Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 6 (10.2.1899)
- Date
- 1899-02-10
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 6 Vr. Vloch's Wochenschrift Seite 123 Hebräerbriefes, aus dem und den auf Melchisedek. bezüglichen Stellen in Philo die 'Existenz der Melchisedikianer in vorchristlicher Zeit nothwendig hervorgeht. Zwischen den Parteien, deren Existenz in alexandrinischer Zeit erwiesenermaßen feststeht und den später unter gleichem Namen austretenden Parteien muß ein Causalnexus bestehen. Bei der Ausrottung aller gnostischen Schriften seitens der strenggläubigen Kirche sind wir auf Andeutungen im zeitgeschichtlichen Schriftthnm angewiesen. Der Verfasser sucht nun in der alten talmudischen Literatur Spuren dieser vielbewegten Zeit zu finden. Eine neuerliche Revision der im Talmud und Midrasch gelegentlich über Minim zerstreuten Stellen ergab das Resultat, daß die allegorische Auslegungsweise durch Vermittlung der hellenistischen Juden, die in Palästina ihre Synagogen hatten, Adepten gefunden, und daß die alex. Gnosis die echte wie die „sogenannte falsche" im Kreise der Gesetzeslehrer Eingang gefunden. Die Minim sind nicht Christen schlechtwegs, sondern Ketzer, antinomistische Gnostiker. Wir stehen also im Talmud nicht vor dem fertigen Christenthum, mit dem wir uns nicht zu helfen wissen. Wir ahnen vielmehr ans den verschiedenen Kämpfen der Parteien und aus den Materien dieser Dispute das werdende Christenthum. Es ändert an der Sache gar nichts, wenn im späteren Schriftthum Minoth ausschließlich Christenthum bezeichnet, da Min eben der generelle Name ist. Wenn wir nun die vom Verfasser herangezogenen Talmudstellen im Einzelnen prüfen, müssen wir zugestehen, daß er mit feinem historischen Tact und viel Scharfsinn dieselben für die Zeitgeschichte verwerthet. Wir können dieses Lob dem Verfasser umsomehr zollen, als er, ganz voraussetzungslos von einem anderen Standpunkte ausgehend, die oft dunklen Hieroglyphen blitzartig beleuchtet. Wenn auch Einzelheiten bereits von Anderen erkannt worden sind, die übrigens der Verfasser zu wenig berücksichtigt zu haben scheint, so ist doch der Standpunkt des Verfassers sowohl in methodischer als in sachlicher Hinsicht ein ganz origineller. So haben bereits Graetz, vor ihm Krochmal in seinem More Nebucho hazcman gnostische Theorien im Talmud zwar gefunden, ihnen sind aber eben die Gnostiker eine christliche Secte. Deshalb die fortwährende Confundirung der Begriffe. Die vielbehandelte Apostasie Elisa ben Abujas erfährt beispielsweise eine ganz eigenartige Beleuchtung. Sie wird in systematischer Beziehung zum alex. Gnosticismus, u. zw. zu einer bestimmten Species desselben gebracht. Diese Erscheinung hat nicht mehr den Charakter des Sonderlichen und Zufälligen, gewährt uns vielmehr einen Einblick in das damalige religiöse Leben und Treiben, welches sozusagen mehr als in irgend einer Epoche der jüdischen Entwicklung Weltgeschichte athmet. Ebenso originell ist die Auslegung der bekannten Talmudstelle Sabbath 116 a. Der Verfasser wendet sich aus sachlichen und formalen Gründen gegen die übliche Jdentificirung von Giljonim mit Evangelien und findet vielmehr in den Giljonim — Tafeln — das Diagramm der Ophiten, von welchem uns Celsus berichtet und das wohl geeignet erscheint, den Zorn eines R. Tarphon hervorzurufen. Wenn auch die Notwendigkeit^ dieser Ansicht aus dem Contexte der Stelle sich nicht ergibt, da aus dem Worte Giljonim als solcher die Natur derselben nicht hervorgeht und der Talmud sie nicht weiter charakterisirt, so spricht doch eine große Wahrscheinlichkeit dafür. Wenn hier unter Minim die Ophiten zu verstehen sind — daß von einer radical antinomistischen Secte daselbst die Rede ist, steht außer Zweifel — und wenn von diesen bekannt ist, welche Rolle das Diagramm bei ihnen spielte, so liegt es sehr nahe, daß hiergegen das verhaßte Diagramm, welches „Zwietracht zwischen Israel und Gott" veranlaßt, das Anathem geschleudert wird. Es ist hier nicht der Ort, auf Einzelheiten einzugehen und würde es uns auch zu weit führen, und so wollen wir uns begnügen, auf die Beleuchtung folgender Stellen aufmerksam zu machen: Pirke Abot III. 15 (S. 68), Gen. rab 1, 1 (S. 6), baba batra 91a (S. 97), mid. koh. 7, 8 (S. 110). Im Großen und Ganzen gewährt uns die Friedländer'sche Arbeit eine Fülle von geistigen Anregungen und ist so recht geeignet, unser wissenschaftliches Gewissen aufzurütteln, auf diesem vom Verfasser neu betretenen Wege