Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 9 (3.3.1899)
- Date
- 1899-03-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 9 Vr. Bloch'» Wochenschrift Seite 177 Jurisdictionen, Städte und Gemeinden und Private unseres Vaterlandes ohne Unterschied der Nationalität und Konfession unterstützen den Verein, nur" ihn in den Stand zu setzen, jedes unserer hilfsbedürftigen studirendcn Kinder vor Noth zü schützen. Indem wir, entsprechend unseren bescheidenen Mitteln, mit einer Spende von 300 Kronen, sage dreihundert Kronen, diesem Verein beitreten, bitten wir inständigst unsere lieben isr. Glaubensbrüder und Schwestergemeinden ohne Unterschied der Partei — gilt es doch die Ausübung eines edlen Werkes — um Unterstützung dieses Vereines. Die geringe Opfergabe der unbemittelten Kultusgemeinde wird der reichlichen Spende des Wohlhabenden gleich geschätzt. Die Beiträge können an das Rectorat der Budapester Universität oder an die „Vagujhelyer Kreditbank". Vagujhely eingesendet werden; zur öffentlichen Kontrolle werden dieselben mittelst amtlicher Quittung und von Zeit zu Zeit im Wege der Presse guittirt. Unser heiligster Glaube ist es, und unsere feste Ueberzeugung, daß keine einzige Cultusgemeinde fehlen wird aus der Reihe jener vornehmen Namen, welche für ewige Zeiten verkünden, dass der Jude, ohne Rücksicht auf seine confessionelle Parteistellung, seine patriotische Pflicht getreulich erfüllt. In der Hoffnung, dass Ihr insgesammt unsere aufrichtige Bitte erfüllen werdet, sind wir mit glaubensbrüderlichem Gruß im Namen der isr. Cultusgemeinde in Vagujhely: Dr. Sonnenfeld B. H e r z f e l d Mor Kultus-Vorsteher. Bank-Director Herczog I. Karoly Altmann Jacob Vice-Präses. Direktor der israel. Realschule. Raudten in Niederschlesien, im Februar. (Jüdischprotestantische Beerdigung.) Der „Germania" wird von hier geschrieben: „Vor einigen Tagen verstarb hierselbst der Sanitätsrath Dr. Leppmann im Alter von 78 Jahren. Er war 48 Jahre am hiesigen Orte thätig gewesen, hatte noch bis kurz vor seinem Lebensende eine sehr bedeutende Praxis ausgeübt und hatte auch als Stadtverordnetenvorsteher sich zahlreiche communale Verdienste erworben. Mosaischer Religion, hatte er in früheren Jahren bei der hiesigen jüdischen Gemeinde das' Amt eines Vorbeters bekleidet, aber da in letzter Zeit die Zahl der Juden hier wie in anderen kleinen Städten wegen Abzuges nach den Großstädten immer geringer wurde, verzichtete Dr. Leppmann aufs Vorbeteramt, wie überhaupt auch seine Beziehungen zum Judenthume — zumal nach dem Uebertritt von einigen seiner Kinder zum Christenthum — nach und nach erkalteten. Jndeß trat Leppmann selbst niemals aus dem Judenthum aus, zahlte vielmehr bis zu seinem Tode eine Steuer an die Glogauer Synagogengemeinde. Trotzdem hatte in ganz Raudten Niemand etwas dagegen, daß ein zum Christenthum übergangener Sohn des Verewigten auf dem hiesigen protestantischen Friedhofe eine Erbbegräbnißstelle kaufte, und man fand es auch unter den obwaltenden Umständen erklärlich, wenn der alte, allgemein geachtete Sanitätsrath dort seine letzte Ruhestätte finden würde. Nur das setzte man voraus, daß ein Rabbiner, die Beerdigung leiten würde. Statt dessen erschien aber der hiesige protestantische Ortsgeistliche — wenn auch nicht in amtlicher Kleidung, sondern nur „in Civil" —, hielt zwei Ansprachen, eine im Trauerhause und