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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-02-10 · 6 (10.2.1899) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
6 (10.2.1899)
Date
1899-02-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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5Nr. 6 Vr. Vloch's Wochenschrifl Seite Ilü der Sache wegen geschriebeneil „Rdinburg'i Review", welche ihr edles, dem Pnblius Syrius entnommenes Motto: fudex damnatur, com nocens absolvitur mit Ehren trägt, und den absichtsvollen, rücksichtsvollen, verzagten, unredlichen, deutschen Literatnrzeitungen, die, grösztentheils von Söldlingen des Geldes wegen sabricirt, zum Motto haben sollten: AccedeS socius, laudes, lauderis ut absens. — Jetzt, nach 21 Jahren, verstehe ich, was Goethe mir 1814 sagte in Berka, wo ich ihn beim Buch der St a e l „De PAllemagne" gefunden hatte und nun im Gespräche darüber äußerte, sie mache eine übertriebene Schilderung von der Ehrlichkeit der Deutschen, wodurch Ausländer irregeleitet werden. Er lachte und sagte: „Ja freilich, die werden den Koffer nicht anketten, und da wird er abgeschnitten werden." Dann aber setzte er ernst hinzu: „Aber wenn man die Unredlichkeit der Deutschen in ihrer ganzen Größe kennen lernen will, muß man sich mit der deutschen Literatur bekannt machen. (III., 216 f.)" Das Urtheil ist zweifellos hart und wir würden ihm keineswegs beistimmen. Allein wenn man die literarischen Erzeugnisse der Deutschnationalen unserer Gegenwart vor Augen hat, erinnert man sich unwillkürlich der Worte des Philosophen. Da ist keine Spur von wissenschaftlicher Ehrlichkeit, sondern ein wüstes Schimpfen, ein oberflächliches Aburtheilen und Absprachen, die gemeine Phrase ersetzt das Streben nach Wahrheit. Die Hauptsache ist, dem süßen Pöbel nach dem Mund zu reden und um des augenblicklichen Nutzens willen die Geschichte zu fälschen. Wenn das deutschnational ist, dann begreifen wir den Schopenhauer._ Die sogenannte Raschl Capelle in Worms. Bon A. E p st e i n. In meiner Arbeit über die Wormser Synagoge ^Monatsschrift B. 40, S. 557) trat ich der Wormser Tradition entgegen, nach welcher Raschi in der nach ihm benannten Capelle seine Lehrthätigkeit ausgeübt haben sollte. Ich leugnete es aus drei Gründen. Erstens hat Raschi in Worms nie gelehrt, denn die Quellen, welche aus jener Zeit reichlich fließen, wissen von dem Studium Raschi's in Worms, aber nichts von seiner Lehrthätigkeit daselbst zu erzählen. Zweitens ist aus dem Berichte des Elieser b. Samuel, der 1559 die Wormser Synagoge besuchte, ersichtlich, daß die westliche Wand der Synagoge, an der sich der Anbau der Capelle befindet, zu jener Zeit von einem solchen Anbau noch frei war. Schließlich besagen zwei Inschriften und ein Memorbuch in Worms, daß die Capelle 1624 von David b. Josua Joseph Oppenheim erbaut wurde. Herr Lewysohn versuchte es unlängst, die Authenticität der Capelle aufrecht zu erhalten, um — wie er sagt — die Gemüther in der Wormser Gemeinde zu beruhigen, und um sie in ihrem Glauben an die Jahrhunderte alte Sage von Raschi's Lehrthätigkeit in Worms zu bestärken. Als Operationsbasis gegen meine Behauptung wählte L. den Beweis von der Erbauung der Capelle im Jahre 1624, und suchte in der Laubhütte 1898, Nr. 40 (dasselbe wörtlich auch in der Neuzeit 1899, Nr. 2) nachzuweisen, daß die Capelle schon vor 1624 existirt habe. Da meine anderen zwei Beweise von L. verschont geblieben sind, so hat sein Angriff eigentlich keine sachliche Bedeutung; denn so lange auch nur ein einziger der von mir erbrachten Beweise unerschüttert dasteht, wird auch meine Behauptung nicht wegzubringen sein. Doch wollen wir uns hier den partiellen Angriff Lewysohn's in der Nähe ansehen. Zunächst behauptet L., daß, wenn die Wormser Quellen von Oppenheim aussagen, daß er eine Jeschiba erbaute so ist damit gemeint, daß er die Jeschiba (die Capelle) wiedererbaut oder restaurirt habe, denn n» bedeute zuweilen „wiedererbauen" und „restauriren". Diese secundäre Bedeutung von mag hier dahingestellt sein, denn es handelt sich hier nicht um Philologische Möglichkeiten, sondern um geschichtliche Thatsachen. Ich gehe daher gleich zu dem geschichtlichen Beweise Lewysohn's über. Lewysohn citirt aus dem Minhagbuche des Juspa Schammas eine Stelle, aus welcher in der That hervorgeht, daß es in Worms schon vor 1624 ein Bet Ha-Midrasch Raschi's gegeben hatte. Aber diesesBet Ha-Midrasch hat mit der strittigen Raschi-Capelle nichts im Geringsten zu t h u n, wie wir bald sehen werden. Ich habe jene Stelle, welche L. als neuen Fund ausgibt, in meiner erwähnten Arbeit nicht außer Acht gelassen, und auf ihren einzig richtigen Sinn hingewiesen. Ich schrieb : Die Sage klammert