Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 8 (24.2.1899)
- Date
- 1899-02-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 154 : ^Dc. Vloch's Wochenfchrrst W I7W Nr. 8 bürdung der Schüler kann dabei absolut keine Rede sein. 'Bei den Schularbeiten aus Deutsch, Französisch, Rechnen, hat der Schüler ganz neue Sätze zu bilden, warum sollte ich angesichts dieser Thatsache nicht verlangen dürfen, daß er die behandelten Sätze aus Chumesch genau in derselben Weise wiedergebe, wie sie chm vorgetragen wurden? Da ich mir Erfolg versprach, habe ich, wie gesagt, mit der Schularbeit aus Chumesch einen Versuch gemacht, der, wie ich gleich bemerken will, zu meiner vollsten Zufriedenheit ausgefallen ist. Nachdem ich an der Sck-ultafel nach Capitel- und Berszahl mehrere Sätze bezeichnet hatte, ließ ich den Schülern circa dreiviertel Stunden Zeit, sie ins Deutsche zu übersetzen, und es war mir ein wahres Vergnügen, zu sehen, mit welchem Ernst, mit welcher Ruhe und Ordnung die Arbeit durchgeführt wurde. Ich konnte dabei auch die Wahrnehmung machen, daß die Schüler, die nicht vorbereitet waren und entweder Unsinn schrieben oder die Luft bewunderten, sehr depcimirt aussahen, da sie von dem bitteren Gefühle beherrscht wurden, daß sie eigentlich ihr Schicksal selbst besiegeln. In ähnlicher Weise habe ich auch Schularbeiten aus Geschichte veranstaltet. Ich habe bisher hiefür Partien gewählt, die gewissermaßen Wendepunkte in unserer Geschichte bilden oder in ceremonieller Beziehung von Wichtigkeit sind, als da sind: Offenbarung, Feiertage, Speisevorschriften, Einführung des Königthums, Theilung des Reiches, Rückkehr der Juden aus Babylon u. dergl. Auch habe ich die Wahrnehmung gemacht, daß die Ankündigung einer Schularbeit — ich habe absichtlich drei oder vier wichtige Capitel vorher bezeichnet — den Fleiß und Eifer der Schüler angeregt hat. Die Schüler bereiteten sich vor und wußten das Wesentlichste niederzuschreiben. Selbstverständlich kam es mir weniger auf die Form der Darstellung als auf die Richtigkeit der Thatsachen an. Die einzige Einwendung, die sich gegen die Schularbeit aus Bibel erheben ließe, wäre vielleicht die, daß der Lehrer aus der correcten Uebertragung ins Deutsche noch nicht die Ueberzeugung gewinnen könne, ob der Schüler den hebräischen Text correct zu lesen im Stande sei, wie es thatsächlich nicht wenige Schüler gibt, welche die Uebersetzung sehr gut inne haben, aber das Hebräische nicht richtig lesen können. Allein zur Beurtheilung der Lesekenntniß und Lesefertigkeit der Schüler habe ich während des Unterrichtes selbst Gelegenheit genug, so beim Nachübersetzen und beim Abhören der jeweiligen Aufgabe. Daß sich die Schüler mit dem hebräischen Texte eingehend beschäftigen, dafür sorge ich übrigens auch dadurch, daß sie angehalten werden, mit dem Texte zu antworten. Ich frage beispielsweise: wie sagt man auf hebräisch: Und richtet nach Gerechtigkeit? AntwoÄ: p“iä DntöBWi. Frage: Nicht durch das Brod allein lebt der Mensch? Antwort: enKn mn* 1N2*? anbn bv *6 u. s. w. Uebrigens behaupte ich beileibe nicht, daß man vom mündlichen Prüfen ganz absehen solle. Schüler, über deren Kenntnisse ich kein festes Urtheil habe, können und müssen mündlich geprüft werden. Ich möchte nur dafür eintreten, daß mit Rücksicht darauf, daß auch aus Religion von den Schülern positive Kenntnisse zu fordern sind, das schriftliche Moment zur Befestigung und Wiedergabe