Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 8 (24.2.1899)
- Date
- 1899-02-24
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Sette 160 Vr. Vloch's Wochrnschrifl Nr. 8 Grundsteine seiner Laufbahn und eben dieselben Eigenschaften gaben ihm das letzte Geleite. Dem Verewigten, der auch sonst viele andere gute Eigenschaften hatte, bleibt ein hochehrendes Andenken im weitesten Bekanntenkreise gesichert. Er war ein streng frommer Mann, der die hiesige Cultusgemeinde, sowie die Ehewra-Kadischa und die Ehewra »Matnos Amijim« mitbegründen half, eine Zeit lang Mitglied des Cultusvorstandes war und hat sich durch gemeinnütziges Wirken ausgezeichnet. Er wurde unter ungemein zahlreicher Betheilignng der jüdischen und christlichen Bevölkerung zu Grabe getragen. E. B. Bisenz. (Vermälung.) Am 28. Februar findet zu Holicz die Trauung des Fräulein Charlotte Hoff, Tochter des verewigten Rabbiners zu Proßnitz, Dr. Emil Hoff, und Schwester de§ verehrten Seelsorgers, des Herrn Dr. Josef Hoff, statt. Unsere Gemeinde rüstet sich, um an diesem Familienfest in entsprechend würdiger Weise theilzunehmen. Carlsbad. Der im hiesigen Curhause veranstaltete Unterhaltungsabend zu Gunsten des israelitischen Frauen-Wohlthätigkeitsvereines verlief glänzend. Unter den'Anwesenden befanden sich der. Reichsraths- und Landtagsabgeordnete Dr. Rudolph K n o l l sammt Gemalin, Gerichtssecretär Dr. Pritschet sammt Gemalin, rc. Bürgermeister Ludwig Schäffler, der zu erscheinen verhindert war, widmete dem Vereine eine Spende. Die Vorträge der Curcapelle, sowie die der Damen Frau Dr. F l e i s ch n e r, Frau Gustav Lederer und Frau Emilie K o h n, welche in liebenswürdiger Weise milwirkten, fanden reichlichen Beifall. Besonders amüsant waren die Programmnummern, die der Schauspieler Herr Kornau vom Wiener Carl-Theater bot. Ein Kränzchen beschloß den Abend. Lobositz. (Silberne Hochzeit.) Der Custos der hiesigen Cultusgemeinde Herr Markus Stein mit seiner Gattin Marie Stein, geborene G r ü n b a u m, feierten Samstag den 18. d. M. im engsten Familienkreise das Fest ihrer silbernen Hochzeit. Trebitsch. Herr Albert G r ü n b e r g e r, welcher seit mehr als 20 Jahren das Bürgermeisteramt in der hiesigen Jsraelitengemeinde mit Würde und Takt versehen hatte, hat aus Gesundheitsrücksichten seine Demisiion überreicht. Der Gemeindeausschuß hat hievon mit Bedauern Kenntniß genommen und ihn zum Ehrenbürger ernannt. Eine Deputation, bestehend aus dem neugewählten Bürgermeister Herrn Leopold S p i r a und dem Gemeinderathe Herrn Simon S u b a k, verfügte sich zu dem aus dem Amte Geschiedenen, um ihm das Bedauern über seinen Rücktritt, sowie den Dank für sein ersprießliches Wirken und seine vieljährige, aufopfernde Thätigkeit auszusprechen. Mit gerührten Worten dankte der Bürgermeister- Veteran für diese herzliche Kundgebung. Eine der letzten Schöpfungen des Herrn G r ü n b e r g e r ist der mit größter Sorgfalt und Umsicht durchqeführte Umbau des Gemeindehauses, wodurch einem längst gefühlten Bedürfnisse Rechnung getragen wurde. Krakau. Am 28. Februar 1899 findet in Lemberg die Trauung des Landes- und Gerichts-Advocaten in Krakau Herrn Dr. Raphael Landau, Sohn des hiesigen Vice-Präsiden!en der Cultusgemeinde, Gemeinderathes und Handelskammerrathes Herrn Hirsch Landau, mit Fräulein Rachel P a r n a s, Tochter des Gutsbesitzers Herrn Leon P a r n a s aus Lemberg statt. Eine Deputation des hiesigen Cultusvorstandes unter Führung des Präsidenten der Cultusgemeinde, Gemeinderath Dr. Leon H o r o w i tz, begibt sich zur Beglückwünschung nach Lemberg. Esther. Erzählung von Jda Oppenheim. Dämmerung breitet sich über die stille Gasse aus. Weich und lind ziehen die Lüfte eines warmen Frühlingsabends in die geöffneten Fenster und Thüren. Die Gasse ist heute belebter als sonst. Mädchen wandern auf und ab in heiterem Gespräch, die Bocherim haben früher als sonst ihre Studien beim Rabbiner vollendet und sind nach dem Nachmittagsgottesdienst in ihre verschiedenen Wohnungen zurückgekehrt. Sie sitzen heute nicht wie sonst beim Talmud, sondern tummeln sich im Freien und scherzen mit den kleinen Mädchen und Buben, die vor den Tbüren kauend und schwatzend Herumspielen. Ein frohes, geschäftiges Bild bietet heute die sonst so öde, enge, lichtlose