Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 11 (17.3.1899)
- Date
- 1899-03-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 214 Nr. 11 Vr. Bloch'» Wochenschrift vom Publicum und der Kritik verhätschelten Modelieblings auszuhalten hatte, dessen Unarten selbst bejubelt, belacht und beklatscht wurden. Er wußte scharf zu pointiren bei aller maßvollen Zurückhaltung und schnellte seine lustigen Schlager, ihrer erheiternden Wirkung von Borneherein gewiß, treffsicher in die Hörerschaft. Die Mustergiltigkeit seiner Textaussprache war berühmt, da fiel nichts ungehört zu Boden, da verpuffte nichts, da wurde Mes herausgeholt aus dem Text und der Musik. Er war auf seinem kleinen Gebiete ein unbestrittener Meister. Mon verre est petit, mais je bois dans mon verre. — Das dürft' auch er mit aller Berechtigung sagen. — Im Leben war er ein bescheidener, liebenswürdiger Mensch, ein jovialer Gesellschafter, ein treuer Kamerad. Ein kreuzbraver Kerl durch und durch! Als er seine Neigung einer pikanten Collegin am Carl-Theater geschenkt hatte und die Erwählte zum Altäre führen wollte, da trat das damalige Fräulein Gusti Moser dem geliebten Manne zu Liebe zum Judenthume über, derjenigen Religion, in welcher er geboren und erzogen war, und der treu zu bleiben — trotz aller Versuche, ihn ihr abwendig zu machen — ihm doch so ganz selbstverständlich war. Wittels hatte einen recht familienhaften, jüdischen, treuen Sinn. Er erhielt seine alte Mutter und war hausväterlich darauf bedacht, der Gattin und den beiden herzigen Büblein, die sie ihm schenkte, ein möglichst sorgenfreies und angenehmes Dasein zu bereiten, er, der kranke Schauspieler ohne Engagement, von dem, trotz seiner Beliebtheit beim Publicum, kein Director etwas wiffen wollte. Da mußte denn der gerne Seßhafte, den Todeskeim in der Brust, ein ruheloses Wanderleben beginnen, um Brod für Mutter, Weib und die Kleinen ins Haus zu schaffen, und er hat seine Pflicht mit Seelengröße, Selbstaufopferung und Selbstentäußerung rällich erfüllt bis zum Ende — wo's eben einfach nicht mehr ging. Und merkwürdig, die flotte, pikante, kleine Schauspielerin ist an seiner Seite zu dem geworden, was wir ein treues, braves jüdisches Weib nennen. Sie stand ihm auf der Bühne so tapfer zur Seite, wie im kleinbürgerlichen Leben. Ein jüdischer Schauspieler sein, das ist wahrlich nichts Kleines bei der heutigen Strömung, auszuharren und fest zu stehen. Hinter den Couliffen zischeln sie und im Orchester drunten und die Soubrette und der Regisseur und der Jnspicient bis zum letzten Coulissenschieber und Feuerwehrmann: „Der Jud! Der Jud!" Und wenn sie nur noch: „Der Jud" allein sagen und sonst nichts davor, so ist's schon gut. Und in der antisemitischen Hetz- und Schandpresse wiederhallts und findet sein grausames Echo. Da gibt es die Ausrufungszeichen, die bekannten in Klammern, und hat der jüdische Schauspieler sein Bestes gegeben, hat er sein Herzblut verspritzt und damit seine Scheingestalten mit warmem lebendigem Leben erfüllt, so ist der Neid und die Mißgunst ihm dicht hinter den Fersen her. Ist er hervorgejubelt und beklatscht worden, so waren es die Freunde und die bezahlte Claque und die Kränze hat er sich bestellt und bezahlt. Wer wundert sich noch, daß die Wiener Direktoren vom armen kranken und doch noch allerweil so lustigen und urfidelen Wittels nichts wissen wollten, daß er alle Thüren, wo er auch anpochen mochte, so fest verschlossen fand. Sein Freund Alexander Krakauer ist ihm im Tode vorangegangen. Der hat alle die lustigen, echten Wiener-Lieder geschrieben und vertont, die dann Wittels mit so unnachahmlicher Grazie, mit dem feinsten Geschmack nüancirend. alle Schlager witzig herausciselirend, von donnerndem Beifall umrauscht, der immer und immer neue Zugabe-Sttophen unersättlich von ihm begehrte, vortrug. Und Alexander Krakauer war ebenso Jude, wie Wittels, der Poet u nd der Interpret gehörten demselben Stamme an, den die Wiener heute so sehr verachten. Diese beiden Juden haben das neue Wiener Lied gemacht und seinen Ruhm weit über die Grenzen der Heimat hinaus verbreitet. „Was Menschenhände alles können" — „Es muß ja nicht alles von Gold sein" — und viele, viele andere dazu. Diese echt wienerischen