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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-03-17 · 11 (17.3.1899) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
11 (17.3.1899)
Date
1899-03-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 212 Dr. Vloch'O Wochenschrift Nr. 11 Stettin, General v. A r n o l d i, um diesen um Erlaubniß zu bitten, den Verwundeten in ein Berliner Spital bringen zu dürfen. Aber der General antwortet; „Das geht nicht, denn es ist ein Sträfling, und wenn er nicht krank wäre, würde er sich mit seinen Kameraden aufder Festung befinden!" „Wieso mit seinen Kameraden?" ruft Madame Cahen erschrocken aus. „Gewiß, es ist eine ganze Anzahl," erwiderte General A r n o l d i und zeigte der entsetzten Frau eine Liste, auf der bte Namen zahlreicher französischer Soldaten standen. „Es sind Ungehorsame, die Streit angefangen haben," fügte der General hinzu, „und als Kriegsgefangene zu zehn oder fünfzehn Jahren Festungshaft verurtheilt wurden". Nach vielem Bitten erhält Mme. E a h e n die Erlaubniß, diese Unglücklichen zu sehen. In Begleitung des Commandanten B o d i k e r betritt sie das Gefängniß und die Gefangenen werden zum Antreten commandirt. In Reih' und Glied marschiren sie auf. Frau Cahen bleibt sprachlos — die gefangenen Franzosen tragen preußische Uniform. Endlich faßt sie sich und indem sie sich den Unglücklichen nähert, sagt sie französisch zu ihnen: Meine armen Kinder, wie bin ich glücklich, Euch zu sehen." Die armen Soldaten erwidern ganz glückselig, ihre Muttersprache reden zu hören: »Oh, Madame, vous parles frangais!* Sie glaubten erst, eine französisch sprechende Deutsche vor sich zu haben. Ganz außer sich vor Schmerz schrie Mme. E a h e n nun mit fast vor Thränen erstickter Stimme: „Aber ich bin Französin, und ich bin hier, um Euch zu sagen, daß wir Eurer nicht vergessen, und um Euch für alle Franzosen die Hand zu drücken." Und die unglücklichen Soldaten, die furchtlos dem Tod ins Auge geschaut, weinten wie Kinder. Auf feindlicher Seite waren es die deutschen Prinzessinnen, vor Allem Kaiserin A u g u ft a, welche sich in gleich hingebungsvoller Weise in den Dienst der leidenden Soldaten gestellt hatten. Kaiserin Augusta erfuhr, daß eine Französin die deutschen Spitäler und Festungen durcheile, um ihren unglücklichen Landsleuten Hilfe zu bringen, und wenn dies nicht möglich war, sie wenigstens zu trösten. Hievon gerührt, sprach die Kaiserin den Wnnsch aus, die edle Frau kennen zu lernen, und als Madame E a h e n vor ihr stand, bat sie dieselbe, an ihrem Liebeswerke theilnehmen zu dürfen. Die Kaiserin wurde Fürsprecherin bei ihrem Gemal für die bestraften und gefangenen Franzosen und fast hätte sie deren Begnadigung erlangt, wenn nicht neuerliche Zwischenfälle die Situation verschärft hätten. Aber das Eine wenigstens erreichte Madame Cahen, das; eine genaue Liste aller auf deutschem Territorium verbliebenen Franzosen angelegt wurde, die sie dann in ganz Frankreich veröffentlichen ließ. So wurden die Familien Tausender Vermißter über das Schicksal ihrer Angehörigen beruhigt, die sie schon längst todt geglaubt hatten. So war diese Frau beschaffen, welcher Kaiserin Augusta in Bewunderung das rothe Kreuz der Genfer Convention gab, daß sie selbst getragen. Später fügte Freycinet dieser Auszeichnung eine andere hinzu. Niemals wurde die Ehrenlegion einer Würdigeren verliehen. Und der Nachruf, den ein hiesiges Blatt, welches sonst dem Stamm, dem Coralie Cahen angehört, nicht gerade Sympathieen entgegenbringt, schließt mit den Worten: „Für das Gute, das sie gethan, für die Dienste, die sie uns geleistet, für die Gefühle, die sie gehegt, und für das Beispiel, das sie uns gegeben, wird Madame Coralie Cahen im Gedächtniß des Vaterlandes fortleben." Und daß dies geschichtlich auch der Fall sei, dafür hat Alfred Mezieres gesorgt. _ Deputirter Gustave Rouanet über die Iudenfrage. Von Dr. S. N. Landau. Die Rede, die der socialistische Deputirte Gustave Rouanet am 23. December v. I. in der Kammer von Frankreich hielt, war ein Ereigniß. Unsere Blätter haben sie kaum gestreift, die reichsdeutschen gaben sie nur in kurzen Auszügen wieder und selbst in der französischen Presse suchte ich vergeblich nach ihrem vollen Wortlaut. Im heißen Gewühl des Tageskampfes ist man über sie leicht hinweggegangeu. Sie ist aber werth, daß wir bei ihr länger verweilen. Rouanet hat seine Rede erweitert und vervollständigt und in seiner Monatsschrift »La Revue Socialiste« als einen Essay *La Question Juive<r veröffentlicht. Die Rede und der Aufsatz bilden einen Kriegsruf gegen den Antisemitismus. Wenn man sie liest, glaubt man den frischen Zug der großen Revolution zu fühlen, sie erinnert an die heißen Debatten in der Nationalversammlung anläßlich der Emancipation