eine am Grabe, und ließ die protestantische Schule Lieder singen. Da Dr. Leppmann die ganzen 48 Jahre, welche er in Raudten weilte, niemals dem evangelischen Gottesdienst beigewohnt hatte, so ruft die Art seiner Beerdigung natürlich die verschiedensten Commentare unter den Protestanten der Stadt und der Umgegend hervor. Obgleich man hier durch das Auftreten der bekannten „freisinnigen" Liegnitzer Pastoren an ein solches Maß von „Toleranz" gewöhnt ist, so hört man doch ziemlich allgemein den Ruf: „Sind wir noch Christen?" -- So weit die Zuschrift an das ultramontane Blatt. Wir müssen bekennen, daß wir die darin ausgesprochene Verwunderung nicht ganz begreifen. Was hätte denn der Rabbiner auf dem protestantischen Friedhof thun sollen? Konnte er dort eine jüdische Beerdigung leiten oder den Hinterbliebenen die Tröstungen ihrer Religion angedeihen lassen? Ob der evangelische Geistliche „in Civil" am Platze war, entzieht sich unserer Beurtheilung, geht uns auch gar nichts an. Unseren Rabbinen aber würden wir es sehr verübeln, wenn sie durch Ausübung von Amtsfunctionen den falschen Anschein erwecken wollten, als bestände noch ein Zusammenhang zwischen dem Judenthum und dessen verlorenen Söhnen, die aus Gleichgiltigkeit oder aus Mangel an Bekenntnißmuth ihren thatsächlichen Uebertritt bis nach ihrem Ableben verschoben haben." Köln. Die „Kölnische Volkszeitung" schreibt über den Fall in Leipzig, wo ein Kriegerverein einen jüdischen Soldaten nicht aufnehmen wollte, in bemerkenswerther Weise, daß wenn ein derartiges Princip einmal acceptirt würde, dann auch sehr bald die Katholiken in den überwiegenden protestantischen Landestheilen ebenso behandelt werden würden wie die Juden. Das große Organ der Katholiken schließt seine Ausführungen mit folgenden Auseinandersetzungen: Der Leipziger Militär-Verein hat einen sächsischen Reservisten nicht ausgenommen, weil er Jude sei. Die „Deutsche Tageszeitung" findet das vollkommen begründet, da die Voraussetzung echter Kameradschaftlichkeit das gleiche Religionsbekenntniß sei. Wer soll denn noch aus dem Vereine hinausgetban werden, die Katholiken oder die Protestanten? Denn diese haben auch nicht das gleiche Religionsbekenntniß. Da der Leiter der „Deutschen Tageszeitung" bekanntlich nicht viel vom „dogmatischen Formelkram" hält, denkt er vielleicht, Katholiken und Protestanten seien wegen des „allgemeinen Christenthums" im Grunde Leute des gleichen Religionsbekenntnisses, aber andere denken darüber anders. Religion und Politik ist statutengemäß von den Krieger-Vereinen ausgeschlossen und danach sollte man sich richten. Köln, 23. Februar. (Die neue Synagogein Köln.) Unter Führung des Architekten Schreiterer, des Theilhabers der Firma Schreiterer und Below, die die neue Synagoge am Königsplatz gebaut hat, besuchte gestern der Kölner Gewerbeverein diesen interessanten Neubau. Wer von Bonn mit der Eisenbahn kommt und das Bild der kölnischen Neustadt an sich vorüberziehen läßt, der wird den phantastischen Tempel mit dem grünen Dach nicht übersehen, der aus den Neubauten aufragt und der Neustadt eine originelle Charakteristik gibt. Der Ban ist leider zwischen Miethhänsern eingeklemmt, so daß nur seine Stirnseite in der Nähe wirkt. Vor diese Stirnseite schieben sich flügelartig zwei Wohnungsbauten aus dem gleichen braungelben Gestein und den romanischen Styl andeutend, der nun im