Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 8 (24.2.1899)
- Date
- 1899-02-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021277-3021286--08606-3032994- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Homer 1× ep/1025156
OCR text
Seite 146 Dr. Bloch'» Wochenschrift Nr. 6 wir auch das Geistliche säen, ist's ein groß' Ding', wenn w i r nur Leibliches ernten? Wisset Ihr nicht, daß die da opfern, essen vom Opfer, und die des Altars Pflegen, genießen des Altars? Also hat auch der Herr befohlen, daß, die das Evangelium verkündigen, sollen sich vom Evangelium nähren/ Daß Paulus selbst von dieser Auslegung keinen Gebrauch für sich machen will, ändert an ihrer Tragweite in Bezug auf die Behandlung der Thiere nicht das geringste. Die Thierfreundlichkeit hielt auch bei den Juden des Mittelalters an, und einem lebenden Wesen Schmerz bereiten (n"2 npa) galt als Sünde. So wird im „Buche der Frommen" (Sefer Chaffidim Z 46, 666—670) der Gebrauch der Sporen beim Reiten, das Auflegen zu schwerer Lasten auf Tragthiere, das Begießen eines Hundes mit heißem Waffer u. A. verboten, unter Bezugnahme auf Bileam, der bestraft wurde, weil er seine Eselin geschlagen hatte. So dauerte die Thierfreundlichkeit der Juden unvermindert fort, von den Zeiten, da sie von den heidnischen Römern den Bestien in der Arena vorgeworfen wurden, durch das ganze Mittelalter hindurch, wo sie von den Christen manchmal ärger als Thiere behandelt, wie wilde Thiere gejagt wurden, bis zur hochcivilisirten Gegenwart mit ihren grausamen Treib- und Hetzjagden, Wettrennen, Stierkämpfen, Taubenschießen und anderen unschuldigen Vergnügungen der empfindsamen Europäer, deren zarte Nerven irritirt werden, wenn ein jüdischer Schächter einen unschuldigen Ochsen mit scharfem Messer kunstgerecht und mit dem geringstmöglichen Schmerz schlachtet. Ueber die Grausamkeit der Thierhetzen, die in Wien erst am Ende des vorigen Jahrhunderts abgeschafft wurden, der überall betriebenen Jagden, der in Spanien so beliebten Stierkämpfe, die jetzt in dem vom Antisemitismus befleckten Frankreich begreiflicherweise Eingang zu finden beginnen, ist schon genug geschrieben worden; ebenso ist schon wiederholt auch in diesen Blättern dargelegt worden, daß das jüdische Schlachtsystem das dem Thiere am wenigsten schmerzhafte, den Menschen zuträglichste ist. Von den Wettrennen im christlichen Byzanz und ihren demoralisirenden Folgen wird vielleicht bei anderer Gelegenheit die Rede sein. Jetzt will ich nur noch über die neueste Errungenschaft der arischen Civilisation, über das T a u b e n s ch i e ß e n, dem bereits erwähnten Dorer das Wort geben. „Der grausame Taubensport mit seinen thierquälerischen Vorbereitungen ist in der Weise, wie er jetzt ausgeführt wird, eine Erfindung der neuesten Zeit. In dem auf seine Cultur stolzen Europa muß der Sport durch Gesetze verboten werden*), da die allgemeine Entrüstung des thierfreundlichen Publicums über die barbarische Spielerei nicht hinreicht, den Sport zu hindern." — „Im Orient wären solche Taubenschlächtereien, wie man sie in den gebildetsten Ländern des Westens veranstaltet, nicht möglich oder nicht leicht denkbar; dort herrscht noch die alte Achtung und Schonung der sanften und unschädlichen Thiere, wie dies schon aus der Vorzeit berichtet wird." Nachdem er die Schilderung eines Taubenschießens in der Ilias erwähnt, fährt Dorer fort: „Wenn wir aber bei dem Taubenschießen, welches Homer schildert, an den modernen Taubenfport denken, so müssen wir leider gestehen, daß ein Fortschritt nur in der raffinirten Ausbildung des modernen Jagdspieles gefunden wird, dagegen das menschliche Gefühl dabei vielmehr einen Rückschritt gethan hat. Zum Beweise mögen die neuesten Berichte Wer den Taubensport dienen. Da lesen wir, daß dieser Sport in Monaco Tausenden von Tauben ein qualvolles Ende bereitet hat. Die Thiere sollen überdies häufig durch die gemeinsten Thierquälereien schußgerecht gemacht werden, z. B. durch Ausstechen eines oder beider Augen, Zerbrechen eines Theiles des Knochengerüstes u. dgl. Gegen solche Grausamkeit erscheint die Handlungsweise der ungebildeten Helden der Ilias (Gesang 23) als eine naive Roheit, die verzeihbar ist." Dagegen wird die Bivisectton der Thiere bekämpft, und am lebbaftesten von den Antisemiten. Ob dies deshalb geschieht, weil sie überhaupt Feinde aller wissenschaftlichen Forschung sind, oder weil sie dabei Gelegenheit finden, jüdische Naturforscher und Aerzte zu beschimpfen, soll hier nicht untersucht werden. Wahr¬ *) Das Taubenschießen ist nicht in allen arisch-civilisirten Ländern verboten, und wo es verboten ist, findet