Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 8 (24.2.1899)
- Date
- 1899-02-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 156 Vr. Vloch'» Wochrnschrifl Nr. 8 Dr. Kronawetter mit stürmischem Beifalle begrüßt, entwarf in überaus interessanter und lebendiger Darstellung ein Bild der politischen Lage in Oesterreich, in welchem die Reaction eine ungeahnte Macht erlangt hat. Der Zweck des Staates erfordert, daß alle seine Angehörigen das gleiche Recht auf Physische und geistige Entwicklung haben. In Oesterreich aber werden unter den Bürgern nationale und confefsionelle Unterschiede gemacht und die Gegensätze seien so weit gediehen, daß die nationalen und confessionellen Gegensätze bis an Stätten hinan reichen, die der reinsten Menschlichkeit gewidmet sind, bis in die Spitäler und in die Irrenhäuser. Die Gleichheit der Confessionen stehe auf dem Papier. Auf dem Umwege der Steuerexecution werden viele Staatsbürger gezwungen, Geld für andere Confessionen herzuaeben. Das Recht der freien Meinungsäußerung werde vor Allem durch den Zeitungsstempel beeinträchtigt, auf dessen Aufhebung wir gar nicht hoffen dürfen. Hinsichtlich der geistigen Cultur bietet sich der traurigste Ausblick auf unser Schulwesen, welches durch den confessionellen Character vergiftet wird. Die Schule kann nur gedeihen, wenn sie dogmatischen Einflüssen vollständig entrückt ist. In Frankreich darf kein Geistlicher in eine Staatsschule kommen, dort hat sich der Clericalismus nun der Privatschulen bemächtigt und das Land muß sich gegen seine Macht verrheidigen. Bei uns hat schon lange der Cultus den Unterricht erschlagen. Wie bei uns die Herrschaft des Clerus im Allgemeinen ist, so ist sie auch im Schulwesen, und zwar beschränkt sie sich da nicht auf ihre Confession. Ihre Macht erstreckt sich auf Alle und Alles, auf die Bücher und auf das, was vorgetragen wird, auf die Lehrpersonen und auf die weltlichen Gegenstände. Wir sind Zeugen des Mißbrauches, der von Clericalen und Antisemiten mit dem Disciplinarrecht und mit dem Anstellungsrecht getrieben wird. Der nackte Egoismus treibt den Clerus an, gegen die freie Schule zu wirken und dem Bauer einzuprägen, daß es besser ist, wenn seine Kinder Erdäpfel ausnehmen oder die Kühe auf die Weide treiben, als daß sie in die Schule gehen, und es ist ein Unglück, daß man den Gemeinden die Kosten der Schule und die Besoldung der Lehrer aufg^bürdet hat, während in Frankreich jeder Lehrer Staatsbeamter ist. Der niederösterreichische Landtag hat ein Gesetz gemacht, wonach jeder Pfarrer eine Virilstimme im Ortsschulrathe hat; das ist ein mächtiges Werkzeug im Dienste des Clericalismus. Ein Vorwurf läßt sich der Lehrerschaft nicht ersparen, daß sich ein großer Theil von der Reaction hat ins Schlepptau nehmen lassen. Es gab eine Zeit, wo der Lehrer zum Bauer gehen mußte, wenn dieser ein Schwein abgestochen hat, um sich eine Wurst zu holen, die einen Theil seines Gehalies bildete. Die liberale Gesetzgebung hat für die wirthschastliche und sociale Hebung des Lehrerstandes viel geleistet, allein trotzdem haben gerade die Lehrer jener Partei zum Siege verholfen, welche die reactionärsten Schulanträge gebracht hat. Die Wiener Lehrer haben es auf dem Gewissen, daß der zweite Wahlkörper für die liberale Partei verloren gegangen ist. Ob heute der Geist der Lehrerschaft ein anderer geworden ist, das wird sich zeigen. Redner zeigt ferner, wie die christlich-sociale Partei die Verfolgung ihrer Gegner und die Protection ihrer Anhänger mit einer Rücksichtslosigkeit betreibt, wie keine andere. Wehe dem freisinnigen Lehrer, der öffentlich seine Meinung zu äußern wagt. Wenn aber ein christlich-socialer Schuldirector sich betrunken in der Gaffe wälzt, das hat für ihn und seine Stellung nicht die geringsten Folgen. Die reactionäre Herrschaft in der Schule wird das allgemeine Bildungsniveau herabdrücken und auf die wirthfchaftliche Entwicklung verderblich wirken. Unsere wirthschaftlrchen Verhältnisse sind durchtränkt von reactionären Strömungen und es wird immer mehr erschwert, daß die Leute aus den unteren und untersten Schichten durch ihren eigenen Fleiß und durch ihre eigene Kraft sich hinaufarbeiten. Auf allen Gebieten herrscht der brutalste, kleinlichste und engherzigste Egoismus. Jeder fordert die Abwehr der Concurrenz, die privilegirten Stände, der Großgrundbesitz, der Feudaladel und die Kirche, sowie das Großcapital, haben sich der