Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-02-10 · 6 (10.2.1899) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
6 (10.2.1899)
Date
1899-02-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021277-3021284--08570-3032956
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 112 Nr. 6 Vr. Bloch'» Wochenschrift Die Bedrückung der Fremden verpönt und ahndet der jüdische Gesetzgeber als Gotteslästerung. (Mal. 3, 5.) Wo er nur aus das Recht des Fremdlings zu reden kommt, schlägt er einen warmen Ton an, der in das Herz greift: „Gleichwie der Ewige, Dein Gott, der Herr aller Herren, der kein Ansehen der Person achtet, keine Unterscheidung unter den Menschen kennt, der da schützt das Recht der Waise und Witwe, er liebt den Fremdling, ihm zu spenden Brot und Kleid, also sollt ihr den Fremdling lieben, auch ihr wäret ja einst Fremdlinge in Egypten." (Deut. 10, 12.) * * * Pastor Eduard Schall, der bekannte tapfere christliche Verfasser des Werkes „Die Socialdemokratie in ihren Rohheiten und Jrrthümern", hat ein Werk veröffentlicht: „Die Staatsverfaffung der Juden auf Grund des alten Testaments" (Erster Band, Leipzig, bei Georg Böhme. 382 S., 5 M.). Und dieser gründliche Kenner der Bibel entwirft eine ganz andere Schilderung von dem Fremdengesetze der Juden; er schreibt: „Wie duldsam Moses selbst und mit ihm sein Volk gegen Andersgläubige war, sofern sie nur den tatsächlichen Götzendienst mieden, erkennen wir aus der Stellung, die Jethro sowohl zu seinem Schwiegersohn, Moses, als zu der ganzen Gesetzgebung und Regierung des Volkes einnimmt. Moses' Schwiegervater ist kein Israelit, sondern heidnischer Priester, und dennoch holt Moses bei ihm Rath, und sein Rath wird hoch geachtet. In Israel wohnten Fremdlinge (ger), die bort heimisch waren, und es verkehrten dort Fremdlinge (nokri) als Durchreisende; aber überall an den zahlreichen Stellen des Pentateuchs, die sich darauf beziehen, sehen wir die schönsten Beweise der Milde und Gerechtigkeit gegen diese und sonderlich gegen die einheimischen Fremdlinge, gegen die das bürgerliche und sociale Gesetz in ganz gleicher Weise wie gegen Israeliten zur Anwendung kommen soll. Wohl hat Moses den Verkehr mit bestimmten, genau genannten heidnischen Völkern verboten, aber nirgends der Ehe eines Juden mit einer Heidin aus anderen als den genannten Völkern Hinderniffe in den Weg gelegt, wenn er sie naturgemäß auch nicht empfohlen hat. Die Stelle 5. Mos. 21, 10 14 ist gerade ein herrlicher Beleg ebenso für die Duldsamkeit wie das Zartgefühl der mosaiischen Verfassung: Wenn ein Jude eine Kriegsgefangene, die schön von Gestalt ist, zur Frau nehmen will, so soll er ihr vier Wochen Zeit lassen, ihren Schmerz zu beweinen, dann solle er sie zum Weibe nehmen, darf sie aber später niemals als Sclavin verkaufen. Neben dem feinsinnigen Zartgefühl finden wir da nirgendwo eine Spur von der Nothwendigkeit eines Religionswechsels. So gut ein Jude eine Heidin heiraten konnte, so haben wir umgekehrt klare Beweise, daß auch ein einheimischer heidnischer Fremdling in eine jüdische Familie hineinheiraten und es zu wichtigen Stellungen bringen konnte (Urias, Mann der Bathseba, war Kanaaniter). Ja selbst im jüdischen Heiligthum durften die heidnischen Fremdlinge erscheinen und beten und Opfer bringen. Moses verbietet es nirgendwo und Salomo betet bei Einweihung des neuen Tempels: Wenn auch ein Fremder (hanokri ascher lo meamecha), der nicht deines Volkes Israel ist, kommt aus fernem Lande, um deines Namens willen und kommt, daß