Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-03-17 · 11 (17.3.1899) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
11 (17.3.1899)
Date
1899-03-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021277-3021289--08674-3033065
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 11 Dr. Vloch'r Wochenschrift Seite 211 abschiedete sich sohin von der Deputation mit dem Versprechen, die Sache neuerlich zu prüfen. Die Deputation sprach auch bei Herrn Dr. H e r z l vor. Derselbe erklärte, für die Boryslawer Arbeiter nichts thun zu können, und gab der Deputation den Rath, sich an einige hiesige Philantropen zu wenden. Bei der gegenwärtigen Lage in Boryslaw handelt es sich um zweierlei Dinge: Um die Schaffung einer dauernden Existenzmöglichkeit durch Arbeitsgelegenheit, und um m o m e n t a n e Hilfe. Das erstere wird hoffentlich doch seitens der „Jewish Colonisation Association" in Paris, die sich in ihrer gestrigen Sitzung mit der galizischen Judenfrage überhaupt zu beschäftigen hatte, geschehen; das zweite ist aber das Brennendste, denn die Ostern stehen vor der Thür und den brotlosen Familien droht außerdem, da der Miethzins zu Ostern fällig ist, die Del ogirung. Da darf nicht mehr auf Paris gewartet werden, sondern es ist Pflicht aller bemittelten Juden in Oesterreich, und der „Israelitischen Allianz" in Wien insbesondere, sofort hilfreich einzugreifen. Soweit wir informirt sind, findet diesbezüglich in den nächsten Tagen eine Besprechung mehrerer Persönlichkeiten statt, über deren Resultat wir berichten werden. „Die Wahlreform für den Baseler Corrgreß." Wir erhalten folgende Zuschrift: „Sehr geehrter Herr Redacteur! Ich ersuche Sie höflichst um gefl. Veröffentlichung folgender Zeilen: Wegen des obigen Artikels, der bei uns große Sensation erregte, wurde der Verfasser Herr Dr. Landau in einer unter Gentlemen nicht üblichen Weise von Herrn Dr. Herzl verdächtigt. Herr Dr. Herzl machte es dem Herrn Dr. Landau besonders zum Vorwurf und unterließ es nicht, ihm die häßlichsten Motive zu unterschieben, weil er Wiener Correspondent des „antizionistischen" „Jewish Chronicle" ist. Dem gegenüber sei betont, daß auch der New-Aorker Correspondent des „Jewish Chronicle" Niemand - Anderer ist als einer der ersten Führer der zionistischen Bewegung in Amerika und Präsidial- B.'irath des letzten Baseler Congreffes, nämlich Professor Richard G o t t h e i l. Da sollte dieses Blatt antizionistisch sein? Und wenn nicht, wo bleibt die Wahrheitsliebe des Herrn Dr. Herzl? London, den 12. März. Mit aller Hochachtung A. I. *)" „Die Entartung des semitischen Typns." Das soeben erschienene Vierteljahrsheft des „Archivs für Autropologie" berichtet über eine sehr interessante Arbeit Dr. Pantuchow's „die Entartung des semitischen Typus", die in den Protokollen der russischen antropologischen Gesellschaft zur Veröffentlichung gelangt ist. Darin lesen wir: „Die ersten documentalen Nachrichten über den Typus der Semiten finden wir auf den egyptischen Pyramiden, wo bei der Darstellung irgend einer Procession Individuen dargestellt sind mit dem classischen Profil der Semiten, mit dunkelbraune^ Augen und mit schwarzen, glänzenden, leicht gelockten Haaren. Im Anfang haben sich die Juden rein gehalten, als die Könige aber sich fremde Weiber nahmen, begann eine Vermischung. Vergeblich eiferten die Propheten dagegen. Während der babylonischen Gefangenschaft (Artaxerxes und Esther) wurden viele Völker zum Judaismus bekehrt. Die Juden begannen zu wandern, viele echte Juden, sowie die zum Judenthum bekehrten Volksstämme ließen sich damals in Persien, im Kaukasus, an den Küsten des Schwarzes Meeres nieder. (Die Karaim.) Nach Palästina und Jerusalem kehrten sie nicht zurück. Diejenigen Juden, die in Asien, Transkaukasien, in den türkischen Provinzen Afrikas, auf der Balkanhalbinsel blieben, auch die Karaim, haben wenig fremdes Blut in sich ausgenommen und haben daher ihren Typus am reinsten bewahrt — diejenigen Juden aber, die nach Westeuropa gelangten, sind großen Mischungen ausgesetzt gewesen. Im Mittelalter wurden sie einfach erschlagen, wenn sie nicht Christen wurden. Als Schutz gegen die Uebergriffe der Feinde benutzten sie ihr Geld. Professor Steinthal. Das Judenthum und die jüdische Wissenschaft haben abermals einen schweren, unersetzlichen Verlust erlitten. In Berlin,^ ist diese Woche im Alter von 76 Jahren der in der ganzen / Der volle Name des Einsenders ist der Redaction bekannt. 