Sachen fanden Beifall bei den Wienern, deren Schwächen, Wünsche und Bestrebungen sie wohl lustig und scharf persiflirten, aber dabei immer gemüthsvoll blieben. Wittels wäre sicher in ruhiger Lebensstellung an einer ersten Wiener Bühne ein trefflicher Charakter-Komiker geworden, denn er besaß das Zeug dazu. So aber mußte der arme Wittels ein Opfer aufreibender Hetzjagd werden, ein Opfer seines Berufes, 38jährig sterben. Er ging nach Meran, um dort Genesung oder zumindest Linderung zu suchen. Natürlich mußte er, um die Mittel zum Lebensunterhalt in dem kostspieligen, fashionablen Curorte zu gewinnen, auch spielen und lustig sein, herumtollen und die Leute lachen machen. Ec trat jedoch nur einmal auf. Weiter ging's wirklich nicht. Dann war's aus und zu Ende. Der Vorhang fiel. Wie Maliers starb er beinahe auf der Bühne. Bis zum letzten Hauch bemüht, die Mitmenschen zu erheitern, zu erfreuen, ihnen Lebenslust, Lebensfrohsinn mitzutheilen. Die Tragik des Komikers! — Es hat größere Schauspieler, noch bessere Sänger gegeben als Julius Wittels, aber keinen ehrlicheren, braveren, treueren als ihn — ehrlich, treu und brav in der Kunst, wie im Leben. Und seine Stimme klingt uns, da wir diese Zeilen schließen, leise und süß einschmeichelnd, in echt wienerischem Tonfall, den er wie wenige Lerchenfelder und Thurybrückler so meisterhaft beherrschte, wie aus weiter Ferne ins Ohr nach — die Worte Kralauers: „Es muß ja nicht Alles von Gold sein Auch das Silber — das hat seinen — Werth-" Aber sein Herz, sein jüdisches, und doch trotz alledem wienerisches Künstlerherz, — das war von Gold! I. S a s ch a r. Der letzte jüdische Chevaliergardist in Rutzland. Der St. Petersburger Correspondent des Pariser „Temps" berichtet über das Leichenbegängniß des jüdischen Chevaliergardisten O r s ch a n s k i, das in feierlicher Weise mit allen militärischen Ehren in Gegenwart des Officierscorps des Garderegimentes in der Kaserne des Chevalierregimentes nach jüdischem Ritus stattgefunden hat. Die Chevaliergarde ist das vornehmste Regiment Rußlands, sie erfreut sich besonderer Vorrechte und einer bevorzugten Stellung, zählt die hervorragendsten Persönlichkeiten zu ihren Officieren und ist auch äußerlich besonders gekennzeichnet. Und dieses Elitecorps zählte einen Juden in seiner Mitte? Ja wohl — aber er gehörte dem Corps schon mehr als 54- Jahre an. Unter Kaiser Nikolaus I. wurden die Juden ziemlich gewaltsam ins Militär gesteckt, wer sich darüber unterrichten will, lese Stogrow's „Memoiren eines Juden" aber sie wurden als Militäristen gerecht behandelt, und wer von ihnen eine gute Conduite hatte, konnte es zu jeder Stellung bringen. Auch unter Alexander II. war die Behandlung der Juden eine milde. Erst unter Alexander III. begannen die Verfolgungen, in denen sich der mittelalterliche Sinn wieder offenbarte. Die Militärpflicht wurde den Juden nicht genommen — nur die Rechte,? selbst bei vorzüglichster Führung gerechte Anerkennung zu finden, hat man ihnen entzogen. Sie tragen alle Lasten jedes Staatsbürgers — einige noch mehr —, nur seine Rechte haben sie nicht. Unter Nicolaus II. ist die Praxis wieder etwas milder geworden und die humane Auffassung dieses Fürsten spiegelt sich auch in den Ehren wieder, die er den sterblichen Uebecresten des letzten jüdischen Chevaliergardisten zu Theil werden ließ; des letzten, denn es wurde seither kein Jude mehr in ein Garderegiment eingereiht. Daß ihnen auch diese Kränkung ungerechter Weise widerfährt, zeigt der Lebensgang des letzten jüdischen Chevaliergardisten Orschanski. Aus dem Berichte des Temps-Correspondenten lassen wir die wesentlichsten Stellen, mit Beseitigung der subjectiven Bemerkungen, obwohl diese durchaus kein antisemitisches Gepräge tragen, folgen. In der Kaserne des Chevaliergarde-Regimentes fand das Leichenbegängniß statt. Zur Ceremonie hatte sich eine große Zahl armer Juden eingefunden, deren unscheinbares Aussehen sehr von den glänzenden Uniformen abstach, in welchen sich die früheren Chefs und die jetzigen Officiere des Garderegimentes zur Trauerfeier um den Kameraden eingefunden hatten. Sie geben ihm Alle das Zeugniß, daß er das Modell des passiven Gehorsams war, blindlings gehorchend auf jeden Befehl, ein Typus