Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 7 (17.2.1899)
- Date
- 1899-02-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 126 Dr. Bloch'» Wochenschrrst Nr. 7 um einen ausführlichen Artikel, den er auch am anderen Tage von mir erhielt. Es vergingen jedoch mehrere Tage und der Artikel erschien nicht. Ich erkundigte mich nach seinem Schicksal und erhielt folgende Antwort: Der ökonomische Redacteur meine, die Sache sei gar nicht wichtig, sonst hätte doch Jemand imParlamente interpellirt. Würde aber der Artikel trotzdem gebracht werden, so könnte man noch glauben, das Blatt hätte dafür von der Deputation was bekommen. Und das Blatt habe ja doch nichts bekommen .... Im Parlament, in der Publicistik und im galizischen Landtag — wir haben ja auch dort, Gott sei Dank und Lob vier „jüdische" Abgeordnete — sind also die Unmenschlichkeiten und gesetzwidrigen Chicanen der Bergbehörden uuerörtert geblieben und diese sahen darin nur einen Ansporn, auf derselben Bahn fortzusahren. Und heute gibt es in Boryslaw Tausende jüdischer Seelen, die trotz ihrer Arbeitslust und Arbeitstüchtigkeit gar keine Möglichkeit haben, sich ein noch so geringes Existenzminimum zu erwerben und die daher elend zu Grunde gehen müssen. Aber was kümmert dies die jüdischen Reichsraths- und Landtagsabgeordneten, die officielleu Cultusrepräsentationen und alle Jene, die sich, Millionäre oder nicht, an die Spitze der Judenschaft drängen, um dann von der Menge angegafft oder angebetet zu werden? Man kann die Erklärung des Präsidiums des Basler Congreffes, daß die Voryslawer Bergarbeiter nicht aus die Tagesordnung gehören, tadeln, aber diese Enunciation ist klar und consequent. Der „politische", richtiger der „diplomatische" Zionismus erklärt, daß er sich um die Verhältnisse der Judenschaft hierzulande nicht kümmere, und Jedermann weiß bezüglich dieser Richtung, woran er ist. Aber wo sind Jene, welche mit aller Entschiedenheit erklären, daß sie hier bleiben, hier ihre Rechte vertheidigeu und hier ihre Lage verbessern wollen? Muthige Männer, tretet vor! Mit Phrasen, wie „Patriotismus", „Loyalität", „Assimilation" allein ist es nicht gethan. Dadurch erreicht man höchstens einen Orden, aber man hilft nicht seinem Volke. Und man bedenke, daß es sich hier nicht um declassirte Landkrämer und Dorsschänker oder um jene furchtbare Phalanx von „Luftmenschen", mit denen wirklich kaum etwas auzusangen ist, sondern um qualisicirte Arbeiter handelt, auf die wir uns mit Stolz berufen, wenn man uns von gegnerischer Seite wegen gewisser Leute in unserer Mitte gleich zu einem Volke der Ausbeuter stempeln will. Daß trotzdem für die Voryslawer Arbeiter bisher keine Rettungsactiou eingeleitet wurde, ist ein tiefbeschämendes Symptom der Apathie und des Verfalles der jüdischen Bourgeoisie. Was überhaupt für die Nothleidenden gethan wurde, ist lediglich der Initiative eines Mannes zu verdanken. Ein bescheidener Mann, der sich gern aus der Oeffeutlichkeit flüchtet, hat Herr Dr. M. Friedländer bei der Frau Baronin Hirsch eine Spende von 20.000 Gnlden und beim Baron Alfons Rothschild in Paris 10.000 Francs erwirkt. Diese Beträge hat er bereits im September v. I. persönlich an Ort und Stelle vertheilt und damit circa 200 Personen zur Auswanderung nach Amerika oder zur Begründung einer selbständigen Existenz in den benachtbarten Ortschaften verholfen. Damit waren aber auch alle Mittel erschöpft. Von September bis heute hat sich Niemand gefunden, der das edle Beispiel jener Spender nachgeahmt hätte. Auch die Bemühungen der „Jewish Colonisation Association", für einige Hunderte Arbeiter in den Kohlenrevieren des Baron Albert Rothschild und der Gebrüder Gutmann in Mährisch-Ostrau Beschäftigung zu finden, sind trotz der günstigen Gutachten der Bergbaudirectoren Doctor Lebensart (Wolanka) und Kapelner (Schodnica) über die Verweridbarkeit der Voryslawer Bergarbeiter beim Kohlenbergbau fruchtlos geblieben; ihr Schicksal scheint besiegelt zu sein. Von