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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-03-24 · 12 (24.3.1899) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
12 (24.3.1899)
Date
1899-03-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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«ettelLSS Dr. Bloch'» Wochenschrrfi Str. 12ffe der antisemittschen Streberpartei Widerstand entgegenzusetzen? Es dürste noch lebhaft in Erinnerung sein, welche Anfeindungen, Verdächtigungen und Beschimpfungen in allerletzter Zeit ein derartiger „Aussendling" zu erdulden hatte, — der wohl im Aufträge der Regierung, aber auf feine eigenen Kosten, eine überseeische Mission ongetreten hat, — trotzdem ihm fachlich und fachlich die eminenteste Befähigung zur Seite stand, nur einfach deshalb, weil er Jude ist. Wird es den Aussendlingen des Baron Dipauli nicht ebenso ergehen, wenn sich die zwingende Nothwendigkeit ergeben sollte, sie aus dem „auserwählten Volke" zu recrutiren? Baron Dipauli ergeht es, wie B i l e a m. Er ist ins Amt eingetreten mit agrarischen Tendenzen, die Alles, was Handel und Verkehr berührt, verdammen, und nun sieht er sich durch die Verhältnisse und Umstände bemüßigt, dem Commerz seinen Segen zu ertheilen. Der vielgeschmähte und verlästerte Handel wird von Regierungswegen wieder in alle Ehren, die ihm gebühren, deren er sich in allen fortgeschrittenen Staaten erfreut, eingesetzt. Wird Baron Dipauli zur logischen Consequenz gelangen, die zersetzenden Elemente im staatlichen Leben, den Antisemitlsmus, denen jede freie Bethätigung im Handel und Verkehr ein Dorn im Auge ist, mit Stumpf und Stil auszurotten? Die ötothwendigkeit würde es gebieten, denn mit Palliativmitteln wäre nichts erreicht; zu dieser Einsicht wird der Chef des österreichischen Handelsamtes früher oder später gelangen — wenn er sie nicht schon derzeit besitzt. Eduard Beer. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Wie Vergani den Wahner empfiehlt. — Höchste Fructifieirung eines Kindesmordes. — Bon Dienstboten und ihren Erlebnissen. — Die Liebe in Küche und Keller, — Gegen die jüdischen Merzte. — Wiener in Kamerun. — Die Geschwornenliste. — Dr. Pattai gegen das Gesetz.) Der Mantel V e r g a n i's ist auf den Dr. Theodor Wähn er gefallen. Seitdem der Bürgermeister seinen ehemaligen Leibjournalisten, welchem er anläßlich des vor dem Schwurgerichlshofe erbrachten Wahrheitsbeweises der stattgefundenen Veruntreuung von Gemeindeobligationen seine Hochachtung ausgesprochen, als käuflich gebrandmackt hat, nachdem sich Bergani, abgesehen von erpreßten Pauschalien, von der Unternehmung der Schuckertwerke hat bestechen lassen, ist die sogenannte „Deutsche Zeitung" zum Moniteur der antisemitischen Partei erhoben worden. Vergani hat demgegenüber ein drolliges Manöver versucht, um seine Leser über die vollzogene Wandlung zu täuschen. Anläßlich einer Warnung vor der Judenpreffe empfiehlt er jenem Theile des Publicums, welchem er selbst als Antisemit zu radical erscheinen könnte, das Abonnement seines eigenen Concurrenzblattes, der „Deutschen Zeitung". Diese heitere uneigennützige Empfehlung ist natürlich mit der nöthigen Perfidie begründet; die „Deutsche Zeitung", meint der Besitzer des Antisemitenhofes, repräsentire „die mittlere Richtung". Das ist echt L u e g e r'sche Doppelzüngigkeit. In demselben Satze, in welchem Vergani als selbstloser Verfechter der antisemitischen Sache posirt, denuncirt er das neue Parteiorgan als ein solches, von welchem eine entschieden antisemitische Richtung nicht zu erwarten ist. Dr. Theodor W ä h n e r, seinerzeit der gleichzeitige Inhaber eines Tramwaypauschales und kommunaler Referent in Tramwayangelcgenheiten, versteht sich aber auch schon aufs Geschäft. Das Beispiel B e r g a n i's hat ihm gezeigt, daß es geistiger Arbeit nicht bedarf, um als antisemitischer Zeitungsmann Geld zu machen. Es genügt dazu eine ausgiebige Portion von Gemeinheit, und in dieser Hinsicht versucht es die „Deutsche Zeitung", ihr geschäftliches Vorbild zu überbieten. Die deutschnationale Marke hat Dr. W ä h n e r längst abgestreift, um sich das christlich-sociale Halsband umschnallen zu lassen und als treuer Begleiter hinter Lueger, Schneider und Gregorig einherzulaufen, und um dem leider allzu gründlich empfohlenen früheren Repräsentanten der „christlichen Presse" in der Gunst des antisemitischen Publicums den Rang abzulaufen, sucht er chn durch größere Niedertracht in der Verleumdung der Juden zu überttumpfen. * * Bor dem Wiener Schwurgerichtshofe war vor einigen Tagen ein Dienstmädchen wegen Ermordung ihres sechs Monate alten Kindes angeklagt. Der