des Gelernten, namentlich in der Bürgerschule, nicht ganz außer Acht gelassen werde. (Der Vortragende ladet die anwesenden Herren ein, die vorgelegten Schularbeiten zu besichtigen.) Rücksichtnahme. *) Von E. G. Bayle Bernard. Es gibt eine Tugend, die zwar nicht zu den sogenannten vier Cardinaltugenden gerechnet wird, aber ebenso oder vielleicht noch höher zu schätzen ist, als diese. Sie erhöht den Werth jeder anderen Tugend, der sie beigegeben, sie ist dabei gleichsam, was der Wohlgeruch bei den Blumen, der zarte Reif auf einer Frucht. Es ist die Tugend, die wir mit dem Worte „Rücksichtnahme" bezeichnen. Für den Dünkel mancher Christen, die sich so gern das Meinrecht auf gute Eigenschaften zuschreiben — sie nennen es bezeichnenderweise „Christliche Tugenden" — mag es lehrreich sein, zu erfahren, daß nirgends sonstwo so darauf hingewirkt und so dringend eingeschärst worden ist, nach dieser besonderen Vollkommenheit zu streben, als gerade bei den Juden. In einem jüngst veröffentlichten Buche von Israel Abrahams „Jüdisches Leben im Mittelalter" kommt der Autor immer und immer wieder *) Uebersetzt aus dem Englischen. The Inquirer, 3t. Juli 1898. auf diesen einen Punkt zurück, den er^ als ein Charakteristikum der jüdischen Lehre hinstellt, und die vielen Beispiele, die er anführt, bestätigen seine Bhauptung. Der Grundsatz der mittelalterlichen Juden stand in schroffem Gegensatz zu dem der Pharisäer, der auch heute noch im Schwünge ist, nämlich, jede gute That laut auszuposaunen. Bei ihnen hieß es: Besser überhaupt keine Wohlthaten austheilen, als dies m der Oeffentlichkeit thun. Und nicht allein im Verborgenen sollte das Gute gethan, sondern auch in jeder Hinsicht, namentlich in der Art des Gebens, sollte das größtmöglichste Zartgefühl beobachtet werden. Dies war direct in der heiligen Schrift geboten, ganz besonders im 41. Psalm, in dem es hieß: „Gesegnet ist der, der die Armen und Bedürftigen mit Rücksicht behandelt." Das Wort „Rücksicht" im tiefsten und weitesten Sinne verstanden. Im Bestreben, hiernach zu handeln, mögen wohl auch die verschiedenen Gesetze über die Kleidung der Wohlhabenden und Reichen entstanden sein. Mit Kleidung wurden oie Armen noch eher versorgt, als mit Nahrung, da man diese für nöthiger hielt, um ihnen die Selbstachtung zu erhalten. Und war der Empfänger in einer Stellung, die ihm gute Kleidung bisher erlaubt oder bedingt hatte, so wurde auch darauf Rücksicht genommen, und er nur mit guten, ja sogar reichen Kleidungsstücken beschenkt. Es war Sitte in Jerusalem, daß an den Processionen, die an den Festtagen stattfanden, alle jungen Mädchen sich betheiligten, und zwar alle in gleichartige weiße Gewänder gekleidet. Um es den Armen, deren Mittel den Kauf eines solchen Kleides nicht ermöglichen, leicht zu machen und sie zugleich keinen Unterschied fühlen zu lassen, war bestimmt, daß diese Gewänder geliehen werden mußten, und alle Wohlhabenden ohne Unterschied fügten sich dieser Anordnung. Wie sehr man es vermied, ein auffallendes Kleid zu tragen, um auch nicht einmal den Schein von Luxus hervorzurufen, geht daraus hervor, daß, wenn am Versöhnungstage nicht Alle in einem bestimmten Kleide, einer Art Chorhemd erscheinen konnten, die ganze Gemeinde auf das Gewand verzichtete. Auch hinsichtlich des Comforts waren im Hause Gottes absolut keine Ausnahmen gestattet; so mußten z. B. in der Synagoge entweder alle Sitze gepolstert sein, oder