Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 10 (10.3.1899)
- Date
- 1899-03-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 186 Dr. Bloch'» Vochrnschrtfi Nr. 10 dem Nest damit gar nicht geholfen. Was ihnen fehlt, ist einzig und allein: Arbeitsgelegenheit. Allerdings gibt es auch eine Schichte der jüdischen Bevölkerung, die noch nicht ganz in das Lumpenproletariat .herabgesunken ist. Es ist der Landkrämer und der Handelsmann in den Städten. Beide machen die verzweifeltsten Anstrengungen, um sich aus der Oberfläche zu erhalten, und doch sind ihre Stunden gezählt. Warum? Nicht etwa infolge der wirthschaftlichen Entwicklung, die wir nicht ausholten können; nicht deshalb, weil etwa für den Zwischenhandel die letzte Stunde geschlagen hat, oder Galizien gar eine so große Anzahl von Zwischenhändlern nicht vertragen kann, sondern weil sich die christliche Bevölkerung, insbesondere die herrschende Parteielique ihren eigenen Handelsstand erzieht und dem jüdischen Landkrämer die „Kolka rolnicze" (Landwirthschaftliche Genossenschaften), den: Handelsmann die „Zwiazki handlowe" (Handelsgesellschaften) mit katholischen Tendenzen als Concurrenzunternehmungen entgegenstellt. Die unverzinslichen Darlehen und Jahressubventionen, die diese katholischen Unternehmungen aus den von allen Bürgern geleisteten Steuern vom Land und Staat (seit der Aera B a d e n i) erhalten, in Verbindung mit dem Umstande, daß sie Associationen sind, die nicht auf Privatrechnung arbeiten, versetzen sie leicht in die Lage, selbst ohne Profit zu arbeiten, um nur vorerst ihren eigentlichen Zweck, den Ruin des jüdischen Handelsstandes, zu erfüllen. Und das dürfte nicht schwer fallen. Dem kleinen jüdischen Händler fehlt nämlich das Wichtigste, das Einzige, das ihn noch retten könnte, der billige Credit. Seine ganze Existenz ist davon abhängig, ob er die Concurrenz der „katholischen" Gründungen auszuhalten vermag, und das ist eben eine Frage des billigen Credits. Die schmachvolle Rolle, welche die „jüdischen Banken" orgauisirte Wuchercliquen, politisch und wirthschaftlich in den galizischeu Städten spielen, ist eine der traurigsten Erscheinungen des öffentlichen Lebens. Sie beherrschen den Kahal, ziehen die Creditressourcen in den Staats- und Landcsbanken, wo ihre Vertrauensmänner als Censvren fungiren, an sich heran und terrorisiren die jüdische Bevölkerung bei den politischen Wahlen zu Gunsten der clerical-reactionären Slauczyken-Partei. Dafür gewähren sie einzelnen Kanfleuten Credit von 12 Percent aufwärts, und ein solcher Credit muß den Handelsstand ruiniren, der mit der erwähnten Concurrenz zu kämpfen hat. Ja, wenn es nicht so wäre, wenn nicht die „Judenführer" in Galizien durch und durch corrupt und morsch wären, daß sie sogar ein Interesse daran haben, die Volksmassen in dem Morast des Elends stecken zu lassen, um sie dann gegen Mandate und Auszeichnungen an die herrschende Partei zu verschachern, fürwahr, ich hätte keinen Anlaß, au die österreichische Judenschaft zu appelliren, daß sie ihrer galizischen Stamniesgeuossen gedenke. In den letzten Jahren hörten wir von zwei „Hilfsactionen" für die galizische Judenschaft. Die eine, unmittelbar vor den letzten Reichsrathswahlen von den polnischen Abgeordneten „mosaischer Confession" in Angriff genommen, hat mit deren Ablauf ihre Aufgabe erfüllt. Es wurde eine schriftliche Enquete für Ostgalizieu veranstaltet, zwei Vertrauensmänner wurden nach Nordböhmen zum Studium der Hausindustrie delcgirt, und schließlich wurde in Krakau ein Unterrichtscurs in der Tricot-Erzeugung eröffnet, der vor mehreren Wochen wieder aufgelöst wurde. Damit haben die Herren das Höchste geleistet, was man nach ihrer Anschauung billigerweise von ihnen erwarten konnte. Denn voll ihnen, den Mitgliedern des Polenclubs, den Candidaten der Stanczyken-Partei, kann doch am Ende Niemand verlangen, daß sie den Finanzminister auf das eigenartige Gebühren der Bankcensoren aufmerksam machen oder gar dem jüdischen Handelsstand die Mittel zur Concurrenz gegen die diversen „Handelsgesellschaften" u. dgl. verschaffen, oder daß sie. überhaupt gegen das ganze System der wirthschaftlichen Aushungerung der Juden auftreten. Gerade die Besserung der wirthschaftlichen Existenz der jüdischen Wühler und eine Unabhängigmachung derselben von den Bankcliquen wären der Todesstreich für jene Sorte von jüdischen „Volksvertretern". Von der „Hilfsaction", die der Verein „Union" eingeleitet hat, läßt sich noch gar nichts sagen. Da wird die Frage noch studirt. Aber die Enquete hat die öffentliche Meinung in Galizien stark gereizt, ohne daß die galizischen Judell etwas davon hätten. Wir halten uns jedoch an den Spruch: „Probiren geht über» Studiren". Alle die Enqueten haben noch immer zu keinem faßbaren Resultat geführt. Und doch muß jeder die Empfindung haben, daß man da nicht länger warten kalm nud darf. Ist einmal der Gedanke, daß für die galizischen Judell etwas geschehen muß, zum Gemeingut aller österreichischen Juden geworden, so werden sich dann auch schon die Mittel und Wege zur Realisirnng finden. An Stelle der Enquete muß daher die Propaganda treten. Ihr Losungswort laute rDenket an d i e g a li z is ch e n I u d en! Zionistische Vorstellung in der Tonhalle. Berlin, 5. März. Die Berliner Zionisten, die in lobenswerther Selbsterkenntniß sich selbst nicht die Fähigkeit zutrauen, der Sache, der sie angeblich mit Begeisterung anhängen, propagandistisch nützlich zu sein, verschreiben sich allmonatlich einen Redner - von außerhalb, dessen Vortrag Neugierige anlocken und ihnen Genossen fangen soll. Die Kosten sind nicht erheblich, ja die Propaganda macht sich direct bezahlt, seitdem man sich entschlossen hat, das A h l w a r d t'sche Muster auch darin nachzuahmen, daß man von den Neugierigen ein Eintrittsgeld von 20 Pfennig erhebt. Immer freilich glückt diese Specnlation nicht. Herrn Dr. Nor bau wollen Tausende hören, wenn cs auch 20 Pfennig kostet, denn er ist ein bekannter Schriftsteller, der schon Viele gut unterhalten hat — zu Herrn Rechtsanwalt Dr. Kahn aus Wien, der am vorigen Mittwoch in der Tonhalle über den Zionismus im Lichte der Geschichte des Judenthums mit besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses zum gesetzestreuen Judenthum sprechen wollte, drängte man sich nicht. Immerhin hatten sich einige Hundert Personen eingesunden, die den weiten Saal kaum zum vierten Theile füllten und in dem ungeheizten Raum bitterlich froren. Geschlagene dritthalb Stunden währte der kunstlose Vortrag, der vernichtende Langeweile ausathmete. Was ist Zionismus? fragte Herr Dr. Kahn, und seine Antwort lautete: Zionismus ist das Streben nach Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für die Juden aller Welt, die in ihrer jetzigen Heimat sich nicht affimiliren können oder nicht assimiliren wollen. Eine wirkliche innere Assimilirung aber, d. i. eine innerliche Wesensumwandlung, sei nicht möglich. Freilich gebe es Leute, Juden, die sich für Franzosen hielten, weil sie in Frankreich wohnten, und die von Vercingetorix abzustammen wähnten, während sie doch in Wahrheit von Abraham abstammten und die Abkömmlinge des Vercingetorix „in einer südlichen, ganz südlichen Provinz Frankreichs, in M a r o k k o", zu suchen seien. Wie sehr sie sich im Irrt hum befanden, sei ihnen durch das Verhalten der Franzosen klar gemacht worden. In Prag hätte die jüdische Gemeindeverwaltung sich czechisirt; das hätte aber nicht gehindert, daß bei einem Krawall die Prager Juden von den Czechen mißhandelt wurden. In einer anderen böhmischen Stadt hätten die Juden sich zu den Deutschen gehalten und wären gleichwohl von diesen verfolgt worden. Der Vortragende gab hiernach einen Vergleich zwischen dem jüdischen Volke zur Zeit seiner staatlichen Existenz und den Griechen und Römern. Er sprach von der sittlichen Ueberlegenheit des Monotheismus gegenüber der Vielgötterei; von der Härte der Sclaverei bei den Griechen und Römern gegenüber der zeitlich umgrenzten Dienstbarkeit bei den Judenvon der hohen Achtung, in der bei den Juden die Arbeit stand, gegenüber der Verachtung, die Griechen und Römer für di -