nirgends leuchtet ihnen auch nur ein matter Hoffnungsstrahl. WenneinmalderChronistderneuestenJudengeschichtenach eurem classischen Bewers für die „Allmacht" des Judenthums und dre jüdische „Solidarität" suchen wird, er kann fürwahr keinen besseren finden, als in dem schrecklichen Los der jüdischen Bergarbeiter von Boryslaw. Ein Schächtverbok in Sicht. Der Wiener Bezirksschulrath hat durch seinen bekannten gesetzwidrigen Erlaß, betreffend die Trennung der Schulkinder nach Confessionen, das Schulgesetz zu umgehen versucht. Während ofsiciell versichert wurde, daß mit der bekannten Verfügung keinerlei antisemitische Tendenzen verfolgt werden, sondern daß es sich nur um eine pädagogische Maßregel handle, gestanden die Parteiführer und die Antisemitenblätter ohneweiters, daß sie die confessionelle Schule erlangen wollen. Nunmehr plant die Wiener Communalverwaltung ein neues Attentat gegen die Wiener Judenschaft, und dieselbe heuchlerische Versicherung, daß es sich durchaus nicht um irgend welche Tendenz handelt, wird auch hier einer Maßregel vorangeschickt, die offenbar keinen anderen Zweck hat, als die Juden zu drangsaliren. Es sollen „Maßregeln zur Verhütung unnöthiger Thierquälerei" beim Schlachten der Thiere getroffen werden. Die Thiere sollen, bevor man sie tobtet, betäubt werden, und der Stadtrath beabsichtigt, eine Schlachtordnung zu erlassen, durch welche in den der Gemeinde gehörigen Schlachthäusern „eine gewisse Methode des Schlachtens" untersagt wird. Nun sind die Wiener Schlachthäuser freilich Eigenthum der Stadt Wien, aber nicht Eigenthum der Antisemiten, und die jüdischen Steuerzahler haben zu den Kosten dieser Schlachthäuser gleichfalls beigetragen. Die Juden werden es daher nicht dulden, sondern alle gesetzlichen Mittel anwenden, um die Erlassung eines Schächtverbotes zu verhindern. Die antisemitische Gemeindeverwaltung in Graz hat seinerzeit durch ein ähnliches Heldenstück die Juden zu ärgern versucht und hat das rituelle Schlachten im Gemeindegebiete von Graz verboten. Aber die Regierung hat diesen Beschluß siftirt. Dem Grazer Gemeinderathe passirte es kurze Zeit darauf, daß er selbst das rituelle Schächten im Großen anorduen mußte. Es kamen nämlich 2000 bosnische Soldaten in die Grazer Garnison, welche nur Fleisch von geschlichteten Thieren essen, und da mußte denn die Grazer Gemeinde, welche die Garnison gegen ein Relutum verpflegen muß, mit einem Fleischhauer die Lieferung von geschlichtetem Fleisch abschließeu. Als Schächter fungirte ein bosnischer Soldat. Nun beherbergt auch Wien eine bosnische Truppenabtheilung. Wird die Stadt Wien vielleicht verbieten, daß die für die Fleischversorgung der bosnischen Truppen erforderlichen Thiere rituell geschächtet werden? Mit der Frage, ob eine Gemeinde ein Schächtverbot zu erlassen berechtigt ist, hat sich übrigens auch schon der Verwaltungs-Gerichtshof anläßlich einer von der Stadtgemeinde Rumburg eingebrachten Beschwerde wegen Sistirung eines diesfälligen Beschlusses beschäftigt. Der Vertreter der Rumburger Juden, Dr. Wilhelm P a p p e n h e i m, führte damals aus: Die Verweigerung der Vornahme der rituellen Schlachtungen habe nicht blos den Charakter einer technischen, gewerbebehördlichen Maßregel; der Beschluß der Gemeindevertretung Rumburgs verfolge eine gewisse, deutlich erkennbare Tendenz. Dies gehe aus folgender Thatsache hervor. Nachdem den Juden die Vornahme der rituellen Schlachtungen im Gemeiude-Schlachthause verboten worden war, wendeten sie sich an den Gemeinderath mit dem Ersuchen, ihnen die Vornahme von rituellen Schlachtungen in einem Privathause zu gestatten. Was geschah jedoch? Der Gemeinderath von Rumburg hat dieses Ersuchen der Juden einfach nicht zur Kenntniß genommen. Was sollten die Juden nun thun? „Wir Juden in O e st e r r e i ch," fuhr Dr. Pappenheim mit erhöhter Stimme fort, „verlangen von unseren Behörden nur denjenigen Grad von Glaubens- und Gewissensfreiheit, den die österreichischen Behörden in Bos-