Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 9 (3.3.1899)
- Date
- 1899-03-03
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 Vr. Bloch'« Wochenschrift Sette 183 gewonnen, daß er nicht klagt, und wenn er sogar eine große Summein der Lotterie gewinnen würde, das „Nichts zu handeln?" würde er wahrscheinlich nicht aufgeben. Und doch neigt sich sein Rücken immer mehr zur Erde, die Füße versagen ihm den Dienst, und seine Augen sind sehr schwach geworden. Häufig kann er nicht erkennen, ob die Kleider, die man ihm verkauft, gewendet sind. Er geht immer weniger aus, verdient immer weniger und die Armuth im Hause wird immer größer. Es ist keine Armuth mehr, es ist das Elend in seiner gräßlichsten Gestalt. Lejb bekommt nicht einmal trockenes Brod mehr. Er schlendert umher im Hofe, blickt in die offenstehenden Thüren aller Küchen, sammelt alle Abfälle, sucht im Kehrichthaufen, und wenn er etwas Eßbares findet, so verzehrt er es mit Gier. Die dicken, pausbäckigen, gutgenährten Kinder des Hausmeisters erwecken seinen Neid. Manchmal wagt er es, sich der Thür der Hausmeisterswohnung zn nähern, und schüchtern bittet er: „Gebt mir ein Stückchen Brod! . . ." Aber sowohl der Hausmeister, wie seine Frau bleiben ungerührt von der Bitte eines Judenkindes. „Machst Du wohl, daß Du fortkommst!" ruft der Hausmeister wüthend. „Das erlebst Du nicht, daß ich einem ver . . . . Judenbengel was zn essen gebe!" Indessen kehrte der alte Tysz immer häufiger mit einem leeren Sack nach Hause zurück. Ja, er blieb nicht mehr die ganzen Tage auf der Straße; zu immer früherer Stunde kam er heim. Immer früher und immer mit einem leeren Sack. Eines Tages ging er gar nicht mehr aus, und den folgenden Morgen vernahm man großes Jammern in seiner Wohnung . . . der alte Tysz war todt. Bitterlich beweinte seine Frau den Verlust ihres Mannes. Sie klagte und jammerte von Morgen bis spät in die Nacht hinein, bis sie zuletzt ebenfalls starb. Jetzt war Lejb ganz allein. Arm, schutzlos, obdachlos. Aus der Wohnung warf man ihn hinaus, denn wer sollte für ihn zahlen? Er befand sich plötzlich auf der Straße, angesichts der großen Frage : „Was fängt man jetzt an?'' Er hatte nichts gelernt, er konnte nichts. „Geh', Lejb, auf den Pociejow oder an das Eiserne Thor," rieth ihm ein alter Trödeljnde,. ein Freund seines Vaters; — „dort kann man immer etwas verdienen." Und wirklich, als Lejb den Rath befolgte, verdiente er gleich am ersten Tage etwas. Da er nämlich jung und kräftig war, vertraute ihm ein Möbelhändler einen Schrank zum Nachhausetragen an. Dieser erste Verdienst verursachte dem armen Jungen eine unendliche Freude. Der Möbelhändler hatte ihm baare vierzig Groschen bezahlt! Noch nie war Lejb auf einmal im Besitze einer so großen Summe gewesen! Den ganzen Tag hielt er das Vierziggroschenstück in der Hand und überlegte, was er wohl dafür würde kaufen können. Er ging auf die Straße; der Hunger nagte an seinen Eingeweiden; mit begehrlichen Blicken betrachtete er das in den Fenstern der Läden liegende Gebäck; köstlich dünkte ihm der Geruch der Häringe, der Anblick von Rettig und Zwiebeln in den Verkaufsbuden. Es wurde Abend, noch immer konnte sich Lejb nicht entschließen, was er kaufen solle, um satt zu werden und doch so wenig Geld auszugeben, als nur möglich. Endlich ging er in einen Laden und kaufte vier dicke Stricke. „Wenn ich Stricke haben werde," dachte er, „kann ich jeden Tag vierzig Groschen verdienen, dann wird man mir auch lieber Arbeit geben, denn ich bin dann kein armer Bursche mehr, sondern ein echter, rechter Träger. Doch Lejb's Rechnung schlug fehl. Er wollte ehrlich arbeiten; trotz Regen und Frost stand er den ganzen Tag auf dem Markt, aber kräftigere und pfiffigere Träger schnappten ihm den Verdienst vor der Nase weg. Mit welch' freudigem Gefühl nahm er die schwerste Last auf den Rücken, wenn ihm das seltene Glück widerfuhr, daß ihm eine solche anvertraut wurde. Die dicken Stricke gruben sich in seinen nur von Lumpen bedeckten Körper, doch Lejb achtete dessen nicht. Nur ein Gedanke bewegte seine Seele: auch er hat endlich Arbeit gefunden, auch er wird, wie die Anderen alle, sich des Abends ein Pfund Brod kaufen können. Und ein