Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 7 (17.2.1899)
- Date
- 1899-02-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 126 Vr. Bloch's Wochrnschris! Nr. 7 Es wäre ein Unglück gewesen, wenn bei den letzten Wahlen die Couservativen gesiegt hätten; es ist ein Unglück, daß die Liberalen gesiegt haben. Nach den seitherigen Anfängen zu urtheilen, wird die Mißwirtschaft noch überboten werden. Nur eine Hoffnung bleibt: daß diese Mißwirtschaft neue Empörung weckt, die mit den Leuten aufräumt, die jetzt ihre süffisante Unfähigkeit in der Gemeindeverwaltung spazieren führen. Jung-Zion ist augenblicklich in Berlin sehr aufgeräumt. Es hat nur einen Schmerz: daß man es jung nennt. Bedauerlich aber ist, daß dieser Schmerz sich in Jungenstreichen äußert, die selbst in einem zarten Alter kaum noch Entschuldigung finden können. Sie benehmen sich in Versammlungen und in ihren Blättern geradezu rüppelhaft — ganz nach Nordau'schem Vorbild. Nordau wirft mit den brutalsten Schimpfworten um sich, wenn er Widerspruch findet, — sobald er glaubt, daß der Widersprechende nicht tanti ist, ihm zu dienen und mit ihm fertig zu werden. Am lautesten sind die jungen Herren aus Rußland, die uns durchaus belehren wollen, was uns in Deutschland noth thut. Der Lärm ist nicht gefährlich und wird bald verstummen, dafür sorgt schon die Bank-Blamage. Gin Vorschlag zur Güte. Täglich — seit Jahren schon — lesen wir in den Blättern von den neuen und immer erstaunlicheren Phasen, in welche die Dreyfus-Affaire eintritt. Das Unglaubliche wird hier wahrhaftig zum Ereigniß! Es soll jetzt keineswegs unternonimen werden, die einzelnen Etappen dieser traurigen Angelegenheit in das Gedächtniß der Leser zurückzurufen, in welchem sie noch gar sehr lebendig sind, wohl aber könnten die Juden darauf bedacht sein, ihrerseits aus der Verthcidigung in die Offensive, wenn irgend möglich, überzugehen, denn nach einem alten Fcchterwahrspruch ist die beste Parade immer noch der Hieb gewesen. Nehmen wir die Sache, wie sie liegt, ganz einfach und ohne Phrase! Beurtheilen wir sie so nüchtern als nur irgend möglich. Schieben wir alle Aufregung vorläufig kurz bei Seite. Dreyfus ist Jude. Wäre seine Affaire jemals zu solcher Bedeutung gelangt, wenn er Christ gewesen wäre? Niemals. Es sprach sich der ingrimmige Haß gegen den jüdischen Officier darin aus, dem die Henry's und Eszterhazy's nicht anders, als durch Verleumdung, Fälschung und Betrug beizukommen vermochten. Sie führten den Streich gegen den Einzelnen, auf vorgeschobenem Posten Stehenden. Gemeint waren aber alle, alle Juden insgesammt. Sie wollten in Dreyfus hauptsächlich den Juden treffen und das ist ihnen auch leider nur zu gut gelungen. Ihre dunklen Hintermänner hatten mit teuflischer List einen wohlersonnenen Plan aufgebaut. Er ist ihnen auch so gerathen, wie sie ihn in ihren Conventikeln entworfen hatten. In ganz Frankreich gährt und kocht es heute allenthalben gegen die Juden. Die Menschenrechte werden auf dem Boden, auf welchem sie proclamirt wurden, schmachvoll verleugnet, mit Füßen getreten, der jüdische Bürger ist allüberall, wo die Tricolore weht, Beleidigungen an seiner Ehre, Angriffen an Leib und Leben ansgesetzt; frevelhafte, schmutzige Hände strecken sich, im gierigen Griff zusammengekrallt, nach jüdischem Hab' und Gut aus, und die Regierung, diese Regierung, welche den unschuldigen Juden Dreyfus nach wie vor in der grauenvollsten Verbannung und Gefangenschaft schmachten läßt, die sollte gewillt sei», energischen disciplinirten Schutz den jüdischen Unterthanen zu gewähren? Sie wird weit eher gesonnen sein, beide Augen zuzudrücken und dem Mob aufmunternd zuzuzwinkern, wenn sie es — einmal an der Zeit gefunden haben wird, daß gegen die Juden etwas Ernstliches unternommen werde. >A has les Juifs!« liest man an allen Straßenecken in ganz Frankreich. »A bas les Juifs!