der Juden, und die Gestalten Mirabeaus, dessen 150. Geburtstag sichsoeben jährt, Abbs Gregoires, de Cast ellanes, Saint-Etiennes, des Jacobiners D u P o r t und Anderer, die „für das geächtete, heimatlose, auf den ganzen Erdkreis herumirrende, allen Erniedrigungen ausgesetzte Volk der Juden" des Wort führten, werden vor uns lebendig. Und auch bei Rouanet sehen wir nicht ein kleinliches Geplänkel nach Art moderner „philosemitischer" Parlamentarier, sondern den großen Zug des Patrioten, des Republikaners und des Proletarierführers. Er schildert die Gefahren des Antisemittsmus für die Republik, für den Fortschritt und die Freiheit, und den Phrasen von der jüdischen Uebermacht stellt er das schreckliche Elend des Algierer Judenproletariats entgegen, das er bis ins Detail beschreibt. Eine Rede solchen Inhaltes hat das französische Parlament schon lange nicht gehört. Es war aber auch die Rede eines Socialisten. Nach Carl Marx, der nur einmal, und zwar in einer Kritik der Schriften Bruno B a u e r's über die Judenfrage dieses Problem behandelte, obwohl er, der getaufte Jude, weder das Judenthum noch die Juden kannte, ist der weltliche Grund des Judenthums der „Eigennutz", und der weltliche Cultus der Juden der „Schacher". Daraus ergab sich für ihn der Schluß, daß die wirkliche Emancipation der Juden, d. h. die Lösung der Iudenfrage, erst in der socialistischen Gesellschaft, d. h. in einer „Organisation, welche die Voraussetzungen des Schachers aufhöbe", möglich sei. An dieser, jede tiefere Begründung entbehrenden Anschauung haben die Socialisten bis heute nicht gerüttelt. Für sie gilt es als d ein Axiom, daß die heutige Judenfrage lediglich einen Theil der socialen Frage bilde. Daraus zogen sie auch Schlüffe für ihre Tactik gegenüber dem Antisemitismus. Schon auf dem internationalen Socialisten-Cougreß in Brüssel erlitt K o h a n eine Niederlage, als er eine Entrüstungskundgebung gegen den Antisemitismus beantragte. Sie wurde abgelehut. Auf einem deutschen Parteitage erklärte Bebel vor einigen Jahren, daß man den Antisemitismus begrüßen müsse, weil sein Kern der Kampf gegen das jüdische Großcapital bilde, aus dem sich mit der Zeit auch der Kampf gegen das Großcapital überhaupt entwickeln werde. Und in Oesterreich vergeht kein Parteitag, an dem nicht die getauften und ungetauften „Parteiführer" erklären würden, daß sie — um mit Dr. Adler zu sprechen — „eine Ablenkung der socialdemokratischen Bewegung auf philo semitische Bahnen nicht dulden, werden". Eine concrete Form hat diese bisher passive Haltung der Socialdemokraten gegenüber dem Antisemitismus erst durch die Dreyfus-Affaire angenommen. Die französische, und ihrem Beispiele folgend auch die österreichische Socialdemokratie haben sich der Revision gegenüber sogar feindselig verhalten. Die französische Parteileitung hat einen Aufruf au die Parteigenossen erlassen und darin betont, daß es nicht ihre Aufgabe sei, sich in den Kampf zwischen der Bourgeoisie und dem Militarismus einzumengen. Die socialistischen Depntirten haben, wie uns Beer in der „New-Iorker Arbeiter- Zeitung" erzählte, in der heftigsten Weise die Parteinahme J a u r e's für Dreyfus kritisirt und von ihm verlangt, daß er erkläre, nur im eigenen Namen zu sprechen und zu handeln. Die Wiener „Arbeiter-Zeitung" hatte noch am 19. November 1897 den Muth, das Schicksal Dreyfus' mit dem des im Essener Meineidproceß zu drei Jahren verurtheilten Bergarbeiters Schröder zu vergleichen und die Frage zu stellen: „Wäre da doch der Umstand bestimmend, daß Dreyfus ein Jude ist? Fast sollte man's glauben". Es ist geradezu unglaublich, welche Verwirrung in den Köpfen der gläubigen Marxisten der beim grünen Tische ausgeklügelte Grundsatz vom rein socialem Charakter der Judenfrage herbeigeführt hat, bis sie in ihrer Kurzsichtigkeit endlich mit der Nase daran stießen. Die Führer des französischen Proletariats sahen es endlich ein,, welche Gefahr für die Cultur der Antisemitismus in sich berge, wie der Abschaum der Gesellschaft und die Schleppträger der Reaction unter diesem Deckmantel ihre unsauberen Geschäfte besorgen und die Errungenschaften der Revolution bedrohen; sie erkannten, daß es sich nicht mehr um Dreyfus oder die Juden, sondern um ihre heiligsten Ideale handle. Diese Erkenntniß spricht aus der Rede Rou anet's und seinem Aufsatze. In der Einleitung sagt Rouanet: „In der Wirklichkeit war der Antisemitismus, wie ich bereits in der Kammer gesagt habe, von dem Zeitpunkte, da er vorgibt, an Stelle der leeren Worte und hohlen Declamationeu politische Thaten zu setzen, sowohl durch die Natur seiner seltsamen historischen Auffassungen, als durch den Charakter der um ihn gruppirenden ökonomischen Interessen rückständiger

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