Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 8 (24.2.1899)
- Date
- 1899-02-24
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 8 Jßx. Vloch's Wochenschrift Seite 161 eifrig horchenden Freunden und Freundinnen einige der herrlichen Schöpfungen vorgelesen. Auf Alle hatte wohl der Dichter einen tiefen Eindruck gemacht, doch Esther's Begeisterung kannte keine Grenzen. Sie hörte mit gespanntester Aufmerksamkeit zu. Ihre Wangen rötheten sich, ihre Augen leuchteten, ihre Lippen öffneten sich. Bebend vor Erregung flüsterte sie die Worte nach, sie ging nach Hause wie im Traum, sie, die Heiterste von Allen, verschmähte die Begleitung ihrer Gefährtinnen. Sie warf sich auf ihr Lager und versuchte immer von Neuem die Verse zu wiederholen, die sie gehört. Der Wohllaut der Sprache entzückte sie, und dank ihrem schnellen Fassungsvermögen hatte sie vieles behalten. Sie sprach die Verse immer wieder vor sich hin, laut, dann wieder leise. Unwillkürlich machte sie Handbewegungen dazu; ihre Aufmerksamkeit, ihr ganzes Interesse war nur davon gefesselt. Man schalt sie zu Hause, doch sie, die sonst gehorsam und bescheiden war, achtete kaum der Vorwürfe und Ermahnungen der Ihrigen. Eine neue Welt hatte sich ihr erschlossen und ihrem ganzen Dasein eine Wendung gegeben. Der Bocher David, der Freude empfand an ihrer Begeisterung, lehrte sie heimlich Deutsch lesen, und nun studirte sie mit vollem Eifer all' das, was er ihr gab. Sie las ohne Wahl Gedichte, Dramen und Erzählungen, und da sie vermöge ihres guten Gedächtnisses -alles fast wörtlich behielt, so kam es mit der Zeit, daß sie nach und nach in ihre Reden Aussprüche der Dichter einflocht und damit Alle in Erstaunen setzte. Man hörte ihr mit einem Gemisch von Staunen und Furcht und Entzücken zu, doch ihr sonderbares Wesen, die Art und Weise, wie sie ihr leidenschaftliches Empfinden äußerte, trugen ihr bald den Namen der „verrückten Esther" ein. Man glaubte, sie wäre überspannt, das viele Lesen der gottlosen Bücher hätte ihr Sinn und Geist verwirrt. Man nahm ihr die Lectüre fort, aber je mehr man die Bücher vor ihr verbarg, desto eifriger suchte sie nach ihnen und durch List und übernatürliche Schlauheit wußte sie sich wieder in den Besitz derselben zu bringen. Man ließ sie schließlich gewähren. Die Mutter empfand tiefen Kummer darüber. Der Vater, der wohl energischer gegen sie vorgegangen wäre, ruhte längst im Grabe. In ihrem nie, rastenden Hirn, in ihrer erhitzten Phantasie war. schon längst die heimliche Sehnsucht aufgeglüht, auch das, was sie dachte und empfand, in Versen wiederzugeben. Sie schrieb Nächte hindurch, doch eine ängstliche Scheu hielt sie davon ab, jemals irgend einem anderen Wesen sich mitzutheilen. So nahte das Purimfest — man plante ein besonders festliches Begehen desselben und Bocher David, der welterfahrenste und geschickteste unter den Schülern des Rabbi, erbot sich, ein Purimspiel zu verfassen und die Geschichte der Königin in poetischer Form darzustellen. Man besprach eifrig den Plan und Niemand hatte in der lebhaften Unterhaltung auf Esther geachtet, die fern von den Anderen stand und wieder einmal „nicht ganz bei sich war", wie es die Anderen scherzend nannten. Am Abend nach der stattgehabten Unterredung schloß sie sich David an und bat ihn, sie auch an der Arbeit des Purimspiels theilnehmen zu lassen. Er lachte sie aus. „Du bist ein Mädel", sagte er, „wie solltest Du wohl dichten können?" Sie antwortete nichts, sondern zog aus ihrer Tasche einen Streifen Papier und reichte denselben dem erstaunten David. . Er las im Zwielicht, und je mehr er las, desto ernster wurde er, desto eifriger. Esther verfolgte sein Thun in heißer Erregung. Endlich ließ er das Blatt sinken. „Es sind wirkliche Verse, Esther", stammelte er verwirrt und erstaunt, „und schön! Hast Du das wirklich selbst gemacht?" Sie antwortete nicht. „Du kannst mir helfen", sagte er. Die. nächsten Tage arbeiteten sie eifrig zusammen. Dann wurde das Stück vorgelesen, die Rollen vertheilt. Esther bekam die Hauptrolle; sie sollte ihre königliche Namensschwester verkörpern. Wochenlang lebte sie nur in diesem einen Gedanken. Man tadelte und mißbilligte ihr Benehmen. Es war nicht weiblich, so hervorzutreten — und endlich hatte man sie doch gezwungen, ihrem Vorhaben zu entsagen und die Rolle einem der jüngsten Bocher zu übergeben, der nun für sie eintreten sollte. Das Scheitern