Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 10 (10.3.1899)
- Date
- 1899-03-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 166 Vr. Vloch's Wochenschrift Nr. 10 Dr. Kahn und seiner Freunde, eine Masse Juden nach Palästina zu bringen, die dort durch ihre fleißige Arbeit die Ertragsfähigkeit des Bodens erhöhen würden. Das sind Hoffnungen, die man schmeichlerisch bezeichnet, wenn man sie blos verwegen nennt. Ganz auf der gleichen Höhe ist es, wenn die hiesigen Zionisten jüngst in einem Aufruf sagten, sie wollten den arme»/' Brüdern in Palästina eine Heimstätte geben. Sie erinnern damit an jenen betriebsamen Glaubensgenossen, der dem Schwiegersöhne als Ausstattung der Tochter „zwei Provinzen" mitgab. Als eine Entgleisung des Ausdruckes will ich es auffaffen, daß der Vortragende sagte, jeder Rabbiner müsse zugleich Zionist sein, sofern er neben seinem Radbinerthum auch Jude sei. Kein Jude und kein Rabbiner hat nöthig, sich zum Zionismus zu bekennen, den Herr Dr. Kahn gepredigt. Ein Zionistenführer hat von den „Auchjuden" und „Bauchjuden" gesprochen. Noch unsympathischer als diese sind die „Mauljuden", die den Mund weit austhun, um durch übertreibendes schmeichlerisches Lob Beifall zu gewinnen. Ich gehöre zu denen, die die Worte: „im kommenden Jabre in Jerusalem" nicht blos sprechen, sondern auch meinen. Mein Herz sehnt sich nach Zion, und wenn es den Namen Jerusalem hört, so wird es von Heimweh erfüllt. Aber Gram und Grimm ergreift mich, wenn ich diesen sogenannten politischen Zionismus sehe, der unentbehrliche Kräfte schmählich vergeudet, der, wo er im Dienste der inneren Mission segensreich wirken könnte, darauf beharrt, den Gegnern die Waffen zu schärfen. Nachdem noch ein Herr Silbergleit Herrn Dr. Kahn's Rede als eine große That gepriesen und der frühere Judenmissionär Fab er im Sinne des Zionismus gesprochen, wurde die Discujsion geschlossen. In einer persönlichen Bemerkung sagte Herr Klausner dem Vortragenden, dieser müsse sich durch das Für und Wider an den Spruch erinnert werden: „Wenn Deine Kunst dem Kenner nicht gefällt, so ist das schon ein übles Zeichen; doch wenn sie gar des — Anderen Lob erhält, so ist es Zeit, sie auszustreichen". Herr Dr. Kahn entsprach dieser Erwartung nicht. Er beklagte sich, daß er „mit vergifteten Pfeilen" bekämpft worden sei. Man habe ihm gesagt, er werde in Berlin einen Gegner finden, der ihn vom conservativen Standpunkte aus bekämpfen werde und darauf habe er sich gefreut, „wie das Kriegsroß auf Kanonendonner". Aber mit Kanonen muffe eben geschossen werden, nicht mit Vogeldunst wie auf Spatzen. Einer solchen Opposition sei er nicht gewachsen. Man muß mit dem Gefühlsleben der Kriegsrosse vertraut sein, wie Herr Dr. K a h n, um zu wissen, ob diese edlen Thiere sich auf Kanonenlärm freuen und Gewehrschüsse als eine Beeinträchtigung ihrer Würde empfinden. Die Leitung der Versammlung war wieder sehr unzulänglich. Der Vorsitzende nahm sich heraus, zu vermahnen, wo er nur zuzuhören hatte und schwieg, wo er hätte reden sollen. Gin Landesverräther. Lemberg, 5. März. Der Schwurgerichts-Proceß, der hier in den letzten Tagen zwischen Pater Stojalowski und dem Herausgeber des „DziennikPolski",Dr. Ostaszewski-Baranski, zur Austragung gelangte, hat mit einer vernichtenden Niederlage für den Ersteren geendet. Die Geschworenen haben in ihrem Verdick erklärt, daß der Angeklagte für die von ihm gegen Pater Stojalowski erhobenen Beschuldigungen den Wahrheitsbeweis erbracht habe. Und welch' schwere Beschuldigungen waren dies! Als Stojalowski nach Jahren der politischen Verfolgungen und der Excommunication endlich mit dem Hochclerus und mit der Schlachta sich aussöhnte und für den Preis einer antisemitischen Hetzcampagne das Reichsrathsmandat von Lancut-Nisko erhielt, um auch im Parlament die antisemitische Hausknechtsarbeit des Polenclubs zu verrichten, da gab es doch noch manche dunkle Punkte in seinem Leben, die das Tageslicht scheuten. Unter Anderem hatte mit ihm noch Fürst Adam S a p i e h a aus alten Tagen ein Hühnchen zu pflücken, das in die Abrechnung und Aussöhnung Stojalowski's mit der Schlachta nicht eingeschlossen war. Und nun, da Stojalowski ganz hübsch in die Laube gegangen war, präsentirte Fürst S a p i e h a seine Rechnung. Gerade inmitten der Wahlcampagne, die Stojalowski im V. Wahlkreis Jaslo mit allen Mitteln antisemitischer Verhetzung, die zu den bekannten Judenexceffen führten, leitete, da traf ihn, wie