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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-03-17 · 11 (17.3.1899) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
11 (17.3.1899)
Date
1899-03-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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kr. ll Br. Bloch'» Wochenschrift veitr 213 Natur dazu verurtheilt, einen Sammelpunkt für die heterogensten socialen Elemente und ein Band der politischen Jutriguen für alle reaktionären Mächte abzugeben. Die unerklärliche Haltung der fortgeschrittenen und gemäßigten Parteien gegenüber einer solchen Coalition, wird für mich eines der historischen Räthfel bleiben. Und deshalb halte ich es für wichtig, die von mir in der Kammer erörterten Punkte hier eingehend zu behandeln, um noch richtiger die Abdication der republikanischen Partei, die stumm und passiv die Hiebe der Feinde der Freiheit und Civilisation erträgt, zu charakterisiren." Und nun geht R o u a n e t daran, mit einem ganzen Apparat von historischer und volkswirthschaftlicher Gelehrsamkeit die Juden gegen D r u m o n t's Verleumdungen in Schutz zu nehmen. Er weist unter Darlegung der wirthschaftlichen Bedingungen im Mittelalter nach, warum sich die Juden hauptsächlich dem Handel widmeten und wie sie gezwungen wurden, Geldgeschäfte zu betreiben; er bekämpft aufs heftigste die Vorwürfe der Illoyalität und der Ausbeutung, die dem jüdischen Volke gemacht worden. „Wenn es wahr wäre", meint er, „daß die Juden alle Völker, die sie aus Schwäche bei sich aufnahmen, materiell und moralisch ruinirt haben, so müßten doch am besten die Länder gedeihen, in denen es gar keine Juden gibt. Da müßte ein wirthschaftlicher Friede herrschen, der Allen ein materielles Wohlergehen sichert, ebenso die Ausübung jener alten Tugenden, die unserer Race eigen sind. Brauche ich erst da auf die Decadenz Spaniens hinzuweisen, das von allen civilisirten Völkern am tiefsten gesunken ist? . . ." „Im Gegentheil. Man sieht, daß die wohlhabendsten und mächtigsten Länder die der anglo-sächsischen Race sind, in denen die Juden die weitgehendsten Bürgerrechte genießen. In Amerika und in England unterscheidet sich der Israelit vom Katholiken oder Protestanten nur durch den Cultus; der Jude betet in der Synagoge, der Amerikaner und Engländer im Tempel oder in der Kirche. Außerhalb dieser Sphäre leben sie ganz gleichberechtigt. Und doch ist diese Gleichberechtigung weder für die Nationalvertheidigung gefährlich, noch für die Umgebung verderblich geworden. Wenn diese unter der capitalistischen Productionsweise leidet, so haben doch die Juden keine größeren Capitalien gesammelt, als ihre andersgläubigen Mitbürger. „In Belgien, Holland und der Schweiz ist die Stellung der Juden die gleiche. Dre einzigen Länder, in denen, außer Frankreich, der Antisemitismus gewüthet hat, sind Deutschland, Oesterreich und die slavische Welt. In Deutschland war er sehr kurzlebig. Hervorgegangen, wie in Oesterreich und Frankreich, aus einem agrarischen und conservativen Milieu, wurde er bald energisch abgelehnt, so daß selbst die conservative Partei aus dieses Hetzmittel gegen die Hochfinanz verzichten mußte." „In Deutschland und in Oesterreich hat der Antisemitismus, wenn auch nicht zu Agitatoren, so doch zu seinen ersten Anhängern die Geistlichkeit gehabt. Nur ist in Oesterreich der Antisemitismus dazu gelangt, die Carricatur einer Partei zu schaffen, während in Deutschland mit seiner fortgeschrittenen ökonomischen Entwicklung und größeren Reife die judenfeindliche Bewegung plötzlich zurückgegangen ist. Sie war ein todtgeborenes Kind, und ihr Zusammenbruch hat weder dem ökonomischen, noch dem militärischen Ansehen des Reiches geschadet. Hingegen in Oesterreich, wo sie der allmächtige Clerus fördert, hat sie in gewissen, von der feudalen Aristokratie abhängigen Kreisen Wurzel fassen können. „Ist es denn nicht ähnlich in Frankreich? Sind es nicht die Katholiken, aus deren Mitte sich die wildesten Antisemiten recrutiren; hört man nicht in den landwirtschaftlichen Syndicats, deren Mitglieder dem Adel angehören, die heftigsten Anklagen gegen den jüdischen Wucher; wüthet nicht der Antisemitismus in den höchsten Officierskreisen, die dem Feudaladel entstammen?" Und nun schildert uns der Verfasser, wozu der Antisemitismus in Frankreich schon geführt hat: „Die ökonomische Lage Frankreichs verschlimmert sich, sein Handel nimmt ab, sein Einfluß wird geringer, seine Bevölkerung geht zurück, und aus unserem heimatlichen Boden werden die Schätze des Landes von fremden Capitalisten ausgebeutet. Soll ich ein Beispiel nennen? Die englischen Capitalisten beherrschen