Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-03-03 · 9 (3.3.1899) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
9 (3.3.1899)
Date
1899-03-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021277-3021287--08627-3033016
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Sette 166 Dr. Bloch'» Wochrnfchrist Nr. 9 Wir sehen voll Zuversicht den kommenden Ereignissen entgegen. Die Wahl L o u b e t's, die Energie, zu der sich D u p u y endlich ausgerafft, die Entlarvung der Antisemiten und die Aufsehen erregende Rede Verenge r's, der sowohl die „gewisse Liga" als den Quesuay de Veaurepaire geradezu vernichtet hat, sind zuversichtliche Vorboten eines günstigen Umschwunges in der Affaire Dreysus. Mehr als je dürfen wir heute mit Zola sagen: die Wahrheit ist unterwegs. Die Genossenschaft „Ahavas Zion". Nach zwei Jahren stiller, aber zielbewußter und eifriger Thätigkeit geht jetzt die Tarnower Genoffenschaft für Colonisation Palästinas „Ahavas Zion" daran, ihren ersten Bericht der Oeffentlichkeit zu übergeben. Die Gründer haben allen Anlaß, .das zu thun, denn sie können auf eine fruchtbringende Thätigkeit zurückblicken. Es war eine kleine Schaar begeisterter und selbstloser Männer, die Anfangs des Jahres 1897 daran ging, ihrer nationalen Pietät für das Land ihrer Väter und ihrem warmen Mitgefühl mit der schrecklichen Nothlage ihrer Stammes genossen Ausdruck zu geben, indem sie eine Genossenschaft für die Colonisation Palästinas durch galizische Juden gründeten, wie es bereits die galizischen Landes-Conferenzen der Zionisten im Jahre 1895 und 1896 beschlossen hatten. Der greise, achtzigjährige Rabbiner von Bohorodczany, Feiwel Schreier, eine Leuchte der talmudischen Wissenschaft, und Dr. Abraham Salz, Advocat, gefolgt von einer Reihe orthodoxer und religiös freisinniger, aber national empfindender Männer verschiedener Berufsclassen, nahmen das Werk in die Hand. Es war ein schweres Werk. Weder bei den „Großjuden", noch bei den Cultusgemeinden oder sonstigen Corporationen fanden sie Unterstützung; sie appellirten auch gar nicht an diese, sondern au die breiten Schichten, deren Verhältnisse es gestatteten, einen kleinen Beitrag zur Linderung der Noth oder eigentlich zur Schaffung einer dauernden, gesicherten Existenz für ihre ganz mittellosen Brüder zu leisten. Dieser Appell war erfolgreich, er übertraf, wie wir jetzt aus dem Berichte ersehen können, alle Erwartungen. Die Zeichnungen der Antheilscheine und Spenden beim Aufruf zur Thora und bei verschiedenen festlichen Anlässen stoßen reichlich, und bald konnte die Genossenschaft au die Gründung der ersten Colonie gehen. Kein Tam-tam, keine gedrechselten Phrasen und geheimnißvollen Andeutungen, sondern das Bedürfniß nach einer praktischen That, nach einer jedem Individuum möglichen Bethätigung im Interesse des Gesammtwohles drängte die galizische. Judenschaft dazu, sich um das Banner des „Ahavas Zion" zu scharen. Bei den auswärtigen Colonisations-Verbänden fand dieser Verein bereitwillige moralische Förderung, ja beim Baron Edmund Rothschild in Paris und beim Berliner „E s r a" auch materielle Unterstützung, dort durch Ueberlaffung eines großen Grundcomplexes gegen ratenweise Abzahlung, hier in der Form eines Beitrages von tausend Mark. Nur von einer Seite wurden der Thätigkeit dieses Vereines Schwierigkeiten bereitet, ja es wurde von ihm sogar die Sistirung seiner Thätigkeit verlangt — vom Wiener „Actious-Comits". Es wird vielleicht noch einmal die Zeit kommen, auch die Mittel anzugeben, mit welchen da insbesondere gegen die in einzelnen Städten befindlichen Local-Comites. des „Ahavas Zion" gearbeitet wurde. Aber die Leitung ging ruhig weiter. Die Gründe, die für sie maßgebend waren, lesen wir eben im Rechenschaftsberichte : „Dem an uns gerichteten, dem organischen Entwicklungsgänge der Bewegung zuwiderlaufenden Verlangen, die weitere, unausgesetzte Colonisation Palästinas aufzugeben, haben wir ein entschiedenes „Nein!" entgegengestellt. Wir halten das Aufgeben der Colonisation und Vertauschen derselben gegen bloße Hoffnungen für die Sache schädlich. Für uns und alle Chobebe- Zion ist das historische Grundprincip maßgebend, daß große nationale und wirthschaftliche Umwälzungen nicht auf den Machtspruch Einzelner und „über Nacht" geschehen, sondern daß sie die Folge einer langen organischen Entwicklung sind. Auch das jüdische Volk muß seine nationale Wiedergeburt an sich entwickeln lassen. Dies gilt sowohl in kultureller, aber noch mehr in colonisatorischer