19. d. M.: Bekanntlich haben bei der vor vierzehn Tagen stattgehabten Generalversammlung des Deutschen Turnvereins, der mehr als 350 Mitglieder zählt, die Radicalnationalen unter Aufwendung aller ihrer Kräfte den Antrag des Vorstandes mit 62 gegen 61 Stimmen verworfen, wonach der Teplitzer Turnverein in dem nunmehr antisemitisch gewordenen Turngau verbleiben soll. Die Schlappe vor vierzehn Tagen wurde in der heutigen Fortsetzung der Generalversammlung, zu der die Fortschrittlichen, an der Spitze der Bürgermeister Abgeordneter Siegmund, die Herren Stadträthe, Stadtverordneten, Fabrikanten, Aerzte, Advocaten und Kaufleute sehr zahlreich erschienen waren, in glänzender Weise wieder wett gemacht; die Nationalen hatten mit Eifer ihre Candidatenliste circulirt; bei der unter allgemeiner Spannung

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