Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 8 (24.2.1899)
- Date
- 1899-02-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 8 Vr. Bloch'» Wochenschrift Seite 147 der mit Gottesdienst beginnend, oft mit Trunkenheit fortgesetzt wird und mit Schlägerei endet, um von einem blauen Montag mit Katzenjammer gefolgt zu werden. Der Jude, der seinen Sabbath traditionell hält, wozu ich freilich das Besuchen von Kaffeehäusern mit Weib und Kind, um Wochenblätter mit unanständigen Witzen und Illustrationen zu lesen, nicht rechne, der Jude, der am Sabbath wirklich ruht und für seine geistige Erhebung sorgt, ist am nächsten Tage viel arbeitsfähiger und macht den Montag nicht blau. In neuerer Zeit hat freilich der Sabbath bei den Juden, besonders wo sie zwischen Christen wohnen und zum Theil unter dem Zwang der Verhältnisse, viel von seiner Bedeutung verloren, während Staat und Kirche gleichmäßig bemüht sind, dem christlichen Sonntag wieder Ansehen und größere religiöse Weihe zu verschaffen. Diese Bemühung, die nur zu loben wäre, wird aber mitunter zum Mittel, um die Juden zu schädigen oder ihr Gewissen zu bedrücken. Der Jude wird gezwungen, entweder die Vorschriften seiner Religion zu verletzen oder in jeder Woche zwei Tage nacheinander zu feiern, während in der Türkei kein Christ oder Jude gezwungen wird, am Freitag zu feiern. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. hat erst vor Kurzem erklärt, er werde Jeden, der arbeiten will, zu schützen wissen, Arbeiter, die während eines Strikes ihre Kameraden von der Arbeit abhalten wollen, werden strenge bestraft, aber der Jude, der am Sonntag seinen Laden offen halten oder arbeiten will, wird von gesetzeswegen daran gehindert. — Doch, gewisse Arbeiten sind auch am Sonntag gestattet: Wettrennen finden häufig am Sonntag statt, damit auch das Vieh am siebenten Tage — nicht ruhen soll. Und vor einigen Jahren hat auch ver Verwaltungsgerichshof entschieden, daß Treibjagden an Sonn- und Feiertagen abgehalten werden dürfen, wenn sich in der Nähe keine Kirche befindet. Da sich aber Kirchen gewöhnlich nicht in Wäldern und Jagdgründen befinden, so steht der Thierquälerei im Großen nichts entgegen. Würden sich die antisemitischen Thierfreunde, die ein so brüderliches Mitgefühl für vom jüdischen Schlachtmeister bedrohte Ochsen haben, nicht ein größeres Verdienst erwerben, wenn sie der Thier- und Menschenquälerei — denn auch die Treiber und Jockeys sind Menschen — wenigstens an Sonntagen Einhalt thun möchten? M. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Ein Todesopfer der Christlich-Socialen. — Das Gewissen Dr. Lueger's. — Der Mann den Sitz, die Frau die Stimme. — Von einem Psalmendichter am Turf. — Die Gesellschaft im Rathhauskeller. — Der Krug und der Stein.) „Kein socialdemokratischer oder radicalnationaler Lehrer darf hoffen, eine Anstellung zu erhalten!" So erklärte öffentlich Herr Dr. Lueger, und mit Bezug auf diese Aeußerung schrieben wir in der vorigen Nummer dieses Blattes: „Der Bürgermeister von Wien, der Befehlshaber der Körperschaft, die über das Wohl und Wehe der Lehrerschaft entscheidet, proclamirt öffentlich den Lehrern gegenüber das System der politischen Erpressung. Er zwingt Jeden, der sich dem Lehrerstande widmet, entweder sich zur christlich-socialen Partei zu bekennen, oder seine wahre Gesinnung zu verbergen und ein Heuchler zu werden. Herr Dr. Lueger bedroht jeden Lehrer, der Anlaß geben sollte, von ihm oder seiner Partei für socialdemokratisch oder radicalnational gehalten zu werden, mit dem Verluste seiner Existenz, mit der Brotlosigkeit, mit der Aussicht auf unvermeidliches Elend, mit der Ausschließung von der Ausübung des Berufes, für welchen er die Befähigung durch jahrelanges Studium und häufig auch durch Entbehrungen erlangt hat." Eine erschütternde und traurige Illustration zu dieser Darstellung der nichtswürdigen Willkürherrschast der christlich-socialen Partei ist der Selbstmord des unglücklichen Lehrers Karl Payrl. Ein hoffnungsvoller junger Mann, von dem seine unmittelbaren Vorgesetzten hinsichtlich seines Charakters und seiner Tüchtigkeit im Berufe nur das Beste sagen konnten, welchen seine Collegen hochachteten wegen der Lauterkeit seiner Gesinnung und der Selbstlosigkeit seines Strebens, ist der Verzweiflung erlegen, ein Opfer jenes perfiden und heimtückischen Systems, das in Wien zur Herrschaft gelangt ist und täglich Gesetz und Recht mit Füßen tritt. Der Lehrer Karl Payrl hat stch mit eigener Hand den Tod gegeben, aber das christlichsocrale System hat ihn ermordet. Der Mann war einer der sogenannten „Jungen", die man auf die Proscriptionsliste gesetzt hat, er war Redacteur der „Freien Lehrerstimme", und im Hinblick auf die Erklärung des Dr. Lueger war er einer Derjenigen, die nicht hoffen durften, eine Anstellung zu erlangen. Nicht hoffen zu dursten, und zwar nicht etwa auf ein erträumtes großes Glück, auf ein Leben voller Freuden und Vergnügen, sondern auf das bescheidene tägliche Brot, das durch angestrengte und eifrige Berufsarbeit innerhalb eines engumschriebeuen Wirkungskreises erworben werden muß, das kann wohl verdüsternd auf das Gemüth eines Menschen einwirken, der feine Angehörigen darben und durch seine Gesinnungstreue zum Elend mitverurtheilt sieht. Auch die Schwester des unglücklichen jungen Lehrers war seit Jahren als Jndustrielehrerin vorgemerkt; auch sie konnte eine Stelle nicht erhalten. Die christlich-sociale Partei hat eine neue Art von Inquisition in Wien geschaffen. Wer von ihr abhängt und sich ihr nicht schweigend unterwirft, wird zum Hungertode verurtheilt. „Man muß ein Schurke sein, wenn man nicht verhungern will", sagte der Lehrer Payrl zu seinen Collegen. Bisher ist kein einziger christlichsocialer Parteimann verhungert, aber ihre Gegner dürfen „nicht hoffen, eine Anstellung zu erhalten". Nicht hoffen dürfen! „Lasset jede Hoffnung fahren, die Ihr hier eintretet" so lautet die Aufschrift der Höllenpforte. Eine andere Vorstellung von der Hölle, wie sie Dante schildert, finden wir bei Dostojewsky. In dem Roman -Die Brüder Karamahow" spricht ein altehrwürdiger Klostergeistlicher, ein sogenannter Staretz, von der Hölle, und sagt: „Die Hölle ist das Leiden darüber, daß man nicht mehr lieben kann". Die Menschen, die im Leben es verabsäumt haben, ihre Brüder zu lieben, erkennen im Jenseits zu spät, daß sie dieses Versäumniß in aller Ewigkeit nicht wieder gut zu machen vermögen. So hat denn die christlich-sociale Partei und ihr Oberhaupt Dr. Karl Lueger diese Stadt für einen Theil ihrer Bewohner in zweierlei Hinsicht zur Hölle gestaltet, für die Eiuen, indem sie nicht hoffen dürfen, für die Anderen, indem man die Bevölkerung von der Menschenliebe entwöhnt und sie den Haß gelehrt hat. In der vorigen Woche erst hat Dr. Lueger die oben citirte Erklärung öffentlich abgegeben, und wenige Tage später setzte der unglückliche Lehrer Payrl den Revolver an die Schläfe. Wie mag es mit der Gewissensruhe des Bürgermeisters von Wien, des Vorsitzenden im Bezirksschulrathe, in dessen Händen das Schicksal der Lehrer ruht, aussehen, wenn der schreckliche Gedanke sich ihm vor die Seele stellt, daß zwischen seiner Erklärung und dem Selbstmorde des armen jungen Lehrers ein psychologischer Zusammenhang besteht? -i- * * Dieser Selbstmord ist nur ein vereinzelter Fall, aber ein furchtbares Symptom. Der Lehrer Payrl hat sich vor dem Kampfe mit der Hoffnungslosigkeit in den Tod geflüchtet, aber viele Hunderte von Lehrern und Lehrerinnen sind gleich ihm rechtlos der Willkür und der Gewissenlosigkeit preisgegeben. Da werden Disciplinarerkenntnisse, die von den empfindlichsten Folgen begleitet sind, ohne Anhörung der Beschuldigten verhängt, und die neueste Maßregelung, durch welche an einer freisinnigen Lehrerin, dem Fräulein Auguste Fickert, Präsidentin des österreichischen Frauenvereines, Rache genommen werden sollte, übertrifft noch an Brutalität das in der vergangenen Woche besprochene Verfahren gegen vier Lehrer. Dabei muß noch der Hergang der beispiellosen Geschichte in Betracht gezogen werden. Die' Frau Platter, eine antisemitische Vereinsdame, denuncirte das Fränlein Fickert bei ihrem Gatten, dem Gemeinderath und Bezirksschulrath Platter. Fräulein Fickert soll eine unliebsame Aeußerung darüber gemacht haben, daß die Schulkinder bei der Frohnleichnamsprocession „Schneckerln" tragen. Man kennt Fräulein Fickert als eine hochgebildete Dame von den allerbesten Umgangsformen, welcher irgend eine Taktlosigkeit unmöglich zugemuthet werden kann, und sie hat die ihr zugeschriebene Aeußerung wiederholt als unwahr erklärt. Von dem Ehepaar Platter hat zwar der Mann den Sitz, die Frau aber offenbar die Stimme im Bezirksschulrathe, und so wurde denn das Verfahren eingeleitet. Der Referent Dr. Hofer erklärte, es sei k e i n A n l a ß zu einer Untersuchung vorhanden. Da wird das Referat ihm einfach abgenommen und ohne der Beschuldigten mitzutheilen, was gegen sie vorliegt, und ohne ihr Gelegenheit zu bieten, sich zu rechtfertigen, wird sie in geheimer Sitzung verurtheilt. Sie soll einen schriftlichen Verweis erhalten und strafweise versetzt werden. Wie lange wird denn eine solche Behandlung öffentlicher Lehrpersonen geduldet werden? Die Christlich-Socialen geberden sich immer als Gegner der Frauenemancipation; Plötzlich sehen wir aber die christlich-sociale Frau