Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 10 (10.3.1899)
- Date
- 1899-03-10
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 10 jfix. Vloch's Wochenschrifi Seite 199 sammlung, der seiner Keckheit wegen bekannt und gefürchtet war, dem armen Jungen zu, der im dunkelsten Winkel todtenblaß und zitternd saß: „komm' nur her, Du Moskal, und sage mir, Dir steht die Tochter Reb Noach's nicht an? Du wartest auf eine Tochter von Rothschild? Höre Schmul, Du kennst mich? Wenn Du ein Wort d'rein redest, spalte ich Dir den Kops, um zu sehen, ob Du verrückt bist! Wirst Du heiraten oder nicht? Mir ist ganz gleich; ich will Dir nicht d'reinreden." Der unglückliche junge Mensch stand da, dem Zusammeubrechen nahe; unfähig zu antworten, schüttelte er blos mit dem Kopfe. „Nun also!" rief der energische Heiratsvermittler, „wenn Du einverstanden, umso besser. Der Gabe wird schon für das Nöthige sorgen; von der Braut wirst Du Tales und Streunet*) bekommen und von uns Allen schöne Hochszeitsgeschenke. Von heute über einen Monat bist Du ein junger Ehemann." Und so war es. Die ganze Gemeinde nahm lebhaften Antheil an dieser Partie, bei der es galt, ein älteres, verwaistes Mädchen unter die Haube zu bringen, und wenn man die geputzte Menge am Hochzeitstag«' sah, konnte man glauben, es gelte ein vornehmes Paar zur Chuppe zu begleiten. Der Rabbiner traute, der alte weißhaarige Vorbeter der großen Synagoge sang die Segenssprüche, der Cnltnsvorsteher und der Gabe führten den Bräutigam, ihre Frauen die dichtverschleierte Braut. Die Musik ging dem Zug voran, die Gassenjngend folgte lärmend, es war ein Getöse und Gejohle, daß dem armen Bräutigam Sehen und Hören verging und er anfathmete, als die Ceremonie endlich zu Ende war und das Neuvermählte Paar allein gelassen wurde, um nach dem langen Fasttag im traulichen Tete ä Tete die erste „goldene Suppe" zu verzehren. Hier erst, in dem von der kundigen Hand der wirthschaftlichen Frau sorgfältig ansgestatteten Zimmer, ihr gegenüber sitzend, wagte der junge Gatte einen Blick auf die ihm octroytrte Lebensgefährtin zu werfen. Wahrlich, es war nicht so schlimm,' als er dachte, und für den bescheidenen Haushalt eines Schulschames ziemlich genügend. Sein jungfräuliches Herz begann sogar ein wenig zu zappeln und er lächelte etwas gourmandhaft seinem holden Hausgenius zu. Vollends aber gerieth er in Entzücken, als seine trunkenen Blicke das Zimmer musterten. Welch' ungeahnte Pracht! Zwei gelbpolitirte Betten mit großblumigen Zitzdecken: rothe Vorhänge an den Fensterscheiben; an den Wänden eine tickende Uhr und im Goldrahmen ein von zwei colorirten grünen Löwen getragener, rother Misrach; auf der Commode farbige Gläser und bemalte Tassen nebst Handspiegel; auf dem Kleiderkasten Kannen, Krüge, Becken, Leuchter, Bügeleisen aus blankgeputztem Kupfer und Messing; an der Decke ein siebenarmiger Leuchter von einem ausgespreizten Vogel verziert — Alles' so schön und frisch, und dies Alles nun fern! Schmul schloß einen Moment die Augen und ließ die Bilder freudloser Vergangenheit an sich vorüberziehen: die Flucht aus dem Vaterhause, die elende Kindheit in der Fremde, die Entblößung, der Hunger, die kalten Nächte auf harter Erde, daun die Ofenbank in der Schule und die kargen Almosen der Beter — und nun, nach so vieler Mühsal, ein fix angestellter Gatte und Schulschames! Feuilleton. Malka Schwarzenkopf. Schauspiel in fünf Acten von G. v. Zapolska. Au t o r i s i r t e Bearbeitung für die deutsche Bühne von S. R. Landau. Den Bühnen gegenüber M a n u s c r i p t. (Nachdruck verboten.) 