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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-03-10 · 10 (10.3.1899) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
10 (10.3.1899)
Date
1899-03-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 10 Vr. Stoch'» Wochenschrift Seite 191 fördernng in Borschlag gebracht worden waren. In Wahrheit stand ihrer Ernennung und Beförderung bei dem Präsidium und dem Stadtrathe nur das Eine entgegen, daß sie Juden sind. Daß eine ausdrückliche oder eine stillschweigende Vereinbarung besteht, jüdische Beamte, möge ihre Dienstleistung eine noch so lange und vorzügliche sein, und mögen sie diesfalls auch ihre Mitbewerber überragen, von der Beförderung auszuschließen, ergibt sich daraus, daß unter beiläufig 1400 beförderten Beamten nicht ein einziger Jude ist, vielmehr alle in der Reihenfolge des Status befindlichen jüdischen Bewerber entgegen den Bestimmungen des 8 100 der Dienstpragmatik s a m m t und sonders p r ä t e r i r t wurden. Diese systematische Ausschließung tritt auch klar und deutlich hervor: h) bei dem Stadtphysikate, bei welchem s ä m m t l i ch e jüdischen Aerzte im Avancement übergangen den graduirten Aerzten israelitischer Confession Wundärzte vorgezogen und sogar vacante Stellen unbesetzt gelassen worden sind. Welch'ein schreiendes Unrecht liegt darin, daß dem Beamten, der all' seine Mühe, Zeit, Kenntnisse lange Jahre seines Lebens dem Dienste der Commune in anerkannt vorzüglichster Weise widmete, der — wenn auch nicht klagbare — so doch nach Gerechtigkeit ihm gebührende Anspruch auf Beförderung vorenthalten, ihm und seiner — nicht selten auch in Nothlage befindlichen — Familie jede Aussicht auf eine noch so wohlverdiente bessere Existenz benommen wird, muß Jedermann — er mag Christ oder Jude sein —, der auch nur e i n e n F u n k e n v o n R e ch t l i ch k e i t s- und M e n s ch l i ch k e i t s g e f ü h l in seinem Herzen hat, empfinden. Ich erlaube mir, an den Herrn Bürgermeister nun die Anfrage zu richten: Wie sind mit seiner letzhin abgegebenen Erklärung, daß der Stadtrath bei Ernennungen und Beförderungen unparteisch, mit strengster Objectivität vorgehe und daß er, der Herr Bürgermeister, und der Stadtrath die Gemeinde verwalten, um der Gerechtigkeit zum Durchbruche zu verhelfen, die vorgestellten Vorkommnisse in Einklang zu bringen?" Bürgermeister Dr. Lueger: „Es ist dem Ansragenden gewiß bekannt, daß die betreffenden Beförderungen mit Beschluß des Stadtrathes erfolgen. Ich bin ja nur ein kleiner Be st an dt heil des Stadtrathes, nur ein F ü n f u n d z w a n z i g st e l. (Ruse rechts : Aber, aber! O je! Armer Dr. Lueger!) Die L-tadträthe werden auch wissen, warum sie so gestimmt haben und nicht anders. Ich weiß übrigens nicht, ob das Alles richtig ist, was der Interpellant behauptet. (Gemeinderath Dr. Stern: Schauen Sie im Status nach!) Ich bin dafür nicht Rechenschaft schuldig und lehne daher die Verantwortung dafür ab." Zur Erinnerung an den Maker Gottlieb. Kxakau, den 6. Mürz. Ende dieser Woche veranstalteten die jüdischen Mitglieder der hiesigen Kunstakademie eine Trauerfeier zur Erinnerung an den verstorbenen Maler Moriz G o t t l i e b. Zwanzig Jahre vergehen, seitdem dieser hoffnungsvolle Künstler, der in seiner Individualität das jüdische Wesen verkörperte, nach Hinterlassung voil Kunstwerken, die ihm einen dauernden Platz in der Kunst gesichert haben, im jungen Alter starb. Das Reinerträgniß der Veranstaltung ist für ein jüdisches Künstlerstipendium bestimmt. Das Protectorat über das Fest hat auch der Director der hiesigen Kunstakademie, der bekannte Liebling des deutschen Kaisers, Julian F a l a t übernommen. Eine schöne künstlerische Form hatten auch die Einladungen, die mit dem Bildniß G v t t l i e b's geschmückt sind. Zum Arbeikerelend in Boryslaw. Wien, 8. März. Gestern ist hier eine Deputation der jüdischen Bergarbeiter aus Boryslaw,bestehend aus den Arbeitern Josef Gold h ammer, Josef Me h le r und Bernard Friedländer, angekommen. Dieselbe begab sich zuerst zu unserem Mitarbeiter Dr. S. R. a n d a u, um demselben für die publicistische Vertretung ihrer Interessen zu danken. Sie überreichten ihm gleichzeitig eine Denkschrift, in der sie den ganzen Jammer ihrer Existenz mit schlichten, einfachen, aber