Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 9 (3.3.1899)
- Date
- 1899-03-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 178 Vr. Bloch'» Wochenschrift Nr. 9 August 1897 der erste Zionistencongreß stattfand, sprach schon alle Welt von dem Auftreten Scheurer-Kestner's für den Unglücklichen von der Teufelsinsel. Mit beißender Satyre fügt Lazare hinzu, der zweite Congreß der Zionisten, an dem er selbst theilnahm, fiel zusammen mit der Verhaftung und dem Selbstmord Henry's, indessen sei dieselbe, soviel ihm erinnerlich, nicht auf dem Congreß beschlossen worden. Petersburg. Bekanntlich hat der Minister des Innern eine Enquete darüber angeordnet, ob nicht eine Reihe von Dörfern schon die nöthige Einwohnerzahl erreicht haben, um als Marktflecken gesetzlich betrachtet zu werden. Die Frage hat für die Juden deswegen so große Bedeutung, weil sie bekanntlich auf Dörfern nicht wohnen dürfen, wohl aber in den Flecken. Nun sind eine große Anzahl von Petitionen an das Ministerium gelangt, worin dasselbe ersucht wird, einer Anzahl von Dorfgemeinden Marktfleckenrecht zu verleihen, damit die Juden dort wohnen dürfen. Besonders aus dem Gouvernement Taurien wird geltend gemacht, daß seitdem die Juden nicht mehr in diesen Plätzen wohnen dürfen, die Bodenpreise für die Bodenproducte fortwährend gefallen sind. Eine günstige Entscheidung dieser Petitionen würde das Ansiedlungsgebiet für die Juden sehr erheblich erweitern. — In Kiew finden im März große Jahrmärkte statt, zu denen bisher die jüdischen Kaufleute zweiter Gilde von der Orts-Polizeibehörde nicht zugelassen wurden, obwohl ihr Recht außer Frage steht. Darin ist jetzt eine erfreuliche Wandlung zum Bessern eiugetreten. Der Polizeichef von Kiew macht bekannt, daß auch die jüdischen Kaufleute zweiter Gilde an dem Jahrmarkt theilnehmen dürfen, nur sind sie gehalten, in einigen bestimmten Straßen zu wohnen. — In Charkow ist ein jüdischer Advokatursgehilfe vom Gericht zugelaffen worden, der erst seit dem Jahre 1889, seit jener Publication eines verderblichen Gesetzes, das die Anstellung von Juden als Advokaten von der besonderen Erlaubniß des Ministers des Innern abhängig macht. 559 Advokatursgehilfen, welche in dieser Eigenschaft länger als fünf Jahre thätig sind und daher Advokaten werden konnten, hatten damals an den Minister petitionirt, aber ihre Bitte blieb ohne Erfolg. Vielleicht bedeutet die Anstellung eines Juden im gegenwärtigen Moment einen Bruch mit jenen verderblichen Traditionen. — Der Minister des Innern hat die Erlaubniß gegeben, zum Bau einer Synagoge in Baku, unter der Bedingung, daß als Mitglieder dieser Gemeinde nur Personen zugelassen werden, welche das Wohnrecht in Baku haben und bereit sind, 25 Rubel jährlichen Gemeindebeitrag zu zahlen. Petersburg. Erfreulicherweise sind heute zwei Senatsentscheidungen zu verzeichnen, die den Juden günstig lauten. Freilich sind beide zu Gunsten derjenigen privilegirtcn Juden, die in ganz Rußland wohnen dürfen. In dem ersten Falle war einem Reservisten jüdischen Glaubens, der seine Dienstzeit noch unter dem alten Regime beendet hatte, also 25 Jahre im activen Dienst gewesen war, die Erlaubniß verweigert worden, in dem Territorium der donischen Kosaken sich niederzulassen. Der Senat entschied jedoch, daß alle privilegirten Juden, die in ganz Rußland wohnen dürfen, also Reservisten alten Styles, Kaufleute erster Gilde, Aerzte rc. auch im Territorium der donischen Kosaken das Wohnrecht haben. Der zweite Fall lag folgendermaßen: Die Maigesetze, nach denen die Juden nicht in Dörfern wohnen dürfen, finden gesetzmäßig ihre Anwendung nur auf die Gouvernements des Ansiedlungsrayons, dagegen nicht auf die inneren Gouvernements, in denen überhaupt nur die privilegirten Juden wohnen dürfen. Nach der üblichen Auslegung der Gouverneure soll cs aber auch in diesen Provinzen selbst den wohnberechtigten Juden verboten sein, ihren Ausinthalt in den Dörfern zu nehmen. Ein Kaufmann erster Gilde, den die Behörden des Gouvernement Samara verhinderten, in einem Dorfe sich anzukaufen, appellirte an den Senat und er erhielt ein günstiges Urtheil. Schlechten Erfolg hatten dagegen 50 junge jüdische Leute, lauter ausgediente Soldaten, die, weil sie in ihrem Geburtsorte Kauschang, Gouvernement Beßarabien, keine Arbeit finden konnten, an die Regierung petitioum die Erlaubniß, sich anzukaufen und eine landwirtschaftliche Colonie zu errichten. Auf die Petition ist gar keine Anüvort ertheilt worden. Die Resultate der Volkszählung aus dem Jahre 1898 sind allerdings zum größten Theil unbekannt, doch sind schon die Ziffern aus drei