sich immer an große Namen. Schon vor Erbauung der Raschi-Capelle wußten die Wormser von einem ,*in bw ncm rra und von einem ‘“eh bv «man r,-r zu erzählen (Lewysohn S. 101). Möglich, daß Raschi während seiner Studienjahre in Worms in dem Einen gebetet, in dem Anderen gelernt hatte. Aber von einer Lehrthätigkeit Raschi's in Worms wissen die Quellen nichts . . . (Monatsschrift S. 558). Man sieht, ich wußte, daß es in Worms vor 1624 ein Bet Ha- Midrasch und ein Bet Ha-Kneset Raschi's gegeben hatte; ich wußte aber auch, daß diese beiden Häuser von der Capelle Raschi's grundverschieden waren. Lewysohn weiß dies nicht, und daher rollt er noch einmal das Minhagbuch auf, und häuft Jrrthum auf Jrrthum. Bevor ich aber den betreffenden Passus aus dem Minhagbuche vorführe, muß ich den Leser mit der Geschichte des Bet Ha-Midrasch und des Bet Ha-Kneset Raschi's bekannt machen. Im Garten hinter der Synagoge zu Worms, in südlicher Richtung, liegt ein stattliches Gebäude, in dem sich gegenwärtig das israelitische Hospital befindet. Die Geschichte dieses Gebäudes ist sehr interessant. Im Mittelalter waren darin das Bet ha- Midrasch. ein kleines Bethaus, und das Brauthaus, für Hochzeiten bestimmt, untergebracht. Nach der Vertreibung der Juden aus Worms im Jahre 1615 wurde dieses Gebäude, wie alle öffentlichen jüdischen Gebäude, zerstört. Nach der Rückkehr der Juden (9. Januar 1616) wurde das Gebäude nur theilweise restaurirt; jene Abtheilnng, in welcher sich das Bet Ha-Midrasch befunden hatte, blieb nicht hergestellt. Noch mehr hatte die jüdische Gemeinde in Worms von der französischen Invasion im Jahre 1680 zu leiden. Bekanntlich wurde damals die ganze Stadt durch Feuer vernichtet. Die jüdischen Einwohner ließen sich in den benachbarten Städten nieder, und kehrten nach Worms erst 1699 zurück. Ihre erste Sorge war, die heiligen Stätten wieder aufzurichten. Mit Hilfe von milden Gaben, welche in Deutschland für die vernichtete Gemeinde gesammelt wurden, baute man die Synagoge und andere Gebäude wieder auf. Nur das längst verwüstete Bet ha-Midrasch und das benachbarre Bet Ha-Kneset, welches 1080 abbrannte, konnten aus Mangel an Mitteln nicht hergestellt werden. Sie lagen in Trümmern, bis der nach Wien ausgewanderte Inda Löb Sinzheim und seine Frau Mirjam, geborene G n g g en h e i m. die erwähnten Häuser aus ihre Kosten anfbauten und mit einer Stiftung versahen. Die Wormser Memorbücher gedenken der Wohlthüter mit Liebe und Dankbarkeit. Das Memorbuch der großen Synagoge bringt folgendes Mischeberach für Sinzheim: Löb b. Ehajjim Sinzheim, der in Wien wohnte .... der das Bethaus Raschi's erbaute . . . und eine „große Jeschiba", nämlich das große Bet Ha-Midrasch. Er spendete eine große Summe Geldes — das Capital bleibt unberührt — um (von den Zinsen > drei Gelehrte ausznhalten, welche arme Schüler unterrichten sollen . . . In einem anderen Memorbuche lautet der Segen: Juda b. Chajjim Sinzheim und seine Frau, weil Gott ihren Geist erweckte, ihm ein Haus zu bauen, nämlich das große Bet ha-Midrasch Raschi's . . ., welches schon vor langer Zeit hier in Worms, dem Sitze der Weisen, existirt hatte; und jetzt führten sie es verbessernd wieder auf. Aehnlich lautet die Grabinschrift Sinzheim'» auf dem alten jüdischen Friedhofe in Wie n, und zwar: Er baute die Ruinen des Bet Ha-Midrasch Raschi's in Worms wieder auf . . . und sonderte von seinem Vermögen ein Grundcapital ab, um die Thora zu fördern ... Das Bet Ha-Kneset Raschi's hing mit dem Bet Ha-Midrasch Raschi's zusammen. Die Einleitung zu dem Memorbuche dieses Bet Ha-Kneset läßt darüber keinen Zweifel aufkommen. Dort heißt es nämlich: Dieses Memorbuch schrieb ich vom alten Memorbuche der Stadt Worms im Aufträge der Gemeinde ab, um aus demselben jeden Samstag in dem Bethause Raschi's. welches gegenwärtig Bethaus des Bet Ha-Midrasch genannt wird, den Segen für die Verstorbenen zu recitireu . . . Es steht somit fest, daß das Bet Ha-Midrasch und das Bet Ha- Kneset Raschi's, welche Sinzheim aufbaute, zwei verschiedene, aber zusammengehörende Häuser waren. Das von Sinzheim wiedererbaute Bet ha-Midrasch wird im 18. Jahrhundert bald Bet ha-Midrasch, bald Klaus genannt. Von der Klaus sowohl, als von dem Bethause Raschi's haben sich bis auf unsere Tage deutliche Spuren erhalten, und wir können ganz genau ihre Lage fixiren. So schreibt M. Mannheimer in seiner Schrift: Die Juden in Worms (erschien 1842) S. 20: „Dem Haupteingange (der Synagoge), welcher auf Norden sich befindet, gegenüber, auf der Südseite, ist eine kleine Pforte sichtbar; diese diente früher zum Eintritte in die Synagoge dem Bräutigam und seinen Hochzeitsgästen nach geschehener Main-

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