rührenden Worten schildern. Man kennt bereits ans der in unserem Blatte enthalteneli Darstellung das Elend dieser Leute, die keine Gnade und kein Almosen verlangen, die starke Arme haben und ein Fach verstehen, die aber keine Arbeit finden und daher buchstäblich am Hungertuche nage n. Es mögen hier die wichtigsten Stellen zur vollen Charakteristik der unglaublichen, entsetzlichen Verhältnisse in Boryslaw wiedergegeben werden: „Wir jüdische Arbeiter und Aufseher waren gewöhnt, schwer zu arbeiten, wie keine Arbeiterclasse in der Welt; wir haben ehrlich unser Brot verdient, die Aufseher 20—30 Gulden, die Wäscher und Steineträger 10—15 Gulden wöchentlich. Aber jetzt sitzen wir schon seit Monaten ohne Arbeit. Die christlichen Banken und Bergbehörden gewähren uns gar keine Unterstützung und die Boryslawer Gemeindevertreter, wohlhabende Leute, sind unserer Roth gegenüber ganz unempfindlich. Wir sind keine Bettler, wir wollen Arbeit und scheuen gar keine Arbeit, um uns ehrlich Brot zu verdienen. Die Verzweiflung treibt uns in die Welt hinaus, da wir nicht mehr das Geschrei unserer Kinder hören können, die nach Brot rufen, ohne daß wir es ihnen geben. Wir haben nichts mehr zu verkaufen oder zu verpfänden, stehlen oder rauben können wir nicht, und so suchen wir Arbeit und noch einmal Arbeit. Diese bekommen wir aber von den Christen in Boryslaw nicht, denn diese beschäftigen blos Christen. Wohin sollen wir uns also wenden, wem sollen wir unser Leid klagen und von wem Hilfe er- - bitten? . . . . In der Welt gibt es noch Juden mit menschlichem Empfinden, und sie mögen uns helfen; wir bitten und schreien um ihre Hilfe!" Diese Denkschrift ist unterfertigt von ben Boryslawer Vereinen „G milos C h e s e d", „O j s e C h e s e d", „A h a v a s Zion" und den Rabbinern Hirsch L u st m a n n und Moses R o k e a ch. Sie enthält im Anschluß eine Liste der arbeits- und-somit brotlosen Familien. Die Zahl derselben beträgt 218, die Seelenzahl 847. In einer Rubrik „Bestimmungsort", wohin die Arbeiter am liebsten befördert werden möchten, weil sie dort eine Besserung ihres Loses erwarten, finden wir hauptsächlich Amerika, dann Wien und Budapest. Wie die Deputation berichtet, hätten sogar die meisten Arbeiter nicht übel Lust, sich nach Wien zu — Fuß zu begeben; in ihrer Verzweiflung und Rathlosigkeit bleibe ihnen nichts anderes übrig. Die Deputirten, stämmige Gestalten, erklärten uns mit Thränen in den Augen, daß sie gar nicht nach Hause kommen können, wenn sie keine günstigen Nachrichten mitbringen. Die Ostern stehen vor der Thür und ihre Berufs-^ und Leidensgenossen haben nicht einmal auf Mazzes; zu Ostern heißt es, den Zins für ein halbes Jahr bezahlen, sonst verlieren sie sogar das Obdach . Heute wird die Deputation bei verschiedenen Persönlichkeiten vorsprechen, darunter auch bei Herrn David von G utm a n n, daß er den Boryslawer Arbeitern, hundert Familienvätern, in seinen Ostrauer Kohlengruben Arbeitsgelegenheit verschaffe. Die Deputation beklagt sich bei Herrn von G u tm a u n über dessen Bergrath, der nach Boryslaw geschickt, um dort die tüchtigsten Arbeiter „zur Probe" auszusuchen, lediglich bei den christlichen — es gibt in der Umgebung von Boryslaw auch jüdische — Baudirectoren,diedenjüdischen Arbeitern principiell keine Arbeit geben wollen, Informationen einholte, und dann nach Hause mit der Botsck fft zurückkehrte, die jüdischen Arbeiter seien unfähig und w- ..en nicht am Samstag arbeiten. Ueber letzteren Umstand wurden die Arbeiter gar nicht befragt, und sind sie auch entschlossen, die Arbeit ani Samstag der Bettelei und dem Hungertode vorznziehen. Wir unserseits setzen unsere Hoffnung vor Allem auf die »Jewish Colonisation Association« in Paris, die allein in der Lage wäre, das Elend der Arbeiter nicht blos zu mildern, sondern ihnen auch eine menschenwürdige Existenz zu verschaffen. Die Zeit drängt und hoffentlich wird dies auch recht bald die »J. C. A.« in ihrem bewährten Pflichtgefühl in Betracht ziehen. Für den Augenblick jedoch und angesichts der herannahenden Feiertage mögen aber edle und wohlthätige Menschen an die Noth und das Elend, in die fast tausend jüdische Seelen schuldlos, denn lediglich durch eine Verordnung der Krakauer Bergbehörde

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