er bete vor diesem Hause, so wollest du hören im Himmel, im Sitz deiner Wohnung und thun Alles, darum der Fremde dich anruft, auf daß alle Völker deinen Namen erkennen, daß sie auch dich fürchten. Moses schloß durch kein gewaltsames Mittel sein Volk ab von dem Verkehr mit anderen Völkern, im Gegentheil schärfte er seinem Volke allenthalben Gerechtigkeit, Liebe und Milde gegen die Fremdlinge ein, mochten sie nun als gerim (etwa Anbauer, oder thoschabin (etwa Häuslingc) oder als nokrim (Durchreisende) die Gastfreundschaft in Anspruch nehmen. Der heilige Grundsatz (3. Mos. 19, 18): „Du sollst deinen Nächsten (reacba) lieben wie dich selbst, denn ich bin der Herr", beherrscht nicht blos das Verhalten gegen die Brüder des Volkes, sondern auch das gegen die Glieder anderer Völker, „denn gedenke, daß du ein Knecht gewesen bist in Egyptenland". Aus einem Werke des zu den bekanntesten Botanikern gehörenden Akademikers de Candolle, welcher gerade so wie Herr Guido List die Hypothese eines jüdischen Staates ventilirte, möge nachstehende Stelle hier einen Platz finden: „Das Bild, welches Europa etwa zeigen würde, wenn es einzig von Israeliten bevölkert wäre, dürfte seltsam scheinen. Es gäbe dann keine Kriege mehr; das sittliche Gefühl würde demnach nicht so häufig beleidigt. Millionen von Menschen würden nicht den nützlichen Arbeiten aller Art entrissen, und die Staatsschulden und die Steuern würden geringer werden. Den bekannten Tendenzen der Israeliten zufolge würde der Cultus der Wlssenschaften, der Literatur, der Künste, besonders der Musik sehr weit getrieben werden. Industrie und Handel würden blühen Man würde nur wenige Angriffe auf Personen sehen, und die Vergehen gegen das Eigenthum würden selten gewaltsam ausgeführt. Der Reichthum würde durch die Wirkung einer mit Sparsamkeit verbundenen intelligenten und regelmäßigen Arbeit ungemein zunehmen. Dieser Reichthum würde großartige Mildthätigkeit üben. Die Geistlichkeit würde mit dem Staate gar nicht oder nur über Nebendinge in Conflict kommen. Unglücklicherweise gäbe es manche Bestechungen und wenig Festigkeit bei den Beamten. Die Heiraten wären frühzeitig häufig und ziemlich allgemein in Achtung gehalten; demnach wären auch die Nebel, welche aus Sittenlosigkeiten hervorgehen, selten. Dieser Umstand, sowie einige gute hygienische Vorschriften würden dazu beitragen, die Bevölkerung gesund nnd schön zu machen. Die Geburten wären häufig, die mittlere Lebensdauer länger. Aus allen diesen Ursachen würde die Bevölkerung ungemein zunehmen. Es wäre etwa der Zustand Chinas, mit mehr Moralität, mehr Intelligenz, mehr Geschmack und ohne die scheußlichen Aufstände und Schlächtereien, die das himmlische Reich entehren. Zur Entwerfung dieser Skizze bedarf es keines Aufwandes von Phantasie, denn sie beruht auf weltbekannten Thatsachen. Aber ich beeile mich, hinzuzufügen, daß eine in solcher Weise zusammengesetzte Gesellschaft nicht lebensfähig wäre. Wenn in Europa oder den benachbarten Ländern nur einige Nachkommen der alten Griechen oder Römer, der Cantabrer oder Gelten, der Germanen, Slaven oder Hünen zurückgeblieben sein sollten, so würde die ungeheure israelitische Bevölkerung, die wir annahmen, bald unterjocht, zerstampft und beraubt sein. Je größer ihr Reichthum, desto schneller ihre Plünderung. Je schöner die Race, umsomehr würde man sie behandeln wie die Circassierinnen und die jungen Gefangenen, die einst in Babylon weinten.