Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 9 (3.3.1899)
- Date
- 1899-03-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. S Vr. Vloch'r Wochenschrift Sette 173 zeichnet werden, eine und dieselbe Tonweise haben. Derartige Fingerzeige regen den zukünftigen Cultusbeamten für sein ganzes Leben an, die überkommenen Synagogenmelodien hoch und heilig zu halten und über die altsynagogale Psalmodie ernstlich nachzudenken. Von Choni Hä-Magol (bauten tein) erzählt der Talmud (Taanith 23), daß er, als er einen Mann einen Johannisbrodbaum pflanzen sah, ihn fragte: „Ist es Dir nicht bekannt, daß dieser Baum erst nach 70 Jahren Früchte trägt; wozu die Mühe? Wirst Du denn noch 70 Jahre leben?" Worauf jener erwiderte: „Ich habe solche Bäume vorgefunden, und wie meine Vorfahren für mich gepflanzt haben, will ich für meine Nachkommen pflanzen." Die Anwendung dieser Legende auf das hier besprochene Thema, bedarf keiner Ausführung. („Israelit. Wochenschrift")^ Mori; Hartmann.' Dr. Adolf Harpf, ein Führer der Deutschnatioualen der auch unter dem Namen „Adolf Hagen" Dichtungen deutschnationaler Tendenz veröffentlicht hat, hat ein Werk herausgegeben, betitelt „Ueber deutschvolkliches Sagen und Singen, Streifzüge im Gebiete deutschen Schrift- und Volksthums mit besonderer Rücksicht auf die deutsche Ostmark". (Leipzig, Julius Werner.) Darin schreibt er über den jüdischen Dichter Moriz Hartmann: Die Poesie hat tatsächlich in Deutsch-Oesterreich bereits als Amazone des nationalen Kampfes zum Schwerte gegriffen und aus dem Borne nationaler Begeisterung Kampflieder geschöpft, welche bewahrbeitet haben, was Moriz Hartmann, der politische Sanges genösse Grünes, auf die Frage, ob es eine politische Poesie überhaupt gebe, durch die That geantwortet hat, indem er durch seine Werke den Satz bekräftigte: „Poetisch kann Alles werden, wovon mit ursprünglicher Empfänglichkeit ein Lmstbegabter Sinn ergriffen wird." So leitet uns die wesensgleiche, ästhetische Anschauung über die Bedeutung des politischen Liedes von dem Sänger aus den Alpen zu dem Deutschböhmen Moriz Hartmann hinüber, der in Form, wie in Gedankenhaltung, sowie in seiner Gefühlsphysiognomie vielfach an Heine anklingt, dessen Stammesherkunft er auch theilte. Gleichwohl tritt zum Unterschiede von dem vaterlandslosen Heine überall in Hartmann's Werken ein ausgeprägtes deutsches Bewußtsein und vor Allem auch eine glühende Liebe zu seiner böhmischen Heimat zu Tage. Ersteres zeigt sich namentlich in dem auf die Freiheitskiege und ihre Sänger zurückgreifenden Liede: „Deutsche Monumente". (Gesammelte Werke, herausgegeben von Vollmer und Bamberger, Band I, Seite 24 ff.) Auch Hartmann ist. wie alle echten Achtundvierziger und ebenso die neueren Deutschnationalen Oesterreichs ein warmer Verehrer Josefs II., den er mit Maximilian L für einen der zwei größten Habsburger hält. Rührend ist die Verehrung, mit welcher der Dichter zu Josef II. aufblickt: (Seite 29.) „Willst Du ein Lied ihm singen. So sing' ein Frühlingslied, Sing' eines Löwen Leben, Smg', wie ein Reh verschied! Doch besser ist's, Du gehest Um Mitternacht allein. Und rufst den Namen Josef In Wald und See hinein; Oder, wenn Du die Schmerzen Der Welt um Dich vereinst: Du bleibst auf Deiner Kammer, Und denkest sein — und weinst!" — In gleich ergreifender Weise spricht der Dichter von dem großen Menschenfreunde auf dem Kaiserthrone in dem Gedichte: „Ein Sterbebett". Auf die dunkelste Zeit des Niederganges deutschen Volksthums kommt Hartmann in dem Gedichte „Der deutsche Knecht" (I, Seite 31) zu sprechen. Namentlich ist es der Grundbegriff des Nationalismus, nämlich der des Volkes, welcher den Dichter zum Nachdenken bringt: „Und ein Wort vor Allem sank mir, Wie ein Funke in's Gemüth, Und das Wörtchen machte krank