zurücktretenden Hauptbau eine freie phantastische Entwicklung erhält, lieber einer zwischen reichen Strebepfeilern liegenden Vorhalle, an deren Außenwand die Gesetzestafeln prangen, erhebt sich mit großem Reize eine mächtige Fensterrose. Mit klarer Entwicklung, die Raumconstruction bezeichnend, steigt der Bau auf zu einer von Thiirmen in zwei Abstufungen flankirten pyramidenartigen Tachbildung. Eine starke malerische Wirkung wird erzielt durch die Harmonie zweier unterer mit rothen Ziegeln gedeckter Pyramiden von eigenartiger schlanker Form mit dem grünen Dache des Hauptaufbaues und den, dieses flankirend, wieder anders geformten Thürmchen. Es entsteht bei der Mischung klar übersichtlicher Symmetrie der Baugliederung und eigenartigen malerischen Reizes ein Werk, das fremdländisch wirkt und die Phantasie nach irgend einem asiatischen Märchenlande lenkt, ein richtiger „Tempel", der aber doch wiederum nicht zügellos phantastisch wie eine Theaterdecoration wirkt, sondern eben durch die romanische Grundlage ernsten architektonischen Gehalt hat. Im Innern sehen wir einen weiten Raum, der durch eine hohe Mittelkuppel, die sich auf vier weiten Gewölben des Allerheiligsten und dreier Emporen entwickelt, eine tief berührende Feierlichkeit erhält. Von großer künstlerischer Bedeutung sind die die Wände völlig bedeckenden Malereien nach Entwürfen des Professors Schaper in Hannover. An den alten, für Decorationsmalerei neuerdings sehr beliebt gewordenen Ravennastyl anknüpfend, geben diese Malereien in einem Wechsel zweier Haupttöne, blaugrün und mattziegelroth, eine edel ruhige Stimmung, auf der sich theils leicht anmuthende geometrische Motive, theils massig wirkende Pflanzenmotive entwickeln. Diese Pflanzenmotive geben mit Vorliebe die Palme in reichen Windungen und Wendungen, so in den Zwickeln, aus Vasen aufsteigend und sich federartig krümmend. Reizend sind die grünen Gurten in der Kuppel, die in Blüthenbnschel auslaufen. Die Kuppel hat einen besonderen Schmuck in runden farbigen Glasfenstern mit juwelenartig leuchtendem Zierwerk. Die große Rose und andere Fenster sind aus amerikanischem Opalglas mit Pflanzenmotiven. Das Allerheiligste zeigt eine Balustrade aus weißem Donaukalkstein, die Kanzel und eine Wand mit der eingelassenen Bundeslade aus weißem bairischen Marmor, mit gelbem und schwarzem Marmor ausgeziert, und auf der Höhe der Wand und der heiligen Lade reiche Vergoldung. Romanische Säulenstellungen tragen die offenen, hochhalligen Frauenempore zu beiden Seiten und die Kinderempore gegenüber dem Allerheiligstcn. Tie Synagoge faßt 1400 Sitzplätze und hat noch neben dem Haupttempelraum eine ganze Reihe nothwendiger Nebenräume. Sie ist ein Bauwerk, das ein fesselndes und siegreiches Bild der modernen Architektnrentwicklung gibt, Zeugniß ablegt für den ernsten Sinn und den sicheren künstlerischen Blick, der jetzt durchgedrungen ist. Paris. Der „Gaulois", das Organ des getauften Juden Meyer, hat kürzlich einen Artikel gebracht, in dem es hieß, die Campagne für Dreyfus sei zum ersten Mal auf dem zionistischen Congreß in Basel 1896 erörtert und beschlossen worden. Demgegenüber versendet Bernard Lazare einen offenen Brief an alle Zeitungen, in dem er constatirt, daß der erste Zionistencongreß 1897 stattfand, dagegen 1896 noch kein solcher existirte. Dagegen begann Lazare seine Campagne im October 1896 und als im