politischen Herrschaft bemächtigt. Das Parlament besteht aus Interessengruppen, die sich um die Gesammtheit nicht kümmern, und der Geist des Brotneids und des Egoismus durchdringt die Gesetzgebung und die Verwaltung. Redner bespricht weiters die Nationalitätenfrage und die gegenwärtigen Zustände. Das Regime mit dem § 14 sei der maskirte Staats skr eich, und mit unheimlicher Macht streben der Adel und der Clerus nach dem Absolutismus. Unsere Zustände seien traurige, und es sei nicht abzusehen, woher die Rettung kommen soll, denn Oesterreich sei der Herd der großen Reaction in ganz Europa. Jeder Einzelne von uns könne nur für die Ideen der Freiheit, der Gleichberechtigung und des Fortschrittes eintreten, soweit seine Kraft reicht, allein der Clericalismus habe Oesterreich mit einer Organisation umstrickt, deren furchtbare Macht die traurigsten Ausblicke in die Zukunft eröffnet. (Lebhafter anhaltender Beifall.) Präsident Dr. Fialla spricht Herrn Dr. Kronawetter für seine lichtvollen Ausführungen den Dank der Versammlung aus. Das deprimirende Gefühl, welches der Ausblick in die Zukunft hervorbringt, müsse sich in verdoppelt beängstigender Weise den Juden mittheilen, die, wenn alle Bürger- und alle Bevölkerungsschichten zu leiden haben, in zweifacher Eigenschaft dieses Leid erfahren müssen, als Bürger und als Juden. Wenn von der Schule gesprochen wird, die vom clericalen Einflüsse vergiftet wird, wer hätte da nicht jenes berüchtigten Schulerlaffes gedacht, durch welchen unseren Kindern noch ein neuer gelber Fleck angeheftet werden sollte, ein Erlaß, dessen Beseitigung bisher nicht durchgesetzt werden konnte. Wenn in Oesterreich aufstrebende Talente am Emporsteigen gehindert werden, so haben wir wieder das schmerzliche Gefühl, daß uns Juden ein doppelt schwerer Kampf beschieden ist. Redner dankt nochmals dem Abgeordneten, der die demokratischen und freiheitlichen Principien stets Hochhalte und verwerthe. (Lebhafter Beifall.) Abg. Hofrath Kar eis spricht über die Nationalitätenfrage und weist in eingehender gedankenreicher Ausführung die Nothwendigkeit und die Möglichkeit einer Verständigung in dieser Frage nach. (Lebhafter Beifall.) Dr. Josef Bloch führt aus, er könne die pessimistischen Anschauungen hinsichtlich der Zukunft nicht jheilen. Die Sache des Judenthums sei mit der Sache des Fortschritts so untrennbar verbunden und der Fortschritt selbst so unaufhaltsam, daß wir an der Zukunft nicht zweifeln dürfen. An diese Reden knüpfte sich noch eine längere Discussion, an welcher die Herren Hausmann, Redacteur Hollitscher, Dr. Landau, Dr. Fialla und Dr. Bloch sich betheiligten. In vorgerückter Stunde wurde die Versammlung unter Hochrufen auf den Abgeordneten Kronawetter und auf den Präsidenten Dr. Fialla geschlossen. . Wien. Der Israelitische Synagogen- Verein „B e t h - I s r a e l" nach polnisch-jüdischem Ritus hält am Sonntag den 26. Februar d. I. um 4 Uhr Nachmittags im Sitzungssaale, II., Leopoldsgaffe Nr. 29, die diesjährige ordentliche Generalversammlung ab, mit folgender Tagesordnung: 1. Bericht des Obmannes. 2. Verlesung des Rechenschaftsberichtes. 3. Bericht der Rechnungsrevisoren. 4. Wahl des Obmannes. 5. Wahl von 12 Vorstandsmitgliedern, 6 Bethausvorstehern, 3. Rechnungsrevisoren und 3 Schiedsrichtern. 6. Eventuelles. Die finanziellen Verhältnisse des Jahres haben nach dem Finanzbericht im Jahre 1898 eine so erfreulich günstige Gestaltung aufgewiesen, daß es der Vereinsleitung möglich wurde, von der Hypothekarschuld einen Betrag von 5000 fl. zur grundbücherlicheu Löschung zu bringen und für das Jahr 1899 den ansehnlichen Casse-Vortrag von 4535'10 fl. bereit zu stellen. Dem Pensionsfonds wurde im Berichtsjahre eine weitere Dotation im Betrage von 639'56 fl. zugewiesen. Die Hinterbliebenen nach Herrn Heinrich Benies, dessen Wohlthätigkeitssinn ihm ein ehrendes Andenken sichert, haben nicht nur eine Familien-Jahrzeittafel um den der Vereinscaffe bereits überwiesenen Betrag von 1000 fl. gestiftet, sondern auch aus der nach dem letzten Willen des Verblichenen für fromme Zwecke gewidmeten Summe dem Vereine einen weiteren Betrag von 1000 fl. (sammt den laufenden Zinsen zusammen 1035'34 fl.) zugewendet. Ebenso hat die Familie des im verflossenen Jahre zu seinen Vätern so jäh Heimgegangenen Herrn Salomon Stein um den Betrag von 1000 fl. eine Stiftung einer Familien-Jahrzeittafel gewidmet. Der Verblichene war mit den vorzüglichsten