Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 7 (17.2.1899)
- Date
- 1899-02-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 7 Seite 131 Vr. Bloch'» Wochenschrift die sie dazu bestimmt, den israelitischen Schulen Rumäniens vorzustehen. Ein Theil der künstigen Lehrerinnen befindet sich in der Bischoffshei m'schen Anstalt, dessen Gründer 12 Plätze für die Zöglinge der Alliance reservirt hat; die anderen, etwa 20 an der Zahl, befinden sich in dem Privatinstitute von Frau I s a a c. Dank der mächtigen Unterstützung der s e w i s h C o Ionisation Association konnte das von der Alliance gegründete Ackerbauwerk neue und bedeutende Anregung erhalten. So wird die Ackerbauschule zu Jaffa, vom Jahre 1899 an 250 Zöglinge zählen, ebenso die Schule von D j e d e i d a vom Jahre 1900 an. Im Jahre 1898 hat das Central-ComitS in einer jeden dieser Anstalten 26 Zöglinge ausgenommen. Selbstredend bestand die Mehrzahl der in D j e d e i d a aufgenommenen Zöglinge aus tunesischen Kindern, indessen haben es die in Algier ausgebrochenen Unruhen den Israeliten zur Pflicht gemacht, den armen Opfern des algerischen Antisemitismus zu Hilfe zu kommen. Die Alliance bemüht sich, dieselben zu unterstützen im Verhältnisse zu ihren Mitteln, aber ihre Zahl ist Legion und ihre Bedürfnisse unabsehbar. Um wenigstens einige Familien zu unterstützen, hat sie 15 algerische Kinder in der Meierei-Schule ausgenommen. Jules Lemaitre. Daß der Antisemitismus noch nicht akademiefähig geworden ist, beweist erfreulicherweise eine Stelle aus der Rede Jules Lemaitr e's, die dieser Akademiker in der ersten Generalversammlung der »Ligue pour 1a Patrie frangaise«, die ausgesprochenermaßen gegen die Revision des Dreysus-Processes gerichtet ist und der sich daher auch die Antisemiten anschlossen, gehalten hat. Er sagte: „Man fragt uns ferner: Ist unsere Liga nicht antisemitisch? Ist es eigentlich nöthig, diese Frage erst zu beantworten? Gleichviel, ich stehe hier, um auch diejenigen Antworten zu geben, die sich eigentlich von selbst verstehen. Das jüdische Volk hat die eigenartigste und eine der bedeutendsten Rollen in der Geschichte der civilisirten Menschheit gespielt. Einst war es ein heroisches, kriegerisches und ausschließlich ackerbautreibendes Volk. Heute sind die Israeliten französische Bürger. Wie sollten wir die Stirn haben, 70.000 französische Bürger zu proscribiren? Ihrer Race. halber, die fast ebenso gemischt ist wie die unsrige, oder ihrer Religion wegen? Einige Israeliten streiten mit uns und sehr tapfer, wir bedauern aufrichtig, daß es nicht mehr sind. Wir bedauern sehr, daß die Mehrzahl der Juden, indem sie sich einer anderen Partei anschloß, anscheinend weniger der Vernunft gefolgt ist, als einem blinden Solidaritätsgefühl mit einem Glaubensgenossen und dadurch den Glauben erwecken mußte, wie wenn sie sich selbst als eine abgesonderte Gruppe betrachten, welche nicht in dem Ganzen aufgehen will. Aber sie streben umsonst danach, diesen Glauben zu erwecken, wir wollen es nicht glauben, und wir appelliren von dem Israel aus Fleisch- und Blut, das einst sein Gott züchtigte, an das geistige Israel; dieses aber ist herrlich geeignet und geschaffen, um zu begreifen, ja um zu lieben auch weit größere Verbindungen und Bestrebungen als diejenigen, in welche es sich jetzt einspinnt." Gaston Deschamps. Der als leidenschaftlicher Verehrer der Armee bekannte Kritiker und Schriftsteller Gaston Deschamps veröffentlicht im „Figaro" einen überaus scharfen Artikel gegen die nationalistischen und antisemitischen Hetzer und Verleumder, dem wir folgende Stellen entnehmen: „Es wäre seltsam, wenn unsere Nation, die so oft über furchtbare Feinde den Sieg davongetragen hat, zur Zeit nicht über zwei böse Mächte triumphiren könnte, die gegen sie anstürmen, nämlich über die L ü g e und über die Dummheit. Seit einem Jahre, während dessen wir von der „Affaire" geplagt werden, haben wir, glaube ich, alle Arten von Verkleidungen kennen gelernt, die die menschliche Tücke umthun. kann, um die Wahrheit zu verheimlichen._.. Was hat man nicht Alles seit einer Woche in den zahlreichen Pariser Klatschsalons, im Gerichtspalaste, im Parlamente, in den Akademien, in den Cafäs, auf den öffentlichen Plätzen, bei den Friseuren, in den Portierlogen u. s. w. erzählt! Seit dem berühmten Handel mit den falschen Bullen des Papstes Gregor VH. hat man nicht eine derartige Anhäufung von falschen Schriftstücken und eine so scheußliche Hypertrophie der alltäglichen Täuschung wiedergesehen!" Deschamps widerlegt sodann eines der gehässigsten und albernsten, von den Antisemiten in Umlauf gesetzten Gerüchte, nämlich daß die Mitglieder der Strafkammer des Caffationshofs in Hinsicht auf den Dreyfus-Handel von den Juden und ihren Anhängern in den höchsten Gerichtshof eingeschmuggelt worden seien. Es geht aus dieser dem »Aimanach national!