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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-02-17 · 7 (17.2.1899) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
7 (17.2.1899)
Date
1899-02-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7 Vr. Vloch's Wochenschrift Sette 128 dieser Frage eine Ausnahmsstelluug. Wo anders bilden die Juden lediglich einen geringen Brnchtheil der Bevölkerung, bei uns sind sie eine mächtige sociale Schichte mit einem eigenen bestimmten nationalen Gepräge. Auf dem Territorium der ehemaligen polnischen Republik zählen wir jetzt 13 Millionen Polen und 4 Millionen Juden, also noch mehr, als sie jemals im selbständigen Palästina gezählt haben. Und diese Ziffern schließen von vornherein jeden anderen Plan, als den auf Berwerthung dieses zahlreichen und kräftigen Elements und Umwandlung desselben zu einem Theil der nationalen Macht aus. Und trotzdem besteht in dieser wie in vielen anderen Fragen bei uns eine Unklarheit, Rathlosigkeit und Verwirrung der Begriffe." (Seite 113, fg.) „Wenn wir die Dinge genauer untersuchen, so fällt es schwer, jenes Uebergewicht des jüdischen Reichthums zu finden, von dem so oft gesprochen wird. Ein Einkommen von 69 Millionen auf 686.000 Menschen ist ein Bettelgeld. Diese Zahl beweist durchaus nicht, als ob uns die Juden durch ihre größere Productivität und durch ein specifisches Talent, neue Vermögensqnellen zu entdecken, überlegen wären." (Seite 117.) „Nach einer Richtung ist aber die ärmere jüdische Bevölkerung der wohlhabenden christlichen doch überlegen. Die Gesammtheit dieser Elaste lebt vom Tagesverdienst und von der Tagesarbeit, ihre Majorität existirt ohne einen sicheren Morgen, am Rande des Ruins und des ärgsten Elends, in die sie ein mehrwöchentlicher Verdienstentgang stürzen kann. Unter dem Drucke dieser ökonomischen Lage entsteht bei den Juden ein schrecklicher Kampf um's Dasein und er bewirkt, daß der größte Theil der Juden nicht blos zu den Arbeitenden, sondern auch zu den Sparenden gehört." (Seite 117.) „.Wäre nicht unsere eigene superlative Faulheit, so würde ich in den galizischen Juden nicht Urbilder der Schlauheit und des Raffinements, sondern sehr mäßige Muster der Geschäftsthätigkeit sehen. Eine kleine Sparsamkeit und nicht eine Kenntniß der productiven Arbeit ist ihr Hauptmerkmal. Wie, eine Handel und Industrie treibende Bevölkerung von 700.000 Seelen sollte nicht im Stande sein, jährlich 7 Millionen zu ersparen? (Sz. behauptet nämlich, daß die galizischen Inden eine solche Summe sparen. Anm. des Verf.) Das soll ein Beweis von Raffinement sein? Nur im Vergleich zu unserer Unbeholfenheit kann man das so nennen. Das Schicksal von 6 Millionen Menschen, die ihr eigenes Land, ihre Landesverwaltung, alle Aemter und Würden besitzen, — soll dadurch bedroht sein, daß die Juden 7 Millionen jährlich sparen!? Wenn wir es nicht mit unseren Juden, sondern mit einem wirklich schlauen, energischen und eroberungslüsternen Volke zu thun hätten, wenn wir neben oder unter uns 700.000 Schotten oder Zankees hätten, unternehmungslustige und energische Völker, sie hätten uns schon längst mit Haut und Haaren aufgegessen." (Seite 119.) „Und da sollten wir, statt die Schuld in unserer Unbeholfenheit und Leichtfertigkeit zu suchen, alle menschlichen und göttlichen Gesetze mißachten? Da sollten wir statt des Evangeliums der Gerechtigkeit und Billigkeit das des Racenhaffes, der religiösen Intoleranz und der Ausbeutung annehmen, das uns die irregeführten Apostel der corrumpirten öffentlichen Meinung dieses Nachbarstaates, der einst als der gebildetste in ganz Europa galt, predigen?" (Seite 120.) „In einem Nebel von Visionen und Gespenstern lebend, jedes ökonomischen Wissens bar, haben wir die Juden, die wir vor uns haben, zum Sündenbock für alle unsere Mißerfolge gemacht, denn wir ahnen kaum die wirklichen, aber auch schwerer zu beseitigenden Ursachen unseres Verfalles." (Seite 120.) Das schrieb Herr Szczepanowski vor — zehn Jahren. Seitdem haben sich die Juden in Galizien kaum geändert. Dafür änderten sich eben Andere. Und der Einäugige, der unter den Blinden König war, hat sich bald das eine Auge zerschlagen und wurde so, wie die Anderen. Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Aus dem Hirtenbrief des Wiener Erzbischofs. — Der Wunsch des Volkes. — Diel Lehrer unter der christlich-socialen Aera. — Dr. Lueger's „Löbelein".) . Der Fürsterzbischof von Wien ruft in seinem Fastenhirtenbrrese den Gläubigen seiner Diöcese das Mahnwort in's Gedächtniß: „Wenn Du Deine Gabe zum Altar bringst und Dich daselbst erinnerst, daß Dein Bruder etwas wider Dich hat, so lass' Deine Gabe allda vor dem Altar und gehe zuvor hin und versöhne Dich mit Deinem Bruder, und dann komme und opfere Deine Gabe." „Würde dieses göttliche Mahnwort befolgt," fügt der Kirchenfürst hinzu, „und der heiligen Messe in diesem Geiste angewohnt, o, wie viele betrübende Ausbrüche der Feindschaft und des Hasses würden schwinden, welch' ein Friede der Versöhnung würde an Stelle der Erbitterung, ja selbst bis zum Brudermord sich verirrender Leidenschaft treten." Es unterliegt keinem Mißverständnisse, daß der Fürsterzbischof in dieser Mahnung an die katholische Bevölkerung auf die Nationalitätenhetze Hinweisen will, welche in der letzten Zeit erst in Böhmen zum Blutvergießen führte. Allein, gelten die von dem Geiste der Menschenliebe erfüllten Worte nicht auch der Betrübniß über die confessionelle Zwietracht? Jesus Christus entstammte dem jüdischen Volke, allein nicht blos seiner Abstammung, sondern auch seiner Gesinnung nach verstand er unter dem „Bruder", mit dem sich Jeder versöhnen möge, daniit er dann erst geläuterten Herzens vor den Altar hintrete, um Gott zu opsern, den Menschen überhaupt. Daß der Jude ausgeschlossen sei von der Liebe und Versöhnung, das widerspricht der christlichen Lehre, und darum bedeutet die citirte Stelle aus der Botschaft des Fürsterzbischofs Gruscha eine Verurtheilung des Betragens jener Priester, welche wie S ch e i ch e r, D e ck e r t, Schnabel und Graf Colloredo von der Kanzel und von der Rednertribüne die confessionelle Verfolgung propagiren. Auch die aufstachelnden Kampfreden der Antisemiten im Talar sind „betrübende Ausbrüche der Feindschaft und des Hasses". * * * Die politischen Gewalten und die Militärgewalten Frankreichs haben sich verschworen, dem Gefangenen aus der Teuselsinsel das Recht zu verweigern. Das Beginnen, die für die Revision bisher competente Strafkammer des Cassationshofes zu beseitigen und durch ein eigenes Gesetz einen neuen Gerichtshof zu schaffen, hat die Zustimmung der Kammer erlangt, und wenn nicht der Senat für das bedrohte Recht eintritt, wird Dreyfus feinem ordentlichen Richter entzogen werden. Nicht mehr unabhängige, von dem Lärm der Straße und von der Furcht vor einem militärischen Gewaltstreich unbeeinflußte Richter werden den Fall entscheiden. Der Justizminister selbst hat die Justiz schnöde im Stich gelassen, indem er als das Motiv für den Gesetzentwurf den „Wunsch des Volkes" erklärte. Das ist ein ganz neuer, in der Welt des Rechtes bisher unerhörter Factor, der Wunsch des Volkes. Als ob bei der Prüfung einer Rechtssache durch die berufenen Richter überhaupt jemals nach dem Wunsche des Volkes gefragt werden dürfte, als ob es nicht das erste Erforderniß der Rechtspflege wäre, sich von politischen Parteiungen ferne zu halten. Die miserablen Verdächtigungen, durch welche Beaurepaire die Revision zu hindern sucht, sind zugestandenermaßen unstichhaltig, und doch schämt sich der Justizminister nicht, sie zum Ausgangspunkt einer Action zu machen, durch welche die Justiz zerrüttet wird. Der „Wunsch des Volkes", das ist ein von den Heuchlern und Jesuiten aller Länder bei den verschiedensten Anlässen verwendetes Schlagwort, und es klingt so ehrlich, so selbstverständlich und so überzeugend. Aber auf den polynesischen Inseln, und ich erwähne damit ein lehrreiches Beispiel, auf welches ich schon wiederholt hingewiesen, ist es der Wunsch des Volkes, die Fremden aufzufressen, und doch wird es keiner europäischen Regierung einfallen, diesen Wunsch zu respectiren. Die Regierenden sind freilich oft geneigt, die Wünsche des Volkes zu erfüllen, wenn es auf Kosten einer schutzlosen Minorität geschehen kann, und nur wenn die Wünsche des Volkes mit den Jntereffen der bevorrechteten Classen nicht übereinstimmen, dann sagt man ihm, daß das Gesetz und das Recht über dem Wunsche des Volkes stehen. Daß mitten in einem anhängigen Strafverfahren die kompetenten Richter in ihrer Thätigkeit unterbrochen werden, daß man daran geht, ein Gesetz zur Bildung eines neuen Gerichtshofes zu schaffen, weil von den Richtern, die den Fall bereits geprüft haben, die Freisprechung des Berurtheilten zu befürchten ist, damit kann kein ehrlicher Rechtsgelehrter der Welt sich einverstanden erklären. Justizminister L e b r e t hat durch seine Berufung auf den Wunsch des Volkes eine Gewiffenspflicht verletzt und die Wissenschaft, der er sein Leben gewidmet hat, feige verrathen.

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