ihrer Hoffnung hatte sie recht muthlos gemacht. Als der Festabend herankam, zog sie ihr weißes Gewand an, löste ihr goldig schimmerndes Haar, das sie gleich einem Königsmantel umfloß und harrte nun des Freundes, der ihr versprochen hatte, sie zum Feste abzuholen. Als er sie so sah, bezauberte ihn ihre eigenartige Schönheit, und hingerissen gab er seinen lang gehegten zärtlichen Gefühlen für sie Ausdruck und sagte ihr, daß er sie liebe. Sie antwortete ihm nicht gleich. Endlich sagte sie: „Laß' mich Dir nur einmal die Königin Esther spielen, dann will ich mein Haar wieder flechten und zu den Anderen gehen, aber ehe ich's nicht gesagt habe, eher finde ich keine Ruhe. Die Worte brennen mir auf den Lippen, in der Seele. Mein Herz ist schwer zum Zerspringen!" Er fügte sich ihrem Willen. Sie sprach mit so viel Verständniß, Begeisterung, daß er vor Erstaunen und Entzücken stumnl blieb. Nachdem sie geendet, konnte er lange keine Worte finden, um ihr zu sagen, welchen Eindruck das Gehörte auf ihn gemacht hatte. Da faßte sie seine Hände und flehte ihn an, mit ihr in die Welt zu gehen. Sie hatte die heiße Sehnsucht, Dichterwerke durch ihren Bortrag zu beleben, und der Wunsch, der längst auch in ihm geschlummert hatte, den er aber nie gewagt auszudenken oder zu äußern, nahm plötzlich Gestalt an. Wie aber solches anfangen! Wie sich trennen von dem Althergebrachten! Wie als verachteter, elender Jude zu solch' einem Ziel zu gelangen! Er sagte ihr das. Er zeigte ihr die unendlichen, unüberwindlichen Schwierigkeiten, die sie zu überwinden hätten. Er sagte ihr, daß es Sünde sei, aus dem Rahmen herauszutteten, in den das Leben einen gestellt, er erzählte ihr von den tausend Gefahren und Widerwärtigkeiten, denen ein junges, mittelloses, schönes Geschöpf nicht gewachsen wär', er ermahnte sie, an ihre Mutter zu denken, deren einziger Lichtstrahl sie war. Und endlich flößen heiße Thränen der Reue und der Trauer über ihre Wangen. Sie weinte über ihr Unglück, so ganz anders geartet zu sein, wie die anderen, andere Hoffnungen, andere Wünsche zu haben, wie jene. Sie weinte über die unbezwingliche Sehnsucht, die ihr Leben zerstöre, sie weinte, daß sie die Kinderpflicht so verletzen konnte und daß ihr Wunsch stärker war, mächtiger, heißer und drängender als ihre Kindesliebe. Sie klagte sich an und bat David, das eben Gehörte zu vergessen. Er aber versprach ihr, nach Beendigung seiner Studien in die Welt zu gehen und dort zu versuchen, sein Talent zu fördern, und wenn es ihm gelungen, so wollte er wiederkehren, und sie sollte dann an seiner Seite als sein Weib mit ihm ringen, mit ihm streben und mit ihm genießen. Das Purimspiel wurde aufgeführt. Alle staunten über die Schönheit der Verse und Esther feierte einen Triumph in der Stille, wohl anderer Art, als sie ihn sich ttäumte, aber dennoch schön und berauschend. Sie hoffte auf David; sie war glücklich in seiner Liebe, der Liebe zu ihm, die sie erwiderte aus ganzem Herzen. Sie wurde ruhiger und zuversichtlicher. Sie nahm wieder Theil an den häuslichen Arbeiten und die Mutter freute sich ihres veränderten Wesens. Nach einigen Monaten verließ David das Ghetto. Der Abschied war Esther schwerer geworden, als sie geglaubt, doch sein Versprechen hielt sie aufrecht und die Hoffnung auf die Verwirklichung ihres heißesten Wunsches. Er sollte sie ja einst leiten und führen, und an seiner Hand sollte sie jene Höhen erklimmen, in die hinauf sich ihr heißes, leidenschaftliches Herz sehnte. Doch Jahr und Tag verging, ohne daß Kunde von David kam! Esther wurde ein altes Mädchen. Ihr seltsames Wesen und Benehmen forderte den Spott heraus. Niemand wagte um sie zu fteien; sie blieb einsam! Längst hatte sie aufgehört in Versen ihr Denken und Empfinden niederzulegen; ihre heiße, durstende Seele hatte sich endlich zur Ruhe gerungen. Nur am Purimabend, da ergriffen sie noch mächtig die alten Erinnerungen, da hielt sie noch Einkehr in sich selbst, da ließ sie noch einmal die schönen Tage an sich vorüberziehen, da sie voll Begeisterung für alles Schöne und Edle erglüht und die süße, hehre Wonne des Schaffens empfunden hatte, da die Liebe ihr ganzes Herz erfüllte und die schönsten Hoffnungen für die Zukunft in sich schloß. Esther hatte lange in sich versunken dageseffen. Es war dunkel im Stübchen. Die Mutter war nach dem Beten eingenickt. — Esther tastete sich mühsam zum Tisch und war eben im Be-