« heult täglich und nächtlich das raublustige Gesindel und harrt nur ungeduldig des Signals von oben, wann es lustig losgehen soll gegen die Franzosen jüdischer Race, jüdischen Bekenntnisses . . . Wir sind nicht so naiv, um nach internationalen Schutzmaßregeln für unsere immer mehr bedrängten jüdischen Brüder zu rufen. Wir wissen sehr wohl, daß dieser Ruf ohne Echo in der Wüste verhallen würde. Wohl aber wollen wir zum Selbstschutz greifen, und zwar in einer Weise, welche den schon berührten Gedanken nützt: Die beste Parade ist der Hieb! Los von Frankreich in industrieller Hinsicht! Dieses Land ist in seinem Export am besten, am schärfsten zu treffen. Wenn alle Juden des Erdballs sich vereinigten — o, thäten sie es doch nur halb in dem Maße, als ihre Feinde vorgeben, daß sie es thun! — dann wären sie eine große, eine gewaltige Macht, ein Factor, mit dem im internationalen Völkerverkehr schon stark gerechnet werden müßte. Wenn unsere Kaufleute, unsere Frauen französische Mode-Artikel nur für ganz kurze Zeit in Boykott erklären wollten, sie würden es bis in ihre Knochen hinein spüren in Paris. Und welcher Jüdin, die sich noch als solche fühlt, die sich noch nicht alle Ehre, alles Denken abgewöhnt hat, dürfte noch französische Spitzen, Stoffe, Gewebe, Bänder, Federn, Flitter auf ihrem Leibe tragen?! „Aus Paris" ist längst kein allein seligmachendes Schlagwort mehr für die allmächtige Königin Mode. Auch anderswo ist Geschmack zu Hause. Los von Frankreich! Das müßte die Parole sein. Aber der Einzelne vermag nichts und eine Einigkeit wird nicht zu erzielen sein. Wir kennen sie zu genau, unsere Leute. Dieser Dreyfus ist ja ein so nettes Gesprächsthema für den Salon! Da mag man aufseufzend sein weiches Herzchen zeigen.^- Aber helfen, retten, versuchen, wenigstens seine Feinde, unsere Feinde zu treffen .... aussichtslose Utopie! Es bleibt Alles beim Alten und über's Jahr da reist natürlich, wer nur irgend in der glücklichen Lage ist, nach Paris zur großen Weltausstellung, zum internationalen Völkerjahrmarkt hin. Da wird Jnd' und Christ gleich gastlich empfangen werden, wo er nur eine vollgespickte Geldbörse mit sich führt. Wenigstens das sollte nicht sein und die Juden insgesammt sich kräftig zusammenschließen und — daheimbleiben! Keiner dürfte nach Paris. Mindestens dadurch könnten wir ihnen beweisen, daß wir nicht das sind, wofür sie uns jetzt halten, eine entnervte, ehr- und schamlose Race mit sclavenhaften Jnstincten, die sich anspeien und in's Gesicht schlagen und beschimpfen läßt, um dann dem gnädigen Herrn noch schönen Dank dafür zu sagen und ihm eine Reconnaissance-Visite abzustatten. Sie sollen nur Alles schön bereiten und Herrichten, aber wer ein echter rechter Jude von Charakter ist, der bleibt daheim und spart sein Geld für bessere Leute! I. Saschar. Herr Szczepanowski jetzt und — einst. Lemberg, 12. Februar. Der „neue Cours", den Szczepanowski und Genossen plötzlich gegenüber den Juden eingeschlagen haben, hat in der gesammten jüdischen Presse Galiziens seine gebührende Abfertigung erhalten. Auch die jüdische öffentliche Meinung ist sich jetzt ganz darüber klar, was sie von dieser pseudodemokratischen Clique zu erwarten hat. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß die Herren vom „Slowo Polskie" in einem unbewachten Augenblick, in ihrer Verwirrung und Rathlosigkeit uns ihr Innerstes geoffenbart haben. Eine diesem Blatte sehr nahestehende Persönlichkeit hat mir dies selbst eingestanden. Ja, mein Gewährsmann meinte sogar, es müsse Jemand die Kopflosigkeit der Redaction benützt haben, um ihr jenen Artikel zuzuschieben. Diese Veröffentlichung dürfte sie auch heute, nicht aus Gründen des Charakters, wohl aber aus Opportunitäts- Rücksichten, selbst am meisten bedauern. Allein solche Dinge, solche Frevelthaten politischer Dynamitarden dürfen nicht vergessen werden. Es tritt in erster Linie an die äußerst zahlreichen jüdischen Abonnenten des „Slowo Polskie" die Frage heran, ob sie dieses Blatt noch weiter abonniren und ob sie darin inseriren dürfen. Das wäre auch die geringste Nothwehr gegenüber einem Blatte, das den rohesten Antisemitismus, den der „That", der „Vernichtung" auf sein Banner geschrieben hat. Es ist aber verlockend, über den Herrn Szczepanowski von heute den Szczepanowski von — einst urtheilen zu lassen; zu hören, mit welchen Worten der unternehmungsvolle Idealist, der mit den schönsten Plänen nach Galizien gekommen ist, die Saat des Racenhasses gebrandmarkt hat, die nunmehr der abgekrachte Speculant ausstreuen möchte. In seinem Buche „Das Elend Galiziens in Ziffern" hat Szczepanowski 26 Seiten der Judenfrage und dem Antisemitismus gewidmet. Wir wollen hier die markantesten Stellen reproduciren: „Was den Antisemitismus betrifft, so ist er ein wichtiges Symptom der Rückkehr zu jener Barbarei, wie sie sich jetzt nach denk Muster Deutschlands über die ganze Welt ausdehnt und ein Theil jener geistigen Epidemie, die von Deutschland aus über die ganze Welt ihren Weg nimmt. Unsere Nation genießt in