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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-03-10 · 10 (10.3.1899) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
10 (10.3.1899)
Date
1899-03-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10 Vr. Bloch « Wochenschrift Seite 187 Arbeit und die Arbeiter hegten; von der bevorzugten Stellung der Frau bei den Juden, die eine Deborah zur Richterin machten, und deren Lehrer vorgeschrieben hätten: „Bücke Dich zu Deiner Frau", gegenüber der Geringschätzung der Frau bei den Griechen und Römern; von der blutgierigen Grausamkeit der Römer gegenüber dem bei den Juden allgemein giftigen Verbot: „Du sollst nicht tödten"; von der Humanität des jüdischen Gesetzes über die Schuldverhältnisse gegenüber der römischen Härte, die den Schuldner zum Sclaven machte und ihn den Gläubigern „zur Zerstückelung" überließ; von der Herrlichkeit der jüdischen Agrarverfassung, der Fürsorglichkeit der jüdischen Armenordnung gegenüber der heidnischen Kaltherzigkeit, die immer Nur zeitweilig und durch gewaltsame Umwälzungen die Fehler einer ungleichen Gütervertheilung regulirte; von der Erhabenheit der vollständigen und unbedingten jüdischen Sabbathfeier gegenüber der verhältnißmäßig neuen und immer nur bruchstückweise vom modernen Staate eingeführten Sonntagsruhe. Sokrates selbst habe Verachtung der Arbeit kundgethan, indem er sagte, der Arbeiter könne nicht hochherzig sein. An ihrer Sittenlosigkeit seien Griechen und Römer zu Grunde gegangen, die Juden aber hätten Dank ihrer reinen Sittlichkeit den staatlichen Untergang überdauert. Somit hätten wir reichliche Ursache zum Stolz auf unser Jndenthum. Nach Palästina zurückgekehrt würden wir abermals der Welt zeigen, was wir zu leisten im Stande sind. Allerdings sei bei uns ein Wandel zum Schlimmen eingetreten. Unsere Jugend müsse in den Schulen von dem Ruhme der Griechen und Römer lernen, aber sie erfahre nichts von einem Juda Makkabi, nichts von Moses ben Maimon. Der Ghettojude war verfolgt, doch sein innerer Stolz bot ihm Ersatz. Heute ist unsere Empfindlichkeit größer und der Stolz ist geschwunden. Der Staat habe uns unsere Rechte gegeben, die Gesellschaft habe sie uns genommen; früher hat man uns mit Gewalt beraubt, jetzt wird unser Besitz uns mit List entwendet. Hier gebe es keinen anderen Ausweg als den Heimweg nach dem gelobten Lande. . Die früheren Colonisationsbemühuugen hätten dort bewiesen, daß wir die Fähigkeit zum Ackerbau besitzen und dafür seien wir ihnen zu Dank verpflichtet. Doch diese Infiltration dürfe nicht Selbstzweck sein. Wir wollen ins verheißene Land uns nicht einschleichen, sondern einziehen. Wir bieten dem Padischah ein arbeitsames Volk, das den Werth des Landes und die Steuern vervielfachen wird und fordern dafür nur etwas Autonomie. Die Backschischwirthschaft, die auch den Geber verderbe, müsse aufhören. Die Ausführungen, in uferlose Breite gezerrt, hatten mehr als zwei Stunden ausgefüllt. In wenige Minuten drängte der Redner zusammen, was er über das Verhältniß des gesetzestreuen Judenthums zum Zionismus zu sagen wußte. Jeder Rabbiner, wofern er daneben auch Jude sei, müsse zugleich Zionist sein. Es folgten einige Citate aus dem Sohar und anderen Schriften, die dem Wunsch und der Hoffnung nach einer Rückkehr der Juden ins verheißene Land Ausdruck geben und endlich eine längere Vorlesung von Aussprüchen Nietzsche's über die Juden. Herr Dr. Kahn citirte nicht vom Faß, sondern aus der Flasche, nicht aus Nietz'sches Schriften selbst, sondern — aus einer Zeitung. Zwischendurch gab er eine Definition vom „Uebermenschen", die bewies, daß Herr Dr. Kahn seine Kenntniß von den Lehren des modernen Philosophen aus dem seichtesten Feuilletongeschwätz gewonnen und dann etwas ins Galizische verarbeitet hat. Die Zionisten unter den Anwesenden klatschten wüthend Beifall, der Vorsitzende bezeugte dem Vortragenden, daß er sogar N o r d a u, nach dem er zu sprechen gewagt, übertroffen habe. Nach einer kleinen Erholungspause begann die Discussion, an der sich zunächst Redacteur M. A. Klausner betheiligte. Bei der Unmöglichkeit, in so vorgerückter Stunde alle Einzelheiten des Dr. K a h n'schen Vortrages zu erörtern, wolle er den Abriß der Culturgeschichte der Egypter, Griechen Römer und Juden, den der Vorredner gegeben, völlig ausschalten. Doch halte er für nothwendig, daß in einer Versammlung gebildeter Menschen Einspruch erhoben werde gegen den Versuch, als Geschichte hinzustellen, was eine Sammlung theils mißverständlicher Auffassungen, theils maßloser Uebertreibungen sei. Gewiß war die Stellung der Frau bei den Juden in alter Zeit besser, als bei den anderen Völkern, doch gerade der Einzelfall der Deborah beweise so wenig, wie der Einzelfall der Dichterin Sappho oder der Königin Semiramis, und gerade der