überhaupt keiner. Welcher Contrast, wenn man dagegen in anderen Gotteshäusern die Stühle der Edelleute sah, mit ihren Polstern und Vorhängen, und daneben die kahlen Freisitze der wenig bemittelten und armen Classe. Dieselbe Rücksicht, die man den Armen bewies, erzeigte man auch den Ungebildeten. Zum Beispiel mußte der öffentliche Vorbeter Jedem der aufgerufeu wurde, etwas aus der Thora vorzulesen, dabei helfen, um Jenen, die der Kunst des Lesens nicht fähig waren, die Verlegenheit zu ersparen. Auch war es verboten, den Gottesdienst unmäßig lange auszudehnen, um nicht, wie es hieß, die „Freude der Festtage" dadurch zu stören. Und wie in der Synagoge, so auch zu Hause. Hier wurde namentlich dem wandernden Juden die größtmöglichste Gastfreundschaft erwiesen. In dem gewöhnlichen Gebete nach der Mahlzeit kamen die Worte des Psalmisten vor: „Ich war jung und bin alt geworden, aber ich sah niemals den Gerechten verlassen oder seine Nachkommen um ihr Brod betteln." War nun einer jener wandernden Gäste zugegen, so wurden diese Worte nur geflüstert, damit er sich nicht etwa peinlich berührt fühlen oder sie gar auf sich beziehen konnte. Und in einem Buche, das im elften Jahrhundert erschien, wird die Vorschrift aufgestellt: „Gib Gott einen Theil von all' Deiner Nahrung. Nimm aber für ihn den besten Theil und gebe ihn den Armen." Ebenso cxistirten eine. ganze Menge Regeln für die Behandlung der Dienstboten. Was sich so viele von diesen heute oft vergeblich wünschen, nämlich „wie zur Familie gehörig - behandelt zu werden, war damals etwas selbstverständliches. Daß die Untergebenen nicht inlmer mit am Tische der Herrschaft aßen, unterblieb deren Bequemlichkeit halber; doch erhielten sie ihren Theil von j e d e m Gericht, e h e es auf den Tisch kam. Und wenn sie an Sabbathtagen. ja sogar an Ostern am Familientisch theilnahmen, dann verlangte man nicht, daß sie ihre gewöhnlichen Pflichten erfüllten, um sie nicht an ihre untergeordnete Stellung zu erinnern. Ein Israelit erzählt, als er noch ein Kind gewesen sei, habe er einen Dienstboten, der an der Mahlzeit theilnahm, um Wasser gebeten; dafür hätte er von seiner Mutter einen strengen Verweis erhalten. In dem „Buch der Frommen" heißt es: „Man soll seinen Dienstboten niemals unnöthige Arbeit auferlegen," und Jemand, der ihnen etwas Uebles zufügte, selbst wenn dies nur im Scherz geschah, wurde beinahe wie ein Verbrecher betrachtet. Es wird erzählt, daß bei einem großen Trinkgelage, das eine Studenten-Gesellschast zu Wien im 15. Jahrhundert veranstaltete, einer der Theilnehmer in übermüthiger Stimmung dem Bedienenden einen Teller an den Kopf warf. Der Uebelthäter entging nur mit knapper Roth der Excommunication und mußte sich furchtbar strengen Strafen unterwerfen. Aber nicht allein den Dienstboteu jüdischen Glaubens, oder solchen, die freiwillig untergeordnete Stellungen annahmen, sollte man mit Güte und Respect begegnen, sondern es war verfügt, — und das in einer Zeit, in der die Sklaverei noch allgemein war, daß kein andersgläubiger Sclave unterdrückt werden dürfe; daß er von jedem, auch dem feinsten Gericht, das sein Herr aß, seinen Theil erhalten muffe; daß man ihn weder in Worten noch in Thaten herabsetzen dürfe; daß man ihn nicht durch zornige Reden einschüchtern oder feine Dienste in rauhem Tone verlangen solle; sondern daß man ihm jederzeit liebevoll begegnen und seine Antworten mtt Höflichkeit entgegennehmen solle.