5. Scene. Frau Glanz, Malka. Frau Glanz (tritt ein): Guten Tag, Malka! Malka (angenehm überrascht): Ah, Frau Glanz! (stürzt ihr um den Hals und küüt sie). *) Sabbathmütze aus schwarzem Sammt in Form eines Zuckerhutes mit Pelzverbrämnng aus Zobelschwänzen. Frau Glanz: So, das bin ich, liebes Fräulein Malka! M a l k a : Nicht mehr Fräulein Malka, Frau Glanz. Frau Glanz: Für mich bleiben Sie nur das Fräulein Malka. So eine Ehe ist gar keine Ehe. Malka: Es ist wahr. Frau Glanz hat sich ja immer dieser Ehe widersetzt. Selbst bei meiner Hochzeit mußten Sie sein und nur Sie durften mir die Haare abschneiden, wenn sie schon abgeschnitten werden mußten. Fr au Gl a nz: Ich bin nicht gerne hingekommen, denn ich konnte nicht zusehen, wie Du, Fräulein Malka, mit dem häßlichen, dummen Jojne, unter dem Trauungs - Baldachin gegangen bist. Ach Malka, Du hast eine schwere Sünde auf Deinem Gewissen. Malka: Ich? Frau Glanz: Jawohl, Du Malka. Du hast Dich mit Jojne trauen lassen, während Dein Herz einem Anderen gehörte. Malka: Woher wissen Sie das? Frau Glanz: Meinen Augen entgeht nichts. Sie wissen ja, daß ich im Hause unserer seligen Iran lebte, als Sie von Ihrem Vater hingebracht wurden! Dort wuchsen Sie auf unter meinem Schutze, und ans dem Kinde wurde eine Jungfrau, die der Frau Glanz Alles anvertraute. Aber wenn Sie auch vor mir etwas verheimlichten, so ist es mir doch nicht entgangen und ich konnte in Ihrem Herzen lesen, wie in einem offenen Buch. Malka: Meine liebe Frau Glanz! Frau Gl a n z. Nicht wahr? Manchmal hat auch die gnädige Frau selbst gefragt, wie Sie über das und jenes denken. Und so erfuhr ich, daß Malka's Herz schon lange einem braven und guten Menschen. gehört. Bei ihm bin ich soeben gewesen. M a l k a (entsetzt): Bei ihm? F r a u Glanz: Ja. Mein Schritt mag Dir unbesonnen und leichtfertig Vorkommen. Denn zu einer verheirateten Frau kommt man nicht mit Botschaften der Liebe. Aber ich sehe darin keine Sünde und spreche offen. Nun denn: Ich komme im Namen des Herrn Jakob Löwy und bitte Dich, werde seine Frau. Malka: Frau Glanz! Ich bin doch verheiratet! Frau Glanz: Bei uns besteht eine wichtige Institution, wenn eine Frau unglücklich ist: Die Scheidung. Malta: Die Scheidung? Frau G l a n z : Jawohl, die Scheidung, Malka. Denke doch daran. Tu wirst Dich von Jojne scheiden lassen und den Löwy heiraten. Du liebst ihn schon lange und er Dich auch. Er will ohne Dich nicht mehr leben. Malk a: Herr Löwy war ja doch verlobt? F r a n G l a n z: Herr Löwy hat seine Verlobung gelöst und ist jetzt frei. Malka (erfreut): Frei? Frau Glanz: Wie ein Vogel, wie auch Du, Malka, frei sein wirst, wenn Dich Jojne scheiden wird. Diese Nacht ist mir unsere selige Frau im Traume erschienen und hat zu mir gesagt: Geh' hin zu Malka und sage ihr, sie möge sich nicht mehr plagen, nicht mehr quälen, sondern sich scheiden. Dann wird sie glücklich sein. Malta: Und wird dann endlich glücklich sein!