Spruch: „Bücke Dich zu Deinem Weib" beweise, daß die, deren Wohlwollen ihn ersann, die Frau als niedriger stehend erachteten. Man dürfe also unsere Alten nicht als Frauenrechtler im modernen Sinne ansprechen. Es müsse Einrede erhoben werden gegen den Versuch. Sokrates als einen Verächter der Arbeit und des Arbeiters hinzustellen, weil er gesagt: „Der Arbeiter kann nicht hochherzig sein." Der Philosoph, dessen Edelsinn ihn würdig gemacht hätte, neben den großen Lehrern Israels zu stehen, sprach nicht verächtlich vom Arbeiter, sondern beklagte die harte, wirthschaftliche Nothwendigkeit, die den Arbeiter, den Armen, von der Bethätigung der Hochherzigkeit in manchem Betracht fernhalte. Gewiß ist die jüdische Agrar- und Socialgesetzgebung erleuchteter gewesen, als irgend eine andere vorher und nachher; doch daß die Wirklichkeit der idealen Vorschrift je entsprochen hätte, ist geschichtlich nicht bezeugt und die Stimme des Propheten Hesekiel bekundet das Gegentheil. Gewiß waren die Römer bei der Verfolgung politischer Ziele bis zur Grausamkeit hart, doch das konnten die Faden auch sein, wie das Schicksal Jerichos darthut. Gewiß stand die jüdische Gesetzgebung über die Verhältnisse der Sclaven und Schuldner an Humanität weit über der heidnischen und selbst über der, die bis in unsere Tage hinein in Geltung war; aber um das zu beweisen hat man die wunderliche Behauptung nicht nöthig, daß bei den Römern die Schuldner zur körperlichen Theilung und Zerstückelung an die Gläubiger ansgeliefert worden wären. Die Vorschrift »seeawr in partes« bedeutete nur, daß der Schuldner verkauft und der Erlös an die Gläubiger vertheilt wurde. Auch ad metalla in die Bergwerke, oder ad bestlas, an die Verwaltung der Cirknskampfspiele, konnten die Schuldner verkauft werden. Gewiß ist die Ordnung der Sabbathruhe bei den Inden gegenüber der staatlichen Regelung der Samstagfeier eine vollständige; doch wie es mit der Praxis der Sabbathruhe thatsächlich aussehe, brauche man dieser Versammlung nicht erst zu sagen. Habe Dr. Kahn von den Tugenden der Väter in sympathischer Uebertreibung gesprochen, so sei er in den Fehler entgegengesetzter Uebertreibung verfallen , wo er von dem lebenden ~ Geschlecht der Juden sprach. Wo findet sich denn die gebildete Jugend, die nichts von Juda Makkabi und von Moses ben Maimon weiß? Ich wenigstens bin ihr noch nirgends begegnet. Sind Griechen und Römer an der Unsittlichkeit zu Grunde gegangen, so haben ähnliche Ursachen das jüdische Reich zerstört. Wenn die Juden ihren Staat überlebt haben, so danken sie dies dem Umstande, daß sie eine Religionsgemeinschaft bilden. Dieses Band hat sich als das stärkere erwiesen und seine Kraft behalten bis auf den heutigen Tag. Herr Dr. Kahn hat von den französischen Juden gesprochen, die sich Nachkommen des Bercingetorix dünken und sich für Franzosen halten. Das ist ein billiger Spott. Assimilirung ist Wesensverähnlichung, nicht Wesensumgestaltung. Den Nachkommen Abraham's spricht Dr. Kahn die Fähigkeit ab, sich verschiedenen Nationen anzuschließen, aber von Noah her, der Menschheit gemeinsamem Stammvater, haben sich nach ihm die Nationen unverwischbar gesondert. Der Vortragende ist ebenso im Jrrthum, wenn er sagt, die Gesellschaft habe uns die Rechte genommen, die der Staat uns gegeben. Die Gesellschaft ist langsamer in der Zutheilung von Rechten, als der Staat. Dieser kann decretiren, jene muß sich erst gewöhnen. In blutigen Kämpfen hatten die Plebejer das Anrecht auf die höchsten Staatsämter gewonnen, und Generationen vergingen, ehe sie, die doch selbst die Wähler waren, einen der Ihren mit der consularischer Würde bekleideten. Auch wir müssen warten, geduldig oder ungeduldig, je nach unserem Temperament, und wenn den politischen Zionisten die Zeit zu lang wird, so mögen sie doch bedenken, daß ihrer Ziele Erreichung sogar nach ihren eigenen Hoffnungen erst in unabsehbarer Zeit sich versprechen läßt. Der Vortragende beklagt, daß die Gesellschaft uns jetzt mit List die Rechte entwendet, die man uns früher mit Gewalt raubte. Doch die Gesellschaft wäre damit im vollen Rechte, wenn die Schilderungen des Vortragenden von der Anpassungsunfähigkeit der Juden so zutreffend wären, wie sie es nicht sind. Im verheißenen Lande, meinte der Vortragende, würden die Juden wieder zeigen, was sie zu leisten vermögen. Darauf brauchen wir nicht zu warten. Wir zeigen zu jeder Zeit und an jedem Orte, was wir zu leisten im Stande sind, und wir dürfen sagen, daß es nicht gering ist. Der Vortragende bedauert, daß die Juden bei der Einwanderung in Palästina so viel Hindernisse finden, und gibt vor, zu erwarten, der Padischah werde eine Provinz seines Landes autonom machen und unter europäische Garantie stellen gegen das Versprechen des Herrn

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