Gouvernements veröffentlicht worden, die ein Anschwellen der Ziffer der jüdischen Einwohner zeigen. Es sind Kiew mit 474.000 Juden, Wolhynien mit 460.000 und Podolien mit 377.000 Juden. Im Jahre 1891 schätzte man die Ziffer auf 350.000, 390.000, 340.000 in Summe auf 1,080.000 Juden, jetzt sind es 1,311.000, also 231.000 21'/- Percent Zunahme. — Von der kaiserlichen Humanitätsgesellschaft hat eine arme Jüdin, Lea Salmumin, die goldene Medaille für Lebensrettung und ein kleines Geldgeschenk erhalten, weil sie, obwohl hochschwanger, mit eigener Lebensgefahr ein Mädchen vor dem Tode des Ertrinkens gerettet hat. Ein Zwischenfall im englischen Parlament. Die von jüdischer Seite' befürchtete Vorlage der Anti- Alien-Bill ist in dieser Session noch ausgeblieben. Darüber sind die Conservativen, für die das Einwanderungsverbot ein billiges Schlagwort bildet, verschnupft. Am letzten Freitag richtete auch in ihrem Namen der Abgeordnete L o w l e s an den Lord Schatzmeister B a l f o u r die Frage, ob er seine Aufmerksamkeit auf den großen Zufluß von Fremdlingen, die sich in diesem Lande ansiedeln, lenke und ob angesichts der damit verbundenen Gefahren die Regierung Ihrer Majestät daran denke, im Interesse der bedrohten einheimischen Bevölkerung Maßregeln gegen diese Einwanderung in Vorschlag zu bringen. Darauf meldete sich von der Gegenseite Mr. I o h n st o n zum Worte, der unter lebhaftem Beifalle der liberalen Opposition wiederum seinerseits fragte: „Darf ich wissen, ob Eure Excellenz schon darüber nachgedacht haben, wie sehr es für England nicht mehr paßt, den Verfolgten aller Welt eine Zufluchtsstätte zu bieten?" Mr. Balfour erwiderte: „Die Regierung beschäftigt sich mit der Einwanderung der Fremden, die aller Mittel baar sind oder der öffentlichen Wohlthätigkeir zur Last fallen, ich bin jedoch noch nicht in der Lage, bezüglich legislativer Vorschläge rgend welche Mittheilungen zu machen." London. (F r e i h e r r v. Reuter.) In N i z z a ist, wie uns von dort telegraphirt wird, Paul Julius Freiherr v. R e u t e r im 78. Lebensjahre gestorben. Ec war der Gründer des nach ihm benannten Telegraphen-Bureaus und hat hiedurch seinen Namen in allen Theilen der Erde bekannt gemacht. Reuter war zu Kassel geboren, zuerst in einem Bankgeschäft, dann in einer Buchhandlung thätig und begründete 1849 in Paris eine lithographirte Korrespondenz. Als 1851 die preußische Regierung die Telegraphen-Linie von Aachen nach Berlin für den Privatverkehr freigab, gründete er in der erstgenannten Stadt ein Depeschen-Bureau. Er hatte mit weitausschauendem Blick erkannt, daß die Errichtung des Telegraphen eine neue Aera für die Publicistik wie für die Geschäftswelt bedeute. Ec sammelte also Nachrichten, gab sie an Bank- und andere Geschäfte, sowie an Redactionen weiter, und fein Bureau vergrößerte sich von Tag zu Tag. Im Jahre 1851, in welchem das Kabel zwischen Calais und Dover gelegt wurde, verlegte er sein Hauptbureau nach London, wo er seine Beziehungen in größtem Style erweiterte. Er errichtete an allen Hauptpunkten der Erde Zweigbureaux und Agenturen, engagirte überall Correspondenten. 1865 wurde Reuter's Telegraphen-Bureau in eine Actien-Gesellschaft umgewandelt. Der Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha erhob Reuter einige Jahre später in den Freiherrnstand und 1878 trat Baron Reuter von der Leitung des Unternehmens zurück, an dessen Spitze nun sein ältester Sohn Herbert steht. London. Die „Choveve Zion Association" hielt am 19. Februar eine Vorstandssitzung ab, in der sehr erfreuliche Nachrichten mitgetheilt wurden über die Fortschritte, welche die Colonie Bnea Jehudah in der letzten Zeit gemacht hat. Die Schwierigkeiten waren sehr große, weil die Behörden allerhand Bedenken erhoben, allein der Administrator G o l d m a n n fand einen Weg, um diese Bedenken hinfällig zu machen, und man konnte schon mit der Arbeit beginnen. Fünf Familien sind zur Zeit auf dem Lande der Colonie und haben mit der Aussaat begonnen, die anderen sollen demnächst folgen. Die „Choveve Zion Association" sprach Herrn G o l d m a n n ihre warme Anerkennung lür die.von ihm bei dieser Gelegenheit bewiesene Geschicklichkeit und Ergebenheit aus. Ferner wurde mitgetheilt, daß der Vorstand mit dem Vereine „Ahavas Zion" in Tarnow in Verbindung getreten ist, um dessen Colonie „Machnajim" zu unterstützen. Für das Spital „Maskil el Dal" in Safed sind Arzneimittel gekauft und abgesendet worden. London. Die Anglo-Jewish Association hielt am Sonntag den 5. Februar 1899 ihre Monatsversammlung ab. Es wurden bewilligt für die Schule in Aidin 600 Mark, in Crajewa