Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 8 (24.2.1899)
- Date
- 1899-02-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 6 Vr. Vloch's Wochrnschrifi Sette 149 Baron und Baronin Edmund Rothschild in Palästina. Jerusalem, Anfangs Februar. In den letzten Tagen sind Baron und Baronin Rothschild zum Besuche der Colonien hier angelangt. Der erste Besuch galt der Colonie „Pethach Tikwah", wo sie von den Gemeindevorstehern Jerusalems und Jaffas begrüßt wurden. Der Baron hielt an die Colonisten in der Synagoge eine Ansprache und forderte sie auf, miteinander in Frieden zu leben und zu streben, „auf eigenen Füßen zu stehen". Dann ging der Weg über die Colonien „E k r o tt", „R e ch o b o t h" nach „R i s ch o n l e Z i o n", wo der Sabbath verbracht wurde. Auch hier sprach der Baron in der Synagoge und kritisirte den Luxus einzelner Colonisten, wobei er besonders auf den Schmuck und die Putzsucht der Frauen hinwies. Er forderte die Colonisten auf, lieber Wvhlthätigkeit zu üben und auch den Arbeitern Gelegenheit zu gutem Verdienst zu geben. Bon hier ging der Weg nach Jerusalem. Dort hatten bereits beide Oberrabbiner und der Gemeindevorstand die Wohlthäter erwartet und ins Hotel Kaminitz zu einem Lunch geleitet. In Jerusalem stattete der Baron den hervorragendsten staatlichen Würdenträgern Besuche ab, begab sich zur Tempelmauer, ins Rothschild-Spital und fuhr weiter nach Jaffa, um mit der Dacht die Reise nach Tantura und von hier mit dem Wagen nach „S i ch r o n Jacob" fortzusetzen. Seit mehreren Jahren haben der Baron und die Baronin die Colonien nicht besucht. Inzwischen haben sich die Colonien prachtvoll entfaltet und aus den verzweifelten, unerfahrenen Ansiedlern sind zufriedene Colonisten geworden. Der Baron ist zwar noch nicht ganz zufrieden und hat noch Manches zu tadeln gewußt, aber er freute sich über den großen Fortschritt, der für die Zukunft vielverheißend ist. Ein alter Mann in Jaffa fragte den Baron, ob er mit dem veränderten Aussehen der Colonien zufrieden sei, worauf er erklärte, daß diese Aenderung eben sein Haar weiß gemacht habe. Der Empfang, der ihm bereitet wurde, war überall außerordentlich herzlich. Vom Schächten. Der Professor der evangelischen Theologie an der Berliner Universität, Dr. Hermann L. Strack, hat einen neuen Beweis seiner Unbefangenheit gegeben, indem er in seiner Zeitschrift „Nathanael" einem Aufsatze des Pfarrers Friedrich Weichmann in Sternberg Raum gewährte, welcher in objektiver Darlegung die gegen das Schächten erhobenen Anschuldigungen prüfte und ihre völlige Grundlosigkeit betonte. W e i ch m a n n bestritt, daß die für den Eingriff in die religiöse Gewissensfreiheit durch ein Schächtverbot vorgeschützte Behauptung der Thierquälerei irgend begründet sei. Er betonte, daß in der Schweiz nur der in den den deutschen Cantonen vorhandene Antisemitismus das Verbot erwirkt habe, und er fügte hinzu: „Der italienische Arzt Dr. V i n c e n s i in Sassari hat unlängst in dem Weihwasserkessel einer belebten Kirche eine Menge von Bacterien, auch Diphtheriebacillen, gefunden. Will man den Gebrauch des Weihwassers verbieten?! Und von den gegen das Schächten erhobenen Beschuldigungen ist doch keine einzige wirklich treffend. Durch unerwiesene Beschuldigungen erbittert man nur, noch mehr durch erweislich falsche. Jedem Mitmenschen gegenüber sollen wir mit Liebe gepaarte Wahrhaftigkeit bethätigen; auch denen, die nicht unsere Glaubensgenossen sind." Die Juden in Finnland. Bekanntlich besitzt Finnland, obwohl eine russische Provinz, dennoch einen eigenen Landtag. In dessen letzter Session wurde die Aufhebung der Bestimmung, wonach die Juden, wenn sie heiraten, nicht mehr im Lande bleiben dürfen, angeregt und auch angenommen. Der Landtag beschloß auch, daß einer Jüdin, die einen Juden heiratet, der das Ausenthaltsrecht in Finnland hat, dieselben Rechte zugestanden werden sollen, wie ihrem Manne; schließlich, daß es Juden gestattet sein solle, m den ihnen von der Regierung angewiesenen Ortschaften Synagogen zu errichten und Rabbiner anzustellen. Diese Frage ist nun an den Senat gelangt und von diesem entschieden worden. Dieser empfiehlt in Uebereinstimmung mit dem Gutachten des Generalgouverneurs die Ausarbeitung einer Gesetzesvorlage, wonach den Juden gestattet sein soll, sich in Finnland aufzuhalten, so lange sie mit einem im Kaiserreich ausgefertigten Paß versehen sind. Eigene Synagogen in Finnland zu errichten, wird den Juden nicht erlaubt, weil sie dort keine Immobilien besitzen dürfen, dagegen soll ihnen gestattet werden, dazu geeignete Gebäude zu