rüstig fortzuarbeiten, um diese so interessante Epoche in's Helle Licht zu setzen. Bor Allem aber hoffen und erwarten wir vom Verfasser selbst, daß er uns nicht nur die zeitgeschichtlichen Bestrebungen im Allgemeinen, sondern daß er auch die Entstehungsgeschichte des Christenthums selbst unserem Verständnisse näher bringe. — n Literatur. Nene Bücher. Prof. Dr. Tachau, Director der Samsonschule in Wolfenbüttel. „Biblisches Lesebuch" für die jüdische Jugend in Schule und Haus. T h e i l I. Mit einer Karte von Palästina und Abbildungen. Wolfenbüttel 1899. Verlag von Julius Zwißler. Tabellen, enthaltend die Zeitangaben für den Beginn der Nacht und des Tages für die Breitengrade ft- 66" — 38". Zum Gebrauch für den jüdischen Ritus. Berechnet und zusammengestellt von Dr. B. C o h n, Astronom. Straßburg i. E. Verlag von Josef Singer 1899. Offene Frage über den allgemeinen Rabbinerverband Deutschlands von einem conservativen Rabbiner. 1899, Stroßburg i. E. Verlag von Josef Singer. Monatsschrift für „Geschichte und Wissenschaft des Judenthums." Begründet von Dr. Z. Frankl, fortgesetzt von Professor Dr. H. Graetz. Neue Folge, herausgegebeu von Dr. M. Braun in Breslau und Prof. Dr. D. Kaufmann in Budapest. Dreiundvierzigster Jahrgang. Jänner 1899. Inhalt: Dr. Med. L. K a tz e n e l s o n. Die rituellen Reinheitsgesetze in dör Bibel und im Talmud. Dr. Louis G i n z b e r g. Die Hagada bei den Kirchenvätern und in der apokryphischen Literatur (Fortsetzung). Dr. David Rosin s. A. Die Religionsphilosophie Abraham Jbn Esra's. M o r i z Steinschneider. Die italienische Literatur der Juden (Fortsetzung). Prof. Dr. David K a u f m a n n. Die Kinder R. Jair Chajjim Bachrachs. Berlin NW. 6. S. Calvary u. Co. Jerusalem, Monatsschrift für jüdische Literatur und Bellestristik. Herausgeber und Nedacteur I. Kreppet, Redacteur der „Jüdischen Bolksstimme". Briefkasten. Dr. 2. L. Wenn man diese dentschnationalen Scribler über Herthold Auerbach urtheilen hört, dann sollte man sie daran erinnern, daß R o s e g g e r im Jahre 1881 im „Heimgarten" schrieb: Mit Auerbach's Dorfgeschichten kann nichts verglichen werden, was in Deutschland und der Steiermark auf diesem Gebiete geschaffen wurde." Auerbach hat sich aber wirklich seit dem Jahre 1881 nicht geändert. L. 33. Das Geld der Juden wird im Rathhauskeller ebenso bereitwillig genommen, wie ihre Beiträge zu den commnnalen Steuern. Ein echter Antisemit kann keinen Juden leiden, aber sein Geld nimmt er gerne. Arnold B. R o ch e f o r t als Eorruptionsbekämpfer ist gerade so komisch, als wenn z. B. in Wien ein Vergant oder ein W ä h n e r sich in dieser Rolle gefällt. Es gibt keinen iutelligenteil Menschen in ganz Frankreich, der nicht genau wüßte, daß der rothe Marquis seine Taschen mit den schmutzigsten Geldern füllte, die irgendwo zu ergattern waren. a. Wir glauben nicht, daß der Kunstpfeifer „A s ch a n t i", dessen bevorstehende Rückkehr nach Wien in den Blättern annoncirt wurde, bei seinen Productionen auf die Anwesenheit G r e g o r i g's rechnen darf. L. B. Dr. Wahner hat die Unverfrorenheit, in seinem Blatte den Philharmonikern den Vorwurf des „Servilismus" zn machen, weil sie sich nicht so weit herabwürdigten, ihren selbstgewählten Dirigenten Mahler auf Wunsch Lueger's zu beleidigen. Wer also seinen Mannesstolz den antisemitischen Machthabern gegenüber nicht verleugnet, gilt bei diesen als — servil. Uebrigens ist es dankbar anznerkennen, daß die antisemitischen Preßlakaien durch derlei unwürdige Angriffe der guten Sache nur nützen. g, u. Die Antisemiten-Hänptlinge haben sich wohl wenig mit Shakespeare-Studien abgegeben. Aber wer sie noch vor Gericht sab, mußte zugeben, daß sie an das Wort des großen briti'cheu Dichters erinnerten: „Wer freche That Noch je verübt, dem stand auch sie zn leugnen Dieselbe Unverschämtheit zu Gebot, Womit er sie beging." I. H. Wenn Vergant Recht hat, so hat er Recht. Sein Rath, nicht zu klagen, bedeutet für Antisemiten mehr, als die Immunität, sie ist für sie die Erlösung. Ach, wie stünde Vergani selbst da, wenn er schon ftüher so gescheit gewesen wäre! Er wäre noch ein großer Ehrenmann, Reichsraths- und Landtags-Abgeordneter, und wer weiß noch was. Was ist er aber n a ch seinen Klagen '< Civis. Die Judenhetze war die Folge der Nationalitätenhetze und die Czechen, die in Wien dem Tr. Lueger die Wege ebneten, dürfen sich nicht beklagen, wenn die Wiener Antisemiten jetzt zur Abwechslung auch ein wenig in der Ezechenhetze sich gefallen.