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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-02-24 · 8 (24.2.1899) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
8 (24.2.1899)
Date
1899-02-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 148 Nr. 8 Vr. Vloch'r Wochenschrift Emilie Platter als Obmännin des Wiener Bezirksschulrathes. Vielleicht wird sie noch, da der Herr Unterrichtsminister sich um die Vorgänge in seinem Reffort ohnehin nicht kümmert, Ministerin für Cultns und Unterricht. * * * Während viele Hunderte Lehrer, die nach der originellen Redewendung der Christlich-Socialen „den Wünschen der Eltern" nicht entsprechen, sich vecurtheilt sehen, sitzen zu bleiben, bis entweder die antisemitische Majorität des Gemeinderathes von dem längstverdienten Schicksal ereilt wird, oder bis sie selbst sich entschließen, Unterwürfigkeit zu heucheln, haben der durch seine Trunkenheitsexceffe berühmt gewordene Bürgerschuldirector Rauscher, der Herr T o m o l a, der Herr S t i f f t u. A. in Anerkennung ihrer Verdienste um die gute Sache rasch Carriöre gemacht. Das sind ausgezeichnete Pädagogen und praktisch gescheidte Menschen. Sie wollen eben nicht verhungern. -i- Eine der anstrengendsten Verrichtungen, die jemals ein geistlicher Fnnctionäc zu erfüllen hatte, war vielleicht die Taufe des Herrn Moriz Ritter von G u t m a n n, welcher nunmehr, nachdem er alle anderen Wechsel aus früherer Zeit auf Basis der gesetzlichen Zinsen eingelöst, auch einen Glaubenswechsel unterschrieben hat Auch bei einem solchen Wechsel kann man von einem Tage des Verfalles, wenn auch nicht von einem Verfallstage sprechen. Dieser junge Herr ist der Typus jener decadenten Sprößlinge reicher und geadelter Juden, die selbst ihr Judenthum stets hochhielten, während ihre Nachkommen sich ihrer Herkunft schämen und die Angliederung an eine gewisse „Aeh-bäh"-Gesellschaft als einen ihrem geistigen Horizont entsprechenden Ersatz für die Mangelhaftigkeit des eigenen persönlichen Werthes ansehen. Die wirkliche und vornehm denkende Aristokratie gewährt viel eher einem ungetauften jüdischen Finanzbarou gesellschaftlichen Zutritt als einem solchen Convertiten, der durch den Taufschein einen vermeintlichen Makel zu verbergen sucht. In den letzten Jahren kannte man Herrn Moriz Ritter von Gutmann vorwiegend als Sportjüngling oder, wenn man will, als Sportsmann. Als solcher heißt er „Capitän Gaston" und zuweilen würdigte irgend ein „stierer" Baron am Turf den dunkeläugigen, mit dem gewiffen leidenden Gesichtsaüsdrucke ausgestalteten Dichter einer herablassenden Ansprache. Man maß nämlich wissen, und es ist interessant, anläßlich der Taufe des Herrn von Gut mann, welche eben deshalb ein schweres Stück Arbeit war, daran zu erinnern, daß Herr Moriz von Gut mann, der Sohn des dahingeschiedenen Präsidenten der Wiener israelitischen Cultusgemeinde Herrn Wilhelm Ritter von Gutmann, eines hochgeachteten guten Juden, ein Dichter ist, harmlos in seinen Anfängen, als er blos Psalmenlieder dichtete, die im Tempel in der Seitenstettengasse bei passendem Anlasse gesungen wurden, später jedoch mehr gefürchtet, als sein Training in der Dichtkunst bis zur Herausbringung von Dramen vorgeschritten war, die er auf eigene Kosten über die Bretter laufen ließ. Der herbe Verlust, den die jüdische Literatur durch die Abtrünnigkeit des jungen Herrn von Gutmann erleidet, erscheint weniger schmerzlich durch deu Hinweis darauf, daß dieser ehemalige Nachbeter des Königs David ohnehin die synagogale Lyrik mit dem Rennbetriebe vertauscht hat, bei welchem es weniger auf weihevolle Stimmung ankommt, als auf gute Tips. Die Sportgemeinde in der Freudenau wird Herrn von Gut mann auch jetzt nicht als gleichwerthiges Mitglied recipiren, aber er wird auch fernerhin dort geduldet sein, wie er es früher war, und sein Trainer und seine Jockeys werden mit seiner Herkunft kluge Nachsicht üben. ♦ * * Im Wiener Rathhauskeller liegen der „Lueger-Marsch" und „Die Wacht am Rhein" im Kampfe. Christlich-sociale und deutschnationale Antisemiten prügeln dort einander. Der Strobach, der Purscht und der Gregorig besuchen den Rathhauskeller fleißig. Gesittete Menschen meiden das Local. * * Wen» der Stein und der Krug Zusammentreffen, sagt ein jüdisches Sprichwort, dann weh' dem Kruge. Fällt der Stein auf den Krug, so. geht der Krug in Scherben; fällt der Krug auf den Stein, so zerschellt der Krug. Der arme D r e y f u s ist der Krug. Wäre ein Antirevisionist und insbesondere ein General zum Präsidenten der Republik gewählt worden, dann hätte man