Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 8 (24.2.1899)
- Date
- 1899-02-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 8 Dr. Vloch'» lkvochrnschrifi Sette 151 Geld! Wer ist dieses antizionistische Blatt? Die „Oesterreichische Wochenschrift", ein jüdisches Blatt. Nicht blos das. Ich nehme noch von einer anderen Zeitung Geld: vom „I e w i s h C h r o n i c l e" in London, auch einem j ü d is ch e m Blatt, dessen Wiener Correspondent ich bin; ja ich will es verrathen, daß ich sogar noch von einem Blatte Geld nehme, von der „Jüdischen Press e" in. Berlin, deren Wiener Vertreter ich gleichfalls bin. Aber gerade in den beiden ersteren Blättern, in der „Oesterreichischen Wochenschrift" und im „Jewish Chronicle", hat auch Herr Dr. Herzl geschrieben, hier hat er seine ersten jüdischen, ja zionistischen Artikel veröffentlicht, und in der „Jüdischen Presse" habe ich ihn wiederholt in Schutz genommen. Und was ist das Geld, das ich bekam? Es ist das bescheidene Honorar für die Beiträge, so bescheiden, wie es überhaupt die jüdischen Blätter zahlen, das Honorar, auf welches jeder Schriftsteller ein Recht hat. Bekommt aber Herr Dr. Herzl, der doch gleichzeitig der wirkliche Herausgeber der zionistischen „Welt" ist, für seine Artikel in der „Neuen Freien Presse" nicht Geld, sogar weit mehr Geld von der „Neuen Freien Presse", die nicht blos antizionistisch, sondern jetzt auch ganz deutschnational ist, die das einzige Blatt in Wien ist, welches beide zionistischen Congresse und die Rede Nordau's ganz t o d tgeschwiegen und den Ausruf in der Protestversammlung gegen den Bezirksschulraths-Erlaß: „Der Zionismus ist ein Unglück für das Judenthnm" demonstrativ re'gistrirt hat? Und da sollte es weniger ehrenhaft sein, ein bescheidenes Honorar von den genannten jüdischen Blättern zu beziehen, als einen dauernden Jahresgehalt von der „Neuen Freien Presse"? Heißt das nicht, den Splitter im Auge des Nächsten, aber nicht den Balken im eigenen Auge sehen? Es ist doch merkwürdig, wie manche Leute den Muth haben, mit Steinen herumzuwerfen, obwohl sie selbst in einem Glashause sitzen. Noch weit unverständlicher ist es für mich, warum gerade meine Artikel und meine von ihm erwähnten Correspondenzcn im „Jewish Chronicle" den Herrn Dr. Herzl in seiner vornehmen Ruhe gestört haben. Monate hindurch haben die russischen Mitglieder des Actions-Comitös in ihn bestürmt, er möge auf die sensationellen, gegen ihn gerichteten Artikel Ginzb erg's im „Haschiloah", die bei allen intellektuellen Zionisten Rußlands Beifall fanden, reagiren; nach dem zweiten Congreß schrieb mein Freund B r a i u i n ungefähr dreißig Artikel und noch jetzt veröffentlicht er eine Serie von Aufsätzen im „H a m e l i z", deren Hauptgedanken mit denen meines Artikels sich decken — und Herr Dr. Herzl findet nur einige vergiftete Pfeile für mich? Sollte dies etwa deshalb geschehen, weil ich d e u t s ch schreibe, und dem Herrn Dr. Herzl am deutschlesenden westeuropäischen Publicum mehr gelegen ist, als an den „hochmüthigen Hebräern"? Wir werden es ja hören. Wir werden hoffentlich Alles hören. Herr Dr. Herzl hat gar kein Recht gehabt, von mir zu verlangen, daß ich die „Maske lüfte". Denn der Haupt-Mitarbeiterstab seines Blattes besteht ja lediglich aus Pseudonymen, und zwar: Spectator, respective O. Erter (Wien), L. Rafaels (Wien), Max A r a m (Berlin), B. Jacobs (Wien), Schelomo ben David ha-Esrachi (ein christlicher Professor in der Schweiz!) rc. rc. Ja, in seinem eigenen Blatte schreibt Herr Dr. Herzl selbst zumeist pseudonym. Aber ich will eine offene Discussion über das zionistische Problem, denn davon erwarte ich eine Belebung des selbstständigen Denkverniögens und eine Klärung der Verhältnisse innerhalb der Partei, die jetzt mit einem sentimental-romantischem Nebel umhüllt und in der alle Individualitäten beseitigt oder unterdrückt werden. Ich brauche nur den Namen Nathan Birnbaum zu nennen und man wird mich verstehen. Darum stelle ich mich Herrn Dr. Herzl ganz zur Verfügung. Sollte er aber auch ferner persönliche Jnvectiven einer sachlichen Antwort vorziehen, so wird er damit nur neuerlich beweisen, wie sehr für ihn nicht die Sache, sondern die Personenfrage entscheidend ist. Denn nur die persönlichen Verdächtigungen