Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 10 (10.3.1899)
- Date
- 1899-03-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 10 Dr. Bloch’s I«hrg««g XYI. Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudrnthums. A. K. Pofisparrassrn-Amr Clrarinsvrrkrhr Nr. 810.976. LrdscUon und Administrstion: wir» U,, Untrrr Augarkenstr. la. Telephon-Nr. 6535. -6-- Wien. 10. War; 1899. Erscheint jeden Freitag. --H—M—i- Brief-Adresse: Wien» II.» Untere Augartenstraße 1 a. Telegramm-Adresse: Dloch's Wochenschrift, Wien. X- .» »rprgsxrri, fitr Srstrrrrich:! Halbjährig 4 fl. --- 8 Kr. Einzelexemplare 28 kr. Für'« Ausland r halbjährig 5 fl. » 10 Kr. ganzjährig 10 H 20 » Anzeigen: Die4malgespaltene Petitzeile 12 kr. X — m Inhalt. Leitartikel: Denket an die galizischen Inden! — Zionistische Vorstellung in der Tonhalle. — Cnu Landesverräther. — SS o nt Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Die jüdischen Opfer christlich-socialer Willkür. Zur Erinnerung an den Maler Gottlieb. — Zum Arbeiterelend in Boryslaw. — Zur allgemeinen Charakteristik des mosaischen Rechtes. — Correspondenzen: Wien, Wien-Mariahilf, Putzeried, Pürglitz, Ofen, Breslau, Paris, Algier. — Vermischtes: Wien, Graz, Proßnitz, Lichtenstadt, Holleschau, Jägerndors, Preßburg, Gr.-Meseritsch, Mährisch-Ostrau, Stanislau, Arad, Berlin. — Auch eine Carriere. — Feuilleton: Malka Schwarzenkopf. — Literatur. — Briefkasten. — Eingesendet. — Inserate. Denket an die galizischen Juden! Wie ein Gespenst steht die galizische Judenfrage im Vordergründe unseres öffentlichen Lebens. Vergebens bemühen wir uns, das Antlitz abzuwenden, suchen wir uns einzubilden, das sei nur Schein und Trug — das Gespenst wird immer größer, grauenhafter, es streckt seine Arme nach uns Allen aus, und wird uns alle österreichische Juden mit in den Abgrund, an dessen Rand die galizische Judenschaft steht, herabziehen, wenn wir nicht rechtzeitig die Gefahr beseitigen. Ja, die galizische Judenfrage ist eine Frage der gesammten österreichischen und speciell der Wiener Judenschaft. Jeder neue galizische Agent oder Hausirer, der nach Wien kommt, um sich unter Verhöhnungen und Erniedrigungen aller Art, durch die seine Menschenwürde getödtet wird, trockenes Brot zu verdienen, ist ein neuer Beleg für unsere Behauptung. In Galizien regt es sich. Was bisher nur vereinzelt geschah, beginnt in Massen vor sich zu gehen. Hunderttausende von Juden haben nichts mehr als ihren Wanderstab; sie haben nichts mehr zu verlieren und sie wollen wenigstens noch ihr nacktes Leben vor dem Hungertode schützen. Die westösterreichischen Provinzen stehen vor einem Zufluß großer Massen armer, aller Mittel entblößter, verzweifelter Juden. Und wenn diese Leute an unsere Thüren klopfen werden, was dann? Werden wir sie ihnen öffnen, werden wir ihnen eine Existenzmöglichkeit schaffen? Ich glaube kaum. Es werden sich „Comites" bilden, „bekannte Philantropen" werden gewiß auch „beitragen" und man wird den Armen ein Almosen geben, damit sie weiterziehen. Ein Theil wird allerdings Zurückbleiben und zu denselben Berufen greisen, die ihre Leidensgenossen auch nicht mehr ernähren können: zum Hausiren, Agentiren, Ratenmcasso, Licitationshyänenthum u. s. w. Ihre Familien werden bald der öffentlichen Wohlthätigkeit zur Last fallen und dadurch wird eine Erhöhung des Armenbudgets der Cultusgemeinde nothwendig werden. Aber die galizische -^udennoth wird noch lange nicht ihr Ende erreicht haben, es wird erst ein Theil galizischer Juden ihr entronnen sein, ^mmer neue Nachzügler werden an unsere Thüren klopfen, Werl sie das Recht haben, von uns Hilfe zu verlangen. Die Vogel Strauß-Politik ist also vergeblich. Wenn wir nicht zu den galizischen Juden gehen, so werden sie zu uns kommen. Helfen wir ihnen nicht jetzt, so werden wir ihnen später Almosen geben müssen. Aber dann züchten wir Bettler und senden sie als internationale Schnorrer in die Welt hinaus als Zeichen unserer Selbstsucht und Beschränktheit. Denn mit denselben Mitteln könnten wir den Leuten heute noch in ihrem Geburtslande eine Existenzmöglichkeit verschaffen und sie zu productiven Mitgliedern der Gesellschaft machen. Und ginge dies auch nicht bei Allen, müßte auch ein gewisser Percentsatz an überflüssigem Menschenmaterial zur Emigration greifen, der Grundstock bliebe doch zurück und hätte die Mittel zu einem menschenwürdigen Dasein. Beides aber müßte in die Hand genommen werden, die Versorgungder Zurückbleibenden und die Regelung der Emigration. Darin unterscheidet sich eben das traurige Los der jüdischen Massen in Galizien von dem ihrer bäuerlichen Nachbarn. Durch die bloße Emigration erfolgt in den wirthschaftlichen Verhältnissen der zurückbleibenden Juden keine Aenderung, geschweige denn eine Besserung. Wandert der Bauer aus, so verringert sich das Angebot an Arbeitskräften und die Großgrundbesitzer müssen höhere Löhne zahlen; nach den Arbeitskräftendes jüdischen Massen-Menschenmaterials gibt es gar keine Nachfrage. Denn Galizien ist ein Agrarland ohne jede Industrie; dem jüdischen Proletariat, das ein städtisches Proletariat ist, fehlt somit jede Arbeitsgelegenheit. Gehen wir nach Rußland und Polen, wir finden in allen Fabriken Hunderte jüdische Arbeiter. Die Cigarrenfabrik in Grodno beschäftigt ihrer 1500, die in Warschau über 1000, die in Bialystok 400 u. s. w.; in allerlei Tuch-, Spitzen-, Papier-, Zucker-, Uhren-, und Nadelfabriken sehen wir jüdische Männer und Frauen, vom Kindes- bis zum Greisenalter, in Hand- oder Maschinenbetrieb thätig. Wie beneidenswerth ist ihr Los gegenüber dem der galizischen Juden! Kaum ein geringer Bruchtheil, weniger als ein Percent, findet in den Gerbereien, Zündhölzchen- und Parguetfabriken, Dampfmühlm und Taleswebereien (Kolonien zählt im Ganzen 94 Talesweber) Unterkunft, aber Hunderttausende von Männern und Frauen wissen mit ihrer Arbeitskraft nichts anzufangen. Und emigrirt auch ein Thell, so ist