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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-03-24 · 12 (24.3.1899) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
12 (24.3.1899)
Date
1899-03-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12 Vr. Bloch'» Wochenschrift Seite 227 Sederabende in die einsame Nacht hinaushauchten?! Allein das war zu allen Zeiten das Los der für die Freiheit Begeisterten. Auch Israel vollbrachte inmitten des bittersten Druckes das Wunder der Freiheit. In seinem trauten Familienkreise da erschuf es sich eine hehre Welt, an welche der Hohn von Außen nimmer hinanreichte. Und dieses natürliche Wunder gegen die Uebermacht von Tücke und Tyrannei, für welches die rohe Menge niemals das rechte Verständnitz besaß, es erregte bei ihr stets den Verdacht, als ob Israel im Solde eines Aberglaubens, eines geheimnisvollen Rituals stände. Doch betrachten wir diese heilige Familienfeier des Seders und greifen wir einen ihrer bezeichnendsten Momente heraus: In den Häusern der Juden erhielt sich bis heute eine fromme Sitte, oie so reich an inniger, ergreifender Poesie ist, daß sie allein schon über das Räthsel der Jahrtausende, den Fortbestand Israels, ein klares Licht zu verbreiten vermag. Bei der herrlichsten Feier, die Menschen je geübt, bei der Feier ihrer Erlösung aus Tyrannengewalt, bei welcher jeder Mensch jubeln, jedes Volk frohlocken würde, was geschieht da in den gesetzestreuen, streng-religiösen Familien Israels? Der Hausherr legt seine — Sterbekleider an und knüpft solcherart die unzerreißbarsten, festesten Bande einer ewigen Hoffnung auf ein besseres Sein als dieses irdische, die ihn mit himmlischer Ahnung über alle Noth und Bitterniß des Daseins hinwegzuheben geeignet ist. So feierten unsere Ahnen den Sederabend, die man beschuldigte, an diesem Abend grausamen Kindesmord zu begehen, ja deren Nachkommen heute noch vielfach unter diesem entsetzlichen Verdacht leiden müssen. Das Judenthum hat wahrlich andere, heiligere, weltumfassendere Pflichten, als daß es sich den gräßlichen Luxus einer Jagd nach hilflosen Kindern gestatten dürste. Im mannhaften Kampfe der Geister, da erprobt es seine Kraft und Widerstandsfähigkeit. Feiger meuchlerischer Kinderfang! Fürwahr, dazu hätte es seines wunderbaren Auszuges aus Egyptens Tyrannei und seiner erhabenen Sendung am Sinai nicht bedurft! Der ergreifende Brauch der Sterbekleider am Sederabende, er mußte dem modernen Festgewande Weichen. Wich nun mit ihm etwa auch der alte, veredelnde Zauber des Sederabends? Mit Nichten. Er sendet vielmehr noch immer in das Gemüth jedes Israeliten jenes gewisse „Etwas", welches den Andersgläubigen so räthselhaft erscheint, und das dennoch gar so einfach ist: die Genügsamkeit des Lebens. Mögen Jene, die uns der maßlosen Unersättlichkeit zeihen, an jenem Abende in die jüdischen Familien eintreten — die Thüre steht Jedermann offen*), und was da geschieht, alle Welt darf es sehen — mögen sie kommen und sich überzeugen, womit Israel seine errungene Freiheit feierte. Sie werden beschämt vor der ernsten, würdigen Erhabenheit dieser Familienfeier zurückweichen. Im Jndenthume geht die Sage, daß an dem feierlichen Sederabend der Prophet Elijahn in Israels Wohnungen Einkehr hält, daß an diesem Abend jeglicher Bedrängte der Errettung aus seiner Noth sicher sei. Wer immer auch in Kummer und Sorge sich befindet, an diesem Abende brauche er keine Furcht zu hegen: Es sei LSI schimurim l’adonaj, eine schutzreiche Nacht, in welcher Gott die treue Wacht über sein Volk hält. Diese Sage gewinnt neue Wahrheit. An diesem Abend erscheine in Israels Häusern der tröstende Prophet Elijahn gleichsam in Gestalt der geschichtlichen Helden, die da an unserer Erinnerung vorüberziehen. Da empfangen wir jenes gewisse »Etwas", welches uns die Achtung aller Edlen sichert: das stolze — nicht das hochmüthige — Bewußtsein unserer weltgeschichtlichen Aufgabe. Da empfinden wir so lebendig, wie niemals sonst, bas heilige Walten der Allmacht,. wie sie durch die Jahrtausende schreitet, den Flügelschlag der immer siegreicher sich entfaltenden Macht der Freiheit. Denn ob auch hin und wieder noch immer die düsteren, mittelalterlichen Märchen ihr Drachenhaupt erheben, immer geringer wird die Anzahl ihrer Gläubigen. Mag auch der einzelne Mensch, ja mögen ganzeMenschenclassen in Barbarei zurückversinken, die Menschheit schreitet u naufhalsam vorwärts auf der Bahn der Freiheit. Koste!. Dr. S. M a n d l. Der „Handel" kommt wieder;u Ehren. Eine hochbedeutsame, die Sicherung und Förderung des vaterländischen Exportes bezweckende Enunciation ist seitens des Chefs des österreichischen Handelsamtes, Baron D i p a u l i, erflossen. Baron D i p a u l i ist erst seit dem Sommer vorigen Jahres Handelsminister. Als er an die Spitze seines Ressorts trat, war heller Jubel in der Partei, der der Handelsminister angehört, zu vernehmen. Noch saß Baron D i p a u l i nicht warm in seinem Neste und schon drängten