Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 9 (3.3.1899)
- Date
- 1899-03-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 Dr. Bloch’s Jahrgang XYI. Mil Centralorgan für die gestimmten Interessen des Iudenthums. X= -X A. ft. Pofispsreagen-Amr Clraringvrrkrhr Nr. 810.976. Kedactron und Admlnistrstton: Wien XX., Ankere Augarkenstr. la. Telephon-Nr. 6535. Wien. 3. Mm; 1899. Erscheint jeden Freitag. -- Brief-Adresse: Wien» IL» Untere Augartenstraße la. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. -X »rprgSPrri» für Srsterrrich: Halbjährig 4 fl. -- 8 Stv. Einzelexemplare 25 kr. Für'» Ausland r halbjährig 5 fl. --- 10 Jtr. ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die4malgespaltene Petitzeile 12 kr. Inhalt. Leitartikel: Der Krach der Antisemiten. — Die Genossenschaft „Ahavas Zion". — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Briefe aus Berlin. — Zur Schächthetze. — lieber die liturgische und cantorale Verbindung der Cultusbeamteu. — Moriz Hartmauu. — Correspondenzen: Zur Nothlage der galizischen Juden, 200 Juden auf der -- Pretoria, Wien, Wien-Floridsdorf, Die Leinberger Gemeinderathswahlen, Ein czechisch-autisemittscher Advocateuberein, Karlsbad Waag-Neustadtl, Raubten, Köln, Paris, Petersburg, Ein Zwischenfall im englischen Parlament, London. — Vermischtes: Wien, Teplitz, Hont-Szob, Virovitica, Hohenems, Nordhausen, Rom, Moskau, Paris, New-Aork, Montreal, Tunis. — Feuilleton: Malka Schwarzenkopf. — Lejb Tisz. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Der Krach der Antisemiten. (Pariser Brief). Paris, den 28. Februar. Es war kein Zufall, daß die Hausdurchsuchungen bei den Royalisten- und Antisemiten-Führern das Präludium zu den Senatsdebatten über das Revisionsgesetz gebildet haben. Monsieur D u p u y, auf dessen Conto die Straßenscenen beim Einzuge L o u b e t's gesetzt wurden, war nahe daran, beim Senat seinen ganzen Credit zu verlieren. Der republikanisch gesinnte Senat, der sich wie Ein Mann um L o u b e t schaarte und ihm zur Wahl verhalf, hat es ohnehin mit Erstaunen betrachtet, wie der Ministerpräsident dem offenen Treiben der „Patrioten-Liga" gegenüber aus seiner kühlen Reserve nicht hervortrat, ja sogar manche Liebesdienste erwies. Gerüchte von einem Gewaltstreich auf die republikanische Verfassung durchschwirrten seit Wochen die Luft und Herr D u p u y fand nichts zu thun, als höchstens einige Dreyfus freundliche Journalisten auszuweisen. Als er daher in der Deputirtenkammer das Revisionsgesetz durchsetzte, wußte man, daß der Senat mit ihm abrechnen werde. Herr D u p u y ist ein kluger Mann. Er sah, daß er auch mit der Wahl L o u b e t's rechnen müsse. Durch diese Wahl wurden die Antisemiten beim höchsten Beamten der Republik kaltgestellt. L o u b e t erklärte, für die „auf Gerechtigkeit begründete Wahrheit" eiuzutreten, er ist persönlich intact, er hat keine zweideutigen Familiengeheimnisse zu verhüllen, und daher auch keine Enthüllungen zu befürchten. Frau Gyp, die Vermittlerin zwischen dem Präsidenten der Republik und der „Libre Parole", hat ihre Rolle aus gespielt, alle Fäden der Antisemiten ins Elyste sind abgeschnitten. Es drängte sie zu einer That. Die antisemitische Rede des Prätendenten, der gegen das „mobile Capital" donnerte, gab ihnen frischen Muth. Der Republikaner D u p u y durste nicht länger zaudern; er durfte die Landesverräther nicht mehr schonen. Durch ein entschiedenes Eingreifen konnte er vielmehr seine Position stärken. Das ist die Vorgeschichte der Hausdurchsuchungen, die gestern Früh bei den Führern der antisemitischen und royalistischen Partei stattgefunden haben. Indem der Präfect Charles B l a m den Polizeicommissären den Auftrag ertheilte, die Durchsuchungen speciell auf die Documente zu erstrecken, welche über das Wesen und die politische Wirksamkeit der antisemitischen Llga und ihre Verbindungen mit den royalistischen und bonaparnstrschen Comites und mit anderen Vereinigungen Aufklärungen geben würden, zeigte er, daß die Antisemitenliga auch das Centrum der vaterlandsverrätherischen antirepublikanischen Conspiration sei, die eine republikanische Regierung nicht mehr dulden dürfe. Die Langmüthigkeit DuPuy 's, der erst jetzt zur Anschauung kommt, daß sich — wie es in den Untersuchungsdecreten heißt — „eine Gruppe von Leuten unter dem Namen „Antisemiten-Llga" zusammengeschlvffen hat, deren Programm gegen den Artikel 291 des Strafgesetzbuches v e r st ö ß l", hätte sickbald schwer gerächt. Die Hausdurchsuchungen bei G u e r i n, dem Direktor des „Antijuif", D u b u c, dem Präsidenten der „Jeunesse Antisemite" und vielen anderen Antisemiten, hat sie Alle wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen. Daß sie mit Faure ihren Beschützer verloren haben, wußten sie ja, aber daß ihnen schon nach einigen Tagen alle Karten würden aus den Händen genommen werden, haben sie doch nicht erwartet. Nun sind diese Karten sichtbar. Der republikanische Spießer, für den bisher jeder Zweifel an der Schuld Dreyfus ein Hochverrath an der Republik war, wird endlich die Augen öffnen und sehen, wohin die schmutzigen Wellen des Antisemitismus das republikanische Staatsschiff treiben wollten. Es braucht lange Zeit, bis ein ganzes Volk zur Besinnung kommt; D u p u y, unter dessen Regierung Dreyfus verurtheilt wurde, blieb es Vorbehalten, darauf hinzuarbeiten und dem Antisemitismus einen Todesstoß zu versetzen. Die französische Republik ist eben nicht so schwach, wie es ihre Gegner oder die Schwarzseher behaupten. Das haben uns die Debatten des Senats von gestern und heute bewiesen. Und hat auch eine geringe Majorität die Einleitung der Specialdebatte über die Revisionsvorlage beschlossen, so ändert dies gar nichts an unserem Vortheil. Der Senat war zum erstenmal in der Lage, zur „Affaire" Stellung zu nehmen und wir hatten Gelegenheit die glänzenden Reden L e c o m t e's, B e r e n g e r's und W a l d e ck - R o u s s e a u's zu hören, Reden edler, wie Krystall reiner Männer, die an die schönsten Traditionen der Republik anknüpften und mit einem jugendlichen Feuereifer die Principien der Freiheit und der Justiz vertraten. In derselben Körperschaft sitzen auch Scheurer - Kestner und T r a r i e u x, die durch L a z a r e angeregt, sich zuerst der Sache Dreyfus' annahmen und auch Zola dafür gewannen, und aus Constantinopel naht als präsumtiver Senats-Präsident der eiserne C o n st a n s, der dem Boulangismus und derselben antisemitisch-monarchischen Couspiration, wie sie jetzt die Republik bedroht, den Garaus gemacht hat.