Beziehung. Die Politik allein und an und für sich kann nie etwas schaffen, sondern nur geschaffener Facten sich bemächtigen und weiteren die Wege ebnen. Von diesem Gesichtspunkte geleitet, betrachten wir jede Erweiterung der jüdischen Gebiets- und Machtsphäre in Palästina als sehr erwünscht, da sie einen wichtigen neuen Anhaltspunkt für die weitere Entwicklung bildet. Daher sehen wir in der Anlegung jeder neuen Colonie einen bedeutenden Schritt nach vorwärts". Die Vereinsleituug durste auch gar nicht anders handeln. Die jüdische Bevölkerung in Galizien, und gerade die orthodoxe, sobald sie für den zionistischen Gedanken sich begeistert hat, will nicht mehr ruhig die Hände in den Schoß legen und ihre ganze Zukunft blos auf zwei Augen und eine unsichere Karte setzen, sondern sie strebt darnach, sich im Dienste ihrer Sache nach bestem Wissen und Können selbst zu bethätigen. Welcher wahre Volks freund müßte sich nicht über diese ersten Anzeichen des Erwachens aus einer langen Lethargie freuen? Die allgemeine Theilnahme beweist, vorerst die große Zahl der Genossenschaftler, obwohl sie sich doch hauptsächlich auf Galizien beschränken muß. Ihre Zahl beträgt 597. Darunter befinden sich fast alle zionistischen Vereine und zwar in Bohorodczany, Brzezany, Czortkow, Chrzanow, Drohobycz, Frumosa (Bukowina), Horodeuka, Krakau, Krzeszowice, Lancut, Mikulince, Ropczyce, Przemysl, Rzeszvw, Skalat, Sranislav, Stryj, Tarnopol, Tarnobrzeg, Zborow und Zloczow. Von Rabbinern gehören der Genossenschaft an; M e l l i fTriest), F r i e d m a n n (Czortkow), Weiß (Czernowitz), H o r v w i tz (Stryj), S ch m e l k e s (Lemberg), Dr. S i m o n s o h n (Kopenhagen), A s ch k e n a s y (Horodenka) und H o r o w i tz (Sokal). Das beweist, wie der Zionismus von seinen Anhängern in Galizien aufgefaßt wird. Die Gesammteiunahmen des Vereines haben in den beiden Jahren 36.050 Gulden 88 Kreuzer ausgemacht. Hievon entfallen auf Einlagsfcheine 15.379 Gulden und auf Spenden 2876 Gulden. In den Ausgaben finden wir an erster Stelle den Betrag von 41.000 Francs als zwei Raten für angekauste Grundstücke an Baron Rothschild, uub ist mit dem Rest die Basis für die Colonie M a ch n a j i m geschaffen worden. Vierzehn Colonisten sind bereits an Ort und Stelle, und unter der Leitung von Bromberg geht die Errichtung der Bauten und Abgrenzung des Bodens vor sich. Die Colonisten sind ein Gegenstand des Neides für die zurückgebliebenen Brüder; ihnen brennt schon der Boden unter den Füßen. Vorderhand kann aber an eine Emigration nach Palästina in größerem Styl noch nicht gedacht werden. Dazu sind die Mittel des „Ahavas Zion" noch immer viel zu klein und besteht noch das Verbot der Masseneinwanderung, mit dem gerechnet werden muß. Doch der Anfang ist gemacht und er ist gelungen; die galizische Judeuschaft hat in Palästina eine eigene Colonie, eine sehr bescheidene, aber aus den Mitteln der „kleinsten Leute" geschaffene. Diese Colonie knüpft die galizische Judeuschast umso enger an das heilige Land, sie ist das beste Agitationsmittel für den Zioni-mus und bildet auch einen Beweis, daß man in Galizien noch opferwillige und selbstlose Menschen, die sich ganz dem Wohle ihres Volkes widmen, findet, wenn man sie nur zu suchen weiß. Von dieser Erkenntniß ausgehend hat auch das Central-Comit« der „Choveve-Zion "-Verbände in Paris seine Aufmerksamkeit den galizischen Colonisationsbestrebungen zugewendet. Und während die I. C. A. für die Juden aller Länder etwas thut, nur nicht für die österreichischen und insbesondere für die galizischen, die eine Hilfe gerade so dringend benöthigen, wie die russischen Brüder, und zwar, wie es heißt, deshalb, weil sie in Wien keine geeignete verläßliche Persönlichkeit, natürlich in den Kreisen der „Großjuden" findet, zieht gerade der Umstand, daß die „Abavas Zion" durch eigene Kraft über die ersten und wichtigsten Schwierigkeiten hinweggekommen ist, die Aufmerksamkeit des Pariser Central-Comites auf sich. Am 12. März wird dasselbe in Anwesenheit des Dr. Salz eine Sitzung abhalten, die sich mit der Förderung der Colonie „Machnajim" beschäftigen wird. Es ist ein günstiges Prognosticon, daß diese Sitzung mit der Veröffentlichung des erfolgreichen Berichtes zusammenfällt und daß diese Action für die galizische Colonie von einem Manne angeregt wurde, der schon vor acht Jahren in einem Massen-Meeting an die Prophezeiung Ezechiels von der Auferstehung Israels erinnert hat — von Colonel G o l d s m i d. L.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.