Heimat der Juden, die ausgestoßen von den Anderen, nur in dem kleinen Theil des winzigen Städtchens ihren Wohnsitz aufschlagen durften. Die kleinen, mit Blei eingefaßten Fenster erglänzen bald hier, bald dort im Kerzenschein. Eilig huschen weibliche Gestalten hinüber und herüber; sie tragen verdeckte Schüsseln. Es duftet nach frischem Kuchen, nach Gebratenem und Gesottenem. Hie und da zeigt sich auch eine eifrig beschäftigte Hausfrau mit rothen Wangen am Fenster, die den Kochlöffel, das Zeichen ihrer Würde, in Eile nicht aus der Hand gelegt hat. Purim ist's! der Tag, an dem die Juden so recht von Herzen sich miteinander freuen und versuchen, jeder trüben Stimmung Herr zu werden. Sie beginnen in Erinnerung an den Tag, der dem hart gedrückten und geknechteten Volke die Freiheit brachte, von Neuem zu hoffen auf die nie endende Güte des Allvaters, der sie die dunkelsten Wege geführt und sie doch immer wieder neu belebt und erquickt hat in seiner nie endenden Gnade, in seinem Erbarmen. Immer heller strahlt es aus den kleinen Fenstern, immer geschäftiger bewegen sich die Gestalten auf der Gasse und füllen dieselbe. Da tauchen auch schon einige vermummte Gestalten auf, die eilig unter großem Gefolge von lachenden, scherzenden Kindern geneckt und gehänselt von einer Thür in die andere schlüpfen. Der Jubel wird immer größer, je mehr der Abend voranschreitet. Nur ein kleines Häuschen ist am Ende der Gasse verschlossen. Kein winziger Lichtschein dringt aus den verhangenen Fenstern heraus. Die bunte Schaar der Masken, die unter Sang und Spiel durch die Straße ziehen, verstummen unwillkürlich, als sie an dem dunkeln, halbverwitterten, baufälligen Häuschen vorbeiziehen. Paßt es doch gar nicht heute in all' die Fröhlichkeit hinein und sein Anblick stimmt ernst und düster. Aber Niemand will heute sich der Stimmung hingeben. Keine mitleidige Seele klopft an die Thür. Man weiß, daß heute das einsame, alte Mädchen, die verrückte Esther, wie man sie nennt, gern mit ihrer blinden, greisen Mutter allein bleibt. Und die Thür, die sonst oft den ganzen Tag nicht still steht von mitleidigen Besuchern, läßt man heute in Frieden und zieht ruhig seines Weges. Im Stübchen drin» ist's dunkel. Eine alte Frau stöhnt im Lehnstuhl. Sie hat ein altes vergilbtes Gebetbuch auf den Knieen, und während ihre Finger sich bemühen, langsam Seite um Seite umzuschlagen, murmelt sie hebräische Gebete. Sie kann ihren Ciddur ganz auswendig und darauf ist sie stolz. War sie doch vor Jahren Vorsagerin der Weiberschule gewesen und hatte ein ganzes Auditorium von Frauen um sich gehabt, die au ihren Lippen hingen und die Worte von denselben lasen. Das ist schon lange her — sie weiß es selbst nicht mehr wie lange; sie weiß nur, daß es einmal schön war, und daß sie nach solcher Andacht glücklich und befriedigt aus dem Tempel schritt, gefolgt von ihren Getreuen, die mit Ehrsucht und Bewunderung zu ihr aufsahen. Heute hatte sie nur eine Hörerin, und diese hörte sie nicht einmal. Die schlanke Gestalt, die kauernd auf einem Schemel in der Fensternische saß, hatte ihren Kopf in beide Hände vergraben, daß die rothen Locken wirr und kraus an denselben herniederglitten. Den Körper hob manchmal ein leises Stöhnen, ein tiefes, banges Athmen. So saß Esther schon eine lange Zeit und die Dunkelheit und die Stille thaten ihr wohl. Heute war die Wiederkehr des Tages der für sie der Inbegriff alles Glücks und allen Jammers gewesen war. Sie ließ heute, wie in jedem Jahre, die Erinnerung in sich mächtig aufsteigen; sie zauberte sie noch einmal hervor, die Bilder einer längst vergangenen, glücklichen Zeit. Esther Herz war das schönste, wenn auch das ärmste Mädchen des Ghetto's gewesen. Sie war lustig und guter Dinge, wenngleich sie nur oft eine harte Brotrinde den ganzen Tag zu essen hatte. Bei Spiel und Tanz, war sie die erste, und jeder Einzige freute sich mit ihr, liebte sie und begehrte ihre Gesellschaft. Sie war geschickt und klug. Ihre schnelle Fassungsgabe bewunderten Alle; die Art und Weise, wie sie Gehörtes wiederzugeben wußte, riefen oft die Begeisterung Aller hervor. Schiller hatte schon seinen Einzug im Ghetto gehalten. Ein Bocher hatte einmal einen Band Gedichte heimlich mitgebracht und in traulichen Stunden am Sabbath-Nachmittag den