sich seine engeren und weiteren Parteigenossen einzeln und deputationsweise mit *) Beiläufig bemerkt, enthält vielleicht der Brauch, am Sederabende . die Zimmerthüre nach dem Tischgebet zu öffnen, den Sinn, daß diese heilige Familienfeier offene Thüren nicht zu furchten brauche. allen möglichen und unmöglichen Forderungen und Petitionen an ihn heran, welche alle in dem Verlangen ausklangen, das bischen Bewegungsfreiheit, welches die neuen Gewerbenovellen auf dem Gebiete von Handel und Verkehr noch übrig gelassen, noch weiter einzuengen und zu beschränken. Zu Beginn seiner Amtirung zeigte sich Baron Dipauli auch den Forderungen seiner Parteigenossen gegenüber in einer Weise entgegenkommend, die in allen Kreisen, welche Interesse für die heimische Industrie und Handel besitzen, das lebhafteste Befremden und den heftigsten Widerspruch wachriefen. Der einen Deputation sicherte er seine Hilfe im „Heißen Würstel-" und „Ledernen Hosen-Kriege" zu, der anderen Deputation machte er wieder Versprechungen in puncto Zwanges der Handelsgewerbe zur Erlangung des Befähigungsnachweises. Sei es nun, daß der neubackene Handelsminister einen Wink mit dem Zaunpfahl seitens maßgebender Factoren empfing, oder, was viel wahrscheinlicher, daß er die Unmöglichkeit sah. auf Grund des conservativ - antisemitischen Programmes ein Handelsministerium zu regieren und zu verwalten, kurz Baron D i p a u l i sah sich bemüßigt, auf der ganzen Linie, ob nolens oder volens, bleibe dahingestellt, eine Frontschwenkung zu vollziehen. Baron D i p a u l i ist, dies müssen auch seine Feinde zugestehen, ein erleuchteter Kopf, gewiegter Tactiker und Diplomat, er hat sich auch rasch vom Saulus zum Dipaulus bekehrt. Zum großen Aerger und Verdruß der antisemitischen Gewerbebündler verleugnete er über Nacht alle seine rückständigen und rückschrittlichen Allüren und bectarirte sich zu einem von den Anforderungen der Zeit eingegebenen Staatsmanne. Er verstieg sich sogar soweit, dem „Handel" seine Reverenz zu machen und dem „Wollsacke" Weihrauch zu streuen. In einer alle Kreise der Industrie und des Handels bewegenden Frage, welche die Jnteressirten schon geraume Zeit hindurch lebhafter akademisch beschäftigt, marschirt derzeit Baron Dipauli sogar an der Tete des Fortschrittes und ist mit einem allseits verblüffenden, modernen Programme in die Oeffentlichkeit getreten. Wie bekannt, beschäftigt die Exportfrage schon längere Zeit hindurch die ganze Monarchie. Seit der Herrschaft der rückschrittlichen Gewerbenovelle, welche Handel und Verkehr in der Actionsfähigkeit wesentlich beschränkten, ist unser Warenexport von Jahr zu Jahr zurückgegangen, unsere Handelsbilanz ist passiv geworden und eine Calamität auf dem Gebiete der Nationalökonomie, derHandelspolitik und des internationalenZahlungswesens waren die unausbleiblichen Folgen. Zahlreiche Enqueten wurden angestellt, unzählige Berathungen wurden von fachlichen Vereinen und Corporationen gepflogen, ohne zu einem günstigen, alle Theile befriedigenden Resultate zu führen. Da trat wie ein Deus ex machina Baron Dipauli mit einem die Fragein zumeist befriedigender Weise lösenden Projecte auf. In einer Denkschrift, betreffend die Schaffung einer Organisation zur Förderung des heimischen Exportes lenkt Handelsminister Baron D i p a u l i die Aufmerksamkeit auf die individuelle Bethätigung und legt das Hauptgewicht auf die Frage der Schaffung nationaler K a u f l e u t e im Auslande. Die Organisation, welche Baron D i p a u l i zu schaffen beabsichtigt, normirt zunächst die Aussendung branchenkundiger Kaufleute nach richtig gewählten Plätzen im Auslande. Diese A u s s e n d l i n g e hätten sich an den ihnen zugewiesenen Plätzen zu etabliren und würden für die erste Zeit nach den einschlägigen Verhältnissen je 5000 bis 8000 Gulden jährlich Subvention erhalten, mit der Aufgabe, den von ihnen vertretenen Artikeln Eingang zu verschaffen, Land und Leute zu studiren und ^zu erforschen und Ordres nach Oesterreich zu überschreiben. Selbstverständlich wird es an Bewerbern um diese Aussendlingsstellen nicht fehlen. Viele werden berufen, Wenige auserlesen sein. Die Idee des Handelsministers ist gut, sie trifft den Nagel auf den Kopf. Hauptsache wird es sein, die richtige Wahl zu treffen, die Baron D i p a u l i zweifelsohne zur Qual werden dürfte. Nepotismus wäre hier gewiß nicht am Platze und würde sich bitter rächen. Wenn vom Vater Gregorig der Sohn Gregorig zum Jugendbildner gemacht wird, so beschränken sich die Consequenzen dann auf einen relativ kleinen Zirkel; als Pion der österreichisch-ungarischen Monarchie in ferne Lande geschickt zu werden, behufs Anbahnung von Exportverbindungen, bedarf es aber mehr, als des antisemitischen Befähigungsnachweises. Es wirft sich die Frage auf, wird Baron Dipauli die Standhaftigkeit besitzen, bei der Wahl der Aussendlinge streng sachlich und objectiv vorzugehen, um dem Terrorismus

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