Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 7 (17.2.1899)
- Date
- 1899-02-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. y BP. BIOCll 8 Jahrgang XYI. Eentralorgan für die gesammten Interessen des Iudrnthums. «- -- x K. k. Vostsxarrassrn-Amk Clearingverkehr Nr. 810.976. NeLscUon und Administration: »it« XX., UrUrrr Augarkenstr. la. j Telephon-Nr. 6535. * * -^- Wien. 17. Februar 1899. Erscheint jeden Freitag. -5- Brief-Adresse: Wien, II., Untere Augartenstraße la. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. X-. « Vrrugsprri» für Oesterreich:! Halbjährig 4 fl. --- 8 Stx. Einzelexemplare 25 kr. lür's Ausland r halbjährig 5 fl. — 10 Ar. ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die4malgespaltene Petitzeile 12 kr. x — ■ * Inhalt. Leitartikel: Die Nothlage in Boryslaw. — Ein Schächtverbot in Sicht. — Aus Berlin. — Ein Vorschlag zur Güte. — .Herr Szczepanowski jetzt und — einst. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Tr. Max Nordau in Berlin. Arische Heiratsgesuche. Alliance Israelite Universelle. Jules Lemaitre. Gaston Deschauips. Jüdische Aerzte. Der eiservclle Bürgermeister. Wahnsinn und Antisemitismus. — Engen Dühring über Bismarck. — Correspondenzen: Aus der öffentlichen Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde Wien vom 12. Februar 1899, Die antisemitische Wirthschaft und das Kleingewerbe, Prag, Nepomuk, Agram, Berlin, Errichtung eines Feierabendhauses für israelitische Lehrerinnen und Erzieherinnen, London, New-Iork, Denver, Jerusalem, Safed. — Vermischtes: Wien, Budapest, Prag, Lundenburg, Troppau, Brody, Podwoloczyska, Ung.-Brod, Kopreinitz, Monte-Carlo, Amsterdam, Brüssel, Petersburg, London, Poona-Jndien, Liverpool, Bombay. — Feuilleton: Malta Schwarzenkopf. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Die Nothlage in Boryslaw. Von Dr. S. R. Landau. Zn Boryslaw nagen mehr als zlveitausend jüdische Bergarbeiter am Hungertuch. Das dauert schon seit Monaten. Mit jedem Tage werden ihre Reihen dichter und ihre Verzweiflung größer. Und von keiner Seite naht Rettung. Weder die jüdische Bourgeoisie noch das nichtjüdische Proletariat machen auch nur die mindesten Anstrengungen, um ihnen zu helfen. So bleiben die brotlosen jüdischen Bergarbeiter sich selbst und ihrem traurigen Schicksale überladen. Jhr^Verhängniß datirt vom 13. September 1897^/ Damals wurde mit Verordnung der Berghauptmannschaf^t Krakau die ganze bisherige Gesetzgebung für dieWachsindustrie in Galizien über den Haufen geworfen. /Während bisher ein Schacht vom anderen nur 10 Meter entfernt sein mußte, somit ein Grnndcomplex von 400 Quadratmetern genügte, um einen Schacht exploitiren zu können, verlangte die neue Verordnung eine Entfernung von 60 Metern, somit einen Grnndcomplex von 3600 Quadratmetern blos für einen Schachts Die nothwendige Folge davon war, daß eine große Zahl mx Schächten, die den neuen Anforderungen nicht entsprachen, verschüttet und viele Hände überflüssig wurden. f38 Besitzer von zusammen 87 Schächten kamen plötzlich um ihre Habe und ihren Erwerb; mehr als 3000 Arbeiter verloren ihr Brüll/ Unternehmer und Arbeiter waren ausschließlich Indens Was sollten sie nun beginnen? Die Unternehmer versuchten ihre Schächte, mit denen sie nichts anfangen konnten, da sie weniger als je 3600 Quadratmeter im Umfange hatten, den großen ^Bankeii^der Wiener Länderbank und Lemberger Creditbank, die m Boryslaw den Erdwachsbau^ im Großen betreiben, anzubieten. Vergeblich. Diese /hatten gar kein Interesse daramj im Wege der Commassation auch /auf den Schächten 8er früheren Klein - Unternehmer den Erdwachsbau zu betreiben^/ im Gegenthelle,fchnen lag daran^aß diese Schächte geschlossen werden, damit Angeb okan Wachs geringer und daher der Preis größer werde^. Die neue Verordnung war also im Interesse der Großbetriebe gelegen. Unter solchen Umstünden war auch den jüdischen Arbeitern jede Möglichkeit benommen, Arbeitsgelegenheit zu finden. Allein wir leben ja in einem Verfassungsstaate und im Zeitalter der Humanität, und der Gesetzgeber, kann nicht so grausam sein, Tausende von Existenzen mit einem Schlage zu vernichten. Die Krakauer Berghauptmannschaft, die im Aufträge des Ackerbauministeriums handelte, hielt sich dies vor Augen und statuirte in der Verordnung eine Uebergangsdauer von zweiJahren, nach deren Ablauf erst alle jene einschneidenden Aenderungen getroffen werden sollten. Diese Uebergangsdauer hätte am 13. September 1899 zu Ende zu gehen. Während dieses Zeitraumes hätten sich Unternehmer und Arbeiter nach einer neuen Existenz umschauen können. Ein drakonisches Gesetz wäre in der Praxis gemildert worden. Auf dem Papier wunderschön, wie Alles in Oesterreich. Nun geschah aber das Gegentheil. In der Praxis wurde die neue Verordnung noch schärfer gehandhabt, /oie Bergbehörden von Boryslaw und Drohobycz zwangen durch ihre Chicanen die Unternehmer, ihre Schächte sofort zu sperren^Da kamen mit einem Male Noth und Elend über Tausende von Menschen. Es waren ja nur Juden, und der Polenclub schwieg, seine Hausjuden inbegriffen;/es waren ja nur jüdische Arbeiter und der socialdemokratische Partei- Verband, der sonst jedes Arbeiterunrecht auf's Strengste ahndet, hielt es nicht für nothwendig, sich aufzuregev. Much die „judenliberalen" Blätter kümmerten sich darum nicht, und so darf es nicht wundern, wenn der großen Oeffentlichkeit noch immer sehr wenig von dem schrecklichen Lose der jüdischen Bergarbeiter von Boryslaw bekannt ist. Ich will noch hier ein persönliches Erlebniß mittheilen, das am besten die Stellung der „liberalen" Publicistik zum vorliegenden Falle charakterisiren wird. Als im Juni v. I. eine Deputation von Boryslaw in den Parlamentscouloirs erschien, um beim Ackerbauminister und Minister für Galizien vorzusprechen, machte ich einen der ersten Redacteure einer sehr verbreiteten „liberalen" Wiener Tageszeitung darauf aufmerksam. Er bat mich hierauf