* entnommenen Statistik hervor, daß alle Mitglieder dieser Strafkammer vor dem Dreyfus-Processe ernannt worden sind Nachdem er dann noch andere derart ungeheuerliche Erfindungen mit der erforderlichen Verachtung abgethan, schließt er: „Das ist schließlich wirklich zu dumm und zu gemein. Larroumet fagte kürzlich, der Augenblick sei gekommen, da jeder Bürger Partei ergreifen müsse. Ich habe mich seit langer Zeit dazu entschlossen. Ich bin für die Wahrheit, sollte sie mich auch in meiner thenersten Zuversicht verletzen und mich grausam in meinen alten Neigungen treffen. Nichts in der Welt, kein Motiv des Interesses, keine Staatsraison könnte mich bestimmen, die Rolle hinzunehmen, Spießgeselle der Lüge und der Dummheit zu werden." Jüdische Aerzte. I» Algier wurde am 2. Februar, wie der „Boss. Ztg." gemeldet wird, der jüdische Hilfsarzt des öffentlichen Krankenhauses begraben, der in der Pflege Typhuskranker selbst von der Seuche ergriffen und weggerafst wurde; zum ersten Male seit dem Beginn der antisemitischen Bewegung in Algerien sah man christliche Algerier in ziemlicher Anzahl einem jüdischen Leichenzuge folgen und an einer eindrucksvollen Trauerfeier am offenen Grabe bewegt theilnehmen. Das hat die große urtheilslose Masse jedoch nicht abgehalten, wenige Tage später bei dem Empfang Rochefort's wieder in den a l lgemeinen Ruf »mort aux Juifs« einzustimmen. Welche moralischen Verheerungen die gewissenlose Hetze der Drumont und Genossen schon zur Folge gehabt hat, ergibt sich auch aus folgender Mittheilung der „Kölnischen Zeitung" vom 6. d. M.: Dem Kriegsgericht zu Algier lag in der vorigen Woche ein niederträchtiger a n t i s e m i t i s ch e r K a s e r n e n st r e i ch vor, bei dem ein israelitischer Zuave Lilty beinahe das Opfer zweier Kameraden geworden wäre. Letztere versteckten während seiner Abwesenheit ein Fünfftancsstück in seinem Strohsack, beklagten sich dann beim Feldwebel, es sei ihnen ein solches Stück gestohlen worden, außerdem eine Banknote von 20 Francs, und verdächtigten dabei den armen Lilty. Natürlich fand sich das Fünsfrancsstück, Lilty wurde vor ein Kriegsgericht gestellt und wäre wahrscheinlich streng bestraft worden,, wenn nicht ein dritter Kamerad einen der beiden Ankläger hätte sagen hören: „Es ist mir gelungen, den Juden vor ein Kriegsgericht zu bringen." Das Kriegsgericht war empört über diese Enthüllung und stellte Ankläger, Verklagten und Schutzzeugen einander gegenüber, worauf dann jene ihre Unthat eingestanden. Lilty wurde sofort freigesprochen. Ein hübscher Beitrag zur Judenhetze in Algier und zur moralischen Verfassung der Gemüther, die sie gezeitigt hat. Der eifervolle Bürgermeister. Die „Arbeiterzeitung" erzählt nachfolgende charakteristische Geschichte von der Arbeiterfreundlichkeit der christlich-socialen Partei: Der seit 13 Jahren in Communaldiensten beschäftigte, jetzt 68jährige Josef S a i tz wohnte am 3. December einer Versammlung des christlichen Frauenbundes in Meidling bei. Dort nun ließ sich Herr S a i tz zu der ebenso begreiflichen, wie unvorsichtigen Aeußerung hinreißen: „Jeffas, den Schwindel Hab' i eh scho' oft g'hört!" Aber kaum hatte er seinem bedrängten Herzen mit diesen Worten Luft gemacht, als ein Ordner, G u t heißt die — Aufsichtsperson, auf ihn losstürzte und ihn so heftig hinauswarf, daß der alte Mann sich das Knie zerschlug und acht Tage an der Verletzung laborirte. Damit war die Racheaction der Herren Gut und Lueger noch nicht zu Ende. Ersterer ging hin und denuneirte den Mann bei dem Bezirkspapst, wo er in Arbeit stand, und Saitz bekam eine Rüge. Dr. Lueger aber fand es weiters für angezeigt, den Mann, der 13 Jahre der Gemeinde gedient hatte, um sein Brot zu bringen. Er wurde entlassen. Die „Arbeiterzeitung" erzählt noch von einigen Frozzeleien, denen der Gemaßregelte ausgesetzt wurde, und erwähnt die curiose Thatsache, daß die Frau des Arbeiters Mitglied des christlichen Frauenbundes ist. Ja, das Wichtigste hätten wir.fast vergessen! In jener Versammlung, wo Herrn Saitz die Erkenntniß des christlich-socialen Schwefels kam, sprach auch Herr Dr. Lueger! Man wird einsehen, daß dem Manne da weder seine 68 Jahre, noch seine 13jährige tadellose Dienstzeit, noch seine Verschwägerung mit dem christlichen Frauenbund etwas nützen konnte. Wahnsinn und Antisemitismus. Der „Vossischen Zeitung" wird aus Paris berichtet: „Noch mehr als der Boulangismus und Panama bringt der Dreyfus-Rummel auch Geistesstörungen hervor In einer der letzten Nächte befanden sich der Rentner Fourchet und ein alter Herr im