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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-03-10 · 10 (10.3.1899) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
10 (10.3.1899)
Date
1899-03-10
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 198 Vr. Bloch'» Wochenschrift Nr. 10 Vorübergehenden schauderergriffen waren. Gute Menschen traten zusammen, die unglücklichen Geschöpfe halbwegs zu bergen und so kam Schwul in ein Bethaus, wo ihm die schmale Sitzbank vor dem großen Heitzofen zum Schlafen angewiesen wurde. Es war kein schwellendes Bett, aber immerhin ein warmes Lager und überdies erregte der blasse, magere Junge das Mitleid der Männer, die da beteten, die, wiewohl sie selbst nicht an der vollen Tafel des Lebens saßen, hie und da ein kleines Almosen in die Hand des kleinen Russen fallen ließen oder ihm ein ihnen unbrauchbar gewordenes Kleidungsstück schenkten. Allerdings sah der Junge in den zusammengetragenen Sachen ganz Possirlich aus. Die Kopfbedeckung fiel ihm über die Ohren, die kurzen Hosen gehörten früher einem noch kleineren Knaben, der weite und lange Rock hing ihm - an, wie schlaffe Segel und in den großen Röhrenstiefeln verirrten sich die kleinen mageren Füße. Diese Garderobe stammte offenbar nicht ans dem Atelier eines vornehmen Schneiders, aber sie schützte doch den armen Jungen vor der Kälte des Winters und machte es ihm möglich, dein alten Schames* **)) einige Dienste zu leisten: Abends die Fensterläden zu schließen, sie Morgens zu öffnen, Wasser für das Handfaß zu holen, die Mitglieder zum Gebete zu rufen, Freitag das Local auszukehren und Lichter einzufügen. Im Bethaus nannte man ihn spottweise den Vice-Schames, denn in der That bildete sich der Junge zum Eleven heran, wußte wo jedes Mitglied wohnte, wem jeder Talis gehört, wer allwöchentlich oder allmonatlich Lichter spendet und wann die Vereinsmitglieder Jahrzeit haben. Bald kam für den Jungen ein wichtiger Zeitabschnitt; er trat ins dreizehnte Lebensjahr, somit in den Verband der jüdischen Religionsgemeinde als actives Mitglied. Dieser Eintritt wurde im Bethause durch eine Collecte gefeiert, deren Ergebniß Schmul vortheilhast umgestaltete, indem er, Samstag beim Frühgottesdienst zur Thora gerufen, in einem neuen AnzUg, blanken Schuhen und rundem, weichen Filzhütchen über mit Bier steif gedrehten Ringellock-n erschien, mit solch' selbstbewußten Körperschwingungen die Broches sagte, daß der ihm wohlgewogene Gabe ihn nicht nur für diesen, sondern für alle Samstage zu Tische lud. Ach, wie lange saß der arme Flüchtling nicht an einer gedeckten Tafel! Dem Beispiel ihres Vorstandes folgend, ließen auch andere Mitglieder dem Bocher Ueberbleibsel von ihrem Tische zukommen, oder nahmen ihn an besonderen Tagen wohl auch nach Hause mit, um ihn an dem Mahle theilnehmen zu lassen, und Schmul konnte darauf zählen, an Festtagen wenigstens nicht darben zu müssen. Er war aber auch dankbar für dieses Wohlwollen durch Eifer und Dienstwilligkeit. Die Hänge- und Stehleuchter waren blank, in die Betständer der vornehmen Mitglieder deren Namen in schöner Quadratschrist eingeschnitten, zu Pfingsten die Fensterscheiben zierlich mit Blättern beklebt; zum Versöhnungstag der Boden mit Heu sorgfältig bestreut, damit die barfüßigen Beter sich keine Erkältung holen; gewissenhaft trug er zu Laubhüttenfest den Ethrog und den Lulew zu sämmtlichcn Schulgenossen nach Haus, was der alte, gebrechliche Schames nicht zu thun pflegte, der jetzt nur noch eine Sinekure bekleidete, indem sein Eleve sogar die Beiträge eincaffirte und die im Hause des Verwalters aufbewahrten silbernen Geräthe zum Festgottesdienst abholte und zurücktrug. Aber auch noch -ans die musikalische Ausbildung des Schoferblasens verlegte sich Schmul mit bestem Erfolge. Fast autodidakt schlug er den Schewurim wie eine Nachtigall und blies die Tekue wie ein ehemaliger Thurn-Taxischer Postillon. So vielseitige Leistungen konnten nicht unbelohut bleiben und als ihm seitens eines benachbarten Cheders der Antrag gemacht wurde, den Posten eines Unterbelfers*) anzunehmen und er es vorzog, . in seiner jetzigen minder günstigen Stellung zu bleiben, votirte ihm die dankbare Bethausverwaltung, um ihn dauernd zu fesseln, einen Strohsack, Polster und eine Decke, damit er ein menschenwürdiges Lager habe, welches er allerdings jeden Morgen zu früher Stunde abtragen mußte, um es hinter dem Ofen