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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-03-17 · 11 (17.3.1899) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
11 (17.3.1899)
Date
1899-03-17
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 11 Vr. Bloch'» wochrnschrifl Seite 319 er ihnen vorgeredet habe, die Angelegenheit ginge vom Thierschutzvereine aus, da dies aber nicht der Fall sei, so zögen sie ihre Unterschriften zurück. Dasselbe that der praktische Arzt Dr. Masius, weil er sich überzeugt habe, daß das Schächten keine Thierquälerei sei. Bei Beginn der Verhandlung bemühte sich Stadtverordneter Fröhlich nachzuweisen, daß das Schächten gar kein Gebot der jütischen Religion sei, und behauptete, daß ihn nur Mitleid mit denThieren, keine antisemitische Gesinnung, zu seinem Antrag bewogen habe. Diese seine Behauptung straft er aber sofort selbst Lügen, denn er erlaubte sich so heftige Angriffe gegen die Juden, und die gegen die von ihnen abhängigen Minister, daß er zur Ordnung gerufen wurde. Stadtrath Zwicker gab hierauf die Erklärung ab, daß schon aus formellen Gründen der Antrag abzulehnen sei, weil das Schächtverbot Sache der Polizei wäre, die Minister des Cultus und des Innern auch eine Aenderung anderwärts abgelehnt hätten. Oberbürgermeister Höhne bedauerte, daß der Antrag mit Thierquälerei motivirt sei; denn nach der Betriebsordnung des Schlachthofes sei solche ausgeschlossen, obwohl die jüdische Schlachtmethode gestattet ist. Als Rechtsanwalt Friedländer das Wort erhält, kommt es zu einer heftigen Scene; denn Maurermeister Enders protestirt dagegen, daß ein Jude bei dieser Debatte reden dürfe, da ein solcher interessirt und befangen erscheine. Die Versammlung beschließt indessen, Friedländer reden zu lassen, worauf Enders demonstrativ den Saal verläßt. Friedländer wendet sich nun energisch gegen Fröhlich und bedauert auch, daß sich Gymnasialdirector Walter an diesem antisemitischen Vorgehen betheiligt habe. Derselbe hätte auch den Anschein vermeiden müssen, als huldige er dem Antisemitismus, schon mit Rücksicht auf die zahlreichen jüdischen Schüler, welche das von ihm geleitete Realgymnasium besuchen. Dr. Friedländer beantragt alsdann Uebergang zur Tagesordnung, Fröhlich dagegen Commiffionsberathung. Mit überwiegender Majorität beschloß alsdann die Versammlung zur Tagesordnung überzugehen, womit der antisemitische Antrag beseitigt ist. Ostrowo in Posen, 5. März. Im Centrum unserer Stadt, welche durch ihre bedeutende Garnison und dem ansgebreiteten Grenzverkehr eine fortschreitende Entwicklung auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens ausweist, ist durch bauliche Veränderung eine neue, schöne Straße entstanden, die über einstimmigen Beschluß des Stadtverordneten-Collegiums zum Andenken an die hervorragenden Verdienste des im Jahre 1884 nach IZjähriger, segensreicher Wirksamkeit hierorts verstorbenen Rabbiners Dr. I. M. F r e i m a n n den Namen F r e im a n n st r a ß e erhalten hat. Die Stadtvertretung hat damit den Herzensempfindungen der Gesammtbevölkerung, welche dem verewigten jüdischen Seelsorger eine unvergängliche Erinnerung bewahrt, würdigen Ausdruck verliehen. Chemuitz, 8. März. Hier fand die Einweihung eines neuen Gotteshauses statt. Der neuerbaute Tempel, welcher als das beste Werk des auch in Oesterreich bekannten Baumeisters W. Bürger gilt, ist im schönsten Theile der Stadt gelegen und mit den modernsten Einrichtungen, wie elektrisches Licht und Centralbeheizung, ausgestattet. Die hiesige Judengemeinde kann stolz sein, die zum Baue nothwendigen 225.000 Mk. aus eigenen Mitteln aufgebracht zu haben. Die Feier selbst nahm einen überaus würdigen Verlauf. Nach Absingung einer Festhymne wurde die heilige Lampe angezündet, wozu Rabbiner Dr. M ü h l f e l d e r die Weiherede hielt. Nun nahm der Cultusvorstand Herr Bergmann das Wort. Er erinnerte, wie schwach noch vor 22 Jahren die hiesige Gemeinde war, als eine kleine Zahl thatkräftiger Männer unter schwierigen Verhältnissen zusammentrat, um zur Befriedigung der religiösen Bedürfnisse einen Betsaal zu miethen und wies mit freudigen Stolz darauf hin, wie es in verhältnißmäßig kurzer Zeit gelungen sei, ein eigenes Gotteshaus zu schaffen. Eine wirkungsvolle Festpredigt des Rabbiners Dr. Winter aus Dresden und ein Schlußgesang beendeten die erhebende Feier zu der außer den Deputationen der Brüdergemeinden aus Leipzig, Gera, Dresden rc., auch Vertreter der hiesigen protestantischen Geistlichkeit erschienen waren. Es wirft ein grelles Streiflicht auf die politischen Verhältnisse, daß sowohl der Oberbürgermeister als auch die Stadträthe, welche eingeladen wurden, corporativ — absagten. Wenn sich auch die Herren sonst „national-liberal" nennen mögen, kommt bei solchen Gelegenheiten doch der antisemitische Pferdefuß zum Vorschein. Nun, das Gotteshaus wurde auch ohne den löbl. Stadtrath eingeweiht und steht nun da der Stadt Chemnitz zur Zierde, den jüdischen Bürgern aber zur Ehre. Saint-Etienne. Das Obergericht in Lyon hat die Berurtheilung bestätigt, welche das hiesige Zuchtpolizeigericht gegen den Antisemiten S a p i n wegen Beleidigung eines Juden ausgesprochen .hat. Darauf müßte dieser Herr vier Monat absitzen, 1000 Francs Strafe und 2000 Francs Schadenersatz leisten, sowie auf seine Kosten das Urtheil in zehn der gelesensten Zeitungen veröffentlichen. Vier Verkäufer der Zeitung, in der die Beleidigung enthalten war, wurden außerdem zu Geldstrafen von 100 bis 500 Francs verurtheilt. S a p i n hat sich aber seiner Strafe durch die Flucht entzogen und soll sich angeblich in Genf aufhalten. Petersburgs Bei den letzten Preisverleihungen der Universität von Petersburg haben auch eine ganze Anzahl Juden Auszeichnungen erhalten, obwohl es sicher unter russischen Verhältnissen seitens der jüdischen Studenten ganz außergewöhnlicher Leistungen bedarf, um einen Preis zu erwerben. Es erhielten den Preis der Akademie für Naturwissenschaften Stud. Med. C h e s s i n für eine Arbeit über Elektricität; Stud. Jur. P o s n e r erhielt eine goldene Medaille für eine Arbeit über Benjamin Constant; drei andere Studenten der Jurisprudenz, Koronjutsky, Halpern und Drabkin wurden mit goldenen Medaillen ausgezeichnet für Schriften über Armenwohnungen. endlich erhielt der Student Markownut eine goldene Medaille für eine Bearbeitung der Gesetze, welche nach christlichkanonischem Recht und nach den Schriften der Karäer die Heiraten unter Verwandten verbieten. — Es ist interessant, daß die Russen auch in ihren neuen Besitzungen in China ihre judenfeindliche Politik einführen. So ist allen Juden verboten worden, in Port Arthur und Talienwan sich niederzulassen. Dabei befinden sich unter den russischen Besatzungstruppen zahlreiche jüdische <^>ldaten, denen es sogar gestattet worden ist, jüdischen Gottesdienst abzuhalten. Petersburg. (N e u - Z i o n i st i s ch e Wahle n.) Der im vorigen Jahre auf dem Baseler Congreß von Dr. H e r z l ertheilte Rath, die Zionisten sollten sich Mühe geben, die Verwaltung jüdischer Institutionen in die Hand zu bekommen, ist in Rußland bereits bei Gelegenheit von Rabbinerwahlen befolgt worden. Kürzlich sind Dr. Kohan-Bernstein, Mitglied des Wiener Executiv-Comites und Dr. Jampolsky, bisher Rabbiner in Rostow, in Charkow, beziehungsweise in Kiew zu Rabbinern gewählt worden. Indessen ist allmälig durchgesickert, daß an beiden Orten bei diesen Wahlen verschiedene Unregelmäßigkeiten vorgekommen sein sollen, und daraufhin hat eine Anzahl von Wählern Protest gegen die Giltigkeit der Wahlen erhoben. Die Proteste sind von den Behörden als berechtigt anerkannt und beide Wahlen für ungiltig erklärt worden. In Charkow ist Herr S a ch n i n, der Gegner Herrn Dr. K o h a n- B e r n st e i n's, als zu Recht gewählter Rabbiner von der Regierung erklärt worden; für!Kiew wurde eine Neuwahl angeordnet. Neue Aufenthaltsvorschriften in Rußeland. Neue Vorschriften über das Aufenthaltsrecht der Juden sind jüngst für K i e w und Moskau erlassen worden. Für Kiew hat der Gouverneur anläßlich der Jahrmärkte den Juden die Zufahrt und den Handel gestattet. Auch dürfen sie im Padoler Zirkel während ihres Aufenthaltes wohnen. Hingegen in Moskau sollen sich jüdische Kaufleute erster Gilde nur auf Grund einer Specialbewilligung des Finanzministers ansiedeln dürfen. Die jüdischen Kaufleute erster Gilde dürfen jedoch nicht mehr Mitglieder der kaufmännischen Congregation sein. Diese Vorschriften sind nicht rückwirkend. Zum Einwanderungsverbot. London, 2. März. Obwohl es die Regierung nicht für angemessen hielt, dem Unterhaus in dieser Session die von den Lords acceptirte Anti-Alien-Bill vorzulegen, trachten dennoch die Conserdativen, die Annahme dieses Gesetzes zu erzwingen. In der vorigen Nnmmer habe ich bereits hingewiesen auf die Anfrage des Mr. L o w l e s, die satyrische Zwischenbemerkung Mr. Johnston's und die ablehnende Haltung Mr. B a l f o u r's im Namen der Regierung. Die conservative Partei läßt dennoch den Muth nicht sinken. Sie wollen in der nächsten Dienstagsitzung die Sache wieder aufrollen. Der Kampfhahn, Sir Howard V i nc e n t, der bereits vor einem Jahre ein Einwanderungsverbot dem Parlamente vorschlug, will folgende Resolution beantragen : „Die unbeschränkte und immer mehr zunehmende Einwanderung von Fremden, die weder die Sprache, noch die Gesetze, noch die Gewohnheiten dieses Landes kennen, die den

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