schon das Opernviertel; beseitigt die Juden, und an ihre Stelle werden auch in anderen Vierteln die Engländer treten!" Die Affaire Dreyfus sei, meint Rouanet weiter, für die Clericalen und Feudal-Aristokraten „nur eine Gelegenheit zur Kraftprobe . .", daher die Macht, mit welcher sie sich in dieselbe gestürzt haben. Nun folgen die Schlüsse, die sich nach Rouanet aus einer weiteren Duldung der Judenhetze in Frankreich ergeben. „Die Judensrage ist in Frankreich nicht blos wie in Oesterreich und Deutschland der confuse Ausdruck der ökonomischen Jntereffen einer reactionären Classe, sondern auch eine politische Jntrigue und ein Versuch der Gegen-Revolution. Sollte diese Jntrigue triumphiren, so werden nicht blos die Juden, sondern Frankreich und die gesammte Civilisation darunter leiden. Die Antisemiten, die unfähig sind, auszubauen, wären dann im Stande, zu zertrümmern. Sie gefährden alle jene Principien, an denen man nicht rütteln darf, soll nicht die moderne Welt in Trümmer gehen. „Der Sieg der Antisemiten oder eigentlich der Partei, die sie leitet und Die Früchte des Generalstreiches einzuheimsen hätte, würde für Frankreich politische Sclaverei und eine doppelte Tyrannei, eine militärische und religiöse, nach sich ziehen. Cäsarismus oder Monarchie, es ist gleichgiltig, welche Form die Reackkvn annehmen würde, aber Frankreich würde sie nicht überleben. „Die Judenfrage ist für Frankreich eine Frage von Leben und Tod. Als Republikaner und Franzosen sind wir verpflichtet, das Land vor jenen moralischen und materiellen Gefahren zu schützen, die der Antisemitismus in sich birgt. Der Untergang der Republik und der Freiheit wäre auch der des Vaterlandes. „Die allgemeine Verwirrung, die der Untergang Frankreichs nach sich ziehen würde, wäre unberechenbar. Wenn Frankreich verschwinden sollte, hat Stuart Mill gesagt, dann wird die ganze Welt in eine Finstern iß versenkt. Die französischen Socialisten haben das Bewußtsein ihrer Verantwortlichkeit, wenn sie es dulden, daß der Antisemitismus sein Werk des Hasses und der nationalen Zerstörung durchführe. Und darum stemmen sie sich gegen ihn, indem sie die historischen Lügen, aus die er sich stützt, die egoistischen und schmutzigen Interessen, deren Wortführer er ist, die politische und religiöse Reaction, der er als Maske dient, schonungslos ausdecken". Rouanet hat im Parlamente und in seiner Revue alle jene Argumente übersichtlich zusammengefaßt, die wir auch in der »R6pudligue krau^aise« von Jaurös, der leider seinen Parlamentssitz verloren hat, fast alltäglich mit einer bewundernswerthen Zähigkeit und Verve vertreten sehen. Es unterliegt gar keinem Zweifel: Der Vorwurf des „Philosemitismus", den die österreichischen Socialisten in ihrer beschränkten Opportunitätspolitik und Angst vor den antisemitischen Demagogen bei jeder Gelegenheit von sich weisen, hat die französischen Socialisten nicht abgeschreckt, den Principien der Gerechtigkeit auch gegenüber den Juden zum Durchbruche zu verhelfen. Unbekümmert um alle „Borwürfe" der Judenfreundlichkeit, vor denen sich besonders die jüdischen Socialistensührer bei uns verkriechen, haben sie den Kampf gegen den Antisemitismus ausgenommen. Einer ihrer berufensten Vertreter hat die für denkfaule und nach gewissen Richtungen strebsamen Leute sehr bequeme Phrase, daß es keine eigentliche Judenfrage gebe und daß man den Antisemitismus so lange ruhig über sich ergehen lassen müsse, bis die socialistische Erlösung kommt, zum ersten Mal gründlich widerlegt und ad absurdum geführt. Die Vogel Strauß-Politik der Socialdemokratie gegenüber der Judenfrage und dem Antisemitismus ist nicht länger haltbar. Das gezeigt zu haben ist das Verdienst des socialistischen Deputirten Rouanet. Julius Wittels (Ein Gedenkblatt.) Aus Meran kam die Kunde, daß der allbekannte, lustige und begabte, junge Komiker Julius Wittels seinem vieljährigen Lungenleiden erlegen und ein stiller, kalter Mann geworden sei. Dahin sein Uebermuth, seine frohe Laune, sein Humor, welcher so viele Menschen erheitert und vergnügt und ihnen die Sorgen und Mühseligkeiten des Tages — für eine muntere Stunde wenigstens fortgescheucht hat. Wittels war kein gewöhnlicher Komödiant, kein vordringlicher, eingebildeter, vom albernen Dünkel geblähter Possenreißer. Selbst seinen chargirtefien Operettenfiguren wohnte eine gewisse Discretion und Noblefie inne, die sie sympatisch erscheinen ließ. So lange er aus der Bühne stand, strömte er die Wärme seines sonnigen Gemüthes Ms. Im Coupletvortrag war er geradezu unerreichbar, obwohl er hier in Wien die gefährliche Concurrenz eines

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