miethen und in diesen Synagogen zu errichten. Berurtheilung französischer Antisemiten. Grenoble, 20. Februar. Max R e g i s, d e r f r ü h e r e Maire von Algier, und Ph ilippi, der Gerant des „Anti-Juif", hatten sich heute vor dem Schwurgerichte des Departements Jsöre wegen Preßvergehens zu verantworten, sowie auch deshalb, weil sie in Versammlungen in Paris und Algier Mord und Plünderung gutgeheißen hatten. Die beiden Angeklagten waren nicht erschienen. Der Gerichtshof verurtheilte sie in contumaciam, und zwar Max Regis zu drei Jahren Gefängniß und 1000 Francs Geldstrafe und Ph ilippi zu acht Monaten Gefängniß und 100 Francs Geldstrafe. _ Vrrthvld Auerbach über Juden und Iudenthum. Bon Dr. Joses Hoff, Rabbiner in B i s e n z. W o l f g a n g Menzel, der bekannte Kritiker, Franzosen- und Judenhasser, hatte in seiner Broschüre: „$)te jeune Allemagne in Deutschland", das sogenannte „junge Deutschland", zum Prototyp des Judenthums und der Juden gestempelt. Unbarmherzig wird da über die ehemaligen Juden Heine und Börne, aber auch über Männer, wie Gutzkow und Andere, die nie Juden waren, losgezogen; es wird ihnen vorgeworfen, daß „nur ein Jude, wie Börne, so ultraliberal, nur ein Jude, wie Heine, so frech sein könne, dem deutschen Michel so hartherzig auf die quammige Wange zu schlagen und die Blößen der deutschen Nationalität so schamlos aufzudpcken." Der Einzige, der es für nöthig hielt, Menzel's Schmähschrift einer zersetzenden Kritik zu unterziehen und zugleich den Beweis zu erbringen, daß die Führer des „jungen Deutschland", trotz ihres angeblich specififchjüdischen Geistes, die Deutschen von ihrer Unmündigkeit befreit und ihnen den Tempel der Freiheit eröffnet hätten, war B e rt h o l d A u e r b a ch. — Dieser berühmte Romanschriftsteller und Uebersetzer der spinozistischen Werke hatte bereits im Jahre 1836 mit einer anonymen Flugschrift: „Das Judenthum und die neueste Literatur" die journalistische Laufbahn betreten. Da gerade zu Beginn der Dreißiger-Jahre in der württembergischen Kammer über die „Emancipationsbestrebungen der Juden" verhandelt wurde, erregte Auerbach's Broschüre umso größere Aufmerksamkeit, als sie sich zur Aufgabe stellte, die überall mit Hohn und herben Worten mitleidslos zurückgestoßenen Juden in Schutz zu nehmen und alle jene unzähligen verkehrten Ansichten über Judenthum, die sich so leicht von Mund zu Mund fortpslanzen und ganze Generationen verpesten, zu zerstreuen. „Das Judenthum", so läßt sich Auerbach wörtlich vernehmen,*) „wird und kann alle höheren Bedürfnisse der Menschen aller Zeiten befriedigen und wird auch der jetzigen Form der Wissenschaft weder widerstehen wollen, noch können. Die Einung des Glaubens und des Wissens ist dem Judenthume nicht blos ephemeres Zeitbedürfniß, sondern ewiges Gesetz. Meiner subjektiven Ueberzeugung zufolge kann es dem Judenthum an innerer Einheit und wissenschaftlicher Gliederung nicht fehlen, wie es die einzelnen werthvollen Arbeiten eines Jost, Z u n z, Creizenach, Salomon u. v. A. hinlänglich beweisen. Alle Juden vereinigen sich darin, daß sie den Glauben und die Sitte des Vaterlandes ehren und lieben, alle vereinigt das Streben, mit Erhaltung des selbstständigen Glaubens dem Baterlande ihre Kräfte weihen zu dürfen.-Ja, selbst die erbittertsten Feinde der Juden anerkannten zu allen Zeiten ihre Nüchternheit, Zucht, Sitte und Glaubenstreue; wenn dies leider nicht mehr so allgemein ist, so haben auch wir nur über die Verschlimmerungen und Verirrungen der Zeit uns zu beklagen; gleiches Unrecht würde man aber begehen, wenn man dies dem Judenthum, wie wenn man es dem Christenthum, an sich zuschreiben wollte. Gestützt auf das unveräußerliche Palladium unseres Glaubens und auf die in der Nation lebende Sitte, streben und hoffen wir, die Verirrungen der Zeit nach Kräften zu heilen. Wir stützen uns auf die in der Nation lebende Sitte, ja wir achten und lieben deutsche Sitte und deutsches Herz, denn es ist auch unsere Sitte, unser Herz. Ich lebe der frohen, zuversichtlichen Ueberzeugung, die Gesinnungen der ganzen jungen Generation der Juden auszusprechen, wenn ich hinzufüge: Erprobet uns in der Feuerprobe der Gefahr und ihr werdet uns rein finden, rein von allen Schlacken des Egoismus und raffinirter Unsitte; gebt uns das Vaterland, dem wir durch Geburt, Sitte und Liebe angehören, und freudig legen wir Gut und Blut auf seinen Altar, vergeffet und lasset uns vergessen der finsteren Scheidewand, die uns trennte, und ersparet uns die schmerzliche *) „Das Judenthum und die neueste Literatur", Stuttgart 1936. S. 51 f. und S. 66 f.