9 wissenschaftlichen Welt bekannte Sprachforscher und Völkerpsychologe Heymann Steinthal gestorben. Geboren zu Gröbzig in Anhalt, studirte er in Berlin, habilitirte sich 1850 an der Universität daselbst für allgemeine Sprachwissenschaften und Mythologie und wurde 1863 außerordentlicher Professor. Seit 1873 lehrte er zugleich an der Hochschule für Wissenschaft des Judenthums philosophische Ethik und Religionsphilosophie. In seinen sprachwissenschaftlichen Arbeiten schloß sich Steinthal an Die von Wilhelm v. Humboldt begründete philosophische Behandlung der Sprache an. Seine bedeutendsten Schriften sind: Der Ursprung der Sprache (Berlin, 4. Auflage, 1888), Die Entwicklung der Sprachidee (1850), Die Entwicklung der Schrift (1852), Geschichte der Sprachwissenschaft bei den Griechen und Römern (2. Auflage, 1890), Die Mande-Negersprachen, Psychologisch und phonetisch betrachtet (1887), Allgemeine Ethik (1885). Steinthal gab auch mit Professor Lazarus, seinem Schwager, mit dem ihn die engsten Freundschaftsbande verknüpften durch lange Jahre in treuer Mitarbeiterschaft die „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft" heraus. Das wichtigste Organ, der von diesen beiden hochbedeutenden Männern theils begründeten theils selbstständig weiter ausgebauten Wissenschaften. — In nächster Nummer werden wir einen die große Bedeutung dieses seltenen Mannes würdigenden Aufsatz veröffentlichen. _ Coralie Cahen. Paris, 11. März. Prunklos und bescheiden, wie es die jüdische Religion vorschreibt, wird man morgen hier eine Frau zu Grabe tragen, deren Name in den Herzen der französischen Patrioten immerwährend weiterleben wird und dem in der Geschichte des deutsch-französischen Krieges ein ehrendes Andenken gewahrt ist. Coralie Cahen ist gestorben. Der jungen Generation mag dieser Name vielleicht ein wenig unbekannt klingen, aber den Zeitgenossen der Dahingeschiedenen ist er geläufig, und wenn sie nun die Nachricht von dem Ableben der „großen Französin" — es war dies das ehrenvolle Epitheton der wunderbaren Frau — erfahren, wird ein Gefühl tiefer Rührung ihre Herzen durchziehen. Nicht wie eine Jeanne d'Arc ist sie mit fliegender Fahne und blitzendem Schwert den Franzosen voraus in den Kampf geeilt, die Feigen ermuthigend und die Muthigen zu Heldenthaten aneifernd, wie sie sie selbst vollbracht, nein, Coralie Cahen war, wenn auch ihre ^hätigkeit auf dem Schlachtfelde zur Geltung kam. kein histerisches Weib, das mit übermäßig angespannten Nerven Blntfließen predigte, sondern eine Samariterin, die das aus den Wunden ihrer auf dem Felde der Ehre gefallenen Landsleute strömende Blut zum Stillen brachte. Sie zog nicht an der Spitze der Armee in den Krieg, aber wenn die Gewehre knatterten und Kanonendonner erdröhnte, dann war auch sie auf ihrem Platze, auf dem Platze, der dem Weibe zukommt, wenn die Männer das blutige Handwerk betreiben. Mit unermüdlicher Ausdauer, mit unendlicher Hingebung war sie eine zarte und zärtliche Pflegerin der verwundeten Soldaten, eine hilfsbereite Trösterin der Gefangenen. Schon lange vor dem Kriege kannte man in ganz Frankreich den Namen Coralie Cahen als den einer der reichsten, aber auch wohlthätigsten Frauen im ganzen Lande. Die Gattin des Directors der Compagnie du Nord, hat Madame Cahen ihr Leben, ihren Reichthum in den Dienst der Unglücklichen gestellt. Da bricht der deutsch-ftanzöfische Krieg aus, und kaum sind die ersten Nachrichten von dem Kriegsschauplätze eingetroffen, eilt sie auf das Schlachtfeld zu den Spitälern, zu den Ambulanzen. In Metz, wohin sie von Borny geeilt war, organisirt sie mit weitaussehendem Blick den Verwundetenhilfsdienst, dann geht sie am 15. December muthig, allen Beschwerden trotzend, zu dem gleichen Zwecke nach Vendome und wacht Nächte lang an dem Lager der Verwundeten, die sie auch gegen die Rohheiten einer rüden Soldateska schützen muß, die nicht immer Respect vor dem Genfer Kreuze zeigen. So hört man sie einen deutschen Arzt zurechtweisen: „Hier gibt es weder Feinde noch Franzusen, hier gibt es nur Verwundete." Der Krieg ist beendet, aber Mme. Cahen sieht sich erst jetzt am Beginn ihrer Thätigkeit. Viele Franzosen waren in Gefangenschaft gerathen, aber nicht alle konnten zurückkehren in ihre Heimat. Die Einen schmachteten in Gefängnissen, die Anderen lagen" in Spitälern. Diesen nun weihte sie ihre Dienste. Gegen Ende August 1871 kam Mme. Cahen nach Berlin. In einem dortigen Spital findet sie etwa 15 schwerverwundete Franzosen, von denen sie erfährt, daß in Stettin zwei Kameraden infolge ihres intransportablen Zustandes hilflos darniederliegen. Am nächsten Tage ist sie in Stettin. Einer der Unglücklichen war bereits gestorben. Der i Andere weigerte sich, zu essen und zu trinken und rief, als ihn Mme. r (S a fjic it bat, doch etwas Nahrung zu sich zu nehmen: „Da ich^schon zhier sterben muß, ist es besser, ich sterbe gleich." Aber die edle Frau, .".die sich im Laufe des Krieges zum geschickten Chirurgen ausgebildet, lkfindet den Zustand des Patienten doch nicht so hoffnungslos, als man >ihn ihr geschildert, und so eilt sie zum Stadtcommandanteu vou

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.