glückseliges Lächeln verschönte seine Züge. Doch bot sich ihm leider nur selten Gelegenheit zu solcher Freude. Nirgends wohl nimmt der Kampf ums Dasein eine offene, drohendere Form an, wie auf dem Pociejow oder am Eisernen Thor, inmitten dieser ewig durstenden, hungernden, in Schmutz und Finsterniß lebenden Menge. Lejb war ein Neuling unter dieser feilschenden Schaar, es fehlte ihm sowohl an physischer Kraft, wie an Pfiffigkeit, um den Kampf siegreich bestehen zu können, — er unterlag. Müde, hungrig und frierend schlich er, einem Schatten gleich, zwischen den kräftigeren Kameraden umher, verspottet, verhöhnt. Auf den physischen folgte schließlich auch der moralische Verfall .... Lejb, der nie fremdes Gut berührt hatte, begann zu stehlen . . . Der Hunger war zu unerträglich gewesen! . . . Und nun saß er auf der Anklagebank, als ein Dieb; ein gewöhnlicher, die Verkaufsbuden am Eisernen Thore bestehlender Dieb. Ein Rechtsanwalt wurde ihm von Amtswegen zugewiesen, doch Lejb wollte nicht vertheidigt werden. „Herr", bat er flehenden Tones den Advocaten, der ihn im Gefängniß besuchte, „lassen Sie mich in Ruhe, vertheidigen Sie mich nicht. Ich will hier bleiben, mir ist's gut hier. Hier ist es warm, hier gibt man mir zu essen, und böse Menschen quälen mich nicht". Indessen sollte sein Wunsch nicht erfüllt werden. Der Advocat, — obgleich er, den Dieb nur „von Amtswegen" vertheidigte, — entwickelte solche Redekunst, sprach so überzeugend, daß selbst der Staatsanwalt sich der Rührung nicht erwehren konnte, und .... Lejb wurde freigesprochen. Nicht lange jedoch sollte er sich der Freiheit freuen. Einige Tage später saß er, als rückfälliger Verbrecher, wieder hinter Schloß und Riegel. Diesmal lautete die Anklage auf Diebstahl mit Einbruch. Und wieder sehen wir Lejb auf der Anklagebank, und wieder bestimmt man ihm einen Vertheidiger „von Amtswegen". Diesmal jedoch war der Rechtsanwalt nicht bei Stimmung, kann auch sein, daß er unwohl war, denn er sprach nur so . . . um irgend etwas zn sagen, und versuchte nicht einmal die Vorwürfe des Staatsanwalts zu entkräftigen. Die Folge davon war, daß die Richter den dreißigjährigen Lejb Tysz zu sechs Jahren Gefängniß verurtheilten. Lejb's sehnlichster Wunsch war erfüllt.... Ganze sechs Jahre wird er weder frieren, noch hungern! .... So grenzen-, so bodenlos ist das menschliche Elend! . . . Literatur. Eingelaufene Schriften. Bezirksrabbiner Adolf Löwy. Festrede anläßlich des 50jährigen Regierungs-Jubiläums Sr. Majestät unseres allergnädigsten Kaisers Franz Josef I. gehalten beim feierlichen Gottesdienste im israelitischen Tempel in A m st e t t e n am 2. December 1898. Dr. Simon Stern, Rabbiner i„ Saaz. „Die Stimme der Trauer", Gedächtnißrede auf Ihre Majestät Kaiserin Elisabeth, gehalten beim Trauergottesdienste im israelitischen Tempel zu Saaz am 10. September 1898. — „Die Stimme der Freude", Festrede anläßlich des 50jährigen Regierungs-Jubiläums unseres Kaisers, Sr. Majestät Franz Josef l., gehalten im israelitischen Tempel zu S a a z am 2. December 1898. Das Ecträgniß ist dem Pensionsfond der israelitischen Cultusgemeinde in Saaz gewidmet. Tie Ethik des Judcnthnms von Professor Dr. M. Lazarus ist in zweiter Auflage erschienen. Briefkasten. Philosophus. Sie weisen auf das Beispiel hin von dem Montaigne erzählt: „Phocion, als ihn ein Mann in einer Rede störte und ihm viel Böses sagte, that weiter nichts, als daß er stillschwieg und ihm alle Zeit ließ, seine Galle auszugießen. Als der Andere schwieg, begann er seine Rede von Neuem, gerade an der Stelle, wo er abgebrochen hatte, ohne das Geringste von der Beleidigung zu erwähnen. Keine Antwort ist so bitter, als eine solche Verachtung". Sehr wahr, aber nur die Philosophen und geistig sehr hochstehende Menschen verstehen die Verachtung dieser — Polemik. Das Volk meint, daß auf einen groben Klotz ein grober Keil gehöre. M. N. Sie haben ganz Recht. Warum soll das „Deutsche Volksblatt", welches nach dem Ausgange des Processes P n r s ch t über die „glänzende Rehabilitirung" des Herrn P ursch t jubelte, nicht die „glänzende Rehabilitirung" des Herrn G r e g o r i g constatiren. Was für den Einen recht war, ist für den Anderen billig.