ein Blitz aus reinem Himmel, eine niederschmetternde Anklage des „Dziennik Polski", des Leibblattes Sapiehas. Dieses Blatt behauptete nicht mehr und nicht weniger, als daß Pater Stojalowski, der Pole und katholische Priester, mit dem Warschauer Gendarmerie-Obersten Brok in Beziehungen gestanden sei, um in Russisch-Polen eine von Rom unabhängige „nationale" Kirche zu begründen, daß er sich hiefür die Einkünfte des Klosters von Czenstochau mit dem bekanuten Wunderbilde als Preis ausbedungen habe, sowie daß er eine Reihe von anonymen Artikeln mit antipolnischer und panslavistischer Tendenz im „Dniewnik Warszawski", dem russischen Amtsblatte in Warschau, publicirt habe. Das war denn doch zu stark. Selbst die Gegner Stojalowski's hielten dies nicht für möglich; seine adeligen Freunde erst recht nicht. Aber gerade diesen war die Affaire recht peinlich. Wie der „Patriot", der „Katholik", der als ihr Herold den Vernichtungskrieg gegen die „Fremdlinge" predigte, sollte seinen eigenen Glauben verrathen, seine Kirche an deren Feinde ausliefern, mit den polnischen Erbfeinden pactiren? Man wußte jedoch, wer hinter den Angriffen steckte und das gab ihnen einen Schein der Wahrscheinlichkeit. Die öffentliche Meinung verlangte von Stojalowski, daß er sich vom öffentlichen Leben zurückziehe oder klage. Ec wählte das Letztere. Und er klagte sowohl den Fürsten S a P i e b a, als den Herausgeber des genannten Blattes. Da den Ersteren das Herrenhaus nicht ausliefern wollte, so kani es lediglich zur Verhandlung gegen den Journalisten. Dieser gab die Autorschaft der incriminirten Artikel zu und trat den Wahrheitsbeweis an. Derselbe gelang. Angesichts der vorgebrachten Beweise konnte Stojalowski gar nicht leugnen. Sein Rechtsfreund, der Antisemitenführer von Krakau, Dr. D o b i j a, der wegen unehrlichen und staudesunwürdigen Gebahrens bereits von der Advocatenkammer für die Dauer eines Jahres suspendirt war, konnte ihm nur sehr wenig nützen. Der Angeklagte war in der Lage, den Brief zu produciren, den S t o j all o w s k i ait den Herausgeber des „Dniewnik Warszawski" geschrieben hat, um ihm seine Dienste anzubieten; er konnte auch den Brief der Frau Oberst Brok an eine galizische Dame vorlesen, worin sich jene außerordentlich anerkennend über S t o j a l o w s k iäußerte. Die geführten Zeugen belasteten Stojalowski ungemein. Sie wußten zu erzähl-n, daß dieser ihnen gegenüber die russischen Verhältnisse gelobt und den Anschluß an Rußland als die einzige Erlösung der polnischen Nation hingestellt habe. Daszynski speciell nannte den Privatkläger einen Menschen ohne Gewissen und er begründete dies in ausführlicher Weise. Nach einem solchen Beweisverfahren blieb dem Stojalowski nichts anderes übrig, als der Rücktritt von der Anklage. Das wollte er auch thun, mit der Erklärung, daß er durch den Verlauf der Verhandlung „genügend rehabilitirt" wurde. Allein der Vertheidiger verlangte im Sinne des Gesetzes die Durchführung der Verhandlung, was auch geschah. Sie endete mit dem Freispruche des Angeklagten. Stojalowski hat noch gegen andere Zeitungen wegen Verbreitung derselben Angriffe Anklagen erhoben, die dieser Tage vom Schwurgerichte verhandelt werden, aber man kann über ihr Resultat nicht mehr im Zweifel sein. Man wird höchstens noch interessantere Dinge über diesen „katholischen" Priester zu hören bekommen. Das Resultat des vorliegenden Schwurgerichtsprvcesses hat sensationell gewirkt. Denn damit ist die Rolle eines Mannes abgeschlossen, der in den letzten Jahren im öffentlichen Leben Galiziens zuerst als der Hauptvertreter der rücksichtslosen unbeugsamen Opposition gegen die politische Uebermacht und den wirthschaftlichen Druck der Schlachta und schließlich als das Werkzeug ihrer ganzen reactionären, kleinlichen und beschränkten Politik aufgetreten ist. Da ihm nun die Maske vom Gesichte gerissen wird und sein wahres Ephialtesgesicht zum Vorschein kommt, fällt auch ein Theil seiner „Ehre" auf jene Lecker der galizischen Politik, die ihn zum Chef des neueröffneten Departements für antisemitische Bauernhetze berufen haben. D<nn einen Würdigeren hätten sie kaum finden können als einen,' der bereit ist, selbst sein eigenes Volk, Land und den Glauben zu verrathen. Man kann jetzt in Galizien erst recht .den Unterschied sehen zwischen den verfolgten „Fremdlingen" und den einheimischen „Patrioten". Dafür hätten wir uns eigentlich bei dem Dienstherrn S t o j a l o w s k i's schön zu bedanken.