zu verstecken, und einen festen Gehalt von zwei Gulden monatlich. So schön hatte sich der schüchterne Jüngling das Leben nie geträumt. Kannte er doch nicht den Napoleon'schen Ausspruch, daß „jeder Soldat den Marschallsstab im Tornister trage." Aber der Horizont sollte noch heller werden, denn der invalide *) Tempeldiener. **) Chederdiener. Schames wurde immer hinfälliger, immer unbrauchbarer — und wer, als er, hätte die begründetere Anwartschaft auf die Thronfolge im Falle einer Vacanz? Dieser Fall trat früher ein, als Schmul erwartete. An einem Freitag Morgens starb Reb Noach ganz unerwartet, zu Mittag war er begraben, bedauert von seiner Gemeinde, betrauert von seiner einzigen Tochter, die zwar nicht mehr jung, dafür aber nicht schön war und ein wenig schielte. Tags darauf saß Schmul als Schabbesgast beim Tische des leutseligen Gabe; man .'sprach selbstverständlich vom Ereignisse des gestrigen Tages, dem Tode des langjährigen Schames. „Siehest Du", sagte der Hausherr, „wenn Du nicht ledig wärest, könntest Du jetzt wirklicher Schames werden. Die Anlage hast Du dazu". „Muß denn ein Schulschames verheiratet sein?" frug Schmul, Kopf und Auge gesenkt. „Aber freilich. Hast Du schon einen ledigen Schames gesehen?" Der arme Junge war vernichtet, seine schöne Hoffnung zu Wasser; andere, glücklichere Menschen, die eine Frau, ein Heim haben, werden diesen Posten erobern und er wird immer der Subalterne bleiben! „Es gäbe einen Ausweg," warf die dicke Ehehälfte des magern Gabe ein, „der Schmul soll die Tochter des Verstorbenen heiraten." „Ah, ah, Jentele; sie ist viel älter," entgegnete der Gatte. „Viel älter!" polterte Jene. „Es ist'schon vorgekommen, daß siebzigjährige Männer siebzehnjährige Mädchen heirateten, aber wenn ein Mädchen einige Jahre älter geworden, soll man sie vor die Hunde werfen! Für einen russischen Deserteur ist ein altbackenes Frauenzimmer noch immer zum kauen! Reb Noach's Tochter ist nicht jung und nicht schön, aber was fehlt ihr noch? Eine jüdische Tochter braucht nicht schön zu sein, nur fromm und wirtschaftlich muß sie sein. Das Mädchen ist eine gute Näherin, hat sich eine schöne Einrichtung und etwas Geld erspart, kann kochen und backen und mehr verdienen als bei Euch der Schames. Schmul soll Gott danken, wenn er ein solches Weib bekommt, daß ihm Frau und Mutter sein würde." „Was sagst Du, Schmul?" „Ich kenne Reb Noach's Tochter nicht," hauchte Schmul. „Was brauchst Du sie zu kennen, närrischer.Junge?" pustete Jentele in ihrem Zorn. Willst Du vielleicht eine Liebe spielen, wie bei die Gojim? Ich habe meinen Mann früher nicht gekannt, er hat mich früher nicht gesehen; die Eltern haben ja gesagt und wir haben uns geheiratet. Kinder haben sich nicht in solche Sachen zu mengen. Nach Schiwe*) werden wir uns damit abgeben. Ich sage Dir nochmals Schmul, sei kein Narr; eine solche Partie machst Du noch einmal in Deinem Leben nicht: ein ordentliches, gesundes Frauenzimmer mit etwas Geld, Kleider, Wäsche, Wirtschaft, Bettzeug —" Der arme Junge ist seit seiner Kindheit in keinem Bett, auf keinem Bettzeug geschlafen; sein Lager war die harte Ofenbank! Abends, nach dem Gottesdienste, treten gewöhnlich die Männer, deren Tagewerk damit beendet, zu einer Gruppe zusammen, um zu politisiren und die Tagesereignisse zu besprechen. Zu Zeiten eines Krieges ist die Betgemeinde gewöhnlich in zwei feindliche Lager getheilt, man wird erregt, kritisirt die gegnerische Heeresleitung; die Niederlage der eigenen Partei wird wie ein Unglück empfunden und der Sieg wie ein persönlicher Erfolg gefeiert. Personen, die Zeitungen lesen, gelten als Autoritäten, auf deren Ansicht man schwört. Diesmal war die Besetzung des Schamespostens auf der Tagesordnung. Der Verwalter erzählte, seine Frau Propagire die humane Idee, der Bocher solle die Tochter des verblichenen Reb Noach heiraten und den erledigten Posten erhalten. Diese Idee fand allseitige Zustimmung. „Aber," fügte der Gabe hinzu, „der Schmul scheine nicht geneigt." Da entstand ein wüster Lärm. „Was?" schrie man, „eine Keckheit! Er will nicht! Was heißt, er will nicht?! Wer braucht so ein Jüngel zu fragen, ob er will oder nicht? Hat man ihm an seiner Wiege gesungen, daß er eine Tochter von Reb Noach nehmen und Schames an unserer Schule werden wird?! Komm' nur her, Du Parch!" rief einer aus der Ver- *) Die Trauerwoche.

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