D r e y f u s für rettungslos verloren gehalten. Nun ist der Bürgerliche, der Republikaner Loubet gewählt worden, und schon bringt er der staatsmännischen Opportunität das Recht zum Opfer. Herr Loubet wird den Senat, dessen Präsident er war, zur Annahme des Revisiousgesetzes bewegen, durch welches ein neuer Gerichtshof zur Entscheidung der Affaire ad hoc gebildet wird. Herr Loubet will die streitenden Bürger versöhnen auf Kosten der Gerechtigkeit, und der arme Krug wird zerschmettert werden auf dem meerumrauschten Steine, auf welchen ihn menschliche Niedertracht geschleudert hat. Robert Wolf. „Verjudung". Dr. Sigl's „Vaterland" weiß aus Paris zu berichten: „Der vielgenannte und gewandte russische Botschafter in Paris, der jetzt in Pau in Südfrankreich lebende Baron von Mohrenheim, der Schöpfer des russisch-französischen Bündnisses, war ein vom k. dänischen Hofe protegirter Jude, welcher Adel und Botschafterposten der Kaiserin-Mutter, geborene Prinzessin Dagmar, verdankte." Aus einem Mädchen-Pensionat. In einer Zeit, da in Berlin höhere Töchterschulen die Aufnahme jüdischer Schülerinnen verweigern, in Wien antisemitische Agitatoren unter nichtigen Vorwänden die Trennung der jüdischen Schüler von den christlichen in den Volksschulen herbeizuführen bemüht sind und zum Theil auch herbeigeführt haben, in einer solchen Zeit, mit dem Mantel des Christenthums und der Nationalität maskirter Intoleranz, dürfte es interessant sein, zu vergleichen, wie in einem Mädchenconvict in Mailand in dieser Beziehung vorgegangen wurde. Der Historiker Professor Carlo Gioda, früher Generalstudiendirector in Mailand, berichtet darüber in der „Nuova Antologia" vom 1. Februar Folgendes: „In dem Convict befanden sich auch einige jüdische Mädchen, deren Zusammenleben mit den christlichen nicht die geringste Jnconvenienz verursachte, weil für Alles bis in die geringsten Kleinigkeiten vorgesorgt war. Zu bestimmten Zeiten kam der Rabbiner in das Institut, um in seiner Religion zu unterrichten; wenn die katholischen Zöglinge in die Kirche gingen, blieben die Anderen in ihren Zimmern mit ihren Aufgaben beschäftigt und diese waren im Voraus so genau bemessen, daß sie damit gerade fertig wurden, als die Christinnen vom Gottesdienst zurückkamen. Hatten die Einen ihre Gebete, die Anderen ihre Aufgaben vollendet, so kamen sie wieder zusammen, wie die zwei Arme eines Flusses, die nach kurzer Trennung sich wieder ruhig vereinigen, um einen Strom zu bilden. Am Vorabende des großen Fasttages, den die jüdischen Mädchen strenge beobachteten, kamen im Refectorium anmuthige Scenen vor. Manche christliche Schülerinnen, denen das vollständige Fasten durch 24 Stunden als etwas Schreckliches erschien, glaubten ihren jüdischen Mitschülerinnen Hilfe leisten zu müssen, und so konnte man sie unter einander flüstern hören: „Stecke doch der Levy diesen Braten zu" oder „gib der Todros diesen Kuchen". Aber dies geschah mit einem bei diesem Alter bewundernswerthen Respect vor dem Glauben der Anderen und war das Resultat der ihnen mit besonderer Sorgfalt eingeflößten schönen Tugend der Toleranz." jKatechet Graf Wisniowski im — Irrenhaus. Krakau, Mitte Februar. Während der letzten galizischen Judenexcesse, die in der Umgebung von Jaslo ihren Anfang genommen haben, hat in dieser Stadt besonders der Gymnasialkatechet Gras Wisniowski viel von sich hören lassem In der kritischen Juni-Nacht, da Bauernhorden die Stadt überfielen und lediglich von einigen Mitgliedern des Jagdclubs und einem Gendarmen auf der Brücke zurückgehalten wurden, hat er öffentlich die Bauern aufgereizt, sich nur nicht abschrecken zu lassen. Trotzdem haben sich weder die Schulbehörde, noch die staatlichen Organe veranlaßt gefunden, gegen diesen Mann einzuschreiten. Im September v. I. ließ er nun wieder von sich hören. Sowohl der Sicherheitsbehörde, als den Blättern kam von ihm eine Anzeige zu, daß zwei unbekannte Individuen auf ihn ein Attentat versucht hätten. Die Antisemitenblätter behaupteten sofort, daß dies Juden gewesen sein müssen. Die Sicherheitsorgane vermochten jedoch keine Spur der Attentäter zu entdecken und kamen vielmehr auf den Verdacht, daß Alles vom gräflichen Hetzpsaffen ersonnen sei. Sie schenkten ihm daher besondere Aufmerksamkeit und entdeckten gewisse strafrechtlich verpönte Beziehungeil zwischen dem Katecheten und seinen jugendlichen Schülern. Man würde nun glauben, daß er hierauf ins Zuchthaus gewandert ist. Das geschah nicht. Er wurde blos ins Irrenhaus von Göding eingesperrt.

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