man mitunter Mittel, das Verbot zu umgehen, denn es sind ja meistens vornehme Leute, die „Edelsten der Nation", welche diesen Sport betreiben. scheinlich sind beide Motive wirksam. Auch ich habe keine Sympathie für die Vivisection und möchte sie jedenfalls nur unter besonderen Vorsichtsmaßregeln und zu bestimmt wissenschaftlichen Zwecken gestatten, hätte auch nichts dagegen, wenn mau sie an demselben Tage verbieten würde, an dem man die Jagd und die Wettrennen gänzlich verbieten wird. Wenn aber die antisemitischen Lichtfeinde bei der Agitation gegen die Vivisection ihr Christenthum und ihre arische Humanität ins Feld führen, fo thun sie es aus Unwissenheit oder Unehrlichkeit. Nicht Juden, sondern Christen haben die Vivisection eingeführt, und einer der ersten wissenschaftlichen Thierquäler war ein sehr frommer Katholik. Der im Jahre 1626 in Arezzo geborene Francesco Redi, Hofarzt des Großherzogs Ferdinand II. von Toscana, war ein Physiolog, der das Seciren und Quälen lebender Thiere con amore betrieb. Mit wahrem Behagen schildert er in einem sehr humoristisch sein sollenden Briefe, wie er zwei Schildkröten die Köpfe abgeschnitten, einer dritten das Gehirn herausgenommen habe. Und das that er mehr aus einer Art wissenschaftlicher Neugierde, als zu einem bestimmten Zweck. Dabei war der von Jesuiten erzogene Forscher ein eifriger Anhänger derselben und sehr frommer Christ, ein großer Verehrer von Reliquien, der manchmal seinen Kranken statt der Arznei ein wenig Watte, in der die Knochen des heiligen Rainer eingewickelt waren, oder das Maß vom Kopfe des Heiligen schickte. Bescheiden schrieb er mitunter die Genesung eines Kranken nicht seiner ärztlichen Kunst, sondern der Fürbitte eines Heiligen zu. Das Judenthum hat auch den Thierschutz mit dem Sabbath verbunden. So heißt es im zweiten Buche Moses (XX, 10): „Am siebenten Tage sollst du kein Werk thun, du und dein Sohn und deine Tochter, dein Knecht und deine Magd und dein Vieh." . . . Das Vieh arbeitet doch nicht freiwillig und selbstständig, nur wenn es von Menschen dazu angehalten wird. Wenn der Mensch am siebenten Tag gar keine Arbeit verrichten darf, so hat ja das Vieh ohnehin Ruhe. Wozu also das besondere Verbot? Doch nur aus Thierfreundlichkeit, gewissermaßen eine Anerkennung des Rechtes der Thiere auf Erholung und Ausruhen. Andererseits ging wieder die Thierfreundlichkeit so weit, daß man ihretwegen den Sabbath verletzte. Dafür lassen sich nicht blos Talmudstellen anführen. Auch im Neuen Testament (Lncas Xlll, 15) heißt es: „Löset nicht ein Jeglicher unter euch seinen Ochsen oder Esel von der Krippe am Sabbath und führt ihn zur Tränke?" Man hielt es am Sabbath für erlaubter, für das Vieh zu sorgen als für den Menschen. Aber wie das Christenthum sich um den Schutz der Thiere nicht kümmerte, ja die Kluft zwischen ihnen und dem Menschen gewissermaßen noch erweiterte, die Thiere gleichsam degradirte, bis endlich der Philosoph Descartes in ihnen nur bloße Maschinen sehen wollte, so hat es auch die Bedeutung des Sabbath herabgesetzt. Während das Alte Testament das Ruhegebot für den siebenten Tag damit motivirte, daß Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen und am siebenten geruht habe, wird im Neuen wiederholt hervorgehoben, daß der Sabbath um des Menschen willen gemacht sei. Der Sache nach ist dies ja richtig, und unseren modernen Anschauungen entspricht auch nicht die Erklärung, daß Gott am siebenten Tage ausgeruht habe; aber indem der Sabbath aus einer religiösen, zu einer bürgerlichen Institution gemacht wurde, ging ihm ein großer Theil seiner Heiligkeit verloren. Dazu kam noch, daß die jüdisch-christliche Propaganda bei den europäischen Heiden kein rechtes Verständniß für den Sabbath fand. Die vornehmen Römer, diedie ganze Woche müßiggingen, brauchten keinen Ruhetag, und den Sclaven, die ununterbrochen arbeiten mußten, gönnte man keinen, höchstens einige Tage im Jahre — die Saturnalien. Das Christenthum hat dann freilich in dieser Beziehung sehr heilsam gewirkt und dem Sabbath, beziehungsweise Sonntag, bei den europäischen Völkern Eingang verschafft, ihm seine religiöse Bedeutung zu erhalten oder wiederzugeben gesucht. Trotzdem hat der Sonntag für den Christen nie die Bedeutung wie der Sabbath für den frommen Juden erlangt, bei dem manchmal die Thätigkeit der ganzen Woche als Vorbereitung für den Empfang der „Prinzessin Sabbath" erscheint. In seiner Mischung von Religiosität, Heiterkeit, Ruhe und Sammlung ist der echte jüdische Sabbath eine Institution, mit der sich weder der trübselige, langweilige englische Sonntag vergleichen läßt, noch der continentale,