mir Und erhitzte das Geblüt: Was »Le peuple« mag bedeuten, Sinn' ich nun für alle Zeiten!" (I, 33.) Das oben erwähnte, warme Heimatsgefühl des Dichters kommt namentlich in den „böhmischen Elegien" zum Ausdrucke, doch ist der Dichter bei alledem nie ein particularistischer Böhme, sondern er verweist seine Heimat wiederholt direct an das große deutsche Hinterland: „An Deutschlands Halse wein' Dich aus, An seinem schmerzverwandten Herzen, Geöffnet steht sein weites Haus Für alle großen, heil'gen Schmerzen. — Vergiß, vergiß den alten Groll, Mein deutsches Herz kann Dir verkünden: Auch Deutschland fühlt, das Maß ist voll, Und büßet seine alten Sünden. Lass' mich Dein treuer Herold sein. Mein Vaterland in deutschen Landen! Lass' mich mein treues Lied Dir weih'n, In Deinem Weh, das ich verstanden!" (I, 67.) Deutsches Bewußtsein und deutsches Fühlen, für dessen mannhaften Ausdruck Hartmann auch im Exile als verbannter Flüchtling gebüßt und gelitten hat. sprechen vor Allem aus den Versen, die sein Flüchtlingsleben betreffen: „Sitz' ich auch des Nachts allein, Trink' ich doch vom deutschen Wein! Denke an die fernen Lieben, Ob mir Alle treu geblieben; Thue Züge, tiefe, rasche, — Will mit meinem Los nicht hadern, Deutschen Wein in meiner Flasche, Deutsches Blut in meinen Adern!" (I. 183.) Sehr richtig hat nach alledem Ludwig Bamberger in der Einleitung zu der berühmten „Reimchrouik des Pfaffen Maurizius", aus dem Jahre 1849 stammend, betont, daß Hartmann „durchaus kein eifriger Oesterreicher, sondern vielmehr seiner Bildung, Empfindung und Absicht gemäß durchaus ein Deutscher war". (Band II, Vorwort Seite XVI.) Er redete das reinste, man kann sagen ein abstractes und dabei doch voll und schön klingendes Deutsch. So war auch seine Gesinnung. „Die Mär, daß an der schönen, blauen Donau, welche bekanntlich nicht blau ist, Gemüth und Ehrlichkeit in besonders hervorragender Weise vertreten seien, fand in ihm zu keiner Zeit einen Gläubigen, noch weniger schwärmte er für die nichtdeutschen Bestandtheile der Gesammtmonarchie; im Kampfe Oesterreichs mit Italien stand er auf Seite des letzteren; und wenn überhaupt irgend ein besonderer Hinblick auf specifisch österreichische Verhältnisse seine Parteinahme zu Gunsten des sogenannten großdeutschen Programmes beeinflußte, so war es der auf die Gefahr der Unterdrückung des deutschen Elementes durch das slavische für den Fall der Ausscheidung Gesammt- Oesterreichs aus dem deutschen Natioualverband. Der Gedanke, Deutsch-Oesterreich fahren und im Schraubstocke einer slavischen... Regierung zusammenpressen zu lassen, war in der That für einen Vorkämpfer der deutschen Freiheitsschaar jener Zeit etwas Unfaßbares." (Ges. W. II, Seite XVII.) Ankämpfend gegen das Programm der Kleindeutschen, betont daher Hartmann in der genannten Reimchronik mit treffender, politischer Voraussicht, daß dieselben: „Neun Millionen Deutsche in Oesterreich der slavischen Peitsche verkaufen." (II, Seite 6). Bei aller Vorliebe für seine böhmische Heimat ist Hartmann kein Czechenfteund, weil überhaupt kein Freund der österreichischen Slaven, wie am deutlichsten aus dem Gedichte über die „150 Husaren" hervorgeht, die aus Böhmen, „dem Lande der düstern Czechen", wie er sagt, aufbrechen, um ihren Landsleuten gegen die Croaten zu Hilfe zu eilen: „Ueberall erhebt sich der Slave, Ungarns Feind, der sie halten will, Oestbceichs allergetreuester Sclave, Aber das Häuflein hält nicht still." (II, Seite 118.) Ueberhaupt findet der Dichter, daß, wie in den Reimen „Schlecht" und „Knecht", „krumm" und „dumm", „Wahrheit" und „Klarheit", so auch in „Slave" und „Sclave" weniger Zufall als Verstand ist. Wie echt deutschnational Hartmann trotz aller Sympathie für die freiheitsliebenden Ungarn seiner Tage gesinnt war, zeigt