waren es, die mich veranlaßt haben, ihm die Antwort zu geben, die ihm gebührt, die er vielleicht noch nie gehört hat, aber an die er sich wird gewöhnen müssen, wenn er auch weiterhin Männer, denen er Dank schuldet, mit Koth bewerfen wird, blos deshalb, weil sie ihm nicht Mamelukendienste leisten wollen. Berliner Briefe. Berlin, den 20. Februar. Es ist erstaunlich, wie anspruchslos eine Menge wird, sobald es sich um Anforderungen an Geist und Witz handelt. Selbst eine Gesellschaft von Gebildeten, deren jeder Einzelne eine gewisse geistige Vornehmheit besitzt, wird in dieser Beziehung in üblem Sinne heerdenhaft. Eine Erzählung, deren Pointe der Schärfe entbehrt, wird man einem Einzelnen vorzutragen zögern, aus Besorgnis vor entschiedener Ablehnung. Eine Menge dagegen kann man gar nicht für bescheiden genug halten. Die Andeutung des flachsten Wortwitzes genügt, um sie zu dankbarer Heiterkeit hinzureißen, ja die bloße Absicht eines Scherzes wird in entgegenkommender — Berständnißlosigkeit für die That genommen und mit lautem Lachen belohnt. Psychologen mögen sich an der Erklärung der wunderlichen Thatsache versuchen. Die Erwähnung der Thatsache selbst bedingt keinen Vorwurf für die, die sie angeht, denn derselbe Mann, der eben noch mit der Heerde heerdenhaft geurtheilt und empfunden hat, wird in der Vereinzelung sofort wieder „leidlich klug und vernünftig". Man kann im Theater beobachten, welches Behagen das kritische Publicum überlänft, wenn es von der Bühne her einen vulgären Ausdruck hört. Es fühlt sich heimisch angemuthet und glaubt ganz aufrichtig, in der photographischen Wirklichkeitsabschrift eine poetische Offenbarung zu vernehmen. Im Parlament, wo die Erwählten der Nation sitzen, ist es fast noch schlimmer. Der Anlauf zu einem kläglichen Kalauer wird mit stürmischer Heiterkeit begrüßt, und der unglücklichste Versuch eines Redners, mit einem sogenannten Humoristen des Tingel-tangels in Wettbewerb zu treten, entfesselt Stürme des Beifalls. Freiherr v. Hammerstein, damals Chefredakteur der „Krenzzeitung" und Mitglied der gesetzgebenden Körperschaften des Reiches und Preußens, feierte seinen stolzesten rednerischen Triumph, als er im Abgeordnetenhause an den Abgeordneten Dr. Stern aus Frankfurt am Main im Tone der „Klabrias- Partie" die Frage adressirte: „Woßu?" Er hat jetzt im Reichstage einen würdigen Nachtreter gefunden. Herr Liebermann v. Sonnenberg, von Beruf und Sitten Antisemit, kam zu Worte, Halbem die Debatten über die Ausweisungen in Nordschleswig schon mehrere Sitzungen gefüllt hatten. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß nach den Dänen die Juden an die Reihe tommen würden, aus dem Reiche abgeschoben zu werden. Wegen der paar Hundert Dänen brauche man sich gar nicht so zu ereifern — „wozu das unnütze Geseire?" Der Reichstag applaudirte dem Redner, der der Meinung gewesen war, er habe durch den Gebrauch eines vermeintlichen Jargonwortes den Juden gegenüber seinen erhabenen deutschen Standpunkt gekennzeichnet. Läge wirklich nichts weiter vor, als der Versuch eines Antisemiten, das Mauscheln in die Reihe der reichstagsfähigen Dialecte zu bringen, so wäre kein Wort darüber zu verlieren. Niemand kann an Geschmack und Witz mehr präsentiren, als er besitzt, und wenn dem Reichstag dieser Geschmack gefällt, so erleben wir es wohl noch, daß in dieser hohen Körperschaft zu deren Erheiterung ein Ostpreuße im Sächseln, ein Hannoveraner im Schwäbeln sich übt. Wir können das aushalten. Reizend aber und überaus charakteristisch ist es, daß der deutsche Reichstag so wenig wie der antisemitische Scherzredner merkten, wie sehr sie — des Deutschthums spotteten. Die „Freisinnige Zeitung" des Abgeordneten Eugen Richter hatte vor einiger Zeit ihre Gegner mit der Frage abzufertigen gesucht: „Wozu das viele Geseire?" Mit Eifer hatte die „Kreuzzeitung" das als eine beabsichtigte Verspottung der Juden aufgegriffen, und Herr Liebermann von Sonnenberg war davon so entzückt, daß er unter Verzicht auf jede Originalität das Wort in den Reichstag trug. Was .sich die „Freisinnige Zeitung" unter „Geseire" gedacht hat, ist im Dunkeln geblieben. Sie hat jedenfalls der „Kreuzzeitung" nicht widersprochen, die es mit Herrn Liebermann von Sonnenberg und dem deutschen Reichstag als