außereheliche Vater dieses Kindes soll der Bruder des Dienstgebers der Angeklagten sein. Sie behauptete, er habe sie gewaltsam entehrt und dann, als sie Mutter geworden, nicht einmal das Kostgeld für das Kmd bezahlen wollen. Was den ersteren Umstand betrifft, so ist die Rlcyligkett desselben durchaus nicht constatirt. Eine Anzeige oder eine strafgerichtliche Untersuchung wegen Verbrechens der Rothzucht hat nicht stattgefunden. Das ist aber auch vollkommen gleicygüttg. Es wäre möglich, daß ein sittlich verkommener Mensch das Mädchen unglücklich gemacht und daß er sodann das bedauernswerlhe Geschöpf schmählich verlassen hat, und dieser Lotterbube mag ein Jude gewesen sein. Solche Schurkereien sind auch schon von Deutschen, von Czechen und Anderen begangen worden, oder, wenn es sich nicht um die Nationalität, sondern um die Consession handelt, von Katholiken und Protestanten. Keinem gerecht denkenden Menschen wird es in den Sinn kommen, aus diesem Verbrechen eines sittlich defecten Menschen einen Vorwurf gegen eine Nattonalität oder eine Consession abzuleiten. Das angeklagte Dtenstmädchen ist weder von einem Arier noch von einem Semiten verführt und verlassen worden, sondern von einem gewissenlosen Menschen, und wenn dieser ein Jude war, so wird dessen Handlungsweise von allen Juden aufs allerschärfste verdammt werden. Für die Geschästsantisennten steht natürlich die Sache ganz anders; im „Deutschen Volksblatt" waren die Berichte über den Proceß betitelt: „Ern Opfer jüdischer Lüsternheit" und in der „Deutschen Zeitung" : „Ein Opfer jüdischer Gemeinheit". Dabei ist noch zu beachten, daß nach den Ergebnissen der Verhandlung eine zwingende Rotywendigkeit für die Verführte, sich ihres Kindes durch Weglegung, geschweige denn durch Mord, zu entledigen, gar nicht bestanden hat, daß sie sich nicht die geringste Mühe gab, das Kind unterzubringen, obgleich dies, wie Zeugen ausjagten, leicht möglich gewesen wäre, auch ohne daß sie bezahlen konnte. Sehr interessant ist aber auch die von mehreren Zeugen bestätigte Aeußerung der Angeklagten: „Ich kann das Kmd nicht leiden, weil es von einem Juden ist". Diese Aeußerung wurde von den Antisemitenblättern mit offenbarer Genugthuung registrirt und auffällig hervorgehoben, in der Meinung, wieder einmal ein Argument zu Gunsten des Antisemitismus gefunden zu haben, obgleich sie gerade ein Beweis dafür ist, daß die antisemitische Gesinnung die natürlichsten menschlichen Gefühle so weit beeinträchtigt, daß sie sogar die Mutterliebe zerstört. Der Entschluß, das eigene Kind zu ermorden, wurde in dem Herzen der unnatürlichen Mutter durch den Antisemitismus gefördert, und der Fall ist ein erschütterndes Beispiel dafür, wie der Antisemitismus die Menschen lehrt, grausam zu sein. Die unglückliche Person hat ihr unschuldiges Kind nicht gerade aus Judenhaß gemordet, aber der Widerwille gegen den Vater als gegen einen Juden hat ihr geholfen, die Summe des Gewisseus und das mütterliche Gefühl zu unterdrücken. Verstanden Herr Dr. W ä h n e r? Wir erinnern uns an einen vor einigen Monaten stattgesundenen Schwurgerichtsproceß, in welchem ein Judenmädchen, das ein Arier verführt und verlassen hatte, wegen Kindesmoroes angeklagt war. Wie waren denn da die Berichte in den Antifemilenblättern betitelt?„Eine jüdische Kindesmörd e r i n." Das ist doch selbstverständlich! Die ehrenwerthe „Deutsche Zeitung" aber nimmt das „Opser jüdischer Gemeinheit" zum Ausgangspunkt für einen Leitartikel, in. welchem die Juden überhaupt als ein unsittliches, mit „perversen Neigungen" behaftetes Volk und ihre Frauen als buhlerisch geschildert werden. Das ist echt antisemitische, und im gegebenen Falle Doctor Wähne r'sche Gemeinheit, die deshalb nicht milder beurtheitt werden darf, weil nur wenige Menschen mit der perversen Steigung, die „Deutsche Zeitung" zu lesen, behaftet sind. * * * Die Frauen- und Mädchenmörder Hugo Schenk, Schlossarek und Franz Schneider waren unverfälschte Arier, Stammes- und Glaubensgenossen des Mechanikus Ernst Schneider, welchem die Deutsche Zeitung des Herrn Dr. W ä h n e r in der geschäftlichen Fructificirung des besprochenen Gerichtsfalles zu Gunsten des Antisemitismus vorgearbeitet hat, um ihn zu einem seiner berühmten Anträge nach dem Muster des Schußgeldes für Juden zu begeistern. Es soll durch die Dienstbotenordnung christlichen Dienstboten verwehrt werden, bei Juden in den Dienst zu treten, denn der Fall des zum Tode verurtheilten Dienstmädchens Adamek zeige, in welche Gefahren sich ein armes Christenmädchen begebe, daß in einem Judeuhause ein Unterkommen findet. Die

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