^ Und wenn es keine Barbaren mehr in Europa geben sollte, so würden sie über's Meer herüberkommen. Mit einem Worte, die Annahme einer großen, sehr civilisirten, d. h. sehr humanen, sehr milden, sehr intelligenten nnd sehr reichen Bevölkerung ohne Plünderer und Despoten, welche aus ihr Nutzen ziehen, läuft ebenso den Thatsachen zuwider, wie die Annahme eines Continents, der nur von Pflanzenfressern ohne Raubthiere bewohnt wäre. Man kann theoretisch eine höchst civilisirte Gesellschaft construiren, die von der Barbarei entfernt ivärc, aber das wäre kein vollkommener Zustand, denn etne^ solche Gesellschaft könnte sich nicht vertheidigen." Diese beiden Gelehrten, der deutsche christlich-sociale Pastor und der französische Akademiker, sind nicht deutschnational und ihr Urtheil verdient deswegen bei Gelehrten vom Schlage des Herrn Guido List keine sonderliche Beachtung, kaum eine ernstliche Wiederlegung. * * Aber ein Anderes ist uns erklärlich geworden, nämlich das harte Urtheil Schopenhauer's über die Deutschen und über deutsche Gelehrte. Wir fanden in seinen „Sämmtlichen Werken" (herausgegeben von Ed. G r i e s e b a ch, 6 Bände, Leipzig, PH. R e c l a m) den merkwürdigen Satz: Wieland (Briefe an Merk, S. 239) nennt es ein U n g l ü ck, a l s D e u tscher geboren zu sein; Bürger, Mozart, Beethoven und Andere würden ihm beigestimmt haben, ich auch (IV., 118). Er nennt die Deutschen eine Nation, „welche in politischen und finanziellen Angelegenh eite »Mangel an wahrerEhren Hastigkeit bewiesen hat; wie es damit bei ihr im Privatverkehr stehe, kann man bei Denen erfragen, die Erfahrung, darin haben. Was aber gar ihre Urbanität und gesellschaftliche Bildung betrifft, so ist sie als negatives Muster längst berühmt". (IV., 427 f.) An einer anderen Stelle spricht er über die deutsche Literatur ein recht gehässiges Urtheil und fügt hinzu: „Aber ich wollte froh sein, wenn das Plagiat die größte Unredlichkeit wäre, welche die deutsche Literatur befleckt; es gibt deren viel mehr, viel tiefer eingreifende und verderblichere, zu welchen das Plagiat sich verhält, wie ein wenig piek poeketing zu Kapitalverbrechen. Jenen niedrigen, schnöden Geist meine ich, vermöge dessen das persönliche Interesse der Leitstern ist, wo es die Wahrheit sein sollte und unter der Maske der Einsicht die Absicht redet. Achselträgerei und Augendienerei sind __ an der Tagesordnung, Tartuffiaden werden ohne Schminke aufgeführt, ja Kapuzinaden ertönen von der den Wissenschaften geweihten Stätte; das ehrwürdige Wort „Aufklärung" ist eine Art Schimpfwort geworden, die größten Männer des vorigen Jahrhunderts, V o l t a i r e, R o u s s e a u, L o ck e, H u m e, werden verunglimpft, diese Heroen, diese Zierden und Wohlthäter der Menschheit, deren über beide Hemisphären verbreiteter Ruhm, wenn durch irgend etwas, nur noch dadurch verherrlicht werden kann, daß jederzeit und überall, wo Obscuranten austreten, solche ihre erbitterten Feinde sind — und Ursache dazu haben. Literarische Fractionen und Brüderschaften auf Tadel und Lob werden geschlossen und nun wird das Schlechte gepriesen und.ausposaunt, das Gute verunglimpft oder auch,. wie Goethe sagt, „durch ein unverbrüchliches Schweigen secretirt, in welcher Art von Jnguisitionscensur es die Deutschen weit gebracht haben." (Tag- und Jahresheste, I. 1821). Die Motive und Rücksichten aber, aus denen das Alles geschieht, sind zu niedriger Art, als daß ich mit ihrer Aufzählung mich befassen möchte. Welch' ein weiter Abstand ist doch zwischen der von unabhängigen Gentlemen UMMÜfii

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.